An der Neckarküste. . . am hochdeutschen Strand. . .

Die Seebären des Shanty-Chors der Marinekameradschaft. Foto: Horst Rudel

Esslingen Der Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau hält das Andenken an die ehemalige deutsche Kolonie Tsingtau hoch. Auch wenn er nichts mit ihr zu tun – streng genommen.

 

„Was, Junge, Du biss erkältet? Nu, dann trink ma ‘nen Grog.“, sagt mein glatzköpfiger Nebensitzer. Kann man machen, aber ich bitte lieber um Mineralwasser. Langsam trudelt die Marinekameradschaft Tsingtau in den Tsingtau-Keller in Esslingen ein, ein mittelalterliches Sandsteingewölbe im mittelalterlichen Stadtkern, der so gar nichts mit der Seefahrt zu tun hat, außer dass der Esslinger Hafenmarkt in der Nähe ist. Aber da ankerten keine Schiffe, wie vielfach geglaubt wird, sondern da hatten die Töpfer ihre Stände, die Kochhafen feilboten, wie im Schwäbischen die Kochtöpfe heißen.

Unter den Steuerrädern, den Flaggen, den mächtige Schiffsmodellen, den Wimpeln und dem Glaskasten mit den Seemannsknoten lassen sich die alten Männer nieder.

Es gibt hier keinen einzigen Nachkommen mehr von den ehemaligen Kolonialtruppen der einzigen Kolonie Deutschlands in Südchina, die damals Tsingtau oder Tsing-Tao hieß und heute Qing-Dao.  Es gibt hier unter den 60 passiven Mitgliedern und den 30 Sängern des Shanty-Chors überhaupt nur noch etwa fünf Leute, die jemals zu See gefahren sind.  Rätselhaft, was den sympathischen Haufen zusammenhält, der sich an diesem Dienstag zur Shanty-Chorprobe trifft. Ich muss es herausfinden.  „Homa ‘ne Platte“, schallt es quer durch den Raum. Die Kommandostruktur der Marinekameradschaft funktioniert trotz des Durchschnittsalters von 65 noch vorbildlich.

„Was, ‘ne Flasche?“  Viele der betagten Shanty-Sänger hören nicht mehr so gut.  „Nein, eine CD von unserem Shanty-Chor.“

Deutschland hatte einst das drittgrößte Kolonialreich der Welt, geschützt von tapferen Kolonialtruppen. Unvergessen ist immer noch Paul von Lettow-Vorbeck, der von 1914 an in Deutsch-Ostafrika  einen hartnäckigen Guerilla-Krieg gegen die Engländer führte und erst Ende 1918 aufgab, nachdem er mitten im Buschland zufällig erfahren hatte, dass der Krieg in Europa schon zuende war.

Die Soldaten von Tsingtau waren aus demselben Holz geschnitzt. Mit 6000 Mann verteidigten sie die deutsche Kolonie gegen 58 000 britische  und verbündete japanische Soldaten drei Monate lang vom 2. September bis zum 7. November 1914, bevor sie den Gang in die Kriegsgefangenschaft antraten.  Manche mussten dort blieben bis ins Jahr 1920. Aber warum zum einbeinigen Klabautermann  haben sich die Nachkommen der Kolonialtruppen ausgerechnet in  Esslingen getroffen und nicht wenigstens in der Landeshauptstadt? „Stuttgart, wo liegt’n  das?“ scherzen die alten Männer   „Dass  is da, wo se nächstens die Autos verbieten.“, „Tscha, dann kannst Du nur noch mit dem Hubschrauber reinfliegen“.

Ein Stadtplan von Tsingtao aus dem Jahr 1906.

Die Antwort ist wohl, dass etliche Seeleute und Kolonialtruppen aus Süddeutschland stammten, und  sich nach dem Ende der japanischen Kriegsgefangenschaft wieder in Württemberg niederließen. Bekannt ist beispielsweise Heinrich Reiser,  der bis 1911 in Tsingtau Dienst tat und aus Esslingen stammte.  Seit den 50er Jahren war die Kameradschaft eher ein allgemeiner Verbund von Seeleuten, heute treffen sich vor allem Ruheständer mit Liebe zur See und zur Musik.

Im Kampf um Tsingtau stellten die deutschen Truppen Geschützattrappen auf.

„Aber die besten Kapitäne kamen immer aus dem Süden“, doziert Dieter Benze, der Vorsitzende der Marinekameradschaft.  „Graf Zeppelin?“ werfe ich ein. Schweigen ist die Antwort.

Die deutschen Kriegsschiffe laufen in Tsingtau ein, um den Hafen in Besitz zu nehmen.

Karl-Heinz Zonewicz hat seine erste Seefahrt mit 13 Jahre unternommen. Mit dem ehemaligen Schnellbootbegleitschiff „Tanga“ floh er mit seinen Eltern aus Danzig vor den Russen. Während  der Fahrt bekam das Schiff einen Bombentreffer ins Heck und konnte nicht mehr steuern. Daraufhin mobilisierte die Crew die Hebekräne an Bord, hängte sie an das Ruder und manövrierte so in den nächsten sicheren Hafen. Später in Hamburg wollte Zonewicz  Matrose werden, nur fuhr 1948 kein einziges deutsches Schiff mehr zu See.  Dann doch lieber Förster, aber auch das wurde nichts.  So kamen die Männer von der Waterkant alle irgendwie in den Süden, wo es Arbeit gab, ließen sich nieder, gründeten ihre Familien und stießen meist im Rentenalter zur Marinekameradschaft, wo sie im Shanty-Chor  alte Seemannslieder schmettern und Bierchen trinken.

Der Vorstand Dieter Benze ist zehn Jahre zur See gefahren, weil er nach einer Lehre bei Opel in Rüsselsheim die Nase voll hatte von der Fabrikarbeit. Seine Mutter verbot ihm den Weg auf die Hamburger Seefahrtsschule, aber er wartete einfach bis er 21 war, dann war er volljährig.  Er arbeitete sich zehn Jahre hoch vom Matrosen bis zum Kapitän zur See –  und hing dann sein Patent an den Kajüten-Nagel.  In den Betrieben wurden die  Sozialleistungen immer mehr verbessert, aber nie in der Seefahrt. „Ich wusste, wenn die Seefahrt da nicht nachzog, würde kein deutscher junger Mann mehr ein Schiff betreten.“ Also trat er in die ÖTV ein, ging auf die Akademie dort in Stuttgart und kämpfte für ein besseres Arbeitsleben auf See.

Und heute? Er winkt mit einer großen, die ganze christliche Seefahrt umfassenden Bewegung ab. „Is alles den Bach runter. Tscha, gibt ja nur noch Philippinos an Bord.“

Der Keller füllt sich. „Seid ihr Matrosen?“, begrüße ich die nächsten Neuankömmlinge? „Noi“, sagen sie, sie sind Esslinger aus Mettingen.  Warum auch nicht, schließlich gibt es in Mettingen eine Straße namens „alte Schiffahrt“. Ein gewichtiger Mann im karierten Hemd und langem graumelierten Haar stellt mir das Mineralwasser hin, Ulrich heißt er. Noch ein Ulrich kommt, den kenn ich aus  meinem Volkshochschul-Gitarrenkurs in Esslingen. Irgendwie haben die es hier mit den Ulrichs. Sollte mich wohl besser aus dem Staub machen.

Zu spät. Sie singen. „. . . bei Windstärke vier“. „Da musste mitwackeln!“,  sagt mein glatzköpfiger Nebensitzer,  „und beim Vers ,bei Windstärke‘ sieben, da musste umfallen.“ Wir liegen quer auf der Bank übereinander, richten uns auf und singen wieder: „bei  Windstärke vier, da tranken wir Kööm und Bier“. Irgendwie geht der Rhythmus vom Oberkörper in die Beine.

Die Keimzelle eines Bier-Imperiums. Aus  Germania Brauerei Tsingtau wurde Tsingtao Beer.

Einst 1986 war ich selbst in Tsingtau, als junger Kerl ­- die Abenteuerlust hatte mich vor einem halben Leben hingetrieben. Wenn man von Seeseite nach Tsingtau kommt, erhebt sich die alte deutsche Siedlung auf einem kleinen Hügel, der von einer evangelischen Kirche gekrönt wird. Die Straße dahin ist von prächtigen Gründerzeit-Häusern gesäumt. Von der Kolonialzeit Deutschlands ist vor allem die Brauerei geblieben, die  heute zu den sechs größten Brauereien der Welt zählt und halb China mit Bier versorgt. Natürlich gibt es Bier aus Tsingtau auch in den großen Getränkehandlungen in Esslingen zu kaufen, aber die Seebären bleiben beim Hofbräu.

Im Jahr 2014, zum 100-jährigen Jubiläum der deutschen Kolonialzeit ist der ganze Chor nach Tsingtau geflogen. Die Chinesen haben die deutschen Sänger herzlich empfangen,  und die Kameradschaft hat ihre Shantys geschmettert.  An der Stelle, wo die kaiserliche Garnison einst ihre Toten begrub, sangen sie „Ich hatt‘ ein Kameraden“, von Ludwig Uhland und Friedrich Silcher. Allen lief es kalt den Rücken runter.

Anschließend haben sie auf einem Hügel einen Denkstein enthüllt, in dem sich die beiden Völker zu ewiger Freundschaft verpflichten. Wenigstens in Tsingtau hat man aus der gemeinsamen Geschichte gelernt.

Wenn ich schon mal da bin, kann ich ja auch mitsingen. Der Chorleiter reckt sein Akkordeon, der Gitarrist blickt auf, der Trommler geht in Stellung, die zweite Akkordeonistin wartet – und dann stopp „Haben wir ‘ne Pfeife dabei?“, fragt der Chorleiter. „sind doch alles Pfeifen“, kommt die trockene Antwort aus einem Winkel im Sandsteinkeller. Ein vierschrötiger Bär mit Backenbart steht auf und erklärt. „Das nächste  Lied handelt vom Seemannsgarn. Das ist der Garn, mit dem der Seemann seine Strümpfe stopft.“ Dann zückt er seine Bootsmannspfeife, und es geht los:

Die Männer singen mit einer Lust in den Keller, dass der Sand von den Sandsteinen bröckelt, die Stimmen umschlingen sich, ein gewaltiger tiefer Männergesang, der voll Lebenslust die Zeilen schmettert „Und dann auf See, und kein Schiff, und den Seesack im Nacken, und den Frost an den Hacken. . .“

Okay, ich bin nie zur See gefahren, aber ich singe gerne und heiße Ulrich. Also die beste Voraussetzung, beim Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau in Esslingen mitzumachen, wenn ich darf. Jetzt nur noch schnell 65 werden.

Ulrich Stolte

Johann Jakob Thill ist jetzt unsterblich

Ich frage mich nur, ob Leute, die Biografien schreiben, in den Himmel kommen. Denn dann würden sie ja die Menschen treffen, über die sie geschrieben haben und müssten sich ewig deren Kritik anhören, was ja wohl mit unserem Verständnis vom Himmelreich nicht zu vereinbaren ist.

Immer hab ich Johann Jakob Thill (1747-1772) als zurecht vergessenen Dichter bezeichnet und mich als einzigen Menschen, der je über ihn promovierte. Aber jetzt sind zwei Denkmäler über Johann Jakob Thill eingeweiht: Die bronzene Gedenktafel an der Großheppacher Kirche des Remstäler Bildhauers  Ulrich Nuss, sowie der Wikipedia Eintrag von mir. Natürlich stecke ich auch ein bisschen hinter der Gedenktafel, aber hauptsächlich hat Bruno Deißler, Ex-Stadtrat in Weinstadt,  die Gedenktafel gedeichselt. Ich  wollte den Leuten von Wikipedia danken, habe aber deren Mailsystem nicht geblickt. Vielleicht lesen sie es ja hier: Danke Wikipedia!

Friedrich Hölderlin hätte es im Himmelreich, noch schwerer. Er müsste sich dort gleich mit 100 000 von Germanisten herumschlagen, die alles besser wüssten, als er. Bis er seine bescheidene Sicht auf sein Leben durchzusetzen könnte, bräuchte er mit Sicherheit eine  Ewigkeit.

So ist von diesem Tag an Thill entweder ein zu Unrecht vergessener oder zu ein zu Recht unvergessener Dichter geworden, was ihn aus dem Fußvolk der vergessenen Dichter heraushebt. Vage erinnert mich das an ein Vorwort zu einem Perry-Rhodan-Roman aus  dem Meister-der-Insel-Zyklus, Eingeweihte wissen, wovon ich spreche. Perry Rhodan, als Unsterblicher, hat übrigens solche Jenseits-Probleme nicht. Dieses Zitat spricht vom Rad der Geschichte, das von vielen gedreht werde, aber nur wenige seien es, die ihm die Richtung wiesen. Oder es erinnert mich mindestens an Friedrich Hölderlin, der Thill auch nicht vergessen konnte: „Es ist ein Gott in uns, der lenkt wie Wasserbäche das Schicksal.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Thill

Mein Jakobsweg mi Camino, Teil 17 und Schluss


14.6.

Molinaseca – Villafranca del Bierzo
32 Kilometer sind angesagt, und es geht tiefeben eine Landstraße durch halbverfallene Dörfer bis nach Ponferrada, und von dort aus weiter über eine lange Landstraße und halbverfallene Dörfer. Bin ausgelaugt von der Bergetappe, der Himmel ist bedeckt. Wenig Bemerkenswertes: eine wunderschöne Kirche in Cacabelos ist aus dem 19. Jahrhundert mit romanischem Kern, darin sind die Statuen in prächtige Gewändern gekleidet und wirken ein wenig wie Schaufensterpuppen. Die Maria aber nicht: Sie einfach nur groß und schön und schaut einen unverwandt an. An der Tür prangt ein Schild mit „Radio Maria“. Madonna, zieh dich warm an!

Villafranca del Bierzo gilt als das kleine Santiago, weil die Pilger des Mittelalters hier schon ihren Sündenablass bekamen, sollten sie zu krank sein, um das Bierzo dieses letzte Gebirge vor dem echten Santiago zu übersteigen. Eine schnucklige Siedlung zwischen Weinbergen, das erste was ich sehe, ist ein Maultier, das vor der öffentlichen Herberge grast und versucht, den Pilgern das Bier wegzusaufen. Meine Herberge liegt außerhalb und die letzten 500 Meter der 32 Kilometer Etappe ziehen sich besonders, es ist schon erstaunlich: Der Körper, kann sich mit dieser Dauerbelastung nicht anfreunden. Immer nach diesen langen Etappen bin ich völlig am Ende, in den Socken klebt die Hälfte meiner Hornhaut, unter den alten Blasen bilden sich neue.

Vor Villafranca del Bierzo
Vor Villafranca del Bierzo

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Hier gibt es ganz ausgezeichnete Fischsuppe, weil gerade EM ist, wähle ich das einzige Restaurant der Stadt, das weniger als fünf Fernseher gleichzeitig laufen hat und speise dort. Entdecke später in der Herberge, dass Nachtischlampen sehr dafür geeignet sind, Unterhosen zu trocknen. Der Lampenschirm ist ein ausgezeichneter Wäscheständer, die Lampe spendet die nötige Wärme.

