Mein Jakobsweg mi Camino, Teil 17 und Schluss


14.6.

Molinaseca – Villafranca del Bierzo
32 Kilometer sind angesagt, und es geht tiefeben eine Landstraße durch halbverfallene Dörfer bis nach Ponferrada, und von dort aus weiter über eine lange Landstraße und halbverfallene Dörfer. Bin ausgelaugt von der Bergetappe, der Himmel ist bedeckt. Wenig Bemerkenswertes: eine wunderschöne Kirche in Cacabelos ist aus dem 19. Jahrhundert mit romanischem Kern, darin sind die Statuen in prächtige Gewändern gekleidet und wirken ein wenig wie Schaufensterpuppen. Die Maria aber nicht: Sie einfach nur groß und schön und schaut einen unverwandt an. An der Tür prangt ein Schild mit „Radio Maria“. Madonna, zieh dich warm an!

Villafranca del Bierzo gilt als das kleine Santiago, weil die Pilger des Mittelalters hier schon ihren Sündenablass bekamen, sollten sie zu krank sein, um das Bierzo dieses letzte Gebirge vor dem echten Santiago zu übersteigen. Eine schnucklige Siedlung zwischen Weinbergen, das erste was ich sehe, ist ein Maultier, das vor der öffentlichen Herberge grast und versucht, den Pilgern das Bier wegzusaufen. Meine Herberge liegt außerhalb und die letzten 500 Meter der 32 Kilometer Etappe ziehen sich besonders, es ist schon erstaunlich: Der Körper, kann sich mit dieser Dauerbelastung nicht anfreunden. Immer nach diesen langen Etappen bin ich völlig am Ende, in den Socken klebt die Hälfte meiner Hornhaut, unter den alten Blasen bilden sich neue.

Vor Villafranca del Bierzo
Vor Villafranca del Bierzo

image

Hier gibt es ganz ausgezeichnete Fischsuppe, weil gerade EM ist, wähle ich das einzige Restaurant der Stadt, das weniger als fünf Fernseher gleichzeitig laufen hat und speise dort. Entdecke später in der Herberge, dass Nachtischlampen sehr dafür geeignet sind, Unterhosen zu trocknen. Der Lampenschirm ist ein ausgezeichneter Wäscheständer, die Lampe spendet die nötige Wärme.

 

15.6.

Villafranca de Bierzo – Autobahnraststätte
Es regnet, diesmal richtig. Meinem kleinen blauen Regenschirm hat es noch eine Gräte gebrochen, und als Halbkreis hält kaum mehr was ab. Es geht einfach nur einer alten Nationalstraße entlang, links Wald, rechts eine Betonwand, meditatives Regengehen ist angesagt, manche Pilger verfallen geradezu in eine Art Katatonie.

Zeit also, die verschiedenen pilgerischen Verfahren des Regenschutzes unter die Lupe zu nehmen. Die meisten haben Überzüge über Kopf und Rucksack. Die Outdoor Pilger bevorzugen Grün, die Koreaner leuchtendes Pink oder Rot, Deutsche und Holländer eher mögen eher blau, viele Italiener haben durchsichtige und sehr leichte, aber wenig dauerhafte Plastiktüten über sich gezogen, so wie der Mann, der mich gerade überholt: Ganz bei Gott, schiebt sich er sich vorbei, leise Gebete murmelnd.

An der Autobahnraststätte macht ein Windstoß aus den Resten meines Regenschirms einen feuchten Feudel und jetzt langt es. Ich nehme da ein Zimmer, lege die Füße hoch und genieße abends ein galizisches Mahl, das in jener besonderen galizischen Servierkunst aufgetragen wird: Kohlsuppe so auf den Tisch geknallt, dass das Porzellan des Untertellers splittert, ich rieche den in Weißwein gekochten Nierenbraten, als sie mit einer Körpertäuschung nach rechts ausholt, und kann so gerade noch ausweichen, als sich der Hauptgang in die Tischplatte bohrt. Eiskalte in Öl eingeweichte Fritten verteilen sich anmutig um die Trümmer des Geschirrs. Bewundernd sehe ich sie an, und sie schenkt mir einen Gesichtsausdruck zwischen Clint Eastwood und Charles Bronson, als hätte sie gerade die Casting Show „Deutschland sucht den Depri-Star“ gewonnen. Und ich weiß, was jetzt kommt: Der Nachtisch. Sie hämmert die Früchte derart auf den Tisch, dass tatsächlich das Harz in kleinen bernsteinfarbenen Tropfen aus dem Holz der Tischplatte spritzt. In der Melone steckt ein Messer wie die Aufforderung zum Harakiri.

Damit kein falscher Zungenschlag entsteht. Ich achte und verehre das galizische Volk in seiner warmen Großherzigkeit. Denn es gibt sie nun mal, diese bemitleidenswerten Erdenkinder, denen nie die Wohltat von sozialen Kontakten, ein freundliches Wort, oder die Liebe eines Menschen zu Teil wurde, und die nun leben müssen, ohne ein Wort, geschweige denn ein freundliches von sich geben zu können. Ich will es auch nicht Autismus nennen, weil man ja oft mit autistischen Menschen noch auf irgendeine vertrackte Art kommunizieren kann, nein, es sind tatsächlich, nennen wir sie kommunikationsamputerte Menschen, aber eben Menschen, denen die Galizier ein lebenslanges Martyrium in den Verwahranstalten der Psychatrien ersparen, um sie stattdessen in hübsche Uniformen zu stecken und samt und sonders zu Kellern machen.

Ich verlange die Rechnung: Das letzte was ich sehe, ist ein heller Blitz, der sich an der Kante eines scharfgeschliffenen Metalltellers spiegelt, der sich mit 200 Stundenkilometer auf meinen Kopf zubewegt

 

16.6

Autobahnraststätte – entlegenes Dorf.

