Kleines ägyptisches Tagebuch, Teil 2

15.04.2018 

Nilfahrt nach Edfu und  Kom Ombo

Rote Ambulanzboote dümpeln vorwitzig im Wasser. Mastbäume der Felluken wie Kraniche. Das Schiff legt ab und geht Richtung Süden nach Edfu. 

Der Nil, ein schwarzer Spiegel vor mir.

Endlich weiß ich, was ein Pylon ist. Das sind die zwei trapezförmigen Mauern, auf denen das Bildprogramm eines Tempels dargestellt ist. Stets dasselbe, eine Art Diaschau für die Ewigkeit. Der Pharao bestraft die Feinde und opfert Isis. Der Pharao in dynamischer Bewegung, sein Körper ein geschwungenes Kreuz.  Davor zwei Obelisken mit dem Sonnengesang, auf ihrer Spitze eine kleine Pyramide als Symbol der Schöpfung. Zwei Sphingen, die aufpassen, dass niemand Böses  in den Tempel kommt.  

Abends in den Tempel von Kom Ombo. Sie haben mumifizierte Krokodile ausgestellt, die nebeneinander etwa aussehen wie eine Reihe riesiger Katzenschisse. Von der Seite sind es wirklich ganz krokodilige  bucklige Leiber, Bogen des Todes hintereinander. 

Die Schleuse gerät zur Attraktion mangels anderer. Mir wird von Hobbies erzählt. Ein Herr baut sich ein ferngesteuertes U-Boot, er ist passionierter Angler, also schlage ich vor, das U-Boot mit einer Harpune auszurüsten.  Er hingegen denkt zwei Laserpointer anzubringen, damit er die Fische ausmessen kann. So kann er nach Fischersart sich in der Würdigung ihrer Größe ergehen, ohne sie umzubringen.  

Und die laue Nacht. Lichtverschmutzung verdeckt die Sterne, aber sie sind da.  

16.04. 2018

Flussfahrt nach Philae/Assuan

Philae, Elefantine. Ein Ibis gibt sich auf einem Felsen die Ehre. Dieser Tempel war nach dem ersten Assuan Staudamm versunken, Italiener haben ihn mit Spundwänden eingefasst,  trockengelegt und auf eine neue Insel verpflanzt. 

Hitze überall, die Händler hier sind besonders lästig. Birgitte, Mitglied der Gruppe, nennt sie die Geierallee, den vor jedem Eingang angelegten Schlauch von Läden mit Händlern, die sich auf einen stürzen, wie Geier, Hyänen, Stechmücken, die einem den Spaß an den Ruinen verderben. Einer will mich nicht durchlassen, ich muss ihn richtig mit Gewalt wegschieben. Bei den Kolossen von Memnon, zwei Riesenstatuen, lässt Amira eine Händlerfrau in den Bus weil diese Frauen wirklich arm sind.  Auf der Rückfahrt soll ich Essenzen kaufen bei einem Parfümhändler. Amber erfahre ich, soll gegen Schnarchen helfen. Vermutlich nur, wenn man den Schnarcher darin ertränkt. Die Geier kommen auch zum Parfümladen. Die Händler hier sind besonders lästig, einem entbiete ich den Schwabengruß.

Unser Schiff, die Zaina.

Der Schatten einer Hauswand saugt die Menschen an. 

Mit einem Motorboot fahren wir durch einen Nilkanal. Granitfelsen hingemurmelt. Andere Touristen reiten am Ufer auf Kamelen. Die Tiere sind im Sand kaum auszumachen.  Es ist der erste Katarakt, für die Ägypter der Ort, wo der Nil aus der Erde sprudelte. Wikipedia erklärt mir, dass die schwäbischen Ortsnamen „Laufen“ von Stromschnellen kämen.

Wir besuchen ein nubisches Dorf. Ein nubischer Schiffer hatte uns schon mit dem „O Alele“ (Willkommen) Gesang begrüßt. Hab ich das nicht schon mal als Fußball-Schlachtruf gehört?  Ein Lehrer führt uns in ein Klassenzimmer und als Attraktion bringt er uns das arabische Alphabet bei. Dass Buchstabe eins im Arabischen „Alif“ heißt und ich an Georg Cantor und das Aleph denken muss, stimmt mich versöhnlicher. Der Unterricht muss mühsam sein. Wegen der Hitze sind die Fenster geschlossen und Energiesparlampen an. Erinnert mich an die Tübinger Hörsale, die ganz ohne Fenster sind. Menschen brauchen  Tageslicht, Reize für die Augen, Kontakt, mit der Umwelt, um nicht sofort einzuschlafen. 

Eine Felluke

Das Dach der Schule erlaubt eine Übersicht auf das Dorf herab. Paradies verrührt mit Müllhalde. Überall Kamelscheiße und Plastikflaschen, halb gebaute Häuser, manche im nubischen Stil mit Kuppeln. 

Im nubischen Dorf mag ich nicht mehr. Wir haben eine neue Führerin, die mir mit ihrer Kreissägen -Stimme das die Gemüt in handliche Stücke zersägt. „Liebe Lotosblüten“, kreischt sie, wenn sie etwas erklärt.  Die Chinesen machen auch ziemlich Lärm, als sie vor den nubischen Tontöpfen stehen, die mit porösem Ton durch Verdunstungskälte Wasser kühlen. Chinesische Frauen bellen herum, die Straßenhändler sprechen sie auf chinesisch an. Hier übernehmen auch Frauen den Handel, schwarze Figurinen mit buntem Touristen-Zeug. Ich will zum Schiff. Die Kreissäge erklärt, dass ich mich doch auch im nächsten Haus ausruhen könne.  Dort leiden zwei junge Krokodile und und ein altes stumm in einem Betonbassin. Es gibt Brot und schwarzen Honig. Zeug halt. Und Tee mit Minze.  

Elegante Bootsfahrt auf dem Dach des Bootes. Direkter Weg, vorbei am Old Cataract Hotel, wo sich Agatha Christie zum Tod am  Nil inspirieren ließ.

Irgendwie mögen mich die Kellner, Sie bringen mal einen Wein umsonst vorbei, oder eine Bierbüchse. Weiß auch nicht, wie ich das verdient habe. Abends erfahre ich, dass ich für den deutschen Mittelstandspreis nominiert bin. Bin mächtig stolz und erzähle es allen, bin so gut drauf, dass ich auch mitmache beim Folkloretanz und mit den Hüften kreise, dass eine  Touristin vor Lachen in die Knie geht. Ob ich vielleicht deswegen soviel Freibier kriege? 

Ich bringe Peter, einem Mitreisenden, den Ausdruck bei: „Hauptsach domm raus gschwätzt.“ Ich beschließe, den Ausdruck in die sozialen Medien einführen wie „lol“ oder so: hieße dann Hdrg, oder Hadorag, das spricht sich besser. Stelle fest, dass das Problem der Wahrheit im Spiegel der Mengenlehre vielleicht doch nicht so trivial ist. Gut, dass ich keine geschweiften Klammern gefunden habe. Der Unsinn der Philosophie besteht darin, alles anerkannt wird, wenn man es nur klug genug daherschwätzt oder so formuliert, das keiner was versteht. Beweise wie in der Mathematik gibt es letztlich keine. Das macht diese Wissenschaft  sehr suspekt.

17.04.

Fahrt zum Tempel von Abu Simbel. 

Seit 4.30 Uhr in der Wüste, leer und schön. Rund geschliffene Hügel, Puddingformen auf den Sand gestellt. Dunkle Steine decken sie und behüten ihren Sandkern, so dass sie nicht wegerodieren. Manche der kleinen Hügel sehen selbst aus wie Pyramiden, sehr rechteckig. Ob sie nachbearbeitet wurden? Ein Hügel hat tatsächlich einen Stein als Bekrönung. Aber warum hätten die Ägypter  so weit in die Wüste ziehen sollen? Dahinter Ketten von Bergen, gezackt, von weitem zeichnet das Auge sie grün. Sandebenen dazwischen, hellbraun. Die steigende Sonne verfängt sich in den Stromleitungen neben der Straße und mit ihr ihre Majestät. „Solarenergie“,  scherze ich. Dann  schwarze Geröllfelder. Da: eine Reihe Schilf. Eine Oase, aus irgendeinem Grund ist hier Leben möglich. An der Straße staubt manchmal ein vertrocknetes Grasbüschel. Kein angepasstes Leben wie in den anderen Wüsten. Die Katastrophe muss zu schnell gekommen sein.