 

15.6.

Villafranca de Bierzo – Autobahnraststätte
Es regnet, diesmal richtig. Meinem kleinen blauen Regenschirm hat es noch eine Gräte gebrochen, und als Halbkreis hält kaum mehr was ab. Es geht einfach nur einer alten Nationalstraße entlang, links Wald, rechts eine Betonwand, meditatives Regengehen ist angesagt, manche Pilger verfallen geradezu in eine Art Katatonie.

Zeit also, die verschiedenen pilgerischen Verfahren des Regenschutzes unter die Lupe zu nehmen. Die meisten haben Überzüge über Kopf und Rucksack. Die Outdoor Pilger bevorzugen Grün, die Koreaner leuchtendes Pink oder Rot, Deutsche und Holländer eher mögen eher blau, viele Italiener haben durchsichtige und sehr leichte, aber wenig dauerhafte Plastiktüten über sich gezogen, so wie der Mann, der mich gerade überholt: Ganz bei Gott, schiebt sich er sich vorbei, leise Gebete murmelnd.

An der Autobahnraststätte macht ein Windstoß aus den Resten meines Regenschirms einen feuchten Feudel und jetzt langt es. Ich nehme da ein Zimmer, lege die Füße hoch und genieße abends ein galizisches Mahl, das in jener besonderen galizischen Servierkunst aufgetragen wird: Kohlsuppe so auf den Tisch geknallt, dass das Porzellan des Untertellers splittert, ich rieche den in Weißwein gekochten Nierenbraten, als sie mit einer Körpertäuschung nach rechts ausholt, und kann so gerade noch ausweichen, als sich der Hauptgang in die Tischplatte bohrt. Eiskalte in Öl eingeweichte Fritten verteilen sich anmutig um die Trümmer des Geschirrs. Bewundernd sehe ich sie an, und sie schenkt mir einen Gesichtsausdruck zwischen Clint Eastwood und Charles Bronson, als hätte sie gerade die Casting Show „Deutschland sucht den Depri-Star“ gewonnen. Und ich weiß, was jetzt kommt: Der Nachtisch. Sie hämmert die Früchte derart auf den Tisch, dass tatsächlich das Harz in kleinen bernsteinfarbenen Tropfen aus dem Holz der Tischplatte spritzt. In der Melone steckt ein Messer wie die Aufforderung zum Harakiri.

Damit kein falscher Zungenschlag entsteht. Ich achte und verehre das galizische Volk in seiner warmen Großherzigkeit. Denn es gibt sie nun mal, diese bemitleidenswerten Erdenkinder, denen nie die Wohltat von sozialen Kontakten, ein freundliches Wort, oder die Liebe eines Menschen zu Teil wurde, und die nun leben müssen, ohne ein Wort, geschweige denn ein freundliches von sich geben zu können. Ich will es auch nicht Autismus nennen, weil man ja oft mit autistischen Menschen noch auf irgendeine vertrackte Art kommunizieren kann, nein, es sind tatsächlich, nennen wir sie kommunikationsamputerte Menschen, aber eben Menschen, denen die Galizier ein lebenslanges Martyrium in den Verwahranstalten der Psychatrien ersparen, um sie stattdessen in hübsche Uniformen zu stecken und samt und sonders zu Kellern machen.

Ich verlange die Rechnung: Das letzte was ich sehe, ist ein heller Blitz, der sich an der Kante eines scharfgeschliffenen Metalltellers spiegelt, der sich mit 200 Stundenkilometer auf meinen Kopf zubewegt

 

16.6

Autobahnraststätte – entlegenes Dorf.

Es regnet die ganze Nacht und auch noch am folgenden Tag. Schwere Träume plagen mich, Erinnerungen kochen hoch, nehme Abschiede vorweg, treffe Lebensentscheidungen. Jetzt erst geht das, nach so vielen Wochen und mehr als 2000 Kilometern. Mann war ich dringehangen im Rädchen.

imageLanger Weg durch Regenwälder, Esskastanien, kleine steinerne Dörfer und auch schon diese keltischen Rundbauten sehe ich, die mit Schieferplatten gedeckt sind. Baumgroße Holunder neigen ihre Dolden mir zu wie weiße Duschköpfe, aus denen Blütenduft abwärts rinnt. Enge gewundene Bergtäler mit Eichen. Wenn der Weg die Straße verlässt, wird er höhlenartig durch Zweige und Stämme, Flechten kleben an der Rinde und kämmen die Feuchtigkeit. Eine Koreanerin hat sich mitten auf die Straße gelegt und ist platt. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie bald noch viel platter sein könnte, dann nämlich, wenn sie von hinten ein Laster überrollt,

Aber die Kommunikation ist schwierig. Sie trägt einen pinkenen Plastikmantel, Handschuhe in Petrol und damit im gleichen Farbton wie ihre Schuhe. Ich erkläre ihr, dass sie das ganze Plastikzeug ausziehen soll, wenn es den Berg hochgeht, damit sie transpirieren kann. „Aber dann wird es mir doch kalt!“, protestiert sie. Nichts zu machen. Die Ciclistas halten mal die Schnauze, weil es wirklich steil hochgeht und das ist schön.

Wieder geht es in den Wald, Wasser schießt den Weg hinab, Steine glitschen, Schlamm schmatzt. Neben mir geht ein Spanier in langsamem Bergschritt, er entdeckt eine ältere Frau, die in einer Kehre vor sich hin steht und vor Verzweiflung Schokolade lutscht. Er zeigt auf die Geröllstrecke: „Gleich kommt ein Bus“, beruhigt er sie, und zu mir sagt er, „alle fünf Minuten kommt hier ein Bus.“ „Ja“, antworte ich, „immer wenn die Straßenbahn kaputt ist, kommt hier alle fünf Minuten ein Bus.“ Mit ruhigen Schritten steigen wir weiter bergan.

imageIch wollte schnell nach O Cebreiro kommen, scheitere aber in La Faba an einem Franziskaner Weißbier. Hier hat sich ein Deutscher vor 15 Jahren niedergelassen. Aus den Lautschprechern hämmert so ne, hab keinen Namen dafür, weil ich die Platten immer wegschmeiße, so mit rock unterlegter Schamanen-Gesang für Lama plus Digeridoo plus Drumcomputer. Der Text heißt Om und soll wohl direkt in die Omme gehen. Am einzigen Tisch außerhalb hockt steinern der Gott Ganescha, der elefantenköpfige indische Gott des Anfangs, und weil ich gerade ein Bier angefangen habe, setze ich ihm die Flasche vor den Rüssel als Opfergabe. Ich trinke mein Bier in langsamen Schlucken und passe ein bisschen auf, dass Ganescha seinen Rüssel nicht auch noch in meinen Humpen steckt. Weil inzwischen wieder eine Regenfront das Land feuchtet und etliche Pilger durchnässt, mache ich mich an meinem Regenschirm zu schaffen,

Nach einer Weile fühle ich mich beobachtet. Ganescha? Nein, der sitzt ruhig vor meiner Franziskaner-Flasche und betrachtet den dicken Mönch auf dem Etikett. Es sind drei Hospitaleros, die auf den Stufen der Veranda hocken und mir bei dem Versuch zusehen, die offenen Brüche meines Regenschirms zu schienen und den Stoff wieder anzunähen. Aufmerksamen Auges rauchen sie schweigend.

Aber wie soll ich mich begreiflich machen? Ich sei ein romantischer Poet und zu romantischen Poeten gehörten nun mal Regenschirme in denkbar schlechter Verfassung?

Je nun, die Nadelspitze bewegt sich malerisch durch den Stoff, und bald sieht jeder in der Bar ein, es hat überhaupt keinen Wert, einen Regenschirm zu flicken. Jeder außer mir vielleicht. Aber es sagt keiner was. Nicht mal Ganescha, der mein Bier langsam leer hat, und ein neues will. Der Besitzer der Bar ist außerdem noch im Geschäft mit den Reitern, die Rucksäcke und auch Pilger über die Paßhöhe bewegen. Ein Cowboy kommt vorbei und treibt die Tiere ins Tal.

Das ist jetzt gewissermaßen die letzte Bergetappe, es geht nochmal auf 1300 Metern hoch nach O Cebreiro. Das ist das Dorf, wo ich einst in dem Leibhaftigen begegnet bin. Ich hatte vor 25 Jahren in einem Kuhstall übernachtet und morgens aus unruhigen Träumen erwachend in einen hornigen Kuhschädel geblickt, weil die Viecher vor Kälte in den Stall zurückgetrabt waren. O Cebreiro ist nun ein echter Touristenort geworden. Jedes Haus ist ein Hotel, und jedes Hotel ist belegt. Ich bin länger in der Kirche, die mein Reiseführer etwas diffus als vorromanisch bezeichnet, denn darin wird der heilige Gral von Galizien aufbewahrt, was immer das sein soll. Ferne sieht man hinter Glas einen kleinen goldenen Kelch. Davor wabern rote Opfekerzen, die einer vorgotische Madonna huldigen. Nebel hüllt den Ort ein, die Temperaturen sinken, nachts werden es 2 Grad. Dazu ein unangenehmer Regen. Ich laufe von Haus zu Haus, doch es ist unmöglich, ein Bett zu finden, also trinke ich Bier. Der Barmann findet einen Bekannten, der in einem entlegenen Bergtal eine feudale aber recht leere Unterkunft betreibt. Er holt mich mit dem Jeep ab.

 

17.6

Dorf in entlegenem Bergtal – Barbadelo

Der Mann bringt mich auf den Camino zurück, und das erste, was ich in Triacastela, der nächsten Stadt mache, ist mir einen neuen Regenschirm zu kaufen. Dem unbarmherzigen Regen kann man allerdings keinen mangelnden Sinn für Romantik vorwerfen. Nebel quillt durch eichenbestandene Hänge, durch Kastanienhaine mit moosigen, fassdicken Stämmen und bizarr gezackten Ästen, zieht sich durch Farne und Holunder, wälzt Wasser über Wege und Hänge.
Ich bleibe an einer Viehweide stehen. Die Kühe haben mächtige Hörner, deren Spitzen schwarz auslaufen und die zur Seite gerichtet sind, wie die Bögen einer Lyra. Ein Mann steht neben dem Gatter, blauer Pulli, Wanderstock, Stiefel, wahrscheinlich der Bauer.

„Schön“, sage ich.
„Schön, ja“, antwortet er.

Mein Rucksack ist vom Regen vollgesogen und bleischwer, die Beine schmerzen, die Achillessehne legt sich quer und streikt. So schaffe ich es nach Sarria, einem munteren Prozenzstädchen, wo es Hamburger gibt, was mir den Neid sämtlicher vorbeipilgernder Amerikaner einbringt, die versprechen, zurück zu kommen. Gehe einen mühsamen Weg nach Barbadelo und beziehe mein Stockbett. Mehr war nicht zu kriegen. Jetzt sind es noch vier Tage bis nach Santiago. Ich will endlich ankommen. Wenn ich könnte, würde ich die Strecke in zwei Tagen mächen.

18.6

Barbadelo – Ventas de Naron

Und er ist es tatsächlich: Der Deutsche Herbergsvater aus La Faba, wartet an diesem schönen Junimorgen mit Stock und Stiefeln an einer Bar zwischen Morgade und Ferreiros. Aber nicht auf mich. Ich fürchte, Radio Camino ist um eine Telenovela reicher. Denn er hat eine blonde fußkranke Schweizerin ins Herz geschlossen, die an seinem Haus in La Faba vorbeigehumpelt war. Ich versuche ihm zu erklären, dass sie zwar wirklich nett ist aber höchstens 23 und er mindestens 53. Aber natürlich: in seinem grünen Schlapphut steckt eine getrocknete Rose und das Haarband einer Frau, ganz romantischer Poet, der Fall ist hoffungslos.

Denke an alte Zeiten: Chica, deinen Dämon bist du losgeworden, hoffentlich findest Du jetzt auch deinen Engel.

Der Deutsche berichtet von einer 2000 Jahre alte Eiche an einem romanischen Kreuz kurz vor Ligonde und glaubt, dass Jesus so eine Art Yogi war, „er hatte so eine Körperbeherrschung, dass die Römer glaubten, er sei tot, als sie ihn vom Kreuz nahmen. Er ging aus dem Grab und lebte weiter, allerdings wollte er mit den Menschen, die ihn verraten hatten, nichts mehr zu tun haben“, berichtet er.

Wenig später treffe ich jene Schweizerin, sie sitzt in kurzen Hosen im Biergarten und ich erkenne ihr Gesicht nicht gleich, weil ich ihr länger als schicklich auf den Oberschenkel starre. Von dem aus windet sich eine monströse Tätowierung bis zum Fußknöchel. Bevor ich genau erkenne, was die gelbe Krake da macht, sehe ich weg. Muss unter allen Umständen verhindern, dass sich meine Töchter so was antun. Aber wie? Vielleicht sollte ich mir selber eine Krake auf den Pelz brennen lassen, dann finden sie es peinlich und lassen es.

Der Camino ändert sich wieder. Ein überfüllter Disney-Camino. Lachende, lärmende Schulklassen wandern, ältere Männer, die darüber reden wieviel Käys (Caminoslang für Kilometer) sie schon gemacht haben, wieviele Käys sie noch machen werden und wieviele Käys sie gerade machen, wieviel Geld irgendjemand irgendwohinein gesteckt hat, wieviel Geld jenes und dieses gekostet hat, und wieviel Geld sie noch brauchen werden. Sie trotten und trampeln dahin und sehen weder Blumen noch Bäume, während die Pilger, die schon lange unterwegs sind, wie Blätter in einem Fluss kreiseln und versuchen, wieder eine Richtung zu bekommen.

Und das Gequatsche. Ihre ständig blubbernden Münder sind das unvermeidliche Motorengeräusch ihrer Fortbewegung. Schallwellen umbranden mich, dazwischen rollen nagelneue T-Shirts, hübsche bunte Turnschuhe, adrett gepackte Rucksäcke, an denen, um das Bild des zünftigen Camino-Helden abzurunden, eine Blechtasse baumeln muss, die wohl eine ähnliche Funktion erfüllt wie eine Brosche.

Doch es gibt auch einen besseren Teil dieses Tages: Die Pilgeströme bleiben in Ponferrada und in Portomarin stecken. Es wäre vernünftig, ebenfalls in diesen Städten zu bleiben, aber die drei Stunden, die ich völlig irrational weiter gehe, zeigen wieder die Magie des Weges.

An diesem Tag schließen sich Kreise mit der Konsequenz eines ablaufenden Uhrwerks. An einem Steinhaus bietet eine Australierin für eine kleine Spende Essen und Getränke an, von einem Lautsprecher tönt Beethovens Mondscheinsonate. An ihrem Haus finde ich, was ich lange suchte. Ein rotes Santiago-Kreuz, mit dem vor 25 Jahren der Weg in Galizien markiert war, bevor die gelben Pfeile überall in Mode kamen. Dieses Kreuz mit langer Spitze schien mir damals viel harmonischer, als die schwertähnlichen Kreuze, die normalerweise den Apostel zieren.