Es regnet die ganze Nacht und auch noch am folgenden Tag. Schwere Träume plagen mich, Erinnerungen kochen hoch, nehme Abschiede vorweg, treffe Lebensentscheidungen. Jetzt erst geht das, nach so vielen Wochen und mehr als 2000 Kilometern. Mann war ich dringehangen im Rädchen.

imageLanger Weg durch Regenwälder, Esskastanien, kleine steinerne Dörfer und auch schon diese keltischen Rundbauten sehe ich, die mit Schieferplatten gedeckt sind. Baumgroße Holunder neigen ihre Dolden mir zu wie weiße Duschköpfe, aus denen Blütenduft abwärts rinnt. Enge gewundene Bergtäler mit Eichen. Wenn der Weg die Straße verlässt, wird er höhlenartig durch Zweige und Stämme, Flechten kleben an der Rinde und kämmen die Feuchtigkeit. Eine Koreanerin hat sich mitten auf die Straße gelegt und ist platt. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie bald noch viel platter sein könnte, dann nämlich, wenn sie von hinten ein Laster überrollt,

Aber die Kommunikation ist schwierig. Sie trägt einen pinkenen Plastikmantel, Handschuhe in Petrol und damit im gleichen Farbton wie ihre Schuhe. Ich erkläre ihr, dass sie das ganze Plastikzeug ausziehen soll, wenn es den Berg hochgeht, damit sie transpirieren kann. „Aber dann wird es mir doch kalt!“, protestiert sie. Nichts zu machen. Die Ciclistas halten mal die Schnauze, weil es wirklich steil hochgeht und das ist schön.

Wieder geht es in den Wald, Wasser schießt den Weg hinab, Steine glitschen, Schlamm schmatzt. Neben mir geht ein Spanier in langsamem Bergschritt, er entdeckt eine ältere Frau, die in einer Kehre vor sich hin steht und vor Verzweiflung Schokolade lutscht. Er zeigt auf die Geröllstrecke: „Gleich kommt ein Bus“, beruhigt er sie, und zu mir sagt er, „alle fünf Minuten kommt hier ein Bus.“ „Ja“, antworte ich, „immer wenn die Straßenbahn kaputt ist, kommt hier alle fünf Minuten ein Bus.“ Mit ruhigen Schritten steigen wir weiter bergan.

imageIch wollte schnell nach O Cebreiro kommen, scheitere aber in La Faba an einem Franziskaner Weißbier. Hier hat sich ein Deutscher vor 15 Jahren niedergelassen. Aus den Lautschprechern hämmert so ne, hab keinen Namen dafür, weil ich die Platten immer wegschmeiße, so mit rock unterlegter Schamanen-Gesang für Lama plus Digeridoo plus Drumcomputer. Der Text heißt Om und soll wohl direkt in die Omme gehen. Am einzigen Tisch außerhalb hockt steinern der Gott Ganescha, der elefantenköpfige indische Gott des Anfangs, und weil ich gerade ein Bier angefangen habe, setze ich ihm die Flasche vor den Rüssel als Opfergabe. Ich trinke mein Bier in langsamen Schlucken und passe ein bisschen auf, dass Ganescha seinen Rüssel nicht auch noch in meinen Humpen steckt. Weil inzwischen wieder eine Regenfront das Land feuchtet und etliche Pilger durchnässt, mache ich mich an meinem Regenschirm zu schaffen,

Nach einer Weile fühle ich mich beobachtet. Ganescha? Nein, der sitzt ruhig vor meiner Franziskaner-Flasche und betrachtet den dicken Mönch auf dem Etikett. Es sind drei Hospitaleros, die auf den Stufen der Veranda hocken und mir bei dem Versuch zusehen, die offenen Brüche meines Regenschirms zu schienen und den Stoff wieder anzunähen. Aufmerksamen Auges rauchen sie schweigend.

Aber wie soll ich mich begreiflich machen? Ich sei ein romantischer Poet und zu romantischen Poeten gehörten nun mal Regenschirme in denkbar schlechter Verfassung?

Je nun, die Nadelspitze bewegt sich malerisch durch den Stoff, und bald sieht jeder in der Bar ein, es hat überhaupt keinen Wert, einen Regenschirm zu flicken. Jeder außer mir vielleicht. Aber es sagt keiner was. Nicht mal Ganescha, der mein Bier langsam leer hat, und ein neues will. Der Besitzer der Bar ist außerdem noch im Geschäft mit den Reitern, die Rucksäcke und auch Pilger über die Paßhöhe bewegen. Ein Cowboy kommt vorbei und treibt die Tiere ins Tal.

Das ist jetzt gewissermaßen die letzte Bergetappe, es geht nochmal auf 1300 Metern hoch nach O Cebreiro. Das ist das Dorf, wo ich einst in dem Leibhaftigen begegnet bin. Ich hatte vor 25 Jahren in einem Kuhstall übernachtet und morgens aus unruhigen Träumen erwachend in einen hornigen Kuhschädel geblickt, weil die Viecher vor Kälte in den Stall zurückgetrabt waren. O Cebreiro ist nun ein echter Touristenort geworden. Jedes Haus ist ein Hotel, und jedes Hotel ist belegt. Ich bin länger in der Kirche, die mein Reiseführer etwas diffus als vorromanisch bezeichnet, denn darin wird der heilige Gral von Galizien aufbewahrt, was immer das sein soll. Ferne sieht man hinter Glas einen kleinen goldenen Kelch. Davor wabern rote Opfekerzen, die einer vorgotische Madonna huldigen. Nebel hüllt den Ort ein, die Temperaturen sinken, nachts werden es 2 Grad. Dazu ein unangenehmer Regen. Ich laufe von Haus zu Haus, doch es ist unmöglich, ein Bett zu finden, also trinke ich Bier. Der Barmann findet einen Bekannten, der in einem entlegenen Bergtal eine feudale aber recht leere Unterkunft betreibt. Er holt mich mit dem Jeep ab.

 

17.6

Dorf in entlegenem Bergtal – Barbadelo

Der Mann bringt mich auf den Camino zurück, und das erste, was ich in Triacastela, der nächsten Stadt mache, ist mir einen neuen Regenschirm zu kaufen. Dem unbarmherzigen Regen kann man allerdings keinen mangelnden Sinn für Romantik vorwerfen. Nebel quillt durch eichenbestandene Hänge, durch Kastanienhaine mit moosigen, fassdicken Stämmen und bizarr gezackten Ästen, zieht sich durch Farne und Holunder, wälzt Wasser über Wege und Hänge.
Ich bleibe an einer Viehweide stehen. Die Kühe haben mächtige Hörner, deren Spitzen schwarz auslaufen und die zur Seite gerichtet sind, wie die Bögen einer Lyra. Ein Mann steht neben dem Gatter, blauer Pulli, Wanderstock, Stiefel, wahrscheinlich der Bauer.