Der Tempel von Abu Simbel und der Pharao mit den schönen Beinen.

„Die Kultivierung der Wüste ist ein Muss“, sagt Amira, „alle zehn Monate werden wir eine Million mehr.“ Süßwasserkanäle vom Nil  ermöglichen künstliche Oasen, die Saudis investieren. Die Arbeiter rollen den Nilschlamm aus als Boden und pflanzen Lupinen, um ihn fruchtbar zu machen. Dann kommt das Getreide. Für Amira ist der Sudan ein natürlicher Teil von Ägypten, Unternubien in pharaonischer Zeit. Der Name Nubien bedeutet Goldland.

Amira will mehr Begeisterung vor dem Tempel von Abu Simbel. Wir sind aber vom frühen aufstehen und von der Fahrt erschöpft. „Die wunderbaren wohlgeformten Beine der Pharaonen“,  schwärmt sie. Mir wird klar, dass man nicht nur den Tempel versetzt hat, als der neue Assuan-Staudamm gebaut wurde, sondern den komplette Berg. Amira berichtet über  die technischen Einzelheiten der Versetzung, internationale Teams hätten hier zusammen geholfen unter deutscher Federführung. Monatelang hätten sie  in Zelten ausgeharrt. Aber es es schon ein gutes Symbol. Wenn die Welt zusammenarbeiten würde statt gegeneinander, dann kann man Berge versetzen. Peter und ich zitieren die Ilias. Ich muss mal ein Wort für „Hörbücher hören“ erfinden, etwa wie Auditüre analog zur Lektüre. Weil sich Peter mit der Ilias in den Schlaf gehört hat, wäre das wohl dann eine Dormitüre.

Die Touristen albern vor den vier Kolossen herum. Ihre Art zu sagen, ich hab es geschafft, ich bin hier. Die Chinesen und die Ägypter haben ihre Schriften entwickelt, indem sie  Bilder abstrahiert haben, während die Chinesen in der Abstraktion stehen geblieben sind, haben Ägypter und  Phönizier die Alphabetschrift entwickelt. Ich erkläre Peter, dass das Fotographieren der erste Weg eines eigenen Erkenntnisprozesses sein muss. Vom Bild zum abstrakten Gedanken. Anders ist ja nicht zu erklären, warum die Menschen ständig alles fotografieren müssen. Vor allem in Zeiten des Internets, wo sie überall an Bilder von allem kommen können.  Dass sie im Weg vom Bild zur abstrakten Vernunft  leider über das erste Stadium nicht hinauskommen, erklärt vollauf ihr Verhalten an den Sehenswürdigkeiten. 

Mit gekreuzten Armen schreite ich die Säulen im Tempels ab, vier oder fünf Meter hohe Götterfiguren bilden ein furchteinflößendes Spalier, schräge Lichtstreifen umwehen die Figuren wie Schleier. Ich gehe in das Allerheiligste, der Altar steht noch, die goldene Statue darauf natürlich nicht. Manche langen Hügel sehen aus wie vergrabene Krokodile. Muss mal was mit dem Wortspiel Kroko-Diele machen. 

Ich gehe links am Tempelhügel vorbei, tauche in die Hitze als würde ich in einen Fluss tauchen, heißer Wind, in dem man baden kann,  

Die Geierallee in Abu Simbel ist die längste auf unserer Reise, sie ist eine vielfach geschlungene Schlange mit den nervigsten Händlern der Welt. 

Rückfahrt: die Kamelskelette am Straßenrand zeigen, dass hier eine alte Handelsstraße ins Innere Afrikas liegt. Wir halten an und bewundern eine Fata Morgana, sie spiegelt einen See vor, also eigentlich einen Wasserspiegel. Damit wird die Fata Morgana zum Spiegel, der einen Spiegel spiegelt. Brigitte behauptet, man könne sie nicht fotografieren. Sonst hatte man ja das Bild eines Spiegels, der einen Spiegel spiegelt. Und hat recht. Oder doch nicht: Ganz tief im Spiegel meines Displays sieht es so aus als würde die Luft einen See spiegeln.

18.04

Das ist Esna. Eine hufeisenförmige Insel  aus Schilf und Papyrus schwamm vorbei, flache  Streifen Grün, Sand und ein Ufergebirge, das sich aufbäumt, als wollte es sich nur mal einen Moment innehalten. Bevor es den ganzen Fluss  begräbt, Enten quietschten, Wasser am Bug rauscht, ein Händlerboot kommt längsseits, wirft Waren auf das Oberdeck, hofft, das Geld zurückkommt, aber nur der Plastikbeutel mit den Tüchern kommt zurück. Das Oberdeck unseres Dampfers, Pool, Sonnendeck, fette Korbliegen, wo wir uns nach dem Essen treffen. Der Muezzin singt, schon wieder fünf Uhr und Kaffeezeit verpasst. Weiße Reiher fliegen tief über dem Wasser,  die Schwemm-Ebenen treten dem Fluß in den Weg. 

Ziegen weiden auf einer Schilfinsel. Ein Minarett spargelt  sich hoch. Lehmhäuser sind kaum vom Sand zu unterscheiden. Schuttberge  wie Pyramiden, Serpentinenwege führen hinauf.  Die Reling wird so heiss, dass ich sie nicht mehr anfassen kann. Die Häuser von Esna, eins weiß, eins grün, eins gelb gekalkt, vertrocknete Palmen davor. Viele Häuser halb. Ob halbfertig oder halbverfallen, vermag ich nicht zu entscheiden. „Mama, Mama“, die Kleider und Rufe der Kinder sind die einzigen Farbtupfen in der Straße, sonst  braun und grün und Wasser. Ein Ruderboot hängt am Willen fest, einen Fisch zu angeln. Eine ovale Grasinsel, umschlossen von zwei Nilarmen. War es einfach das, der Nilschlüssel, einfach nur eine Insel im Fluss des Lebens, war das der Nil? Wäsche hängt aus dem Fenster, Felluken warten auf die Nacht, um ihr Segel gegen die Dunkelheit zu stellen, die Wärme auf der Haut, das dünne Tuch, das ich mir umgebunden habe, streift die Beine.

Esna

Erstaunlich, dass nichts wächst in diesen Bergen. Dass das alles nur Steine und Trümmer sind, geschmolzene Schlacken, ausgewaschener Kies, Schichten von Mineralien, Streifen von Sedimentschichten, als wäre hier einmal das Meer gewesen über dessen Wasser der Geist geschwebt hätte. Ballen von Stroh liegen quaderförmig am Ufer. Männer stehen im Feld und bündelten Garben. Mit ihren Kaftanen wie verträumte Figurinen. Ein Mann geht zum Boot. Sein Kaftan flackert beim Schreiten wie schwarzes Feuer. Reiher fliegen. Schuttberge. Was ich  für Stroh gehalten hatte, waren Schilfmatten. Zwei Männer trinken auf einer Bank ihren Tee. Ein Kind wäscht sich die Haare. Die seichten Stellen im Fluss sind braun überfärbt. Glattes Blau an den Ufern, dazwischen  zitterndes Lapislazuli. Der Fluss hat das Grün an die Wüste geklebt, als wolle er sagen, friss das Wüste. Kühe stehen in den Feldern. Palmen stauben das Braun aus ihren Wedeln. 

Weiße Vögel gleiten paarweise über das Wasser, eine Frau trägt ein Bündel auf dem Kopf, so viele Palmen.  Die Kinder johlen, haben einen Trichter mit ihren Händen vor dem Mund. Die Figur am Bug unseres Dampfers, ein Halbmond mit einem Stern, schützt vor dem Bösen Blick. Man kann die Figur auf alle Fälle gut zum Navigieren nehmen. Wir erfahren, dass er Kapitän ein Analphaet ist, wie viele in Ägypten.

Der Nil, der große schwarze Spiegel jetzt wieder vor mir.

19.04. 