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imageimageAndächtig fotografiere ich dieses alte Kreuz meines ersten Caminos.

Abends in Portomarin. Es riecht nach Meer, ein großer Arm eines Stausees breitet sich vor mir aus, muss mal auf der Karte gucken, ob man tatsächlich von hier bis zum Atlantik kommt. Bussarde und Weihen kreisen über dem Wasser, ich bin sehr müde und es fält mir schwer, weiter zu gehen, aber jetzt ist der Weg leer und einsam. Ein Supermarktverkäufer zeigt mir, wie eine alte Brücke und vermutlich auch das alte Dorf in den Fluten des Stausees verschwunden ist.

Ein sanfter Anstieg bringt mich auf eine einsame Landstraße. Zwei Störche ruckeln durch ein Feld, schließlich, von Radlern aufgeschreckt, erheben sie sich und segeln talabwärts. Eichelhäher flattern vorbei, Licht hüpft auf den breiten Wedeln von Adlerfarn, Violett blutet aus den Kelchen der Fingerhüte.

Ja und tatsächlich, bei der letzten Rast im Örtchen Gonzar legt sich mir eine Pranke auf die Schulter: Ein deutsches Pärchen, die ich zuerst in Roncevalles traf. Meine Caminofamilie ist zurück. Sie bringen auch Nachrichten von den anderen. Die beiden deutschen Mädchen. Eine ist ebenfalls hier, die andere ziemlich zurück. Und Mensch, der Berliner? Der hat mächtig aufgeholt und höchstens zwei Tagereisen hinter mir. Weiter geht es, obwohl ich nicht mehr kann.

Nach Gonzar liegen die Reste eines keltischen Oppidums am Weg. Castromaior. Drei gut erhaltene Ringwälle wie magische Symbole in der Landschaft, darin Mauerreste.
Vor den Resten rastet ein Mann, den der Camino bald fressen wird. Ein wackeliges Zelt, das Überdach hat er als Plane auf dem Boden. Die Blechtasse voll Wein, ein Blechteller leer, auf einer Tüte Hundekuchen für die beiden Tiere, er selbst raucht Selbstgedrehtes oder Joints. Bart, vom Wind zerwühle braune Haare.

„Ich vermisse nichts mehr“, sagt er, „als ein Schnitzel mit Kartoffelsalat.“ Die Grillen schweigen, der Wind weht, die Kelten haben Punkte mit Aussicht bevorzugt, Kilometerweit kann man ins Land sehen, das vom Abendlicht in helle und dunkle Streifen zerteilt wird. Er ist Tscheche, „habe 18 Jahre lang auf meinem Bauernhof gearbeitet, 18 Jahre und nichts verdient, jetzt hat die Bank den Hof und von 18 Jahren Arbeit ist nichts“, sagt er, „ich bin einfach gegangen, einfach weg, im Winter, es war mir egal, ich bin Mitte Dezember von Prag gestartet und über Ulm und Genf nach Le Puy. Ich gehe langsam. Der zweite Hund ist mir zugelaufen, ich muss ja für beide Hunde sorgen, ich bettle, ich gehe in die Messen und frage dann den Pfarrer, ob ich etwas zu essen bekomme. Nur weiß ich nicht, was ich im nächsten Winter machen soll, und wo ich hin soll, ich kann auch mit Pferden arbeiten.“

„Wenn Du Bauer bist“, sage ich, „kannst du im Herbst bei der Ernte helfen, da suchen sie immer Leute. Danach gehst du auf einen Pferdehof und arbeitest für Essen und Unterkunft.“

Aber ich weiß, er wird es nicht mehr schaffen. Er ist schon zu weit drin im Camino.

Wir wünschen uns Gottes Segen, mehr können wir nicht füreinander tun.

Ich gehe weiter bis Ventas de Naron. Unter der Autobahnbrücke brausen Motorräder, Grüße aus einer anderen Welt. Auf der Terrasse sitzt M., der extra aus Deutschland gekommen ist, um mich zu besuchen. Wir trinken Whisky und Wein, bis sich die Wirtin beschwert, und es zu kalt wird zum draußen sitzen.

19.06

Ventas de Naron – Melide

Immer mehr Eukalyptusbäume. Frisch gewaschenes Grün, ein prächtiger herrlicher Morgen diesen Sonntag. Das romanische Steinkreuz vor Ligonde zeigt einen Totenkopf und einen Hefekranz als Symbol des Lebens, dazu Handwerkszeug. Außergewöhnlich in der Romanik. Die Pilger heute haben die Unsitte, überall Steine draufzulegen. Auf jedem Kilometerstein liegen Kiesel, jedes Feldkreuz wird gesteinigt. Ich nehme sie weg, weil sie die schönen Figuren verschandeln. Überhaupt nehmen die Graffiti überhand. Alles ist mit schwarzem Filzsstift vollgemalt, die Wegweiser sind mit Werbung vollgeklebt, die Tische und sogar die Bäume sind vollgesudelt, meist sind es Italiener, wie ich den Inschriften entnehme, nun gut, wie man aus Pompej weiß, haben die eine 2000 Jahre alte Tradition des Graffitos.

„Kann man da was sehen?“ Ich stehe vor einer hübschen romanischen Kapelle und betrachte ein Fenster, das mit zwei Säulen und steinernen Perlen verziert ist. Der Amerikaner ist braun gebrannt, schlohweißer Bart. Er hat sich eine mittelalterliche Pilgermütze gezimmert mit Muschel auf der hochgesteckten Hutkrempe. Die Kirche müsste ihm doch aufgefallen sein.

Weiß auch nicht, was drauf antworten und schweige. Der Mann hält mich wohl für unhöflich oder dämlich und geht weiter. Ich bleibe stehen, um ihn wiederum in Ruhe für dämlich oder unhöflich zu halten. Sprach- und Mentalitäsbarrieren sind nicht zu unterschätzen.

Wann und wie über die Wälder schreiben. Was heißt Wälder, es sind Eichenhaine, meist hinter Steinmauern, die sie überwachsen haben, als hätte man sie angepflanzt. Die Äste der Eichen sind gekappt wohl schon vor Jahrunderten und die Äste, die von den Stümpfen wachsen, scheinen ebenso alt. Die Stämme sehen, aus als würden sie Arme heben mit langen dünnen Fingern, die den Nebel streicheln.

Ich kann keine Bar mehr sehen, und schon gar keine Tortillas und Bocadillos mehr, und auch keine PIlger. Ich versuche, am Wegesrand zu rasten, bloß wird jeder Ort, an dem man sich einigermaßen niederlassen könnte, als Toilette missbraucht. Ich erinnere mich an ein romanisches Brücklein bei Atapuerco, auf dem deutlich zu lesen stand, dass man nicht auf romanische Bauwerke scheißen soll. Überfall flakken die weißen Tempotücher herum. Ich verstehe ja, das Frauen so was beim Brunzen brauchen, also muss ich wohl flugs das naturgrüne sich innerhalb von einer Stunde zersetzende Outdoor-Brunz-Taschentuch erfinden, ökologisch getestet und klimaneutral und damit ein Vermögen verdienen.

Leute, die nicht auf den Camino gehören sind jetzt zuhauf da. Die sich beschweren, weil ich die Tür vom Restaurant offen lasse, weil es den alten Herrschaften zieht, die sich beschweren, wenn ich mich mit Voltaren einschmiere, weil sie gerade beim Essen sind. Zwei-Klassen-Pilger: Viele nutzen den Gepäcktransport und gehen mit Tagesrucksack, die Taxifahrer, die die Koffer kutschieren, fahren wie geisteskrank durch die Kurven und drängen die anderen Pilger an den Rand.
Aber das Wetter ist toll, und es sind letztlich Kleinigkeiten. Die Großigkeiten: Der blaue Himmel über mir, der Weg unter mir.

Abends in Melide. Jetzt ist auch R. da, der ein paar Tage am Meer und in Santiago verbringen will, und mich ebenfalls besucht. Wir sitzen draußen an einem Rondell mitten in der Stadt. Das Hotel, das ich gebucht habe, ist geschlossen und ich frage mich, mit wem ich da telefoniert habe. In einer Fußballkneipe gibt es ein Pilgermenü, während die Spanier sich mit Kartenspielen vergnügen. Noch ein Mitglied meiner Caminofamilie ist aufgetaucht, die deutsche Frau, die mir in Roncevalles half, die alte Französin bergab zu bugsieren, die Kreise schließen sich, der Weg wird ein Ganzes. Begreife auch, warum sich die Leute immer wieder auf den Jakobsweg machen: Weil sie es nicht schaffen, ihr Leben zu ändern, wenn sie wieder zurück sind. Die Angst ist es, die Angst vor Veränderung.

20.06

Melide – Pedrouzo

Bin ich jetzt wirklich einen Tag vor Santiago? Habe ich wirklich einen halben Kontinent durchwandert? MIch durch Tage gekämpft, die nicht enden wollten, die müden Füße immer weiter gehoben, bis ich irgendwo ankam? Zuletzt wusste ich nicht mehr, von welchem Ort ich aufgebrochen war, wenn ich mich jemand fragte, zuviele Orte, zuviele Namen. Aber der Weg hat an diesem vorletzten Tag mich noch einmal mit seinen Zaubern überhäuft, zugewachsene Feldmauern, die Prozessionen von Steinpflanzen als Untergrund dienen. Über die Mauern sind die Eichen gewachsen, die die Steine mit ihrem Stamm festzuklammern scheinen, dann wieder Eukalyptuswälder mit den hartblätterigen Stämmen und dem unverkennbaren Duft.

Die hinkende Schweizerin ist zur Zeit der Star des Caminoradios. Den Weg rauf und runter wird ihre Geschichte erzählt. Wie sich sich tapfer den Weg entlang kämpft. Wir wandern ein Stück, sie leidet in ihrem Bürojob, ich bekomme das Gefühl, dass sie viele Jahre falsch gelebt hat. Andererseits, wer hat das nicht. Vielleicht braucht sie einfach nur jemanden, der mit ihr redet. Ich erkläre ihr, wie Eukalyptusbäume aussehen und zeige ihr Blumen. Wir gehen durch die Dörfer, die halb verfallen sind, dann aber wieder neu belebt von der Caminokultur. Immer wieder wird für Shihatsu oder so ähnlich geworben, energetische Massage für Pilger lese ich an den Schildern, die an den neu aufgebauten Steinhütten prangen.

Denke an den Schamanen zurück, der mir sagte, er könne niemanden heilen, das könne nur Gott. Deswegen würde er auch kein Geld nehmen. Aber die Wunderheiler, die für Geld arbeiteten, bilden sich vermutlich Wunderkräfte ein, doch da ist nichts, natürlich nicht.

Nebenbei: Es ist auffällig, dass die meisten dieser Wundertiere, die angeblich mit irgendwelchen Kräften der Natur arbeiten, von der Natur nicht die leiseste Ahnung haben. Sie können nicht einmal einen flockenstieligen Hexenröhrling von einem netzstieligen Hexenröhrling unterscheiden, dabei weiß doch jeder, dass der flockenstieligen Hexenröhrling einen flockenstieligen Stiel hat und der netzstielige Hexenröhrling einen netzstieligen Stiel. Einer von den beiden ist übrigens giftig. Ich kann mir nur nie merken, welcher.

„Ah, die Reservierung“, begrüßt mich der Herbergsvater. Spätabends in Pedrouzo, diesmal 34 Kilometer gegangen, damit die Etappe morgen schön kurz ist.

 

21.06

Pedrouzo-Santiago de Compostela

 

imageJetzt sind es nur noch zwanzig Kilometer. Der Weg geht immer noch durch Eichenhaine. Die alten Bäume haben sich zu kleinen Gruppen zusammengedrängt, umständen von Eukalyptusbäumen, als würde die Alte gegen die Neue Welt kämpfen, aber die Alte Welt verteidigt sich gut und das ganze in lichtdurchflutetem Glanz. Weil ich so spät dran bin, schenkt mir der Wald noch einige Viertelstunden Einsamkeit, bevor die Pilger anrücken.

Ein kölscher Kerl taucht auf, den ich schon seit ein paar Tagen immer wieder gesehen habe. Er notiert eine der Weisheiten des Caminos. Wer auf Gott vertraut, der hat keine Angst, und wer keine Angst hat, über den hat niemand Macht. Denn alle Macht beruht auf Angst.

Vom Monte Gozo hat man eine Aussicht auf vier Bäume, die vor der Aussicht auf Santiago stehen. Ein Koreaner arbeitet sich mit einem orangenen Klapprad den Weg entlang, Mann, ist das ein ulkiger Anblick. So fuhr ich ja auch: Die Kreise schließen sich, Klack, Klack, Klack.
So viele Menschen haben mich auf meiner Wanderung begleitet, Lebende und Tote, und jetzt am letzten Tag auf den letzten Kilometern geht mein alter längst gestorbener Wanderführer mit mir ein Stück und sagt ein Lebewohl.

Dann bin ich allein. An der Stadtgrenze von Santiago steht ein steinerner Pilger. Ein Mädchen weint, als die ihn sieht. Ihr Freund tröstet sie. Jetzt ist es nur noch Freude, nur noch Vergnügen, selbst durch die Banlieus der Stadt. An einer kleinen Anhöhe halte ich, der Turm der Kathedrale wird sichtbar. Ich diktiere Gedichtverse ins Handy, die mir beim Gehen einfallen.

Der Weg

Ich folgte der Straße der Muscheln und fand einen Stern

Dich

Im ruhigen Wasser meiner Ankunft stand eine Kirche

Ihr Bild zitterte in der schimmernden Dünung der Nacht

Und ihre Türme streiften die Tiefe

Dort, wo heilig wurde ein Mensch für  Menschen,

Und als ich aufstand vom Boden der Kathedrale

Wischte ich Sand von den Knien

So komm –

Jede Reise endet und beginnt am Meer

Wo die Schiffe beladen mit Träumen

Steuerlos

über den Rand der Erde ins Wirkliche gehn.

 

Nun ja, vielleicht ein bisschen pathetisch und der Mittelteil ist noch nicht gut. Wird aber.

Die Altstadt öffnet sich mit der Pforte de Santiago. Ein Touristenbimmelbähnchen rattert vorbei, die Leute fotografieren mich, ich posiere und winke. Komme mir vor, wie ein Filmstar:

„Uuuliii“, schreit es aus der Bar, ach ja, der Franzose, hatten wir uns nicht in Atapuerco gesehen? „Uuuuliiii“, der Manager läuft mir entgegen, „Mensch, seit wann bist Du da?“
Nur noch ein paar hundert Meter, dann bin ich da, am Platz vor der Kathedrale.image

Blauer Himmel, der Platz ist voller feiernder lachender Menschen. Wie wird es sein, anzukommen? Ich bin einfach nur glücklich. Glücklich, die beiden gotischen Stadthäuser links und rechts neben der Kathedrale zu sehen, die barocke Fassade, die auf das romanische Kirchenschiff aufgetropft ist, jetzt eingerüstet. Glücklich, über die Steinplatten zu gehen, auf denen die anderen Ankömmlinge sich fotografieren lassen, die Arme in die Höhe reißen, oder einfach nur erschöpft niedersinken. Lasse mich fotografieren, mache mein Facebook Posting, und dann gehe ich in die Kathedrale und lege die restlichen Dinge, die noch da sind, und die ich auf dem Weg nicht zurückgelassen habe vor das Grab des Apostels. Seine Gebeine liegen in einem silbernen Schrein, wohlverschlossen hinter Glas, davor ein schweres Tor und eine purpurn gepolsterte Kniebank. Schulklassen preschen hindurch, hinter mir.