„Schön“, sage ich.
„Schön, ja“, antwortet er.

Mein Rucksack ist vom Regen vollgesogen und bleischwer, die Beine schmerzen, die Achillessehne legt sich quer und streikt. So schaffe ich es nach Sarria, einem munteren Prozenzstädchen, wo es Hamburger gibt, was mir den Neid sämtlicher vorbeipilgernder Amerikaner einbringt, die versprechen, zurück zu kommen. Gehe einen mühsamen Weg nach Barbadelo und beziehe mein Stockbett. Mehr war nicht zu kriegen. Jetzt sind es noch vier Tage bis nach Santiago. Ich will endlich ankommen. Wenn ich könnte, würde ich die Strecke in zwei Tagen mächen.

18.6

Barbadelo – Ventas de Naron

Und er ist es tatsächlich: Der Deutsche Herbergsvater aus La Faba, wartet an diesem schönen Junimorgen mit Stock und Stiefeln an einer Bar zwischen Morgade und Ferreiros. Aber nicht auf mich. Ich fürchte, Radio Camino ist um eine Telenovela reicher. Denn er hat eine blonde fußkranke Schweizerin ins Herz geschlossen, die an seinem Haus in La Faba vorbeigehumpelt war. Ich versuche ihm zu erklären, dass sie zwar wirklich nett ist aber höchstens 23 und er mindestens 53. Aber natürlich: in seinem grünen Schlapphut steckt eine getrocknete Rose und das Haarband einer Frau, ganz romantischer Poet, der Fall ist hoffungslos.

Denke an alte Zeiten: Chica, deinen Dämon bist du losgeworden, hoffentlich findest Du jetzt auch deinen Engel.

Der Deutsche berichtet von einer 2000 Jahre alte Eiche an einem romanischen Kreuz kurz vor Ligonde und glaubt, dass Jesus so eine Art Yogi war, „er hatte so eine Körperbeherrschung, dass die Römer glaubten, er sei tot, als sie ihn vom Kreuz nahmen. Er ging aus dem Grab und lebte weiter, allerdings wollte er mit den Menschen, die ihn verraten hatten, nichts mehr zu tun haben“, berichtet er.

Wenig später treffe ich jene Schweizerin, sie sitzt in kurzen Hosen im Biergarten und ich erkenne ihr Gesicht nicht gleich, weil ich ihr länger als schicklich auf den Oberschenkel starre. Von dem aus windet sich eine monströse Tätowierung bis zum Fußknöchel. Bevor ich genau erkenne, was die gelbe Krake da macht, sehe ich weg. Muss unter allen Umständen verhindern, dass sich meine Töchter so was antun. Aber wie? Vielleicht sollte ich mir selber eine Krake auf den Pelz brennen lassen, dann finden sie es peinlich und lassen es.

Der Camino ändert sich wieder. Ein überfüllter Disney-Camino. Lachende, lärmende Schulklassen wandern, ältere Männer, die darüber reden wieviel Käys (Caminoslang für Kilometer) sie schon gemacht haben, wieviele Käys sie noch machen werden und wieviele Käys sie gerade machen, wieviel Geld irgendjemand irgendwohinein gesteckt hat, wieviel Geld jenes und dieses gekostet hat, und wieviel Geld sie noch brauchen werden. Sie trotten und trampeln dahin und sehen weder Blumen noch Bäume, während die Pilger, die schon lange unterwegs sind, wie Blätter in einem Fluss kreiseln und versuchen, wieder eine Richtung zu bekommen.

Und das Gequatsche. Ihre ständig blubbernden Münder sind das unvermeidliche Motorengeräusch ihrer Fortbewegung. Schallwellen umbranden mich, dazwischen rollen nagelneue T-Shirts, hübsche bunte Turnschuhe, adrett gepackte Rucksäcke, an denen, um das Bild des zünftigen Camino-Helden abzurunden, eine Blechtasse baumeln muss, die wohl eine ähnliche Funktion erfüllt wie eine Brosche.

Doch es gibt auch einen besseren Teil dieses Tages: Die Pilgeströme bleiben in Ponferrada und in Portomarin stecken. Es wäre vernünftig, ebenfalls in diesen Städten zu bleiben, aber die drei Stunden, die ich völlig irrational weiter gehe, zeigen wieder die Magie des Weges.

An diesem Tag schließen sich Kreise mit der Konsequenz eines ablaufenden Uhrwerks. An einem Steinhaus bietet eine Australierin für eine kleine Spende Essen und Getränke an, von einem Lautsprecher tönt Beethovens Mondscheinsonate. An ihrem Haus finde ich, was ich lange suchte. Ein rotes Santiago-Kreuz, mit dem vor 25 Jahren der Weg in Galizien markiert war, bevor die gelben Pfeile überall in Mode kamen. Dieses Kreuz mit langer Spitze schien mir damals viel harmonischer, als die schwertähnlichen Kreuze, die normalerweise den Apostel zieren.

image

imageimageAndächtig fotografiere ich dieses alte Kreuz meines ersten Caminos.

Abends in Portomarin. Es riecht nach Meer, ein großer Arm eines Stausees breitet sich vor mir aus, muss mal auf der Karte gucken, ob man tatsächlich von hier bis zum Atlantik kommt. Bussarde und Weihen kreisen über dem Wasser, ich bin sehr müde und es fält mir schwer, weiter zu gehen, aber jetzt ist der Weg leer und einsam. Ein Supermarktverkäufer zeigt mir, wie eine alte Brücke und vermutlich auch das alte Dorf in den Fluten des Stausees verschwunden ist.

Ein sanfter Anstieg bringt mich auf eine einsame Landstraße. Zwei Störche ruckeln durch ein Feld, schließlich, von Radlern aufgeschreckt, erheben sie sich und segeln talabwärts. Eichelhäher flattern vorbei, Licht hüpft auf den breiten Wedeln von Adlerfarn, Violett blutet aus den Kelchen der Fingerhüte.