Luxor

Die Gruppenreise ist zuende,  Abschied am Abend, die Menschen sind mir ans Herz gewachsen, aber ich will ja auf eigene Faust weiter. Der nächste Tag, ganz auf mich allein gestellt, bringt zwei Erkenntnisse: Man muss das Geschrei der Händler, Taxifahrer, Sammeltaxifahrer, die ganze penetrante Aufdringlichkeit nicht als Bedrohung wahrnehmen,  sondern übersehen wie ein Reklameschild. Einer der Kutscher verfolgt mich tatsächlich in eine schmale Gasse, „talk to me“,  bettelt er, ich wedle Ablehnung mit der Hand. Er versteht. Das Hufklappern verstummt. Im Luxor Museum muss ich das Handy zücken. Nachdem ich einen ägyptischen Klappstuhl entdeckt habe, der natürlich sofort ins Internet muss, und dann auch noch pharaonische Socken knipste, fragt mich ein sehr höflicher Ägypter, ob ich nicht so einen Erlaubnisschein fürs Fotografieren kaufen möchte, damit könnte ich in allen Museen Ägyptens Bilder machen. Ich möchte einen kaufen. Um zur Ruhe zu kommen, raste ich auf dem Rückweg in einer koptischen Kirche, die wuchtig die Altstadt überragt.

Die Ägypter haben den Klappstuhl erfunden!!!

Zweite Erkenntnis: Man kann selbst bei einem Fußmarsch von zweimal einer Viertelstunde  immer noch einen  Sonnenbrand kriegen. 

Die Nacht bringt auch eine Erkenntnis. Es gibt keinen Alkohol im Restaurant, deswegen auch keine Bar, deswegen auch schwierig jemanden kennen zu lernen. Mal sehen, wie es morgen in Sharm el Sheik wird. Einstweilen beschäftige ich mich mit dem Revolutionär Albert Benno Dulk und seiner Ägyptenreise 1850, wegen der ich hier bin. Er hat es verdient, finde ich. Er findet es auch. 

20.04 

Flug von Luxor über Kairo nach Scharm el Sheik

Wow, wie riesig Kairo ist, aus dem Flugzeugfenster erkenne ich Blocks wie nebeneinander aus dem Boden geschoben, ohne Luftspalt, ein Gitter aus braun staubigen Ziegeln, die Häuser mit kaum einem Luftspalt aneinander gebaut, riesige staubige Wohnquadrate. Mutige Felder schlagen Breschen in die Wüste, andere Felder wieder staubig, wirken wie weggeworfen. 

Wir fliegen westlich des Nils, man sieht, wo einst die Flüsse waren, mächtige jetzt sandgefüllte  Stromtäler. Was ist mit euch passiert, Lebensadern der Welt? Wer hat die Bäume abgehauen, wer ließ den Boden erodieren, waren das Menschen? Oder unersättliche Weidetiere ohne natürliche Feinde? 

Kairo: Durch den Wüstenboden geschobene Wohnblöcke.

Gegen Mittag bin ich im Badeort Sharm el Sheik. Mein Rucksack ist allerdings in noch in Kairo. Ich werde etwas ungnädig. Sie versprechen mir, das Gepäck nachzuliefern, sobald es angekommen ist, dafür bekomme ich eine regelrechte Hotelsuite. Hier sieht es aus wie in Las Vegas, Nachbauten von ägyptische. Tempeln, Neoklassik, Neobarock und doch gebe es nur 30 Prozent der Touristen seit der Revolution, klärt mich mein Fahrer auf. 

Scheiße, das Hotel brennt! Ich gehe dem dichten Qualm hinterher, bis mir klar wird, er kommt aus der motorbetriebenen Desinfektionsspritze eines Hotelangestellten. 

Abends ist die Wartehalle ist voller Moskitos, haben sich wohl vor dem Qualm nach innen geflüchtet. 

21.04. 2018

Sharm El Sheik / St. Katherinenkloster

Das war Fun, das hat Spaß gemacht, das war eine der besten Bergtouren meines Lebens. Morgens um 24.15 Uhr los über ein scheinwerferweißes Land, die braune Wüste ließ das  Licht zu Salzbergen gerinnen, wo doch nur  Granit war. Den Pass muss ich mitnehmen. Wir fahren drei Stunden, etwa sieben Polizeiposten passen auf, dass nichts passiert. Immer schreit der Fahrer „Whalach Alemanji oder so ähnlich. „Ein Deutscher“.  Die Phantasie spielt mir Streiche, einmal meine, ich einen Wolf durch die Wüste latschen zu sehen, Schlafe, wache, schreibe. 

Aufstieg zum Mosesberg:

Weil wir spät dran sind, gibt mein Führer Gas beim Wandern. Abgetragene Jacke, Billigturnschuhe, ein Tuch auf dem Kopf. Die Scheinwerfer vom Kloster beleuchten lange den Weg, dann die Sterne des Skorpion, der am staubigen Himmel klebt wie ein nasses Tuch. Vom Tal herauf blenden die Lichter der Polizeistation. Der Weg ist grauschwarz, schwer zu erkennen, wie sumpfig, weil das Geröll nicht zu sehen ist. Die Geschwindigkeit bringt mich von Anfang an ins Keuchen, aber mein Herz schlägt gut im Gleichschritt, also kann nichts passieren. 

Es geht über Geröll aufwärts, eine Strecke, die den Kamelpfad abkürzt, Scharenweise kommen uns die  Kameltreiber entgegen, die zuvor Touristen am Fuße des Berges abgesetzt haben und jetzt Feierabend machen. Hin und wieder geht auf der Strecke eine LED an und zeigt ein Ladenschild. Manchmal stolpern wir in der Dunkelheit, doch das macht nichts. Ich habe weder Stöcke noch Gepäck, deswegen kann ich mit Leichtigkeit  hochspringen und wieder Halt finden, wenn ich umknicke. Die Treiber leuchten den Kamelen mit LED bergab, auch die Händler, machen ihre LEDs an, wenn wir vorbei kommen. Leuchtende Haltepunkte in der Dunkelheit, doch wir wollen weiter, wollen rechtzeitig am Gipfel sein. 

Auf dem Mosesberg

Gegen fünf Uhr halten wir an an einer kleinen Hütte. Halbhoch gemauert, der Rest mit Tüchern abgedeckt, ein Teetopf brodelt auf einer gemauerten Feuerstelle neben dem Eingang. Mein Führer füllt sich Wasser in die Tasse, um sich zu waschen, damit er das Gebet beginnen kann. Ich trinke Wasser, der Besitzer bedeutet mir, mich neben ihn zu setzten. Die Beduinen reden nicht viel, das macht sie sympathisch. Schweigend warte ich, bis der Führer zurück kommt. Der Pfad hinauf am Mosesberg ist mit Lichterprozessionen bestückt, das sind die anderen Besucher, die wir langsam einholen. Das letzte Stück, wie bei jedem Gipfel, ist das steilste, Quarzbrocken sind zu Stufen verfugt. Felsen erheben sich, dann der Gipfel. Hier sprach Gott mit den Menschen. Hier also haben sich  die abrahamitischen Religionen zum ersten Mal manifestiert. Wollten den Frieden bringen, haben  den  Frieden gebracht und den Krieg. Die Kirche auf dem Gipfel soll aus dem dritten Jahrhundert sein. Sieht aber aus wie einmal abgerissen und im Stil der Romanik wieder aufgebaut. Am Dach ist ein zerbrochener Quader, der ein halbes Ank trägt. 

Händler verteilen Decken, eine Gruppe singt das Schma Israel. ein rotangezogenes Mädchen meditiert sehr symmetrisch. Ich fotografiere sie mit ihrem Handy so lange, bis sie lächelt. Das ist eine der Belohnungen des Morgens. In der Morgenkälte zitternd erwarte ich Sonne und Frieden. Beides kommt. 

Der staubige Himmel zieht die Sonne frei. Schwarz, grau, blau, gezackte Berge atmen Nebel aus. Eine Katze schreit. Orthodoxe und Katholiken hier, die Berge rot jetzt ziegelfarben, rote Senken eingeflacht, auch Nebelseen dazwischen. Zittere vor Kälte. Dunkler Granit gesprenkelt, neben mir Pilgerbeine.

Wege überziehen  die Berge wie Spinnennetze. Der Himmel blau jetzt.

Beim Abstieg lassen wir es krachen, wir sind die ersten, die unten sind und kommen zwei Stunden früher an als geplant, der Beduine muss erst den Reiseleiter wecken. Beim Frühstück kämpfe ich gegen Ohnmacht und Durchfall. Vielleicht doch bissle schnell gewesen.