Dann ist es Zeit, sich zu bedanken. So wie alle anderen Pilger auch, steige ich den goldgefüllten Altar hoch, mehrere steinerne abgetretene Stufen zu der großen, goldenen Statue von Sankt Jakob, die mit Perlen und Muscheln verziert ist und umarme ihn.

 

 

 

Ende

 

 

 

Nachtrag

Verluste:

Mehrere Zehennägel

Zwei Wanderstöcke,

Etwa sieben Unterhosen,

Zwei T-Shirts, wobei ich eines zu einem Handtuch umgearbeitet habe

4 Kilo Lebendgewicht.

Hält sich in Grenzen

Gewinne:

Drei Monate, die mir niemand mehr nehmen kann und wird.

Gelöste Rätsel:

Der Sinn des Universums und von dem ganzen Zeug: Da sein.
Der Sinn des Lebens: Weiterpilgern und an den Rosen riechen.
Gibt es Gott?: Ja, auch wenn man nicht dran glaubt. (Ähnlich wie beim Hufeisen)
Machst Du den Weg, oder macht der Weg Dich?: Der Weg ist ein Spiegel, der sich zieht.

Ungelöste Rätsel:
Warum, zum einbeinigen Henker, ist das im Rucksack immer ganz unten, was man gerade braucht?

 

 

 

Am Abend meiner Ankunft sind R. da und M. Wir gönnen uns eine Havanna und ein paar Canjas Bier auf einem kleinen blumenbestandenen Platz in der Altstadt. Später im Pilgerbüro lacht und scherzt der Voluntario mit mir, vermutlich bin ich mit den 2300 Kilometern Tagessieger. Ich hole mir meine Urkunde ab.

Jede Reise endet und beginnt am Meer, habe ich geschrieben. R. fährt mich nach Finisterre, das Kap am westlichen Zipfel Spaniens, das mir gleich dreimal poetisch vorkommt: Weil es das Ende der Erde ist, weil in Finisterre das Wort Finsternis steckt, und weil die ersten Pilger den Namen als finstern Stern interpretiert haben. Am Ende der Welt leuchtet ein dunkler Stern in der Finsternis, für uns.

Ich schreibe für den „Hexenmeister von Villafranca“:

Und das Meer silbern jetzt, kringelte sich in weißen Schlieren um das Kap. Die Sonne fiel gegen die Kiesel und Blumen sprossen daraus empor. Es war leise. Der Leuchtturm schwieg, und die Erde stand still. „Ich gehe mit dir an das Ende der Welt, das habe ich dir versprochen“, sagte ich. Julia nahm meine Hand. „Und nun sind wir angekommen“.

Nur – Die Welt hatte kein Ende

Das Meer wölbte sich auf, ein Fels schwamm darin, zog weiße Schlieren über den Ozean, ein Fischerboot näherte sich, Die Wolken schmolzen im Blau und wurden weniger, der Himmel drängte sich hindurch und das Meer wurde türkis. Ein Schuh stand da, angeschwemmt. Die Menschen schienen zu warten, der Schaum drückte sich zusammen und zog in einer langen Kette nach außen in die Weite. Seevögel, weiße Punkte wie Sterne von Sternbilden, schwammen im Blau, veränderten sich, wären sie Sterne würden jetzt Jahrmilliarden vergangen sein.

Dünung kam auf und zerteilte den Schaum, brach Schollen ab, weißblau wie Eisberge sein könnten. Das Fischerboot kämpfte sich voran.

Julia ging hinunter und starrte auf das Wasser. „Da ist mein Land“, sagte sie, „mein Land, da unten, da hinten.“ Das Licht schwoll auf, und ließ die Sonnenseite grau und hell werden, der Wind brach das Wasser in raue helle Stücke, schneeweiße Flächen zeigten sich wie Risse im Wasser, dahinter glitzerte es. Der Horizont verschwand. Wolkenwürmer schwebten über dem Wasser, wie weiße Drachen, hoben sie sich über das Wasser, drängen an das Kap und fluteten durch die Wälder. Möwen, immer wieder Möwen. Steine. Runde große Findlinge waren da, manche zerbrochen und hohl, wie die Schalen der Ewigkeit, als hätten sie die Zeit entlassen, manche schwarz. Ginster wuchs und Kerbel stach empor. Disteln leuchteten, Natternköpfe standen, Löwenzahn ruhte in sich, kleine Sonnen und Sternen zwischen den Steinen. Im Osten wurde das Meer dunkelblau, weiße Wokenbänge verhüllten das Land, ein Schmetterling stach vorbei. Jetzt trieben die Möwen in den Schaum hinein, der an den Felsen brach. Ganz leises Geräusch von Dünung und Brandung, Gräser zitterten wieder.

Sonne drang jetzt durch den Dunst, um den Horizont anzuzeigen, den ganzen Raum des Meeres. Ich fühlte mich, als würde ich hineingezogen in das zackige Blau der Strömung. Möwen segelten schweigend, dahinter waren Muschelbänke.image

 

Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 16

9.6.

Leon

Die Kathedrale von Leon

Ich sitze in einem Hotelzimmer und schreibe zwölf Stunden. So sollten die Tage vergehen. Zufällig ist der deutsche Polizist da, der gar nicht mehr heim- oder wegwill. Ich esse öltriefende Salami, die in Rotwein gekocht ist. Schaffe gerade die Hälfte. Die Gassen sind krumm, der Platz, auf den sie führen ist unregelmäßig. Warum fühlen sich Menschen wohl in winkligen Gassen und kleinen überschaubaren Plätzen? Weil sie der conditio humana entsprechen. Die aber ist jenseits der Ratio. Denn rational wäre es ja, gerade Gassen und rechtwinklige Plätze anzulegen. Dann ist man schneller da. Und vor allen Dingen schneller wieder weg.

Bevor es Nacht wird, noch eine kleine Statistik über Würste:
Würste in Frankreich, weißer oder grüner Schimmel, Typ Salami,sehr gut.
Würste in Lyon, Paprika-Lyoner ist unbekannt: sehr gut.
Würste in Pamplona, weißer Schimmel, sehr gut.
Würste in Burgos, Blutwurst mit Graupen, absoluter Hammer
Würste in Leon, ölgetränkte Salami mit Paprika, völliger Unsinn.

Warum verstehen sich die Leute so leicht und gut auf dem Camino? Sie haben ihre alte Leben hinter sich gelassen und sind ganz sich selbst. Jeder also, mit dem man sich anfreundet, akzeptiert einen so, wie man ist.
Der Bretone hatte mir noch einen Spruch auf den Bierdeckel geschrieben, von wegen „risikoreicher Leben und die Chancen ergreifen.“ Warum zum Henker, sind es eigentlich immer die kaputtesten Typen, die mir ständig glauben mitteilen zu müssen, wie falsch mein Leben ist und wie ich es verbessern könnte?

10.6.

Leon – Villar de Mazarife

Morgens in der Kathedrale von Leon. Die Fenster sind so groß wie ein Fußballfeld. Im Journalismus muss man ja immer alle Größenagaben in Fußballfelder umrechnen, damit die Leute sich ausmalen können, welche Dimensionen die beschriebenen Dinge haben. Ich muss zugeben, dass ich nur drei Mal in meinem Leben ein Fußballspiel in einem Stadion angesehen habe und wie die allermeisten Menschen deswegen nur eine sehr vage Vorstellung von der Größe eines Fußballlfeldes besitze. Aber damit kommt man im eisenharten Geschäft des Journalismus nicht durch. Beispielsweise ist ein Lichtjahr in Fußballfeldern ausgedrückt, ungefähr 10 hoch irgendwas und ein bisschen, was bedeutet, dass das Licht, das ein Fußball aussendet, etwa ein Jahr früher in der gegenerischen Hälfte ist, als er selbst. Kann natürlich auch sein, dass die Fensterflächen um einiges kleiner sind als ein Fußballfeld, wie gesagt, ich habe wie die meisten Menschen von Fußballfeldern nur vage Vorstellungen.

Die Fenster jedoch sind groß. Ihr Licht scheint aus der Ewigkeit zu kommen, es fällt vom Himmel durch die Heiligen hindurch auf den Boden. Es nimmt damit eine andere Richtung wie die Gebete, die durch die Heiligen hindurch nach oben müssen. Eine fünfschiffige unverbaute Anlage. Der Innenraum und die Gewölbe verschwinden unter dem Eindruck der Fenster, ein vorweggenommener Glas- und Stahlpalast, der in sich stimmt, der den Raum so überspannt, als würde er eine Geschichte erzählen von Proportionen, Harmonien von Gleichungen und Geometrie, von Gott.
Der Audioguide hingegen erzählt die Restaurierung der Kirche. Als die barocken Kuppeln abgetragen wurden und sich die neugotischen Gewölbe mit einem Knirschen auf die alten Säulen setzten, konnte keiner wissen, ob die Kathedrale nicht einfiele wie eine Kartehaus.

Ich muss aufbrechen, weiter Richtung Westen: Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.

So groß mindestens wie 10 hoch irgendwas Fußballfelder.

Die Berge des Bierzo haben sich ein paar Schneefelder aufgehoben, um sich den Nacken zu kühlen, morgen kann ich sie erreichen, schätze ich, ich will aus der kastilischen Braftpfanne um Leon heraus, ins Kühle. Schnell.

Störche kreisen am Himmel und verheißen eine gute Fahrt. Auf der Landstraße, der ich nach Villar de Azarife folge, hat der Sommer schon begonnen und brennt sich von den Banketten aus braun in die noch grünen Felder.

Wilder Lavendel jetzt und große Blumenknödel, mit akanthusähnlichen Blättern, durch die Stille von Heide und Büschen bimmeln Schafe.

Die Luft ist klar und heiß, ich biege in Villar de Azarife in das Refugio de Jesus ab. Es Ist über und über mit Graffiti vollgemalt. Im der Auberge befindet sich auch eine gepflegte Bar, in der eine Horde ungepflegter Spanier Schnaps und Café säuft. Ein wackliges Zimmer, in das genau ein Bett passt, ist nun mein eigen, unten lärmen die Spanier im offenen Innenhof, die ganze Nacht und auch gleich den ganzen Morgen.

11.06

Villar de Azarife – Astorga

„Hola, Hola“, kräht der Papagei In Villavante. „Coco“ heißt er, wie ich dem Reiseführer entnehme. Die Namen von Haustieren könnte deswegen angegeben sein, damit sich öfter ein Grund für eine Neuauflage ergibt. Aber Papageien haben ja ein langes Leben. Der Bar entnehme ich Tortillas und Orangensaft. Dann, weiter nach Westen, nach Hospital de Orbigo.

Wenn das die deutschen Umweltschützer sehen würden! Dabei weiß jedes Kind, dass Stromleitungen Todesfallen für große Vögel sind. JEDES! Nur diese blöden Störche nicht, die elegant um die Stromleitungen herumfliegen und auf den Strommasten landen, in denen sie ihre Nester gebaut haben. Die Brücke von Hospital de Orbigo, eine der großen Sehensenwürdigkeiten des Tages, sieht aus, als hätte man einen Ausverkauf von Brückenbögen hintereinander in den Fluss gestellt und zusammengemauert. Zwei Bögen davon sind noch von den Römern. Offensichtlich hatte sich der Fluss verlagert, und man musste im Laufe der Jahrtausende immer noch mal einen Bogen dazumauern. Ich überlege mir, ob die Brücke daran schuld war, dass der Fluss die Richtung änderte, weil ja auch in Esslingen gleich zwei Brücken hintereinander gebaut wurden. Es könnten ja die Brückenpfeiler die Strömungsverhältnisse entscheidend verändert haben.

Gegen 14 Uhr ist die Hitze so heftig, dass ich nicht mehr kann. Rette mich unter einen Pappelwald, und schlafe bis 17 Uhr.

Es wird wieder bergig und gegen abend kurz vor Astorga laufe ich sehr spät, sehr langsam zuerst über eine romanischen Brücke, zweckmäßig, klar, schön, dann über eine Eisenbahnbrücke, ein Stahlstangenmonster, das wie besoffen auf Stelzen schwankt. Ich erklimme den Hügel mit der Altstadt, Musikfanfaren begleiten meinen Einzug. Wollte mir ein Einzelzimmer gönnen, weil aber das berühmte Fest des Irgendwas ist, sind alle Hotels und alle Pensionen ausgebucht. Die städtischen Gebäude haben sich in festliche Fahnen gehüllt, als wollten sie es den Damen der Stadt gleichtun, die ebenfalls bunte Fetzen tragen und kiloweise Haarspray spazieren führen.

„Ciclistas“, seufzt der Herbergswirt der städtischen Pilgerunterkunft, als er sieht, dass die drei Radpilger, sämtliche Betten in Beschlag genommen haben. Er räumt den Krempel auf ein einziges Bett, damit ich meine Sachen drauf tun kann, und ich weiß die Ciclistas werden mich hassen, weil sie denken, ich sei es gewesen.

Weil die Übernachtung billig ist, gönne ich mir ein fünfgängiges Festmenü: Mit Muscheln im Fischsud, Muscheln gefüllt mir Ei und Zeugs, dazu Gemüse und Fleisch, Wein und Brot,

„Ciclistas“, seufze ich, als ich zu der Bande breitbeinig schnarchender Spanier ins Zimmer muss. Ich stopfe mir Ohrstöpsel rein, mit dem bekannten Effekt, dass ich an meinem eigenen Schnarchen nicht mehr aufwache, und es wohl sehr laut wird.

Ungeniert unterhält sich die Bande lauthals am frühen Morgen, um mich zu ärgern. Zur Vergeltung lasse ein paar saftige Muscheln-mit-Fischsud-Fürze.

 

12.06

Astorga – Rabanal der Camino.

Der bischöfliche Palast in Astorga von Antonio Gaudi.

Endlich schaffe ich es in den Palast von Astorga, den Antonio Gaudi entworfen hat. Gerade und harmonisch von außen, die Gotik ganz im Stile des Art Decco in die Fläche gezogen und dabei immer absolut schöne Proportionen. Frage mich, warum sich die Archtekten in Deutschland so sehr vor der Schönheit fürchten, dass sie immer so einen Mist in die Landschaft stellen. Innen ein Säulenwald, nachempfunden etwa der Alhambra mit ganz dünnen, nach oben gezogenen Arkaden. Im Museum finde ich zwei höchst interessante Bilder von Schweißtuch der Veronika und dem Schleier von Mara…. wie heißt er doch gleich, jedenfalls mit dem Gesicht von Jesus drauf.