Ja und tatsächlich, bei der letzten Rast im Örtchen Gonzar legt sich mir eine Pranke auf die Schulter: Ein deutsches Pärchen, die ich zuerst in Roncevalles traf. Meine Caminofamilie ist zurück. Sie bringen auch Nachrichten von den anderen. Die beiden deutschen Mädchen. Eine ist ebenfalls hier, die andere ziemlich zurück. Und Mensch, der Berliner? Der hat mächtig aufgeholt und höchstens zwei Tagereisen hinter mir. Weiter geht es, obwohl ich nicht mehr kann.

Nach Gonzar liegen die Reste eines keltischen Oppidums am Weg. Castromaior. Drei gut erhaltene Ringwälle wie magische Symbole in der Landschaft, darin Mauerreste.
Vor den Resten rastet ein Mann, den der Camino bald fressen wird. Ein wackeliges Zelt, das Überdach hat er als Plane auf dem Boden. Die Blechtasse voll Wein, ein Blechteller leer, auf einer Tüte Hundekuchen für die beiden Tiere, er selbst raucht Selbstgedrehtes oder Joints. Bart, vom Wind zerwühle braune Haare.

„Ich vermisse nichts mehr“, sagt er, „als ein Schnitzel mit Kartoffelsalat.“ Die Grillen schweigen, der Wind weht, die Kelten haben Punkte mit Aussicht bevorzugt, Kilometerweit kann man ins Land sehen, das vom Abendlicht in helle und dunkle Streifen zerteilt wird. Er ist Tscheche, „habe 18 Jahre lang auf meinem Bauernhof gearbeitet, 18 Jahre und nichts verdient, jetzt hat die Bank den Hof und von 18 Jahren Arbeit ist nichts“, sagt er, „ich bin einfach gegangen, einfach weg, im Winter, es war mir egal, ich bin Mitte Dezember von Prag gestartet und über Ulm und Genf nach Le Puy. Ich gehe langsam. Der zweite Hund ist mir zugelaufen, ich muss ja für beide Hunde sorgen, ich bettle, ich gehe in die Messen und frage dann den Pfarrer, ob ich etwas zu essen bekomme. Nur weiß ich nicht, was ich im nächsten Winter machen soll, und wo ich hin soll, ich kann auch mit Pferden arbeiten.“

„Wenn Du Bauer bist“, sage ich, „kannst du im Herbst bei der Ernte helfen, da suchen sie immer Leute. Danach gehst du auf einen Pferdehof und arbeitest für Essen und Unterkunft.“

Aber ich weiß, er wird es nicht mehr schaffen. Er ist schon zu weit drin im Camino.

Wir wünschen uns Gottes Segen, mehr können wir nicht füreinander tun.

Ich gehe weiter bis Ventas de Naron. Unter der Autobahnbrücke brausen Motorräder, Grüße aus einer anderen Welt. Auf der Terrasse sitzt M., der extra aus Deutschland gekommen ist, um mich zu besuchen. Wir trinken Whisky und Wein, bis sich die Wirtin beschwert, und es zu kalt wird zum draußen sitzen.

19.06

Ventas de Naron – Melide

Immer mehr Eukalyptusbäume. Frisch gewaschenes Grün, ein prächtiger herrlicher Morgen diesen Sonntag. Das romanische Steinkreuz vor Ligonde zeigt einen Totenkopf und einen Hefekranz als Symbol des Lebens, dazu Handwerkszeug. Außergewöhnlich in der Romanik. Die Pilger heute haben die Unsitte, überall Steine draufzulegen. Auf jedem Kilometerstein liegen Kiesel, jedes Feldkreuz wird gesteinigt. Ich nehme sie weg, weil sie die schönen Figuren verschandeln. Überhaupt nehmen die Graffiti überhand. Alles ist mit schwarzem Filzsstift vollgemalt, die Wegweiser sind mit Werbung vollgeklebt, die Tische und sogar die Bäume sind vollgesudelt, meist sind es Italiener, wie ich den Inschriften entnehme, nun gut, wie man aus Pompej weiß, haben die eine 2000 Jahre alte Tradition des Graffitos.

„Kann man da was sehen?“ Ich stehe vor einer hübschen romanischen Kapelle und betrachte ein Fenster, das mit zwei Säulen und steinernen Perlen verziert ist. Der Amerikaner ist braun gebrannt, schlohweißer Bart. Er hat sich eine mittelalterliche Pilgermütze gezimmert mit Muschel auf der hochgesteckten Hutkrempe. Die Kirche müsste ihm doch aufgefallen sein.

Weiß auch nicht, was drauf antworten und schweige. Der Mann hält mich wohl für unhöflich oder dämlich und geht weiter. Ich bleibe stehen, um ihn wiederum in Ruhe für dämlich oder unhöflich zu halten. Sprach- und Mentalitäsbarrieren sind nicht zu unterschätzen.

Wann und wie über die Wälder schreiben. Was heißt Wälder, es sind Eichenhaine, meist hinter Steinmauern, die sie überwachsen haben, als hätte man sie angepflanzt. Die Äste der Eichen sind gekappt wohl schon vor Jahrunderten und die Äste, die von den Stümpfen wachsen, scheinen ebenso alt. Die Stämme sehen, aus als würden sie Arme heben mit langen dünnen Fingern, die den Nebel streicheln.

Ich kann keine Bar mehr sehen, und schon gar keine Tortillas und Bocadillos mehr, und auch keine PIlger. Ich versuche, am Wegesrand zu rasten, bloß wird jeder Ort, an dem man sich einigermaßen niederlassen könnte, als Toilette missbraucht. Ich erinnere mich an ein romanisches Brücklein bei Atapuerco, auf dem deutlich zu lesen stand, dass man nicht auf romanische Bauwerke scheißen soll. Überfall flakken die weißen Tempotücher herum. Ich verstehe ja, das Frauen so was beim Brunzen brauchen, also muss ich wohl flugs das naturgrüne sich innerhalb von einer Stunde zersetzende Outdoor-Brunz-Taschentuch erfinden, ökologisch getestet und klimaneutral und damit ein Vermögen verdienen.