Das Katharinenkloster ist ein Juwel. Die zweitgrößte Handschriftensammlung weltweit, kostbare Codices sind ausgestellt, byzantinische Ikonen, die ich schon oft in Abbildungen gesehen habe und jetzt leibhaftig vor mir hängen, ich erkläre meinen Reiseführer wie seltsam es sei, seinem Gott so in das Angesicht zu sehen. Napoleon hat das Kloster aufgebaut und militärisch befestigt, die Mauern hat Justitian gemacht, die Holztüren sind ebenfalls  aus dieser  Zeit, sie stehen  da einfach so rum, Fünftes Jahrhundert. In der Katharinenkirche prangen die schönsten Mosaiken der Christenheit über der Ikonostasis, der Raum voller Leuchter wie tieffliegende Vögel, der brennende Dornbusch wird verehrt und soll ein botanisches Unikat sein, das nirgendwo sonst wächst, tief unten in einem Brunnenschacht ist die Mosesquelle zu sehen.

Das Morgengebet hört sich der Busfahrer auf der Rückfahrt  im Radio an. Ich erfahre, dass Beduinen deswegen so schweigsam sind, weil sie sich ihres altertümlichen Dialekts schämen.

Die Landschaft: Berge, wie hingestreckte Sphingen. Blöcke, dazwischen die Wadis, seitlich mit lockerem Zwerggebüsch bewachsen, in der Mitte Geröllbänder. Man konnte genau sehen, wo das Wasser die Blöcke herabstürzen würde. Auf dem Granit lagen etliche Sandsteinschichten. Hier war das Meer gewesen. Die Beduinen verkauften Steine mit fossilen schwarzen Pflanzenresten, die den brennenden Dornbusch zeigten. In manche Steine sind Kreuze eingeritzt.

„Siehst du“, frage ich den Reiseführer, „die Kreuze da in den Steinen? Sie sollen wohl die Steine davon abhalten herabzufallen.“

„Ja“, sagt er, „aber machmal fallen sie herunter.“

Die Felsen von dunklen Bändern durchzogen, in Tälern wälzten, schreib nicht wälzen, in den Tälern zu Schutt erstarrte Flüsse, auf denen einzelne Tamarisken um ihr Leben kämpften. Man könnte Mauern vor die tief geschnittenen Täler bauen, denkte ich, dadurch

könnte in den Geröllbächen  das Grundwasser steigen und Wurzeln von Palmen oder Orangenbäumen würden Wasser saugen. „Es regnet dreimal im Jahr“, sagt der Reiseführer, also jetzt die Verdunstungsgeschwindigkeit ins Verhältnis setzen mit Wurzelwachstum.

Ich lerne: ein Liter Wasser in der Wüste ist mehr wert als ein Liter Diesel. „Deswegen sagt meine Frau, ich soll Diesel trinken“, scherzt mein Reiseführer, „das ist billiger“. 

In der Sinaiwüste habe ich so viele natürliche Pyramiden gesehen, dass sich der Pharao nicht groß a

Das Katharinenkloster

nstrengen mußte, um auf die Pyramidenform zukommen.

Zusammengeduckte Dörfer mit Müllhaufen vor den Häusern, viele verlassen. Oder dachlos. Also die Menschen obdachlos

Abends ziehe ich In einem Anfall von Weltläufigkeit keine Socken in die Sandalen an. Ein jemenitischer Flüchtling spricht mich in der Standbar an. Da muss irgendwo Krieg sein, er hat sich jetzt als Rentner in Ägypten eine Wohnung gekauft für seine zwei Frauen und acht Kinder. Die  Kinder sind von der einen Frau, die dreißigjährige kann keine  Kinder  kriegen, sagt er. Sie will immer Sex also traut er sich nicht an das Hotel sondern bleibt lieber hier bier trinken. Ob er an einen deutschen Pass kommen könne? Keine Chance.

22.04

Die Weltläufigkeit kostet ihren Preis, die Moskitos haben meine Füße zerstochen. Ich kühle mit Wasser. Ein Tag am Pool und am Meer. Das Wasser ist klar wie Mineralwasser, abends entdecke ich das Vergnügungsviertel von Sharm el Scheik. Am Hard Rock Cafe  komme ich wegen des pinkenen 50er Ford nicht am Eingang vorbei, drinnen gibt es schönes Bier.

23.04

Kleiner Frühstücksflirt: Die Ägypterin wechselt ins Englische, als sie mit ihrer Mutter spricht, wohl um mir zu zeigen, dass sie sich mit mir unterhalten könne,  ein scheues Lächeln in meine Richtung. Abreise, unruhiger Luftritt nach  Kairo. Jetzt im Backpacker, Pension Roma Down Town.  Ein uralter frei hängender Fahrstuhl verbreitet eine Fin de Siecle Atmosphäre.

Ein schöner alter Aufzug fährt offen durch das Treppenhaus.

Irgendwo taugt mir das alles besser.  Das  Backpacker Hotel hat ein indisches Klo (jenseits des Ganges, wer den Witz noch nicht kennt). Statt Aircondition gibt es einen Ventilator, dessen Motorengeräusch das ewige Hupen der Straßen verwischt. 

Der Hostelier  rät mir, ein weißes Taxi zu nehmen, das erste Taxi, das hält ist ein schwarzes. Der Fahrer versteht nicht wo ich hinwill, ich zeige ihm auf dem Handy die Adresse, die kann er nicht lesen, ich gebe das Handy nach hinten, wo zwei Frauen unter Gepäckstücken kauern. Sie können lateinische Buchstaben und instruieren den Fahrer. Das Knauschgesicht hupt sich durch die Straßen. Die Straßen sind blau eingenebelt, nur auf der Brücke über den Nil kann man atmen.

Das Taxi steckt im Stau. Die Fahrspuren werden ignoriert, die Autos keilen, schieben, durch die offenen Fenster hindurch von Wagen zu Wagen, reden die Fahrer miteinander, fragen nach dem Weg oder beschimpfen sich, die Luft ist blau von Diesel,  an zerstörten Mauern steigt Qualm auf, ein ständiges schieben und stoßen. Ich komme nach einer dreiviertel Stunde in ein sehr traditionelles Restaurant, wo ich Dozenten von der britischen Universität treffe.

24.04. 

Kairo Hexenkessel. 

Nein, ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Schwer ist es in einem Land, wo du kaum was lesen kannst, irgendwo anzufangen. Ich finde die Metro-Station, ich finde heraus, wie man eine Karte kauft, steige an der richtigen Station aus, in dem ich Leute frage. Ein Mann mit seinem Söhnchen hat gute Laune und nimmt mit. Die Busse halten nicht, man muss aufspringen, das Sammeltaxi ist ein T2, was für eine prächtige Fahrt. Der Mann bucht für mich ein Kamel und für sich und das Söhnchen ein Pferd. Ein prächtiger Knabe, der seine Freude hat mit dem Papa auszugehen. Er hüpft herum, ist mächtig aufgeregt. 

Ganz schön hoch so ein Kamel. Der Ritt zu den Pyramiden geht über einen kleinen Wüstenstreifen, ganz unvermittelt tauchen sie auf, die  die drei Kolosse. einmalig in ihrer Schönheit und in ihrer Erhabenheit. Wirklich kaum zu beschreiben, wie es ist, wenn sie sich aus dem Wüstenboden hochheben, wenn sie aufgereiht hintereinander stehen, Bauwerke zu recht Weltwunder genannt. Das Kamel läuft gemütlich durch die Wüste. Es hat keine Hufeisen oder so, deswegen ist es ganz geräuschlos, einmal kratzt es sich den Kopf am Sattelknauf. Energie sagt der Ägypter, das ist die Energie, die diesen Ort beherrscht. Warum haben sie das gemacht, will er wissen, wie haben sie das gemacht, fragt er um seine Begeisterung in Worte zu fassen. Ich sage ihm, der  Pharao wollte seinem Volk zeigen, dass man auch Unmögliches schaffen kann, wenn man nur will, und mit diesem kleinen Mutmacher ist er zufrieden. Immerhin, und das muss man den Pharaonen lassen, durch ihre Bauten ernähren sie noch heute ihr Land. Durch meinen netten Reisebegleiter ist die Besichtigung von der Pyramiden unterhaltsam und gemütlich. Wie sehr ich diesem Mann und seinem Söhnchen dankbar sein muss, merke ich an der Sphinx, wo Reiseführer unbarmherzig die Reisenden zusammen brüllen, und durch die Sehenswürdigkeiten scheuchen. 