Es knallt. Pulverdampf weht durch die Gasse vor dem Palast und der Kathedrale. Mehr als die vage Angabe, es sei ein militärischer Umzug, kann ich nicht aus den Leuten herausbringen. Vielleicht mögen ihn die Leute nicht so sehr. Auffallend jedoch, dass sich mehr Soldatinnen als Soldaten beteiligten. Trachtengruppen mit Kastagnetten, romantische Bläser und dickliche Würdenträger mit ihren aufgebretzelten Gattinnen, deren Highheels die Ausmaße von Tomatenstangen erreichen. Die Defilierer üben einen seltsamen Wiegeschritt, herrlich, als ob die ganze Belegschaft besoffen wäre. Ein geruhsames Schwanken zu dramatisch romantischer Blasmusik. Und weil es eben vor dem Palast von Gaudi ist, kann ich nicht umhin, angesichts der Soldaten mit ihren Gewehren den Witz zu posten, Mordsgaudi in Astorga.

Der ganze Umzug verzieht sich in die Kneipe oder in die Kirche, ich mache beides. Erst Kneipe, dann Kirche.

Zeit für die Messe, kleine Mädchen in weißen Hauben und geschlitzten blauen Kleidern nach Landsknechtsart halten Lilien in den Händen, ich quetsche mich mit dazu, weil es sonst keinen Sitzplatz gibt. Nehme noch mit einem Pressefotorafen Kontakt auf, doch der hat keine Zeit und muss schaffen.

Der wenige Sätze der Predigt kann ich mir übersetzen: Die Sünde, sagt der Bischof, ist der menschliche und der soziale Tod. Das ist es. Während der menschliche Tod in der Trandszendenz stattfindet und die Dösköppe in der Regel nicht interessiert, ist der soziale Tod aber höchst wirklich. Deswegen gibt es auch wohl dieses Sektierertum der Macht, weil die Mächtigen asozial sind. Außerhalb der Gesellschaft.

Ich erfinde ein Gleichnis zum Religionsfrieden. Ein Vater hat drei Söhne. Ein Sohn geht zu seinem Bruder und zündet sein Haus an. Was glaubt ihr, würde der Vater mit diesem Sohn machen?`
Ich schließe die Augen. Die Stimmen schweben herrlich in dem Chorraum und tragen meine Seele mit durch die Dunkelheit.Die Mädchen treten vor und überreichen dem Bischof ihre Lilien, die Würtenträger bekommen Händedrücke, ihre Gattinnen küssen die Hände, und in einem Dunst aus Ruhe und Weihrauch, verlasse ich die Kirche, selten so einen festlichen schönen Gottesdienst gesehen.

Die Mädchen überreichen Lilien

Es geht in das Bierzo.

Der Himmel bedeckt sich, und die Wolken ziehen schamhaft den einen oder anderen Regenschleier herab, vermutlich, damit man das schlechte Wetter nicht so sehr sieht. Schnurgerade schießt jetzt der Camino durch hellblühenden Ginster.

Die Landschaft ändert sich völlig. Kleine Bergrücken werfen sich zum Bierzo auf, Ginster, Lavendel und Pinien duften, flache Eichen bilden dicke Teppiche. Mit der Landschaft ändern sich die Dörfer. Romantische Steinhäuser mit unverputzten Mauern, viele halb verlassen und in Ruinen.

Ich schreibe für den Hexenmeister:
„Das Haus war eingefallen und aufgegeben, der Dachfirst in der Mitte zerbrochen. Rosmarin wuchs, eine Firstmauer stand noch wie eine Pyramide. Die Mauerkronen waren abgebrochen, an den Bruchkanten klaffen weiße Steinwunden auf, Mauerpfeffer wölbte sich über den Brüstungen und polsterte den Untergang.
Es waren große flache Steine. Hellbraun, dunkelbraun, wie ineinander verdreht. Die Mauern schräg, kragend, verschränkt, als hätten sie miteinander gekämpft bis zur Zerstörung. In der Firstwand waren die Fensterhöhlen zugemauert und bildeten Nischen. Als die Sonne sank, legte sie Schatten in die Fensterhöhlen, dass sie aussahen wie dunklen Augen des Untergangs.

Am Nachbarhaus ragten noch Dachsparren mit Resten von Stroh empor, manche Dachbalken und Latten formten Kreuze. Das Holz sah aus wie angeschwollen, war schwarz gebrannt in der Sonne, Nägel stachen hervor, giftige Stacheln, darunter abgeblättert an der Tür ein alter Anschlag, er versuchte, die Jahreszahl zu entziffern, 1841 stand da.

Er ging weiter. Entdeckte jetzt noch weitere Mauern außerhalb in den Feldern. Für die Schafe, dachte er erst, doch dann wurde ihm klar, was er für Viehpferche gehalten hatte, waren in Wirklichkeit nichts anderes als Grundmauern. Er konnte Straßenzüge erkennen, Reste eingefallener, einst kümmerlich errichteter Tore, er konnte Brennnesseln sehen und Calendula, die unter den Mauern hervor wuchs, er entdeckte im Gras zwischen den Ruinen eine leichte Wölbung die sich nach Westen zog, es müsste eine zugewachsene Straße sein.

Dazwischen kleine Bäume, ein Apfelbaum darunter, verkrüppelte Disteln, ein paar Pappeln standen da und hinter ihnen öffnete sich die Landschaft. Berge mit flachen Schneeflecken, die ihre Köpfe zierten, wie die Schlitze in den Helmen von altertümlicher Samurai. Wind wehte, ließ die gelben Kugeln der Zwiebeln nicken. Lavendel leuchtete. Der harte Westwind trieb ihn zurück.

Wie eine ausgebreitete Hand fetzten die Wolken, sein Mund wurde trocken.Kühner Zeit-, Stil- und Perspektivenwechselr, et alors:


Bevor ich Reißaus nehmen kann, erscheint eine riesige Clownsnase. Ich springe zur Seite, das Blut rauscht in meinen Ohren. Das Herz hämmert, meine Hände zittern unkontrolliert. Der Schock krampft meinen Körper, ich lehne mich an eine Mauer, die Kühle bringt meine schon halb in den Wahnsinn verlorenen Sinne zurück. Ich stehe lange so, atmend. Der Wind weht über mein Gesicht. Meine Seele überschreitet mehrere Rubikönner, knallt etliche Würfel auf den Boden, ich atme durch. Nun gut, Odin, du Gott der Schlachten und Kriege, du willst Männer sehen? Das wirst Du. Ich treffe dich in Wahlhalla und dann wirst du mir Rede und Antwort stehen! Vorsichtig nähere ich mich dem Mann. Eine rote Leuchtspur vor mir. Die Nase glüht. Lautlos schleiche ich mich noch zwei Meter heran. Da! Plötzlich! Jetzt! Der Wind dreht, ich springe gewandt ein paar Schritte zur Seite, damit er meine Witterung nicht aufnimmt. Er hat mich nicht gesehen. Ich folge ihm weiter. Schweigend, ganz Jäger, ganz Krieger, ich lechze der Entscheidung entgegen. Das ist das Leben, endlich: Der reine nackte Kampf Mann gegen Mann, wo nur Mut, Kraft, Kühnheit und Schnelligkeit zählt. Die Maske der Zivilsation ist abgefallen, da wo sie hingehört in den Orkus der Überkultur. Laut pocht das Blut in meinen Adern, ich balle die nervigten Fäuste, ergrimme die Miene, und mit einem wilden Satz springe ich hinter ihm hervor.

Es ist ein Brasilianer.

Wo er denn bloß diese rote Clownsnase herhat?

Ob ich einen Bretonen kennen würde?

Mehrere Minuten später ist mir klar, dass er Neo kennen gelernt hat, der egal in welcher Kirche er auch war, den Statuen des Heiligen Santiago eine Clownsnase aufsetzte. Anschließend hatte er sich selbst mir einer zweiten Clownsnase daneben gestellt und sich fotographiert. In einer Kirche von Soundso hat der Bretone die eine Nase wohl an der Statue vergessen. Jetzt nimmt sie der Brasilianer hin und wieder als Sonnenschutz.

Seine Begleiterin ist Französin, die in Deutschland wohnt, ja sie hat einen Sohn, ist geschieden, sie hat ihren Job gekündigt, weiter frage ich nicht, ist auch unnötig. Sie erklärt mir en passant einen Vorteil des Caminos speziell für Mädchen. So wie jeder andere Pilger auch hat sie zwei Hemden und zwei Hosen, die je nach Grad der Verschmutzung abwechselnd getragen werden. „Und daheim, stehe ich dann morgens wieder auf“, seufzt sie in gespielter Verzweilfung, „und weiß nicht, was anziehen.“

Vielleicht wäre es an dieser Stelle Zeit, mal wieder über Unterwäsche zu reden.
Ich hatte davon gehört, wenn ich mich recht erinnere, im Jahr 1986, damals als ich mit großen Augen nach China aufbrach, um ein Land zu bereisen, das so fremd war, wie heute vielleicht China. Man hatte mir erklärt, dass die Chinesen auf dies Art reisten, aber ich glaubte es nicht. Später dachte ich, das können halt die Chinesen, wir nicht, und dabei habe ich es belassen. Im Ernst, das soll funktionieren?

Dann, Jahrzehnte später, es war um das Jahr 2013, hörte ich wieder davon, ausgerechnet im Nürtinger Hof in Reutlingen, wo ich auf meinen alten Freund W. wartete. Ein Mann saß da alleine, um die vierzig, leicht übergewichtig, das offene karierte Hemd verriet den weitgereisten Mann. Sicherlich schon mal in Betzingen gewesen. Er erklärte es mir wieder, so sei er den Camino de Santiago gegangen, mit nur sieben Kilo Gepäck. Weil er, …..

Schlagartig wurden Zeit und Raum durchbrochen. Er kannte die chinesische Methode? Man duscht, wäscht während der Dusche die Unterhose und die Socken mit Seife aus, dito das Unterhemd, und legt anschließend seine zweite Garnitur an. Das Ganze lässt man über Nacht trocknen, hat am nächsten Tag frisch und wandert mit so gut wie keinem Gepäck durch die Welt.

Ausgestattet mit dieser Weisheit des Orients und einer dritten Unterhose hatte ich mich auf den
Camino begeben. Ich, so glaubte ich tumber Tor, der ich damals war, verfügte über die Weisheit des einfachen Reisen, ich, so wähnte ich, kannte die Geheimnisse von Franziskus, Antonius, Benediktus und den ganzen anderen Typen mit Heiligenschein und höchstens zwei Unterhosen und so kam ich —- bis eben Figeac.

Als ich dort aus der Dusche stieg, trocknete ein Damenspitzenhöschen und ein Hemdchen an der Heizung. Schockartig wurde mir klar, ich war nicht allein. Wer kann Ermessen, was es heißt, nach so vielen Wochen des Wanderns- und Radfahrens wieder aufgehoben zu sein, in der Gemeinschaft der Unterhosen-Duscher. Alles drehte sich um mich und ich hielt mich an der Heizung fest.

Doch da war schon klar, dass auch diese Zeit der Geborgenheit in jener Gemeinschaft nur vorübergehend war, vorübergehend sein konnte, so wie sich alles änderte, ändern musste, um im ewigen Stirb und Werde zu sterben und neu zu werden.

Denn manche Duschen waren auf der Strecke zwischen Tübingen und Santiago so versifft, dass man nicht mal seinen Arsch darin waschen mochte, geschweige denn die Unerhosen. So hatte ich mir folgende westöstliche Waschweisheit zugelegt. Vier Garnituren Unterwäsche reichen. Wenn alles dreckig ist, die asiatische Methode anwenden bis zum nächsten Waschsalon. In Spanien gibt es sogar welche, bei denen das Waschmittel im Preis mit drin ist.

13. 6
Rabanal der Camino – Molinaseca.

Es geht auf Trampelpfaden in die Berge. Jetzt sind wieder Neupilger am Start, die von Leon angefangen haben, aber eher unangenehme Leute, diese Sorte zweckorientiert und leistungsgerecht, weil sie wissen, dass sie hier den Camino mit dem wenigsten Aufwand und der schönsten Landschaft machen können. Sie haben sich in Outdoor-Klamotten geschmissen, nehmen an den schwierigen Stellen Taxis, und es fehlt nur noch, dass sie so etwas wie „Wenn die bunten Fahnen wehen“ singen.

Menschen: Der alte Amerikaner, der ein Maultier dabei hatte, auf dem Maultier saß seine richtig fette Frau, und das Maultier musste auch noch einen Karren mit dem Gepäck ziehen.

Menschen: Der Holländer kommt rein, trompetet mit den Lippen. Hut, dicke weiße Beine: „Du bist Deutscher?“ „Ja!“, „Gehst Du nach Santiago?“ „Hab ich vor“. „Ich muss leider aufgeben wegen der Blasen. Eine davon ist so groß, dass ich ihr einen Namen gegeben habe: Fred.“

Kurz vor der Passhöhe auf etwa 1400 Metern liegt das Dorf Foncebadon, wo es Franziskanerweizen gibt. Der Wirt erzählt, dass dieses Dorf vor 20 Jahren gänzlich verlassen war, durch den Camino ist es jetzt teilweise wieder besiedelt. Ich könnte mit ausgebreiteten Armen den Berg hinabsegeln vor Freude. Damit habe ich also dieses Dorf ohne Namen gefunden, das mir damals vor 25 Jahren so absolut unheimlich war, dass ich darin den Schluss des Hexenmeisters ansiedelte. Ich habe es wiedergefunden, nach all den Jahren.Ein Zauber liegt auf diesem Tag, den ich nicht beschreiben kann. „Hast du die Pyrenäen gesehen?“, fragte mich Serge, der vom Algerienkrieg gezeichnete Franzose, vor 25 Jahren, an genau dieser Stelle. „Ja“, antworte ich nun 25 Jahre später, „jetzt habe ich sie gesehen.“

Foncebadon

Wie riesig sie sind! Beim Aufstieg von Foncebadon bis zum Cruz del Ferro sieht man die Bergkette nicht etwa als schwachen blauen Schimmer, sondern als kraftvolle Wand, die den Himmel trägt. Dazwischen liegt das Land, das ich drei Wochen lang durchwandert habe. Tatsächlich kann ich die ganze Strecke sehen! Wo gibt es noch ein Land, das einen Punkt hat, wo man vom einen Ende bis zum anderen blicken kann (außer dem Vatikanstaat vielleicht).

Könnte den Berg hinabsegeln vor Freude

Hexenmeister:

„Er ging über Gras, das Gott weiß wie lange niemand mehr gemäht hatte. Er kam an einem hölzernen Kreuz vorbei, mit seltsamen Kreisen verziert, das schräg auf seinem Sockel lehnte, wie ein Todkranker an seiner Krücke. Es ging weiter hinauf. Er drehte den Kopf, und sah es über den Pyrenäen schwarz aufsteigen. Der Dämon kam.