Leute, die nicht auf den Camino gehören sind jetzt zuhauf da. Die sich beschweren, weil ich die Tür vom Restaurant offen lasse, weil es den alten Herrschaften zieht, die sich beschweren, wenn ich mich mit Voltaren einschmiere, weil sie gerade beim Essen sind. Zwei-Klassen-Pilger: Viele nutzen den Gepäcktransport und gehen mit Tagesrucksack, die Taxifahrer, die die Koffer kutschieren, fahren wie geisteskrank durch die Kurven und drängen die anderen Pilger an den Rand.
Aber das Wetter ist toll, und es sind letztlich Kleinigkeiten. Die Großigkeiten: Der blaue Himmel über mir, der Weg unter mir.

Abends in Melide. Jetzt ist auch R. da, der ein paar Tage am Meer und in Santiago verbringen will, und mich ebenfalls besucht. Wir sitzen draußen an einem Rondell mitten in der Stadt. Das Hotel, das ich gebucht habe, ist geschlossen und ich frage mich, mit wem ich da telefoniert habe. In einer Fußballkneipe gibt es ein Pilgermenü, während die Spanier sich mit Kartenspielen vergnügen. Noch ein Mitglied meiner Caminofamilie ist aufgetaucht, die deutsche Frau, die mir in Roncevalles half, die alte Französin bergab zu bugsieren, die Kreise schließen sich, der Weg wird ein Ganzes. Begreife auch, warum sich die Leute immer wieder auf den Jakobsweg machen: Weil sie es nicht schaffen, ihr Leben zu ändern, wenn sie wieder zurück sind. Die Angst ist es, die Angst vor Veränderung.

20.06

Melide – Pedrouzo

Bin ich jetzt wirklich einen Tag vor Santiago? Habe ich wirklich einen halben Kontinent durchwandert? MIch durch Tage gekämpft, die nicht enden wollten, die müden Füße immer weiter gehoben, bis ich irgendwo ankam? Zuletzt wusste ich nicht mehr, von welchem Ort ich aufgebrochen war, wenn ich mich jemand fragte, zuviele Orte, zuviele Namen. Aber der Weg hat an diesem vorletzten Tag mich noch einmal mit seinen Zaubern überhäuft, zugewachsene Feldmauern, die Prozessionen von Steinpflanzen als Untergrund dienen. Über die Mauern sind die Eichen gewachsen, die die Steine mit ihrem Stamm festzuklammern scheinen, dann wieder Eukalyptuswälder mit den hartblätterigen Stämmen und dem unverkennbaren Duft.

Die hinkende Schweizerin ist zur Zeit der Star des Caminoradios. Den Weg rauf und runter wird ihre Geschichte erzählt. Wie sich sich tapfer den Weg entlang kämpft. Wir wandern ein Stück, sie leidet in ihrem Bürojob, ich bekomme das Gefühl, dass sie viele Jahre falsch gelebt hat. Andererseits, wer hat das nicht. Vielleicht braucht sie einfach nur jemanden, der mit ihr redet. Ich erkläre ihr, wie Eukalyptusbäume aussehen und zeige ihr Blumen. Wir gehen durch die Dörfer, die halb verfallen sind, dann aber wieder neu belebt von der Caminokultur. Immer wieder wird für Shihatsu oder so ähnlich geworben, energetische Massage für Pilger lese ich an den Schildern, die an den neu aufgebauten Steinhütten prangen.

Denke an den Schamanen zurück, der mir sagte, er könne niemanden heilen, das könne nur Gott. Deswegen würde er auch kein Geld nehmen. Aber die Wunderheiler, die für Geld arbeiteten, bilden sich vermutlich Wunderkräfte ein, doch da ist nichts, natürlich nicht.

Nebenbei: Es ist auffällig, dass die meisten dieser Wundertiere, die angeblich mit irgendwelchen Kräften der Natur arbeiten, von der Natur nicht die leiseste Ahnung haben. Sie können nicht einmal einen flockenstieligen Hexenröhrling von einem netzstieligen Hexenröhrling unterscheiden, dabei weiß doch jeder, dass der flockenstieligen Hexenröhrling einen flockenstieligen Stiel hat und der netzstielige Hexenröhrling einen netzstieligen Stiel. Einer von den beiden ist übrigens giftig. Ich kann mir nur nie merken, welcher.

„Ah, die Reservierung“, begrüßt mich der Herbergsvater. Spätabends in Pedrouzo, diesmal 34 Kilometer gegangen, damit die Etappe morgen schön kurz ist.

 

21.06

Pedrouzo-Santiago de Compostela

 

imageJetzt sind es nur noch zwanzig Kilometer. Der Weg geht immer noch durch Eichenhaine. Die alten Bäume haben sich zu kleinen Gruppen zusammengedrängt, umständen von Eukalyptusbäumen, als würde die Alte gegen die Neue Welt kämpfen, aber die Alte Welt verteidigt sich gut und das ganze in lichtdurchflutetem Glanz. Weil ich so spät dran bin, schenkt mir der Wald noch einige Viertelstunden Einsamkeit, bevor die Pilger anrücken.

Ein kölscher Kerl taucht auf, den ich schon seit ein paar Tagen immer wieder gesehen habe. Er notiert eine der Weisheiten des Caminos. Wer auf Gott vertraut, der hat keine Angst, und wer keine Angst hat, über den hat niemand Macht. Denn alle Macht beruht auf Angst.

Vom Monte Gozo hat man eine Aussicht auf vier Bäume, die vor der Aussicht auf Santiago stehen. Ein Koreaner arbeitet sich mit einem orangenen Klapprad den Weg entlang, Mann, ist das ein ulkiger Anblick. So fuhr ich ja auch: Die Kreise schließen sich, Klack, Klack, Klack.
So viele Menschen haben mich auf meiner Wanderung begleitet, Lebende und Tote, und jetzt am letzten Tag auf den letzten Kilometern geht mein alter längst gestorbener Wanderführer mit mir ein Stück und sagt ein Lebewohl.

Dann bin ich allein. An der Stadtgrenze von Santiago steht ein steinerner Pilger. Ein Mädchen weint, als die ihn sieht. Ihr Freund tröstet sie. Jetzt ist es nur noch Freude, nur noch Vergnügen, selbst durch die Banlieus der Stadt. An einer kleinen Anhöhe halte ich, der Turm der Kathedrale wird sichtbar. Ich diktiere Gedichtverse ins Handy, die mir beim Gehen einfallen.