Wie Herbstlaub wirbelt der Müll über die Straßen. Die Schaffner brüllen die Haltstationen in die Straßen, die Preise schwanken genauso wie die Wagen. Straßen? Von der  Verkehrs-Anarchie durch den Ziegelschutt gefräste Schneisen.

Im ägyptischen Museum begreife ich endgültig, dass das Ank keine stilisierte Sandale sein kann, denn da sind nämlich alle möglichen Sandalen ausgestellt: Überhaupt ist nicht klar, wie sich die Schlaufen und die Striche des Ank zu einer Sandale zusammen legen ließen. 

Jetzt wo ich nicht in den exklusiven Bussen und den teuren Taxis unterwegs bin, lebe ich in Ruhe, niemand belästigt mich, ich schwimme mit der Masse durch die Stadt, sitze im Café mit den anderen, falle nur Menschen auf, die mir weiterhelfen wollen.  Esse in einem Schnellrestaurant fünf Gänge für einen Preis, für den ich in Sharm el Sheik nicht mal ein Bier bekommen hätte. Abends will ich Bierchen trinken, aber es ist nichts zu machen. Dann einen Mangosaft in einer Bar.

Die Ägypter sind Menschen, die einem immer erzählen wie relaxed und entspannt sie sind,  und dabei wie irre durch die Straße rennen,  fahren als würden sie einem Attentat entkommen wollen, und rumschreien, als wäre ihnen ein Bügeleisen auf den Fuß gefallen. Aber sonst sind sie relaxed: besonders die Taxifahrer, die mit einer Hand hupen, die gleichzeitig telefonieren, fahren, nach dem Weg fragen und sich mit einem  unterhalten können, während sie hupen. Hin und wieder bedeute ich ihnen, sie könnten durchaus auch etwas langsamer fahren. 

Ein Mann in langer Gajabee, ein brauner Wasserfall aus Stoff, weiße halbrunde Kappe, hält die Hand an eine Straßenlaterne, als wäre sie die Achse der Welt, das einzig Feste am wirbelnden Kosmos der Stadt. Ein altmodisches aber neu wirkendes Handy.  Der Muezzin geht im Fernseher unter, der Mohamed Salam feiert, einen ziemlich abgebrühten Stürmer, der  für Liverpool kickt und ein ziemlicher Knipser ist. Dann beginnt irgendein Spiel, weil die Autos eh die ganze Nacht hupen, macht das keinen großen Unterschied.

25.04 Rückflug

Die Autos donnern wie Schrotkugeln zum Flughafen.  Milchgläserner Morgen, eine schwarz gekleidete schwarze Frau wartet unter einem Blechdach, ein Panzer bewacht die Straße, die Minarette verschwimmen, filtern Licht aus. Erinnerungen und der Entschluss wieder zu kommen.

Tschüß Ägypten, ich komme wieder!

Kleines ägyptisches Tagebuch





12.04. Frankfurt Luxor

Der Urlaub fängt gut an mit der Lektüre von Gustave Flauberts: „Die Versuchung des Heiligen Antonius“. Noch auf der Fahrt zum Flughafen habe ich die frühchristliche Geheimlehre der Gnosis verstanden und im Flieger das Problem der Wahrheit gelöst. Das hatte ich zwar schon einmal, aber die Lösung auf die Rückseite eines Aufkleberbogens gekritzelt, den ich dieser Tage wegwarf,  weil ich die Lösung als Mengenlehre-Gleichung angegeben hatte und nicht mehr verstand. 

Leider kann ich sie hier auch nicht angeben, weil man dazu geschweifte Klammern braucht. 

Deswegen zur Gnosis: 

Vor dem Abflug der Boeing 737 vom Frankfurter Flughafen wird auf  Bildschirm meines Sitzes ein Gebet gezeigt. Kann mich erinnern, wie in Pakistan 1986 die Busse um fünf hielten, damit die frommen Passagiere aussteigen konnten zum Beten. Diese Fahrgäste hatten neben einem Bündel Reisegepäck auch einen Gebetsteppich dabei. Überlege mir, wie der Pilot aussteigen würde zum Beten, und ich hoffe, wir landen vor 17 Uhr. Ob daher das Märchen vom fliegenden Teppich kommt? 

Also zur Gnosis: 30 Äonen bilden die Universalität Gottes und eine der Äonen ist Sophia, die Weisheit, die begierig, ihren Vater kennen zu lernen die Universalität Gottes verließ und zusammen mit dem Heiligen Geist und Christus den Jesus schufen, die Blüte der Universalität Gottes.

Diese Darstellung von Jesu Entstehung erinnert mich an meinen letzten Flug von Kairo nach Deutschland, das war 1989. Ich lag mit einer Malaria tropica im Flieger und wusste  im Fieberwahn nicht, ob ich die Landung überleben würde. Jetzt ist ein Wolkenteppich vor mir, der das ganze Mittelmeer bedeckt. Aber darüber ist Himmel. Der althochdeutsche Ausdruck Uphimmil, der Überhimmel, mit dem der spirituelle Himmel gemeint ist, scheint eine Entsprechung in der Gnosis zu haben?

Jene Lücke, welche die von den Äonen abgefallene Weisheit hinterließ, war gefüllt mit einer schlechten Substanz, die Acharamoth genannt wurde. Gott hatte mit ihr Mitleid und ließ aus ihr das Licht entspringen und auch die dunkle Materie. Aus der dunklen Materie wurde der Demiurg, der Schöpfer der Welt, was absolut einleuchtend erklärt, warum die Welt so schlecht ist, wie sie ist eben ist. Der Demiurg hatte keine Ahnung, dass es über ihm noch einen richtigen Gott gab. In seiner Ignoranz  beanspruchte er, der einzig wahre Gott zu sein, der angebetet werden musste – den Rest kennen wir ja. 

Diese lehrreiche kleine Eingebung verdanke ich Gustave Flaubert und der „Versuchung des Heiligen Antonius“, an der er schrieb, bevor er nach Ägypten aufbrach. Danke Gus,  das konntest Du Walfisch unter den gelehrten Fischen: In ganz wenigen Sätzen so vieles sagen.

Im Flieger nach Kairo, Menschen wie Felsen. Die Mutter trägt ein rosa Kopftuch und darüber ein graues Tuch. Es verhüllt ihr Haar und ist am Kinn eingeschlagen, Goldringe am Ohr, ja und die zerfurchte Stirn  steht hervor wie ein Felsen unter einem Polster aus Moos, schroff, aber auch klar.

Der Vater: An seiner  Stirn brechen sich kurze Locken, die er mit Gel erstarrt hatte.  Sie enden in grauen Spitzen, wie Gischt über den Wellen. 

Das  Kind in einer Wiege, die am Sicherheitsgurt des Flugsitzes hängt. Die Wiege mit mit einem grünen Tuch verhüllt. Als es kurz hustet und zu weinen beginnen will, stopft die Mama flink einen Schnuller in das Kind, schiebt den Vorhang vor und der Kleine schläft weiter, wie ein Papagei in einem abgedeckten Käfig, den ganzen Flug über.Anflug auf Kairo, die Sonne singt, sinkt

Die Annahme der Physiker, das ganze Universum sei hauptsächlich voll von dunkler Materie ist also nichts anderes als das Wiederauferstehen der Gnosis. Hoffentlich fällt denen bald was besseres ein. Schwarze Materie zu erfinden für die Dinge, die man nicht erklären kann, ist schon sehr hilflos und muss mit Occams Razor und einer gehörigen Portion Quantenschaum wegrasiert werden.

Mir wird klar, dass in einem so religiösen Volk wie dem der Ägypter nach dem Zusammenbruch der alten Götter eine spirituelle Leere entstehen musste, die sich mit allem, aber auch allem, was es an Sektiererei und Irrglauben gab, füllen ließ.