Die Täler öffneten sich. Wolken ließen Fledermausschatten über die Berge wandern, der Rosmarin starb, Ginster wurde weiß vor Schmerz.“
Auf der Passhöhe bin ich endlich am Cruz del Ferro. Mehr als tausend Jahre wäre also der Steinhaufen alt, in dessen MItte ein fünf Meter hoher Mast prangt, in dessen Spitze ein einfaches Eisernes Kreuz gerammt ist. Die Pilger legen Steine ab, lassen hier ihre Lasten zurück, doch viele nutzen den Steinhaufen nach jüdischer Sitte zum Totengedenken, die Steine tragen Namen an von angehörigen, Fotos sind aufgesteckt, kleine Schmuckstücke oder Bändel liegen am Boden. Ich lege einen kleinen Feuerstein hin, den ich an der Ostsee gefunden habe. Eine Frau freundlich lächelnd kommt mir entgegen, wartet bis ich den Steinhaufen verlassen habe und klettert dann selbst hinauf, um in der Stille ihren Stein loszuwerden.

Mit weiter Aussicht geht jetzt ein Schotterweg auf der Höhe, ich treffe den Brasilianier wieder, der wohl mit der Französin etwas näher bekannt geworden ist, Futter für das Radio Camino. Die zwei turteln, ich aber tanze die Steine herab. Halte, weil ich jetzt Bilder sehe, wie ein Deja-vu. Vor mir die Berge von Gallizien, ein neues wuchtiges Panorama, und ich weiß, dass ich damals genauso stand. Unter mir auf einem schmalen Felssporn das Dorf El Acebo, eine Insel, die in einem Panorama schwimmt, das hunderte Kilometer Sicht gewährt. Damals rastete ich dort ergriffen, trank Wein, und übernachtete in einem Steinhaus. Ich habe also nicht nur das zerstörte Dorf gefunden sondern, auch jenes, in dem ich die Hexe zum letzten Mal sah. Sie war, glaube ich komplett durchgeknallt.

Jetzt ist es ein ruhiger Touristenort, in dem Pilger gemütlich ihr Bierchen trinken, und den Spatzen dabei zusehen, wie sie ihnen den Kuchten wegfressen. Jetzt treffe ich die Israelin von den Pyrenäen wieder, ihre Freundin ist schon voraus und wieder zurück, sie musste heim. Ein Ring hat sich geschlossen

Mächtig felsig das Nachtigallental, in das ich jetzt absteige, brauche beide Stöcke und volle Konzentration, um den Weg hinunter rennen zu können. Der Wind zaust die Heidekrautbüsche, gigantische Esskastanien, unten am Fluss in Molinaseca nehme ich mir noch einmal ein Einzelzimmer, will die Pilger, Marke Generaldirektor und – die werden Augen machen im Golfclub – gerade nicht sehen. Wieder so ’ne lange Brücke vor Molinaseca mit romanischen Bögen. Die Spanierinnen stöckeln sich über die alten Bodenplatten und lachen sich halbtot dabei, wenn sie balancieren müssen.

Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 15

01.06
Burgos – Hornillos del Camino.

Schon wieder die gleichen Leute am Morgen in diesem Café in Burgos. Sollte es sich um das Barpersonal handeln? Komme spät los, schüttele die Nacht und die Müdigkeit ab, gehe noch einmal an der Kathedrale vorbei. Das war jetzt einfach Urlaub vom Camino, drei Tage und die waren gut. Es geht jetzt in die staubigen Mesetas. Doch im Frühsommer, vor der Ernte, sind dort nur große grüne Weizenfelder. Weizen und HImmel, unter dem sich manchmal eine Talsenke öffnet, Ausblicke die mir bekannt vorkommen wie die schwache Erinnerung an einen Traum.

Abschied von Burgos
Abschied von Burgos

Ich gehe sehr langsam.

Die Berge stoßen durch das Grün hoch, wie Eruptionen von steinernem Treibeis, sie tragen Felsentrümmer auf ihren Spitzen, und ihre Flanken sind in weißem Staub eingetrocknet.
Die Pappeln lassen luftige Baumwolle fliegen, weiße Seide. Liegt wohl in der Natur der Sache, dass ich auch mmer an Andenken denke, eines der schönsten Gedichte Hölderlins: An Feiertagen gehen die braunen Frauen daselbst auf seidenen Boden. Dazwischen trockenes Stapfen durch die Dörfer, kleine Steinsiedlungen.

Ein jeder ruhe im Schatten des anderen.
Ein jeder ruhe im Schatten des anderen.

In einem Pferch eine Herde glattgeschorener Schafe, ganz in der Hitze zusammengedrängt unter einem viel zu kleinen Baum. Ich denke: Ein jedes suche den Schatten des anderen. Nein, ein jeder ruhe im Schatten des Anderen. Pulks von Tauben picken. Ich halte oft an Steinhaufen, die in der morgendlichen Schärfe wie kleine Landschaften wirken, die Blüten über sich gezogen haben und sich mit Kreuzen schmücken.

Vor dem Mittag war der Morgen voller Magie, doch die Sonne steigt. Das Grün wird bleich jetzt, wächsern, die Stille erst festlich, dann trocken. Wie mit dem Griffel ausgekratzt ziehen sich Bachläufe durch hartes Grün. Der Himmel ist erst prächtig blau, dann fahl. Mittagszeit, die Schatten ziehen sich erschrocken zurück, vor der Gewalt der Sonne.

Weizenfelder stemmen sich gegen die Berge, werden dabei Gistergelb und mohnrot.

Landschaft geschottert und geschichtet. Auf den fernen Hügeln weiß man nicht mehr, wo die Äcker aufhören und die Steinwüsten beginnen. Ganz weit weg treiben Berge im Blau mit weißen Schneeflächen.

Geschichtete Landschaft
Geschichtete Landschaft

Hier hat nicht nur Don Quichote Pause, auch die Windmühlen ruhen. Weiße Spargel, die den Wind von sich abtropfen lassen, als ginge er sie nichts an.

Gehen ist wie meditieren oder wie ein Gebet.

Gelb von Ginster und Rot vom Mohn, Ich habe die großen Dinge hinter mir, die Pläne B und C geschmiedet, Bäumen und Schatten gibt es kaum mehr, aber tatsächlich einen schön angelegten Rastplatz, bestanden mit Pappeln. Die Blätter der Pappeln flattern wie Vögel und rascheln, ich schließe die Augen und das Rascheln und Flattern hört sich an wie Regen, ein Regen aus Grün und Ruhe.

Schreibe mein Gedicht weiter, aber der Schluss gefällt mir noch nicht.
Die Königin

Die Nacht aber war hell unter den Kirchenbogen
Und als wir Küsse tauschten
Wurden sie wie Worte,
Die sagten, geh nicht

Und deine Spur noch Königin stand
lange wie langsam bröckelnder Stein
Unter den Sternen,
bis sie verwehte, wo du gingst,
zu Staub.

Ich aber trieb lange
den Fluß mit dem Totholz der Jahre
bis dahin, wo die Wasserfälle sind,

Tausend Tropfen, Geliebte,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Und Perlen auf das Ufer rieseln,

Weil du wieder da bist.
Will mich für das Geschenk bedanken, auf dem Weg zu sein. Doch hier in Kastilien sind die Kirchen meist geschlossen.
Leute, eine Kirche, die zu ist, nützt keinem was!
Weder Gott, noch dem Priester, noch den Gläubigen. Versuche gedanklich herauszufinden, warum man stahlblauer Himmel sagt, schließlich ist Stahl alles andere als blau. Vielleicht war es einst ein Wort für einen eisernen Himmel, der grau war, und hat sich dann in der Bedeutung verselbstständigt. Sicherlich nicht nötig, darüber einen Aufsatz zu schreiben, denn den gibt es sicherlich schon. Wie sagte einst mein alter Freund, der Chaosforscher Otto E. Rössler, niemand kann das Rätsel der Farben erklären.

Der Hügel von Castrojeriz
Der Hügel von Castrojeriz

image

Fritz The Cat habe ich nicht mehr gesehen, und würde gerne wissen, wo er steckt. Flugs, das Camino-Radio eröffnet, und damit ein Vermögen verdient. Sagt zuverlässig durch, welche Herberge in welchem Dorf belegt ist, gibt Tipps für die lange Wanderschaft, und weiß zuverlässig, wer mit wem und wo die auffälligen Figuren gerade rumhängen.

Ich steige von den Weizenhochebenen ab nach Tardajos.
Raste in einer kleinen Eremitage, ein Kirchlein kaum größer als eine Telefonzelle, fülle am Brunnen die Flasche.

In der Bar gegenüber der Kirche tschilpt es gewaltig. Die Schwalben haben genistet, drei Londoner Girls haben sich eingenistet, sind schon gut an die 70 und erzählen vom Schüleraustausch nach Deutschland. Freunde geblieben eine Leben lang, für die Deutschen damals muss es ein Betonhammer auf den Holzkopf gewesen sein, aus dem spießigen Frankfurt in das Swinging London gekommen zu sein. Die Älteste hat noch so etwas British unbewegliches in ihrer Gestik, den Kopf ganz gerade, die Augen unverwandt auf die Dinge gerichtet.

Während ich mich erhole, schimpfen die Schwalben. Ich betrachte lange ihre braunen Kehlen, weil sie mich an die schönen alten Drucke erinnern, die den Tierbüchern des 19. Jahrhunderts beigegeben waren. Ich muss ja noch herausfinden, warum die vielen Koreaner auf dem Camino sind. Koreamino, Koreatino. Ein Österreicher behauptete, das würde ihre Berufsschancen verbessern, aber das glaube ich nicht. Ein koreanischer Junge kann kaum mehr gehen, ist an seinen Grenzen und wartet erschöpft unter einem Dachvorsprung. Ich frage ihn: Er will sich selber finden. Mit diesem Satz belehrt er mich und ich belehre ihn: Nur wenn du deine Grenzen findest, kannst Du dich selbst finden, denn du bis ja innerhalb ihrer.
Dass man sich nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss, kann er noch nicht wissen, auch nicht, dass jede Selbstkonstruktion eine Lüge ist und irgendwann scheitert. Bis man sich neu erschaffen muss. Wir müssen uns Sysiphus als glücklichen Menschen vorstellen.

Aber ich verstehe jetzt, warum das Leben eines jungen Mannes so sehr von Grenzgängen geprägt ist.

Die Berge sind wie Schnecken davongezogen und haben eine grünschillernde Spur auf der Erde hinterlassen. Es ist unmöglich keine Fotos von Mohn und Korn zumachen, unmöglich auch, keine Bilder von Himmel und Äckern zu schaffen, ein Zauber legt sich auf die Fluren, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

In Hornillos del Camino wartet der dicke jemütliche Lutz mit einer Büchse Bier. Ganz familiäres Refugio mit Innenhof, in denen die Pilgerei den Fußpilz lüftet und nebenbei am Händy spielt. Wir essen gemeinsam. Ich muss mal wieder übersetzen, die gute Herbergshilfe sucht leise piepsend einen „onteiler“, Ich brülle „John Taylor“ über den Tisch und als sich ein würdiger älterer Herr meldet, bekommt er einen herrlichen Salat serviert, worauf ich brülle, ich sei auch John Taylor.

Mist, schon wieder sitze ich beim Scheißen im Dunkeln. Die Spanier haben in den besseren Klos Bewegunsmelder installiert, die immer dann das Licht ausschalten, wenn es am Schönsten ist. Ich wackle mit sämtlichen noch beweglichen Teilen meines Körpers, um das Licht wieder in Gang zu bringen. Versuche, die durchschnittliche Dauer eines spanischen Schisses aus der durchschnittlichen Leuchtdauer des Bewegungsmelders zu berechnen, kann aber im Dunkeln mein Handy und damit den Taschenrechner nicht finden. Beschließe, einen elektrischen Tasmanischen Teufel zu erfinden, der auf dem Klo hüpft, damit das Licht anbleibt, und will damit ein Vermögen verdienen.

Meine Achillessehne ist so dick und entzündet wie eine ungarische Paprika. Ein Schamane ist da, legt das Bein auf den Schoß und heilende Hände darüber. Ich soll mit ihm reden, und erkläre die Tiefenmetaphorik in Hölderlins Gedicht „Andenken.“
Der gesunde Fuß fängt plötzlich an, unkontrolliert zu zittern, der kranke jedoch liegt fett und schwer da wie tot. Muss es wohl doch bei den Sportmedizinen in Tübingen versuchen.

2.6

Hornillos del Camino-Castrojeriz

Weiter durch die Mesetas, ich glaube meinem Reiseführer, dass Mesetas Tischchen heißt und damit die kleinen Berge gemeint sind, die über die Weizenwellen kriechen. Der Zauber hält an bleibt, ich schicke meinen Freunden ein wogendes Weizenfeld. Das einfachste ist das schönste. Natternköpfe, Kornblumen und immer wieder Mohn. Auf den Kirchtürmen nisten Störche, wo sie hingehören. Die Pfeile auf dem Weg werden weniger, aber man kann den Klecksen von Sonnemilch entlang gehen. Später wird mir klar werden, dass die weißen Flecken Vogelscheiße sind. Hey kalter Wind wo kommst du denn jetzt her? Ich folge den verendeten Bananenschalen, die schwarz gebogen auf dem Weg liegen wie Krähenfedern
So verlaufe ich mich nicht, wie auch. Der Weg zieht sich meist kiesig, manchmal geröllig geradeaus.

Die Ruinen von San Anton
Die Ruinen von San Anton

Gegen Ende des Tages warten die Ruinen von San Anton, jetzt gottsallmächtig mit allen möglichen Schildern und Hinweisen ausgestattet auf denen ein Tau prangt, der Buchstabe vom heiligen Toni. Damals, erinnere ich mich, führte ein Feldweg durch. Damals waren zwei ältere Holländerinnen mit mir im Quartier, die mir auf den Wecker gingen und die Angst hatten vor den Hunden in der Ruine. Es gab keine Hunde. Die Damen hatten nur das Wort „Pero“, Stein, mit dem Wort „Perro“: Hund verwechselt. Jetzt aber ist keine Verwechslung mehr möglich. Die Ruinie ist eingezäunt und gesichert, und die Schilder warnen jetzt tatsächlich vor dem Perro, dem Hund, der den Campingplatz dort bewacht.

„Die machen machen zu viel Lärm, die Deutschen“, sagt ein Franzose. Ich erkläre ihm, dass ich Deutscher sei, aber französisch sprechen würde. Der Mann hatte vor dem Kirchenportal geschlafen, und geht jetzt durch die Kneipen um zu betteln. Der Weg hat diesen Mann verschlungen. Er lebt auf dem Weg und von dem Weg, bettelt sich durch kommt niemals an, hat sein Zuhause ausgegeben. Er hat keine Zähne mehr, an die Siebzig, die Haut wie die eines Panzernashorns, Wollmütze, stinkt.

Die beiden deutschen Mädchen haben sich getrennt. Die ältere ist weiter gezogen, die jüngere, die mehr Zeit hat, bleibt, um sich auszukurieren. Sie hat die Füße offen. Sie hatte sich in Burgos Sandalen gekauft und war ohne Socken in den Sandalen gewandert, kein Wunder. Wer hat eigentlich behauptet, man dürfe in Sandalen keine Socken anziehen? Kretins und Modelaffen – jetzt muss die Kleine die Rechnung zahlen. Auch hat sie sich die Blasen aufgestochen und damit offene Füße. Auf dem Camino gibt es dazu geteilte Meinungen. Ich steche sie nicht auf, weil ich mir denke, dass die absterbende alte Haut und das Wasser die junge Haut darunter schützt. Die Italiener haben die Blasen des Mädchens aufgestochen und Fäden durchgezogen, damit das Wasser rauskommt. Weiß nicht ob, das gut ist. Jedenfalls hat sie sich aus Damenbinden saugfähige Einlegesohlen gebastelt.