Der Weg

Ich folgte der Straße der Muscheln und fand einen Stern

Dich

Im ruhigen Wasser meiner Ankunft stand eine Kirche

Ihr Bild zitterte in der schimmernden Dünung der Nacht

Und ihre Türme streiften die Tiefe

Dort, wo heilig wurde ein Mensch für  Menschen,

Und als ich aufstand vom Boden der Kathedrale

Wischte ich Sand von den Knien

So komm –

Jede Reise endet und beginnt am Meer

Wo die Schiffe beladen mit Träumen

Steuerlos

über den Rand der Erde ins Wirkliche gehn.

 

Nun ja, vielleicht ein bisschen pathetisch und der Mittelteil ist noch nicht gut. Wird aber.

Die Altstadt öffnet sich mit der Pforte de Santiago. Ein Touristenbimmelbähnchen rattert vorbei, die Leute fotografieren mich, ich posiere und winke. Komme mir vor, wie ein Filmstar:

„Uuuliii“, schreit es aus der Bar, ach ja, der Franzose, hatten wir uns nicht in Atapuerco gesehen? „Uuuuliiii“, der Manager läuft mir entgegen, „Mensch, seit wann bist Du da?“
Nur noch ein paar hundert Meter, dann bin ich da, am Platz vor der Kathedrale.image

Blauer Himmel, der Platz ist voller feiernder lachender Menschen. Wie wird es sein, anzukommen? Ich bin einfach nur glücklich. Glücklich, die beiden gotischen Stadthäuser links und rechts neben der Kathedrale zu sehen, die barocke Fassade, die auf das romanische Kirchenschiff aufgetropft ist, jetzt eingerüstet. Glücklich, über die Steinplatten zu gehen, auf denen die anderen Ankömmlinge sich fotografieren lassen, die Arme in die Höhe reißen, oder einfach nur erschöpft niedersinken. Lasse mich fotografieren, mache mein Facebook Posting, und dann gehe ich in die Kathedrale und lege die restlichen Dinge, die noch da sind, und die ich auf dem Weg nicht zurückgelassen habe vor das Grab des Apostels. Seine Gebeine liegen in einem silbernen Schrein, wohlverschlossen hinter Glas, davor ein schweres Tor und eine purpurn gepolsterte Kniebank. Schulklassen preschen hindurch, hinter mir.

Dann ist es Zeit, sich zu bedanken. So wie alle anderen Pilger auch, steige ich den goldgefüllten Altar hoch, mehrere steinerne abgetretene Stufen zu der großen, goldenen Statue von Sankt Jakob, die mit Perlen und Muscheln verziert ist und umarme ihn.

 

 

 

Ende

 

 

 

Nachtrag

Verluste:

Mehrere Zehennägel

Zwei Wanderstöcke,

Etwa sieben Unterhosen,

Zwei T-Shirts, wobei ich eines zu einem Handtuch umgearbeitet habe

4 Kilo Lebendgewicht.

Hält sich in Grenzen

Gewinne:

Drei Monate, die mir niemand mehr nehmen kann und wird.

Gelöste Rätsel:

Der Sinn des Universums und von dem ganzen Zeug: Da sein.
Der Sinn des Lebens: Weiterpilgern und an den Rosen riechen.
Gibt es Gott?: Ja, auch wenn man nicht dran glaubt. (Ähnlich wie beim Hufeisen)
Machst Du den Weg, oder macht der Weg Dich?: Der Weg ist ein Spiegel, der sich zieht.

Ungelöste Rätsel:
Warum, zum einbeinigen Henker, ist das im Rucksack immer ganz unten, was man gerade braucht?

 

 

 

Am Abend meiner Ankunft sind R. da und M. Wir gönnen uns eine Havanna und ein paar Canjas Bier auf einem kleinen blumenbestandenen Platz in der Altstadt. Später im Pilgerbüro lacht und scherzt der Voluntario mit mir, vermutlich bin ich mit den 2300 Kilometern Tagessieger. Ich hole mir meine Urkunde ab.

Jede Reise endet und beginnt am Meer, habe ich geschrieben. R. fährt mich nach Finisterre, das Kap am westlichen Zipfel Spaniens, das mir gleich dreimal poetisch vorkommt: Weil es das Ende der Erde ist, weil in Finisterre das Wort Finsternis steckt, und weil die ersten Pilger den Namen als finstern Stern interpretiert haben. Am Ende der Welt leuchtet ein dunkler Stern in der Finsternis, für uns.

Ich schreibe für den „Hexenmeister von Villafranca“:

Und das Meer silbern jetzt, kringelte sich in weißen Schlieren um das Kap. Die Sonne fiel gegen die Kiesel und Blumen sprossen daraus empor. Es war leise. Der Leuchtturm schwieg, und die Erde stand still. „Ich gehe mit dir an das Ende der Welt, das habe ich dir versprochen“, sagte ich. Julia nahm meine Hand. „Und nun sind wir angekommen“.

Nur – Die Welt hatte kein Ende

Das Meer wölbte sich auf, ein Fels schwamm darin, zog weiße Schlieren über den Ozean, ein Fischerboot näherte sich, Die Wolken schmolzen im Blau und wurden weniger, der Himmel drängte sich hindurch und das Meer wurde türkis. Ein Schuh stand da, angeschwemmt. Die Menschen schienen zu warten, der Schaum drückte sich zusammen und zog in einer langen Kette nach außen in die Weite. Seevögel, weiße Punkte wie Sterne von Sternbilden, schwammen im Blau, veränderten sich, wären sie Sterne würden jetzt Jahrmilliarden vergangen sein.

Dünung kam auf und zerteilte den Schaum, brach Schollen ab, weißblau wie Eisberge sein könnten. Das Fischerboot kämpfte sich voran.