Der Pilot grüßt mit: „Ladies and Gentlemen, dear children. . .“

Im Flieger läuft Blade Runner, Teil zwei.  Ich lerne: In der Zukunft ist es den ganzen Tag nacht, und es regnet ständig. Vielleicht ist das die Ausgießung, die Emanation, wie sie sich die  Neuplatoniker vorstellten, auf der die Gnosis beruht. Der Held im Film muss irgendwelche schwangere Androiden fangen. Ihre Kinder haben haben eine Seele, „weil sie geboren sind“, sagt der Held, sollte mein rudimentäres Englisch ihn richtig verstanden haben. Draußen sinkt die Sonne in die Wolkenwüste und färbt sie sandfarben. Guter Auftakt für meine Reise finde ich. 19 Uhr lande ich in Kairo, um 24 Uhr bin ich, Inschallah, in Luxor, dann auf‘s Schiff. Die Sonne saugt das Licht aus dem Wolkensand, bis nur noch blauschwarze Dämmerung bleibt. Ein Brei, über dem der  Himmel immer noch lichtblau leuchtet. Zwischen der Grenzschicht aus Wolken und Himmel zieht sich ein Nebelstrich aus goldenem Licht wie fernes Feuer.

Ägypten ist offiziell eine Militärdiktatur. Auf den zehn Minuten Fahrt zum Hafen gibt es zwei Polizeiposten und einen Militärposten mit zwei Soldaten in Kampfausrüstung. Der Fahrer weiß aber wo sie sind, denn bevor sie auftauchen, schnallt er sich immer an. Quer über die Straße sind Hubbel  betoniert, vor denen er fast auf Null abbremst. Gegen zwei Uhr auf dem Dampfer:  Die Schiffe sind nebeneinander geparkt, und ich muss durch ein großallmächtiges Mövenpick-Schiff hindurchlaufen, um auf die Zeina, unseren Dampfer, zu kommen. Das Wort Schiffspassage kriegt da eine ganz andere Bedeutung. Die Passage führt zu einer runde Freitreppe wie auf der Titanic, Ich hatte eine fensterlose Eisenzelle als Kabine erwartet, stattdessen ist es eine geräumige Suite, mit dreifach-Bett im Empire-Stil mit rotem Samt, Holz und Gold. Hellauf begeistert bin ich! 

13.04. Freitag 

Luxor 

Morgens steigt Staub über dem Nilufer empor, wäscht die Farben aus der Luft, macht den Himmel fahl und die staubigen Berge transparent. Das ist der Staub von der Zuckerrohr-Ernte. Hellgrüne Palmwedel steigen Richtung Himmel. Auf einer Parkanlage liegen Männer in Kaftanen seitlich hingestreckt und ruhen sich aus. Alle sitzen im Schatten, in der Hocke. Es wird viel gebaut in Luxor, eine Fußgängerzone  soll in der Sphingen-Allee zwischen Luxor-Tempel und dem Tempel von Karnak wieder hergestellt werden. Unsere Reiseleiterin Amira benutzt das Wort „Sphingen“, schon allein deswegen liebe ich sie.  

Reiseleiter zwei, Achmed, hat einen guten Witz parat: Ein Ägypter beschließt so zu sein wie ein Deutscher, indem er ihm alles nachmacht: Der Deutsche kauft ein Grundstück, 500 Meter lang, 400 Meter breit, der Ägypter kauft daneben ein Grundstück 500 Meter lang, 400 Meter breit. Der Deutsche beschließt, sich ein hübsches Häuschen mit Terrasse zu bauen, der Ägypter denkt, so ein hübsches Häuschen mit einer hübschen Terrasse baue ich auch. Der Deutsche kauft sich ein Auto, natürlich einen Siebener-BMW mit allen Schikanen, und der Ägypter denkt, das kann ich auch und kauft sich den gleichen BMW, sogar in der gleichen Farbe. 

Eines Samstags steht der Deutsche auf, geht auf die Terrasse, holt einen Eimer Wasser und beginnt, sein Auto zu waschen. Da holt der Ägypter die Flex und sägt bei seinem BMW den Auspuff ab. „Was machst Du denn da?“, fragt der Deutsche erstaunt. „Na, wenn Du dein Auto taufst, dann kann ich ja wohl meines beschneiden.“

Das Gefühl von Karnak ist Größe. Man sieht, wie hoch der Nilschlamm lag. Oben die  Kerben, wo  Beduinen und Kopten ihre Messer wetzten,  Pfahlöcher  in der Wand zeigen,  wo sie ihre Häuser bauten, darunter gut erhalten die Reliefs und die Inschriften.

Kurzfassung: Der Beduine nahm seine Bedu-Biene und siedelte auf der Ruine. D

Niemand weiß genau, wie sie die Obelisken  aufstellten, selbst heute wäre es noch ein technisches Problem. Ich merke, dass die Ägypter als absolute Ästheten die Symmetrie perfektioniert hatten. Lerne welche Säule den geschlossenen und den aufgefächerten Papyrus darstellen. Die ganzen Säulen waren letztlich nur ein schöner Pflanzenhain in Form eines Tempels. 

Tempel ist aus braunem Sandstein, der sich mit der Luft zu vereinen scheint. Ein heiliger See, ein Skarabäus, der Wünsche erfüllt.

Die Säulenhalle von Karnak

Ein Tempeldiener zeigt mir die zu einem Kruzifix gehämmerte Triade aus Osiris, Isis und Horus. 

Beinahe bekümmert hält er die Hand auf, eine rührende Geste, ich gebe ihm wohl nur deswegen ein 50erle. 

Wir machen in Luxor eine Kutschfahrt, verzweifelt ruft der Kutscher „Bakschisch“, aber die Verzweiflung ist es, die ihn abstoßend macht. Er bekommt nichts.

Die Reisegruppe, mit der ich unterwegs bin, findet langsam zusammen. „Hat Ihre Frau Angst gehabt mitzukommen?“, werde ich gefragt. „Wer Angst vor Anschlägen hat“, sage ich ausweichend, „der sollte Deutschland meiden.“ Im Papyrus-Shop erklärt eine Albanierin, die in Freiburg aufgewachsen ist, die Herstellung. Das Mark schneiden, klopfen, übereinander legen, pressen, fertig, der natürliche Zuckergehalt klebt es zusammen. Ganz einfach, es kostet nur Zeit. Aber von der hat  Gott  genug geschaffen, nur haben wir verlernt, sie ihm zurückzugeben.  Glücklich mit einem echten Stück Papyrus in einer hübschen Rolle nehme ich Abschied. 

Bana-Menta-litäten: Die Frau vor mir, gemalte gezogen Augenbrauen, Perlenohringe und weißblau gestreiftes Kleid  entschuldigt sich, dass sie sich soviel auf den Teller lädt. „Das sieht dann immer so gefräßig aus“, sagt sie, während während Fleischberge auf Männertellern eher  Virilität verkünden. 

Über eine Sphingen-Allee ist der Tempel von Karnak mit dem Tempel von Luxor verbunden. Darüber wurde einmal im Jahr die Sonnenbarke getragen. 

Das gleiche Gefühl wie in Karnak, nur schöner und intensiver, ich sehe eine seltsame Inschrift, keiner weiß sie zu deuten, sollte das Hebräisch sein? 

Die Pyramiden sind das Symbol der Schöpfung und über ihrer Spitze erschien ein Ei und daraus schlüpfte die Menschheit. Die Götter lebten mit den Menschen in Frieden, aber irgendwann haben sie die Menschen verlassen, um im Himmel zu leben. Von dort setzten sie einen Fuß auf die Erde, das ist der Tempel von Karnak. „Der Vatikan der ägyptischen Götter“, sagt Amira. Die Obelisken  sind in die Höhe gehobene Pyramiden, in sie eingehmeißelt ist wohl eine Art Sonnengesang. Die Sonne singt nicht, sie sinkt. 

Menschen, wie Augenblicke: Ein kauernder Hafenarbeiter, eine blaue Krümmung  auf der halbschrägen Hafenmauer, als wollte er jeden Moment aufspringen  zu Arbeit und Mühen, das Gesicht sorgenvoll schwarz, eine Hand streunt über das Pflaster, die weiße Mütze. Das ist eines der Dinge, über die es nichts zu sagen gibt, außer, dass sie da sind.

Wie die Dunkelheit durchzieht ein Gebetsruf das Tal.  