Unsere Unterkunft ist gleichzeitig eine alte Kelter und ein überschwänglicher Herbergswirt führt uns in den Keller, den noch die Römer gebaut haben. Auch die Reste einer Weinpresse sind zu besichtigen, und ich erprobe meine Schauspielkünste, indem ich im Schweiße meines Angesichts, die Presse bediene. Es geht ganz leicht, zumindest für mich. Ich darf das, hab ja auch den Presseausweis dabei.

Der Manager: Mich hat es komplett zerlegt. selbst und ständig, selbstständig, die haben mich am Heiligen Abend um 17 Uhr angerufen. Ich war so kaputt. Er will jetzt mit den Händen arbeiten, vielleicht Häuser renovieren und verkaufen.

Der Mann: Ich will das ganze vergessen. Wenn mich jemand fragt, sage ich, dass ich bin hier aus Interesse aus Abenteuerlust.
Die Französin: Sie hat Leukämie und weint oft. Sie ist von Paris aus gegangen. Die ersten 40 Tage wurde sie gefragt, „und du bist ganz alleine?“ „Ganz alleine.“ „Und du hast keine Angst gehabt?“ „Angst wovor?“, hat Sie geantwortet. Am 41 Tage haben sie zwei Männer verfolgt mit dem Auto im Wald. Sie wartete ab, fotografierte das Nummernschild. Dann verzogen sich die zwei. Vom 42sten Tage an hat sie auf die Frage, „hattest Du keine Angst geantwortet?“ „Ja ich hatte Angst.“

Ich trinke auf die Zukunft, sie auf die Gegenwart. Die Sekunde, die Minute, dieser Punkt der mathematisch nicht fassbar ist, zwischen Vergangenheit und Zukunft, der unendlich klein zu sein scheint, und der doch alles beinhaltet, unser ganzes Leben, alles was geschieht. während die Vergangenheit eine Konstruktion und die Zukunft eine Illlusion ist. Ist Gott derjenige, der mit beiden Händen den Zeitstrom auseinanderstemmt, damit es einen Platz gibt für uns, für unsere Gegenwart?

Zeit existiert nicht, sagt sie brüsk.

Leise zischen meine Füße, als ich sie in den Whirlpool hänge, um die Entzündungen zu lindern. Durch den Garten flattern Fledermäuse. Immer und immer wieder kreiseln sie um die Ruinen eines zusammengestürzten Wohnhauses wie schwarze Schmettterlinge.

3.6

Castrojeriz – Fromista.

Castrojeriz ist ein Straßendorf, das lange unter einem Hügel auf bessere Zeiten gewartet hat, bis sie eben mit der Renaissance des Caminos kamen. Für das Schloss auf dem Hügel kam die Renaissance zu spät, es ist nur noch Ruine, und für die vielen Kirchen und Klöster ist noch kein Plan ersichtlich. Eine gewaltige Walze aus Landschaft liegt quer hinter Castrojeriz und die Pilger erklimmen die Stufe jeder auf seine Weise. Ich mach langsam. Knirsche den Kies hoch und freue mich an den Blumen.

Ich denke mir für das deutsche Mädchen einen Witz aus, um sie aufzuheitern. schreibe, sie könnte sich die Damenbindeneinlegesohlen patentieren lassen und unter dem Namen: Always Ultreya vermarkten.

Auf der Höhe sehe ich lange ins Land und schreibe. Ferne Hügel sind mit Windmühlen bestanden. Wo sonst sollte man Windmühlen bauen als in Spanien. In der Reflektion der Gegenwart gelingt es mir, das Gedicht zu beenden.

 

Die Königin

Die Nacht aber war hell unter den Kirchenbogen
Und als wir Küsse tauschten
Wurden sie wie Worte,
Die sagten, geh nicht

Und deine Spur noch Königin stand
lange wie langsam bröckelnder Stein
Unter den Sternen,
bis er verwehte, wo du gingst,
zu Staub.

Ich aber trieb lange
den Fluß mit dem Totholz der Jahre
bis dahin, wo die Wasserfälle sind,

Tausend Tropfen, Geliebte,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Wo Perlen auf das Ufer rieseln,
Damit ich dich finde

Und lachend unter Bäumen,
wächst unsere Sekunde
Und hält.
Ich posiere wie einst Goethe in der Campagnia und nenne es „impressionistischer Poet in einer bukolischen Landschaft“, gemalt hat es halt nicht Tischbein, sondern Tabletstick.

Stolte in der Campagnia (v. Tabletstick)
Stolte in der Campagnia (v. Tabletstick)

Lutz erklärt mir die wasserbaulichen Einzelheiten des Kanals von Fromista. Der Kanal diente nicht nur der Schifffahrt, sondern auch als Bewässungsanlage. Auf demTreidelpfad geht es entlang nach Fromista. Mittlerweile ist es richtig heiß geworden, ich kann kaum weiter.

Eine Aufgabe des Lebens ist es, die Harmonie zwischen Freude und Leid zu schaffen, so hat mich Friedrich Hölderlin gelehrt. Ich balanciere den Wanderstock mit einem Finger aus und lerne dabei: Du bist es, der den Finger auf genau den Punkt setzt, der Freude und Leid ausbalanciert. Du bist es selbst.

Die Kirche von Fromista
Die Kirche von Fromista

Die Kirche von Fromista ist ein absolut säkularer Ort. Im Eintrittskartenhäuschen dudelt dass Radio. Ich kann Gott nicht finden, also gehe ich mit dem Manager und Lutz essen. Schwalben umschwirren die Kirchtürme wie Bienen. Vor 25 Jahen war ich alleine im Ort, das weiß ich noch und eine Pilgergruppe kam mit dem Bus an. Als sie einen leibhaftigen richtigen Pilger sahen, reihten sie sich auf und sangen mir zu Gefallen einen Choral.

Der Manager hat die Herbergsbetten klar gemacht und ich merke, wie mir das gegen den Strich geht. Versuche, Strategien der Macht zu analysieren:

Erste Strategie der Macht. Jemand drängt sich auf, dir einen Gefallen zu tun. Damit fällt er für dich die Entscheidungen und Du bist ihm darüber hinaus noch verpflichtet.

Zweite Stragie der Macht: Grenzen aufstellen und sich mit bestimmten Verhaltensweisen isolieren. Jeder, der dann zu dir möchte, muss dieses Verhalten nachmachen. Beispielsweise lästert der Manager über diesen oder jenen Pilger, und wenn du mit ihm im Gespräch bleiben willst und seine Bekanntschaft erhalten, musst du mitlästern.

Dritte Strategie der Macht: Augenscheinlich vernünftige Aufaben verteilen. Denn die Dinge müssen ja gemacht werden, so die Lüge, die hinter dieser Strategie steckt. Wir Pilger hängen rum und alles ist okay, bis der Manager anrückt und sagt, wir müssten das Hotel anrufen, wir müssen reservieren, mir müssen uns die Route angucken, sofort hört alles auf ihn.

Erkenne, dass der Mann nie etwas anderes gemacht hat, als mit Menschen zu spielen. Nicht mit mir. Ich müsste ihn jetzt angreifen, sehe aber ein, dass er krank ist und rede nicht mehr mit ihm. Er klammert sich sofort an ein deutsches Eherpaar. Die Armen. Da ich ja nun trotz heftiger Konkurrenz versuche, der erfolgloseste deutsche Schriftsteller zu sein, wird mir klar, wie krank diese Erfolgsstrategien sind und schließe: Wenn man krank sein muss, um ein Star zu sein, ist es besser, man ist kein Star.

4.6.

Frommista – Carrion de Los Condos

Ein Liegeradtandem
Ein Liegeradtandem

Gegen acht Uhr frühstücke ich vor der Kirche. Eine Badenerin marschiert tapfer über den Platz. Schwalben stieben. Sie will auch mal den Jakobsweg in Frankreich machen, traut sich aber nicht, weil sie kein Französisch spricht. „Sprichst Du denn Spanisch?“ „Noi“.

Ein Liegeradtandem rollt an, und bietet die Gelegenheit, mal über etwas anderes zu sprechen als über Machtstrategien. Zwei Niederländer auf dem Weg nach Santiago. Und immer die Schalben, jetzt auch vor dem bedeckteren Himmel. Endlich kann ich aus dem Flug der Schwalben das Wetter vorsagen: Wenn die Schwalben vor dem blauen Himmel schwirren, dann ist es gutes Wetter, wenn sie vor bedecktem Himmel schwirren, dann könnte es sich ändern und wenn sie nicht fliegen, weil es regnet, dann ist schlechtes Wetter.

Der Weg nach Carrion de los Condos ist eine Ameisenstraße, geht schnurgerade einer schnurgeraden Straßen entlang, die einzige Abwechslung bieten die echten Ameisenstraße, die den Weg rechtwinklig queren und eine Koreanerin. Noch immer will ich ja das Rätsel lösen, warum so viele Koreaner auf dem Camino pilgern.

Die Koreanerin sucht sich selber. „Ist doch leicht“, scherze ich, „ich hab nicht mal zehn Sekunden gebraucht, um dich zu finden.“ Okay, okay, aber der Spruch hat auch was mit der Frage von innen und außen zu tun und der Grenzen. Sie erklärt mir, dass viele Stars den Weg machten und Bücher und Tagebücher drüber veröffentlich hätten, und dass es in Südkorea sehr viele Christen gäbe.

Wir wandern ein Stück und dann sehe ich rechts durch Büsche Hängematten und Liegestühle. Ein Holländer, der auf dem Camino sein Schicksal gefunden hat und einen Zoo von Landtieren hält, sowie Betten in Tipis und bemalten Betonröhren anbietet und Bier verkauft. Die Koreanerin ist restlos begeistert und will hier bleiben. Ein Esel trabt an, ich schaffe es, mein Bierglas vor ihm in Sicherheit zu bringen, dafür schnappt er sich meinen Strohhut und haut damit ab. Ich brülle ihm hinterher, schließlich lässt er den Hut fallen. Wir schauen den Gänsen beim Saufen zu und dem Schnattern der Enten. Mystische Musik plärrt über dem Platz und verleiht der Entenscheiße einen gewissen Glanz.

Romantische Übernachtungsmöglichkeiten
Romantische Übernachtungsmöglichkeiten

Wir reden über die Wiedervereinigung, und dass ich einst geglaubt hätte, dass die deutsch-deutsche Grenze die letzte sei, die je fallen würde. Sie soll also die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch Korea einst wieder vereinigt sein könnte. Nordkorea sei einst der reiche Landesteil gewesen, erklärt sie mir, und dass in Südkorea der harte gesellschaftliche Kampf jeder gegen jeden, die Leute auf den Camino treiben würde.

 

Der Österreicher aus Burgos fällt mir wieder ein. Ob es auch Leute gebe, die sich Karrierevorteile vom Camino versprächen? Vielleicht gibt es auch solche, meint sie höflich, ohne daran zu glauben. Ich merke, dass der Österreicher seine menschenfeindliche Sicht der Dinge den Pilgern untergeschoben hat. Die wenigsten prüfen das nach, weil sie mit den Koreanern nicht reden. Ich lerne: Der Weg ist ein Spiegel, der sich ganz schön zieht. Besonders jetzt in der Nachmittagssonne.
Ich trete aus dem Schatten von Schildern, ich trete aus dem Schatten von Zäunen, trete aus dem Schatten von Baumstämmen immer wieder auf die stumpfe,staubige Ameisenstraße.

Immer wenn die Achillessehne zwickt, trinke ich einen Schluck Wasser, so haben wir beide etwas davon. Ich hab genug Wasser, die Achillessehne die Aufmerksamkeit, die sie erheischt.

In Carrion de los Condes erkenne ich an einem heißen frühen Nachmittag einen wesentlichen Unterschied zwischen Spanien und Deutschland: In Deutschland liegen die Katzen in der Sonne, in Spanien im Schatten.

In der Kirche ist ein Gitarrenkonzert. Mit weiten Bewegungen, mit Gefühl, mit Dynamik konzertiert ein Spanier Lieder von der Renaissance bis in die Gegenwart, ein kleiner Kerl mit vorgeschobener Unterlippe, der lachende Mausaugen bekommt, wenn er aufsteht und sich für den Applaus bedankt. In der Messe sitzen neben mir Schwestern, ich lehne mich an ihre Stimmen an und singe lauthals in die Vierung.

Die Französin in Castrojeriz hat gesagt, sie wisse nicht, ob sie nächstes Jahr noch lebt. Aber letztlich weiß niemand, ob er im nächsten Jahr noch lebt. Die Zukunft ist keine Illusion lerne ich, sie ist eine Hypothese. ch treffe sie in der Messe wieder.

Wir leisten uns zufällig ein gutes Restaurant. Irgendwann reden wir, wie immer, über den Krieg. Ressentiments gegen Deutsche. Oh ja, sagt sie. Ich hatte keine bemerkt. Mit leisen Spinnenbeinen krabbelt die Flüchtlingsfrage unter dem Tisch hervor. Ich versuche Merkels absolut irrationales Verhalten historisch aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu erklären.

„Keiner spricht darüber, was man den Deutschen angetan hat, nach dem Krieg“, sagt die Frau.

Stimmt, denke ich, selbst in Deutschland dürfen die die Deutschen nicht gelitten haben. Stattdessen schimpfe ich:

„Die Europäer haben uns ja bei den Flüchtlingen im Regen stehen lassen“.

Sie sagt: „Nein, die Europäer fühlen sich nicht schuldig. Ihr seid die einzigen, die sich schuldig fühlen. Hört doch einfach auf, euch schuldig zu fühlen.“

5.6.

Carrion de los Condos – Terradillos de los Templarios

Staubiger, harter Camino. Der Reiseführer überschlägt sich darin, die Etappe als mörderisch zu bezeichnen, 18 Kilometer ohne Wasser, verkündet er. Was nicht ganz stimmt, denn die Spanier haben eine Bar aufgebaut, aber der Lärm in der Bar ist so entsetzlich, dass ich lieber in der Hitze weitertrotte. Der Staub setzt sich in die Socken, ein Storch gräbt das Brachland neben der Autobahn um. Montones, meditatives Gehen, wunderbar.

Große Traktoren mit Anhängern donnern an uns Pilgern vorbei und schütten uns mit weißem Staub zu, fast scheint es, als würden sie absichtlich schnell fahren, um uns einzunebeln. Muss an die Schnalle im Schwarzwald denken, wegen der ich lieber im Freien schlief, als ihre Unfreundlichkeit zu ertragen. Vielleicht ist der Hass der sesshaften Land-Bevölkerung gegen die fahrenden Leute naturgemäß, aber es ist nicht unsere Schuld, dass sie an ihrem Land kleben. Sie sind selbst schuld.