Julia ging hinunter und starrte auf das Wasser. „Da ist mein Land“, sagte sie, „mein Land, da unten, da hinten.“ Das Licht schwoll auf, und ließ die Sonnenseite grau und hell werden, der Wind brach das Wasser in raue helle Stücke, schneeweiße Flächen zeigten sich wie Risse im Wasser, dahinter glitzerte es. Der Horizont verschwand. Wolkenwürmer schwebten über dem Wasser, wie weiße Drachen, hoben sie sich über das Wasser, drängen an das Kap und fluteten durch die Wälder. Möwen, immer wieder Möwen. Steine. Runde große Findlinge waren da, manche zerbrochen und hohl, wie die Schalen der Ewigkeit, als hätten sie die Zeit entlassen, manche schwarz. Ginster wuchs und Kerbel stach empor. Disteln leuchteten, Natternköpfe standen, Löwenzahn ruhte in sich, kleine Sonnen und Sternen zwischen den Steinen. Im Osten wurde das Meer dunkelblau, weiße Wokenbänge verhüllten das Land, ein Schmetterling stach vorbei. Jetzt trieben die Möwen in den Schaum hinein, der an den Felsen brach. Ganz leises Geräusch von Dünung und Brandung, Gräser zitterten wieder.

Sonne drang jetzt durch den Dunst, um den Horizont anzuzeigen, den ganzen Raum des Meeres. Ich fühlte mich, als würde ich hineingezogen in das zackige Blau der Strömung. Möwen segelten schweigend, dahinter waren Muschelbänke.image

 

Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 16

9.6.

Leon

Die Kathedrale von Leon

Ich sitze in einem Hotelzimmer und schreibe zwölf Stunden. So sollten die Tage vergehen. Zufällig ist der deutsche Polizist da, der gar nicht mehr heim- oder wegwill. Ich esse öltriefende Salami, die in Rotwein gekocht ist. Schaffe gerade die Hälfte. Die Gassen sind krumm, der Platz, auf den sie führen ist unregelmäßig. Warum fühlen sich Menschen wohl in winkligen Gassen und kleinen überschaubaren Plätzen? Weil sie der conditio humana entsprechen. Die aber ist jenseits der Ratio. Denn rational wäre es ja, gerade Gassen und rechtwinklige Plätze anzulegen. Dann ist man schneller da. Und vor allen Dingen schneller wieder weg.

Bevor es Nacht wird, noch eine kleine Statistik über Würste:
Würste in Frankreich, weißer oder grüner Schimmel, Typ Salami,sehr gut.
Würste in Lyon, Paprika-Lyoner ist unbekannt: sehr gut.
Würste in Pamplona, weißer Schimmel, sehr gut.
Würste in Burgos, Blutwurst mit Graupen, absoluter Hammer
Würste in Leon, ölgetränkte Salami mit Paprika, völliger Unsinn.

Warum verstehen sich die Leute so leicht und gut auf dem Camino? Sie haben ihre alte Leben hinter sich gelassen und sind ganz sich selbst. Jeder also, mit dem man sich anfreundet, akzeptiert einen so, wie man ist.
Der Bretone hatte mir noch einen Spruch auf den Bierdeckel geschrieben, von wegen „risikoreicher Leben und die Chancen ergreifen.“ Warum zum Henker, sind es eigentlich immer die kaputtesten Typen, die mir ständig glauben mitteilen zu müssen, wie falsch mein Leben ist und wie ich es verbessern könnte?

10.6.

Leon – Villar de Mazarife

Morgens in der Kathedrale von Leon. Die Fenster sind so groß wie ein Fußballfeld. Im Journalismus muss man ja immer alle Größenagaben in Fußballfelder umrechnen, damit die Leute sich ausmalen können, welche Dimensionen die beschriebenen Dinge haben. Ich muss zugeben, dass ich nur drei Mal in meinem Leben ein Fußballspiel in einem Stadion angesehen habe und wie die allermeisten Menschen deswegen nur eine sehr vage Vorstellung von der Größe eines Fußballlfeldes besitze. Aber damit kommt man im eisenharten Geschäft des Journalismus nicht durch. Beispielsweise ist ein Lichtjahr in Fußballfeldern ausgedrückt, ungefähr 10 hoch irgendwas und ein bisschen, was bedeutet, dass das Licht, das ein Fußball aussendet, etwa ein Jahr früher in der gegenerischen Hälfte ist, als er selbst. Kann natürlich auch sein, dass die Fensterflächen um einiges kleiner sind als ein Fußballfeld, wie gesagt, ich habe wie die meisten Menschen von Fußballfeldern nur vage Vorstellungen.

Die Fenster jedoch sind groß. Ihr Licht scheint aus der Ewigkeit zu kommen, es fällt vom Himmel durch die Heiligen hindurch auf den Boden. Es nimmt damit eine andere Richtung wie die Gebete, die durch die Heiligen hindurch nach oben müssen. Eine fünfschiffige unverbaute Anlage. Der Innenraum und die Gewölbe verschwinden unter dem Eindruck der Fenster, ein vorweggenommener Glas- und Stahlpalast, der in sich stimmt, der den Raum so überspannt, als würde er eine Geschichte erzählen von Proportionen, Harmonien von Gleichungen und Geometrie, von Gott.
Der Audioguide hingegen erzählt die Restaurierung der Kirche. Als die barocken Kuppeln abgetragen wurden und sich die neugotischen Gewölbe mit einem Knirschen auf die alten Säulen setzten, konnte keiner wissen, ob die Kathedrale nicht einfiele wie eine Kartehaus.

Ich muss aufbrechen, weiter Richtung Westen: Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.

So groß mindestens wie 10 hoch irgendwas Fußballfelder.

Die Berge des Bierzo haben sich ein paar Schneefelder aufgehoben, um sich den Nacken zu kühlen, morgen kann ich sie erreichen, schätze ich, ich will aus der kastilischen Braftpfanne um Leon heraus, ins Kühle. Schnell.

Störche kreisen am Himmel und verheißen eine gute Fahrt. Auf der Landstraße, der ich nach Villar de Azarife folge, hat der Sommer schon begonnen und brennt sich von den Banketten aus braun in die noch grünen Felder.

Wilder Lavendel jetzt und große Blumenknödel, mit akanthusähnlichen Blättern, durch die Stille von Heide und Büschen bimmeln Schafe.