14.04.2018

Luxor / Tempel der Hatschepsut / Tal der Könige / 

Morgen um 5.50 Uhr raus. Mist, noch immer habe ich das Problem der Wahrheit im Spiegel der Mengenlehre zwar gelöst, aber noch nicht wieder hingeschrieben. Es wird Zeit, die geschweiften Klammern zu finden. 

MIt dem Bus in das  Tal der Könige. Zuckerrohr-Feuer bringen Brandgeruch durch die Lüftungsdüsen. Das Zuckerrohr ist die neue Einnahmequelle von Ägypten. Die meterhohe Staude  wird nicht an den Straßen angebaut, damit sich keine Attentäter verstecken können. Unsere Reiseleiter reden vom Staudamm im Sudan,  der das Land vom Nilwasser abschneidet, so dass die Ägypter Schwierigkeiten bekommen, Reis anzubauen, ihr Nationalgericht. 

Der Tempel der Hatschepsut, ein Amphitheater in der Wüste. Ich wandere in den Sand und versuche, ein Gefühl für die Wüste zu bekommen. Ich  recke die Arme, um den Wind unter das Hemd zu lassen. Das einzige Geräusch macht der Wind in den Ohren, manchmal höre ich Sperlinge, Tauben kreisen oben. Wir fahren weiter.

Das Tal der Könige wird überragt von einem pyramidenförmigen Berg. Gleich dem Kailash, auf dem Shiva wohnt in Tibet. 

Das Tal der Könige beschirmt eine natürliche Pyramide.

Vom Grab Ramses steige ich hinab zum Grab Pharaos Mernenptah, der auf einer seiner Siegessäulen den Namen Israels zum ersten Mal ein hämmern ließ.

Auf der Fußseite seines Sarkophages  breitet eine Göttin, Isis, hängendes Gefieder, rührend in seiner Schönheit.  

Die Feuchtigkeit aus dem Atem der Besucher lässt die Fresken verpilzen, deswegen laufen wir schweigend durch, sehen die standardisierten Szenen von der Belohnung der Guten und der Bestrafung der Bösen im Himmel. Sie hatten wohl dialektisch gedacht, die Pharaonen. Auf Tag folgt Nacht und wieder Sonne, auf Leben folgt Tod und wieder Leben. Der Tote  fährt auf dem Fluss des Todes bis zu seinem Ufer. Dort verwandelt sich die Barke in eine Schlange und kriecht in der Wüste weiter. Zwölf Türen muss der Tote durchschreiten. Hinter jeder Tür wartet eine neue Prüfung.  

Ich erkenne einen grundlegenden Denkfehler in der Religion der Ägypter. Die Himmelsgöttin Nut verschluckt die Sonne und gebiert sie wieder, so wird Tag und Nacht, deswegen wird die Himmelsgöttin Nut als Frau gezeigt, die sich über die Erde beugt. 

Weil die Sonne  aber an der Kante der Erde untergeht, müsste eigentlich die Göttin Erde sie  verschlucken und wieder gebären. Scheint den  Ägyptern aber 3000 Jahre lang nicht aufgefallen sein sein. Oder wir blicken es nicht. Kann auch sein. Um den Malereien nicht zu schaden, bemühe ich mich um einen extra trockenen Humor. 

Der Koloss von Memnon (rechts) in der Nähe des Hatschepsut-Tempels

Die Hitze gießt  Ruhe aus mit rieselnden Sandhänden. Der Himmel hat  seine Bläue verloren, die Tauben schweigen. Dann ist  der Sand so weiß, dass mir  eine Brühe aus Sand und Tränen die Augen verklebt. Der Schatten unter einem Holzdach nimmt die Schmerzen aus den  Augen wie Balsam. 

An der Neckarküste. . . am hochdeutschen Strand. . .

Die Seebären des Shanty-Chors der Marinekameradschaft. Foto: Horst Rudel

Esslingen Der Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau hält das Andenken an die ehemalige deutsche Kolonie Tsingtau hoch. Auch wenn er nichts mit ihr zu tun – streng genommen.

 

„Was, Junge, Du biss erkältet? Nu, dann trink ma ‘nen Grog.“, sagt mein glatzköpfiger Nebensitzer. Kann man machen, aber ich bitte lieber um Mineralwasser. Langsam trudelt die Marinekameradschaft Tsingtau in den Tsingtau-Keller in Esslingen ein, ein mittelalterliches Sandsteingewölbe im mittelalterlichen Stadtkern, der so gar nichts mit der Seefahrt zu tun hat, außer dass der Esslinger Hafenmarkt in der Nähe ist. Aber da ankerten keine Schiffe, wie vielfach geglaubt wird, sondern da hatten die Töpfer ihre Stände, die Kochhafen feilboten, wie im Schwäbischen die Kochtöpfe heißen.

Unter den Steuerrädern, den Flaggen, den mächtige Schiffsmodellen, den Wimpeln und dem Glaskasten mit den Seemannsknoten lassen sich die alten Männer nieder.

Es gibt hier keinen einzigen Nachkommen mehr von den ehemaligen Kolonialtruppen der einzigen Kolonie Deutschlands in Südchina, die damals Tsingtau oder Tsing-Tao hieß und heute Qing-Dao.  Es gibt hier unter den 60 passiven Mitgliedern und den 30 Sängern des Shanty-Chors überhaupt nur noch etwa fünf Leute, die jemals zu See gefahren sind.  Rätselhaft, was den sympathischen Haufen zusammenhält, der sich an diesem Dienstag zur Shanty-Chorprobe trifft. Ich muss es herausfinden.  „Homa ‘ne Platte“, schallt es quer durch den Raum. Die Kommandostruktur der Marinekameradschaft funktioniert trotz des Durchschnittsalters von 65 noch vorbildlich.

„Was, ‘ne Flasche?“  Viele der betagten Shanty-Sänger hören nicht mehr so gut.  „Nein, eine CD von unserem Shanty-Chor.“

Deutschland hatte einst das drittgrößte Kolonialreich der Welt, geschützt von tapferen Kolonialtruppen. Unvergessen ist immer noch Paul von Lettow-Vorbeck, der von 1914 an in Deutsch-Ostafrika  einen hartnäckigen Guerilla-Krieg gegen die Engländer führte und erst Ende 1918 aufgab, nachdem er mitten im Buschland zufällig erfahren hatte, dass der Krieg in Europa schon zuende war.

Die Soldaten von Tsingtau waren aus demselben Holz geschnitzt. Mit 6000 Mann verteidigten sie die deutsche Kolonie gegen 58 000 britische  und verbündete japanische Soldaten drei Monate lang vom 2. September bis zum 7. November 1914, bevor sie den Gang in die Kriegsgefangenschaft antraten.  Manche mussten dort blieben bis ins Jahr 1920. Aber warum zum einbeinigen Klabautermann  haben sich die Nachkommen der Kolonialtruppen ausgerechnet in  Esslingen getroffen und nicht wenigstens in der Landeshauptstadt? „Stuttgart, wo liegt’n  das?“ scherzen die alten Männer   „Dass  is da, wo se nächstens die Autos verbieten.“, „Tscha, dann kannst Du nur noch mit dem Hubschrauber reinfliegen“.

Ein Stadtplan von Tsingtao aus dem Jahr 1906.

Die Antwort ist wohl, dass etliche Seeleute und Kolonialtruppen aus Süddeutschland stammten, und  sich nach dem Ende der japanischen Kriegsgefangenschaft wieder in Württemberg niederließen. Bekannt ist beispielsweise Heinrich Reiser,  der bis 1911 in Tsingtau Dienst tat und aus Esslingen stammte.  Seit den 50er Jahren war die Kameradschaft eher ein allgemeiner Verbund von Seeleuten, heute treffen sich vor allem Ruheständer mit Liebe zur See und zur Musik.

Im Kampf um Tsingtau stellten die deutschen Truppen Geschützattrappen auf.

„Aber die besten Kapitäne kamen immer aus dem Süden“, doziert Dieter Benze, der Vorsitzende der Marinekameradschaft.  „Graf Zeppelin?“ werfe ich ein. Schweigen ist die Antwort.

Die deutschen Kriegsschiffe laufen in Tsingtau ein, um den Hafen in Besitz zu nehmen.