Die Sonne steigt, die Schatten werden kürzer die Schritte auch.
Spärliche Pappeln durchkämmen den Himmel nach Wolken aber da ist nichts.
Es gibt eine schöne überdachte Raststation, an der ich die Socken trocknen lasse.
Ich schreibe:
Spärliche Pappeln durchkämmen den Himmel nach Wolken
Doch da ist nichts

Raben und Schwalben am Himmel
Und Kieselsteine im Feld
Nicht lange darauf ragt ein Kirchturm aus der Weizenwüste, und ich gönne mir Bier mit Eis. Also erst das Eis, und dann die zwo Bier, die ganz angenehm im Mund verdunsten.

Es geht über die Dörfer. Weil das Pilgern ein Geschäft ist, haben diese Mistfinken von Wirten eine verwirrende Anzahl von gelben Pfeilen auf den Boden gemalt, damit man ja auch an ihrer Bar vorbeipilgert und dort eventuell einkehrt. In Terradillos de los Templarios ist die Herberge außerhalb. Eine neue Hütte mit einem großen blechernen Malteserkreuz. Es ist schön. Der Himmel wedelt mit Schäfchen-Wolken, der Kirchturm von Terradillos ist ein schwarzer Scherenschnitt. Goldpapier auf den Wiesen.

Ein Australier mit einer Gitarre hat eine Schar voll Mädchen um sich versammelt, und er spielt Gitarre und sie singen irgendetwas mit Kanguruhs. Ich gehe nach innen. Ein sehr gut aussehender Mexikaner mit Geld und Sohn ist wohl schuld daran, dass sich dieser Tross von Mädchen gebildet hat, an dem jetzt der Australier andockt.

Innen wartet der Schamane, der schon ordentlich getankt hat. Nichts lustiger als ein betrunkener Schamane, ständig bringt er seine Totemtiere durcheinander. Ich erzähle von Bussarden. „Nicht Du suchst dein Totemtier aus, sondern dein Totemtier sucht dich aus“, sagt er. Mit einem ganzen Zoo aus rotzbesoffenen Hirschen, Panthern, Raben und Adlern wanken wir in die Stockbetten.

 

6.6.
Terradillos de los Templarios – Calzadilla de los Hermanillas

Der Tross bricht auf. „Ich bin John Taylor“, scherzt John Taylor, als er mich sieht. Aber wo ist sein Salat? Vor uns eine Gewitterfront. Also da haben wir den Salat.

Ein Wirbelsturm im Atlantik schleudert diese Wolkenfetzen nach Spanien, man sieht noch den Schwung am Himmel.
Die Welt hat sich gedreht. Der Himmel ist zerfurcht und majestätisch, bildet Klüfte, Berge und wolkige Landschaften, das Land ist still und bescheiden. Die Weizenfelder sind abgemäht, braune gleichförmige Erde, manchmal ein Hügelchen, wieder Weinbau. Von den wenigen Anhöhen, die der Weg bietet, sehe ich unendlich weit ausgeworfenes Land, Berge, die es begrenzen könnten, sind nur noch erahnbar.
Meine Camino-Familie ist zerrissen. Lutz und das deutsche Mädchen sind ganz hinten, der deutsche Gottsucher und Fritz The Cat ist weit vorne, und ich in der Mitte allein.

So haben ich es gewollt. Der Himmel über mir, Erde unter mir, Friede in mir. Die Mohnblumen schwimmen nicht mehr über den Feldern, sondern sinken langsam ein, kleine Blümchen leuchten noch.

Die Wolken über mir, der Weg unter mir
Die Wolken über mir, der Weg unter mir

Nach Sahagun kann man eine alte Römerstraße gehen, und während der Tross an der Autostraße weiter Richtung Leon walzt, gehe ich mit den Römern. Ich treffe den Australier wieder, und jetzt wird er sympathisch, er spielt unablässig während des Gehens die Gitarre, wie ein Spielmann, wie ein fahrender Geselle. Er hat sich ein blaues Handtuch über den Kopf geworfen und einen Strohhut drauf, um es zu befestigen. Ich bin durch Blasen geschwächt und langsamer als er. Kies unter den Füßen, vorbei an Heide und Horizont, kleine Büsche. Manchmal der Stumpf einer Säule. Mitten im Acker eine blätternde Ruine eines Schwimmingpools, vermutlich eine umgebaute Bewässungsanlage. Herrliche Einsamkeit auf dem Camino. Weiter, immer langsamer, wie eine ablaufende Uhr erreiche ich Calzadilla de los Hermanillos.

Die Gemeindeherberge kann man gegen eine Spende beziehen. Wie in vielen Herbergen tut ein Freiwilliger seinen Dienst. Er freut sich, dass ich mit ihm spanisch spreche. Als er hört, wie lange ich schon unterwegs bin, nimmt er mich in den Arm. Ich erhalte die letzte schimmlige Matratze, verpflege mich in einem kleinen Laden, in dem ein kleiner Mann arbeitet, der sorgfältig, die Ware die man verlangt, aufbaut und arrangiert. Beim Wein fragt er noch, ob er ihn öffnen solle.

Der Australier organisiert für die Mädelsgruppe ein gemeinsames Abendessen und kauft groß ein, jetzt singen sie wieder, also gehe ich nach innen. Die Mädchengruppe besteht aus Christinnen, die 200 Gebetswünsche von Minnesota nach Santiago tragen. Ein Deutscher trägt das Schicksal seiner Frau mit sich, die an einer schweren Krankheit stirbt, er kämpft mit den Tränen. Er diskutiert mit Eirin, 23, ob es einen Gott gibt. Ich versuche ihm zu erklären, dass jeder von uns, sofern er nicht unters Auto kommt, oder eine Kugel zwischen die Rippen kriegt, einmal eine tödlichen Krankheit haben wird, die ihn umbringen. Und dass das mit der Frage nach einem Gott relativ wenig zu tun hat. Aber ich glaube, es geht dem Deutschen auch mehr darum, seine Geschichte loszuwerden, und ich bin nunmal ein Geschichtensammler.

Der Deutsche trägt eine Armbanduhr ohne Uhrwerk. Man kann direkt vom Uhrglas auf seine haarige Haut sehen. Zwei Weinflaschen weiter klauen wir dem Australier die Gitarre und spielen. Die Mädelsgruppe verzieht sich nach draußen, bis Eirin reinkommt und uns mit glockenheller Stimme einen Abendsegen singt.

7.6.

Calzadilla de los Hermanillas – Acker.

Weiter über die Römerstraße in Richtung Mansilias de las Mulas. Es ist fürchlich heiß, ich trabe dem Australier und seinem Kumpel hinterher, höre seine Lieder und tanze mit den Stöcken, Orchideen lassen mich manchmal halten und ich schlafe kurz neben einem verfallenen Schuppen, hatte wenig Schlaf gekriegt, die Nacht.

Eine Koreanerin trabt einsam über den Weg. Sie ist gegen das Bett geknallt in der Nacht und hat eine üble Platzwunde direkt an der Knochenhaut des Schienbeins. Muss höllisch wehtun. Ich schmiere sie mit Voltaren ein und erkläre ihr, sie müsse morgen rasten. Sie kämpft sich tapfer weiter. „Warum bis du auf dem Weg?“, frage ich, „du bist neugierig“, sagt sie.

Wir erreichen Calcada del Coto, ausgetrocknet wie Schwämme. Der Schamane kommt vorbei, bietet seine Hilfe an. Während er seine Hände über die Wunde hält, beginnt die Koreaniern zu heulen. Ich halte ihr die Hand. Ich begreife, im wahrsten Sinne, dass es nicht ihre Wunde ist, sondern die Einsamkeit, die Schmerzen bereiteten und das, was sie auf den Weg gebracht hat. Es hat sich einfach lange niemand mehr um sie gekümmert, und sie hat verlernt, sich um sich selber zu kümmern und ist deswegen gegen das Bett geknallt.
Sie beruhigt sich, ihr Bein wird besser, sie bedankt sich und schenkt allen Anwesenden koreanische Anhänger, ich kriege einen grünen, den ich an den Rucksack stecke.

Sie geht in ihre Herberge, ein Pilger kommt vorbei, der eine rote Clownsnase trägt, eine Baseballkappe, an der Blumen stecken, eine gelbe Schärpe, blaues T-Shirt. Wir gehen rein, weil es mir selbst draußen im Schatten zu heiß wird. Die Kneipe ist über und über mit Graffiti bedeckt, alte Fahnen, uralte Spontisprüche auf Tüchern und Zeitungsausschnitte an den Wändne. Das dritte Bier. Die Oliven, die der Wirt reicht, sind so groß wie Taubeneier. „Mas grande del mundo“, sagt er Wirt. Nochn Bier? Ich versuche mich dergestalt verständlich zu machen, dass ich diese Frage mit der Gegenfrage beantworten würde, ob der Papst katholisch sei, scheitere zwar an der Übersetzung, nicht aber am Bier.

Der lustige Pilger mit der Clownsnase rollt an.

Ein Bier später weiß ich, dass er Bretone ist und als Anthropologe in einem Museum in Frankreich arbeitet. Er geht immer mit einer Clownsnase, weil er wissen will, wie die Leute auf ihn reagieren, und er freut sich, wenn sie lächeln. Denn am liebsten wäre er en Clown geworden. Ich kann ihm noch nicht sagen, dass er zwar ein ernster Mensch sei, für einen echten Clown aber zu katastrophal.

Während der nächsten Biere reden wir über Philosophie und ich erkläre ihm, dass man als Steinzeitforscher sowieso Platoniker sein müsse wegen der Höhlen. Aus zwei Zahnstochern und zwei Brotkanten bastelt der Bretone tanzende Schuhe und lässt sie über die Bar steppen.

Ich bestelle das ungefähr fünfte Bier und versuche, etwas Erklärendes zu formulieren, ich sei Deutscher und wir Deutschen tränken halt gern viel Bier.

„Schon okay“, meint der Bretone. „Das ist eure Kultur.“ Ich lerne: Mit Anthropologen lässt es sich am einfachsten saufen.
Der Schnaps heißt Hijo de Puta, was so viel wie „männliche Nachkommen verwerflicher Frauen“ bedeutet. Schmeckt auch so. Hat 40 Prozent. Schemenhaft erkenne ich, dass der Wirt auf einem Barhocker tanzt, der Bretone heißt Neo. Bin aber noch nicht in die Matrix abgebogen, der Name kommt scheints von Neolithikum.
Wir diskutieren, warum eine Clownsnase immer rot sein muss und nicht weiß oder blau sein darf.
Der Wirt bietet uns Gras an, raucht aber lieber selber. Der Bretone spielt ein Lied von Joan Baez auf einer hölzernen Nasenflöte, die er aus der Hosentasche zieht. Ich versuche ihm, die kurzen Erfolge des Tübinger Nasenflöten-Orchesters zu vermitteln.

Nach dem sechsten Bier malt sich der Bretone mit Edding die Fingernägels an. Redet irgendetwas von der anthropologisch belegten er Sehnsucht der Menschen, sich zu markieren. Schreibt dann irgendwelche Sprüche auf die Tapete.

Zwischen den hinteren Bieren gelingt uns ein absolut kompliziertes deutsch-französisches Wortspiel: Er erzählt von einer Fernsehserie namens Sons of Anarchie. Leute über der Moral, Sous Moral, Sous ethique, und am Ende der Aufzählung hat er dann Sous-sisse und das heißt zu deutsch Wurst-Leute. Ich erkläre ihm, das würde im Deutschen genau passen, weil man in unserer Sprache sagen kann, „das ist mir Wurst“ und damit meint, es ist egal, so wie den Anarchisten eben alles Wurst ist. Etwas Bier später hat der Wirt entdeckt, dass man aus einer Zuckerzange ein prima Schlagzeug basteln kann. Er heißt Sinin, und hat nur noch deswegen ein paar Zähne im Mund, damit er die Karieslöcher irgendwo unterbringen kann. Habe einen Italiener im Arm, der aus Pforzheim stammt und schwäbisch schwätzt.

Gegen später muss ich wohl irgendeine Abzweigung verpasst habe. Ich finde ein Feld, rolle den Schlafsack aus und übernachte da. Man muss hin und wieder im Freien schlafen, um nicht zu vergessen, dass wir Kinder des Kosmos sind. Jetzt sind die Grashalme mein Zuhause genauso wie die Sterne. Wie ein Messer durchschneidet eine Sternschnuppe den Himmel und fragt nach meinen Wünschen. Ich habe keine.

 

8.6

Freies Feld – Leon

Sonne flutet den Acker
Sonne flutet den Acker

Der Schlafsack ist feucht vom Tau, ich habe noch ein paar Kekse und frühstücke mühsam. Die Sonne flutet den Acker, ich zupfe Gras aus den Socken. Es war kalt und klamm in den Morgenstunden. Ein paar Bilder, vielleicht abgedroschen, aber ich könnte durchaus ein Gedicht daraus machen. Nur wenn es Nacht ist, kann man Sterne sehen. Den Schatten, den man immer bei sich hat.
Es geht immer der Straße lang nach Leon. Ein Kiesweg, wenig los dort, manchmal muss ich auf die Nationalstraße. Dann stiere ich die Lastwagenfahrer an, damit sie kurz aufwachen und mich nicht über den Haufen fahren. Die 34 Grad sind nicht so viel, nein, aber für mich ist es genug. Der Weg über die Berge nach Leon ist staubig, ich quetsche mich den Zäunen, Mauern und Bäumen entlang, um das bisschen Schatten auszunutzen. Der Staub ist wie Schleifpapier unter den Augenliedern. Eine Spanierin kotzt einen Rastplatz voll. Entweder ist sie schwanger, krank, oder völlig erschöpft. Doch die wenig aufgeregte Art, in der sie kotzt, lässt lange Erfahrung und Schlimmes vermuten. Der Australier ist bei ihr. Wie alle echten Künstler hat er einen guten Blick für verwirrte Mädchen, die er hörig machen kann, ich beginne wieder, ihm zu misstrauen.

Ein Tag wie dieser, an dem meine Pisse so leuchtend gelb ist, dass ich die Schüssel treffe, obwohl der Bewegunsmelder im Klo erlischt. Mann, bin ich verdurstet. Die Barmaid stellt mir Bocadilos, Brötchen, hin und ich gucke Simpsons auf spanisch, die gelbe Hautfarbe der Simsons-Familie erinnert mich an etwas. Mann, war ich verdurstet.

Ein Pilger im Zentrum von Leon grüßt nicht mit der Hand, sondern mit der nackten Fußsohle. Es ist der Bretone, der in einer Bar wartet, bis seine Wäsche fertig ist. Ich setze mich zu ihm auf ein Bierchen, man muss ja nicht gleich so übertreiben wie gestern.

Als ich gegen 1 Uhr aufwache, liege ich in einem Einzelzimmer in einem Hotel. Ich denke, ich mache in Leon einen Ruhetag.
9.6.
Leon

Ich sitze in diesem Hotelzimmer und schreibe zwölf Stunden. So sollten die Tage vergehen.

10.6
Leon

Ich treffe einen Bretonen mit einer Nasenflöte, nichts wie weg hier.