Karl-Heinz Zonewicz hat seine erste Seefahrt mit 13 Jahre unternommen. Mit dem ehemaligen Schnellbootbegleitschiff „Tanga“ floh er mit seinen Eltern aus Danzig vor den Russen. Während  der Fahrt bekam das Schiff einen Bombentreffer ins Heck und konnte nicht mehr steuern. Daraufhin mobilisierte die Crew die Hebekräne an Bord, hängte sie an das Ruder und manövrierte so in den nächsten sicheren Hafen. Später in Hamburg wollte Zonewicz  Matrose werden, nur fuhr 1948 kein einziges deutsches Schiff mehr zu See.  Dann doch lieber Förster, aber auch das wurde nichts.  So kamen die Männer von der Waterkant alle irgendwie in den Süden, wo es Arbeit gab, ließen sich nieder, gründeten ihre Familien und stießen meist im Rentenalter zur Marinekameradschaft, wo sie im Shanty-Chor  alte Seemannslieder schmettern und Bierchen trinken.

Der Vorstand Dieter Benze ist zehn Jahre zur See gefahren, weil er nach einer Lehre bei Opel in Rüsselsheim die Nase voll hatte von der Fabrikarbeit. Seine Mutter verbot ihm den Weg auf die Hamburger Seefahrtsschule, aber er wartete einfach bis er 21 war, dann war er volljährig.  Er arbeitete sich zehn Jahre hoch vom Matrosen bis zum Kapitän zur See –  und hing dann sein Patent an den Kajüten-Nagel.  In den Betrieben wurden die  Sozialleistungen immer mehr verbessert, aber nie in der Seefahrt. „Ich wusste, wenn die Seefahrt da nicht nachzog, würde kein deutscher junger Mann mehr ein Schiff betreten.“ Also trat er in die ÖTV ein, ging auf die Akademie dort in Stuttgart und kämpfte für ein besseres Arbeitsleben auf See.

Und heute? Er winkt mit einer großen, die ganze christliche Seefahrt umfassenden Bewegung ab. „Is alles den Bach runter. Tscha, gibt ja nur noch Philippinos an Bord.“

Der Keller füllt sich. „Seid ihr Matrosen?“, begrüße ich die nächsten Neuankömmlinge? „Noi“, sagen sie, sie sind Esslinger aus Mettingen.  Warum auch nicht, schließlich gibt es in Mettingen eine Straße namens „alte Schiffahrt“. Ein gewichtiger Mann im karierten Hemd und langem graumelierten Haar stellt mir das Mineralwasser hin, Ulrich heißt er. Noch ein Ulrich kommt, den kenn ich aus  meinem Volkshochschul-Gitarrenkurs in Esslingen. Irgendwie haben die es hier mit den Ulrichs. Sollte mich wohl besser aus dem Staub machen.

Zu spät. Sie singen. „. . . bei Windstärke vier“. „Da musste mitwackeln!“,  sagt mein glatzköpfiger Nebensitzer,  „und beim Vers ,bei Windstärke‘ sieben, da musste umfallen.“ Wir liegen quer auf der Bank übereinander, richten uns auf und singen wieder: „bei  Windstärke vier, da tranken wir Kööm und Bier“. Irgendwie geht der Rhythmus vom Oberkörper in die Beine.

Die Keimzelle eines Bier-Imperiums. Aus  Germania Brauerei Tsingtau wurde Tsingtao Beer.

Einst 1986 war ich selbst in Tsingtau, als junger Kerl ­- die Abenteuerlust hatte mich vor einem halben Leben hingetrieben. Wenn man von Seeseite nach Tsingtau kommt, erhebt sich die alte deutsche Siedlung auf einem kleinen Hügel, der von einer evangelischen Kirche gekrönt wird. Die Straße dahin ist von prächtigen Gründerzeit-Häusern gesäumt. Von der Kolonialzeit Deutschlands ist vor allem die Brauerei geblieben, die  heute zu den sechs größten Brauereien der Welt zählt und halb China mit Bier versorgt. Natürlich gibt es Bier aus Tsingtau auch in den großen Getränkehandlungen in Esslingen zu kaufen, aber die Seebären bleiben beim Hofbräu.

Im Jahr 2014, zum 100-jährigen Jubiläum der deutschen Kolonialzeit ist der ganze Chor nach Tsingtau geflogen. Die Chinesen haben die deutschen Sänger herzlich empfangen,  und die Kameradschaft hat ihre Shantys geschmettert.  An der Stelle, wo die kaiserliche Garnison einst ihre Toten begrub, sangen sie „Ich hatt‘ ein Kameraden“, von Ludwig Uhland und Friedrich Silcher. Allen lief es kalt den Rücken runter.

Anschließend haben sie auf einem Hügel einen Denkstein enthüllt, in dem sich die beiden Völker zu ewiger Freundschaft verpflichten. Wenigstens in Tsingtau hat man aus der gemeinsamen Geschichte gelernt.

Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch mitsingen. Der Chorleiter reckt sein Akkordeon, der Gitarrist blickt auf, der Trommler geht in Stellung, die zweite Akkordeonistin wartet – und dann stopp „Haben wir ‘ne Pfeife dabei?“, fragt der Chorleiter. „sind doch alles Pfeifen“, kommt die trockene Antwort aus einem Winkel im Sandsteinkeller. Ein vierschrötiger Bär mit Backenbart steht auf und erklärt. „Das nächste  Lied handelt vom Seemannsgarn. Das ist der Garn, mit dem der Seemann seine Strümpfe stopft.“ Dann zückt er seine Bootsmannspfeife, und es geht los:

Die Männer singen mit einer Lust in den Keller, dass der Sand von den Sandsteinen bröckelt, die Stimmen umschlingen sich, ein gewaltiger tiefer Männergesang, der voll Lebenslust die Zeilen schmettert „Und dann auf See, und kein Schiff, und den Seesack im Nacken, und den Frost an den Hacken. . .“

Okay, ich bin nie zur See gefahren, aber ich singe gerne und heiße Ulrich. Also die beste Voraussetzung, beim Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau in Esslingen mitzumachen, wenn ich darf. Jetzt nur noch schnell 65 werden.

Ulrich Stolte

Johann Jakob Thill ist jetzt unsterblich

Ich frage mich nur, ob Leute, die Biografien schreiben, in den Himmel kommen. Denn dann würden sie ja die Menschen treffen, über die sie geschrieben haben und müssten sich ewig deren Kritik anhören, was ja wohl mit unserem Verständnis vom Himmelreich nicht zu vereinbaren ist.

Immer hab ich Johann Jakob Thill (1747-1772) als zurecht vergessenen Dichter bezeichnet und mich als einzigen Menschen, der je über ihn promovierte. Aber jetzt sind zwei Denkmäler über Johann Jakob Thill eingeweiht: Die bronzene Gedenktafel an der Großheppacher Kirche des Remstäler Bildhauers  Ulrich Nuss, sowie der Wikipedia Eintrag von mir. Natürlich stecke ich auch ein bisschen hinter der Gedenktafel, aber hauptsächlich hat Bruno Deißler, Ex-Stadtrat in Weinstadt,  die Gedenktafel gedeichselt. Ich  wollte den Leuten von Wikipedia danken, habe aber deren Mailsystem nicht geblickt. Vielleicht lesen sie es ja hier: Danke Wikipedia!

Friedrich Hölderlin hätte es im Himmelreich, noch schwerer. Er müsste sich dort gleich mit 100 000 von Germanisten herumschlagen, die alles besser wüssten, als er. Bis er seine bescheidene Sicht auf sein Leben durchzusetzen könnte, bräuchte er mit Sicherheit eine  Ewigkeit.

So ist von diesem Tag an Thill entweder ein zu Unrecht vergessener oder zu ein zu Recht unvergessener Dichter geworden, was ihn aus dem Fußvolk der vergessenen Dichter heraushebt. Vage erinnert mich das an ein Vorwort zu einem Perry-Rhodan-Roman aus  dem Meister-der-Insel-Zyklus, Eingeweihte wissen, wovon ich spreche. Perry Rhodan, als Unsterblicher, hat übrigens solche Jenseits-Probleme nicht. Dieses Zitat spricht vom Rad der Geschichte, das von vielen gedreht werde, aber nur wenige seien es, die ihm die Richtung wiesen. Oder es erinnert mich mindestens an Friedrich Hölderlin, der Thill auch nicht vergessen konnte: „Es ist ein Gott in uns, der lenkt wie Wasserbäche das Schicksal.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Thill