Die Luft ist klar und heiß, ich biege in Villar de Azarife in das Refugio de Jesus ab. Es Ist über und über mit Graffiti vollgemalt. Im der Auberge befindet sich auch eine gepflegte Bar, in der eine Horde ungepflegter Spanier Schnaps und Café säuft. Ein wackliges Zimmer, in das genau ein Bett passt, ist nun mein eigen, unten lärmen die Spanier im offenen Innenhof, die ganze Nacht und auch gleich den ganzen Morgen.

11.06

Villar de Azarife – Astorga

„Hola, Hola“, kräht der Papagei In Villavante. „Coco“ heißt er, wie ich dem Reiseführer entnehme. Die Namen von Haustieren könnte deswegen angegeben sein, damit sich öfter ein Grund für eine Neuauflage ergibt. Aber Papageien haben ja ein langes Leben. Der Bar entnehme ich Tortillas und Orangensaft. Dann, weiter nach Westen, nach Hospital de Orbigo.

Wenn das die deutschen Umweltschützer sehen würden! Dabei weiß jedes Kind, dass Stromleitungen Todesfallen für große Vögel sind. JEDES! Nur diese blöden Störche nicht, die elegant um die Stromleitungen herumfliegen und auf den Strommasten landen, in denen sie ihre Nester gebaut haben. Die Brücke von Hospital de Orbigo, eine der großen Sehensenwürdigkeiten des Tages, sieht aus, als hätte man einen Ausverkauf von Brückenbögen hintereinander in den Fluss gestellt und zusammengemauert. Zwei Bögen davon sind noch von den Römern. Offensichtlich hatte sich der Fluss verlagert, und man musste im Laufe der Jahrtausende immer noch mal einen Bogen dazumauern. Ich überlege mir, ob die Brücke daran schuld war, dass der Fluss die Richtung änderte, weil ja auch in Esslingen gleich zwei Brücken hintereinander gebaut wurden. Es könnten ja die Brückenpfeiler die Strömungsverhältnisse entscheidend verändert haben.

Gegen 14 Uhr ist die Hitze so heftig, dass ich nicht mehr kann. Rette mich unter einen Pappelwald, und schlafe bis 17 Uhr.

Es wird wieder bergig und gegen abend kurz vor Astorga laufe ich sehr spät, sehr langsam zuerst über eine romanischen Brücke, zweckmäßig, klar, schön, dann über eine Eisenbahnbrücke, ein Stahlstangenmonster, das wie besoffen auf Stelzen schwankt. Ich erklimme den Hügel mit der Altstadt, Musikfanfaren begleiten meinen Einzug. Wollte mir ein Einzelzimmer gönnen, weil aber das berühmte Fest des Irgendwas ist, sind alle Hotels und alle Pensionen ausgebucht. Die städtischen Gebäude haben sich in festliche Fahnen gehüllt, als wollten sie es den Damen der Stadt gleichtun, die ebenfalls bunte Fetzen tragen und kiloweise Haarspray spazieren führen.

„Ciclistas“, seufzt der Herbergswirt der städtischen Pilgerunterkunft, als er sieht, dass die drei Radpilger, sämtliche Betten in Beschlag genommen haben. Er räumt den Krempel auf ein einziges Bett, damit ich meine Sachen drauf tun kann, und ich weiß die Ciclistas werden mich hassen, weil sie denken, ich sei es gewesen.

Weil die Übernachtung billig ist, gönne ich mir ein fünfgängiges Festmenü: Mit Muscheln im Fischsud, Muscheln gefüllt mir Ei und Zeugs, dazu Gemüse und Fleisch, Wein und Brot,

„Ciclistas“, seufze ich, als ich zu der Bande breitbeinig schnarchender Spanier ins Zimmer muss. Ich stopfe mir Ohrstöpsel rein, mit dem bekannten Effekt, dass ich an meinem eigenen Schnarchen nicht mehr aufwache, und es wohl sehr laut wird.

Ungeniert unterhält sich die Bande lauthals am frühen Morgen, um mich zu ärgern. Zur Vergeltung lasse ein paar saftige Muscheln-mit-Fischsud-Fürze.

 

12.06

Astorga – Rabanal der Camino.

Der bischöfliche Palast in Astorga von Antonio Gaudi.

Endlich schaffe ich es in den Palast von Astorga, den Antonio Gaudi entworfen hat. Gerade und harmonisch von außen, die Gotik ganz im Stile des Art Decco in die Fläche gezogen und dabei immer absolut schöne Proportionen. Frage mich, warum sich die Archtekten in Deutschland so sehr vor der Schönheit fürchten, dass sie immer so einen Mist in die Landschaft stellen. Innen ein Säulenwald, nachempfunden etwa der Alhambra mit ganz dünnen, nach oben gezogenen Arkaden. Im Museum finde ich zwei höchst interessante Bilder von Schweißtuch der Veronika und dem Schleier von Mara…. wie heißt er doch gleich, jedenfalls mit dem Gesicht von Jesus drauf.

Es knallt. Pulverdampf weht durch die Gasse vor dem Palast und der Kathedrale. Mehr als die vage Angabe, es sei ein militärischer Umzug, kann ich nicht aus den Leuten herausbringen. Vielleicht mögen ihn die Leute nicht so sehr. Auffallend jedoch, dass sich mehr Soldatinnen als Soldaten beteiligten. Trachtengruppen mit Kastagnetten, romantische Bläser und dickliche Würdenträger mit ihren aufgebretzelten Gattinnen, deren Highheels die Ausmaße von Tomatenstangen erreichen. Die Defilierer üben einen seltsamen Wiegeschritt, herrlich, als ob die ganze Belegschaft besoffen wäre. Ein geruhsames Schwanken zu dramatisch romantischer Blasmusik. Und weil es eben vor dem Palast von Gaudi ist, kann ich nicht umhin, angesichts der Soldaten mit ihren Gewehren den Witz zu posten, Mordsgaudi in Astorga.

Der ganze Umzug verzieht sich in die Kneipe oder in die Kirche, ich mache beides. Erst Kneipe, dann Kirche.

Zeit für die Messe, kleine Mädchen in weißen Hauben und geschlitzten blauen Kleidern nach Landsknechtsart halten Lilien in den Händen, ich quetsche mich mit dazu, weil es sonst keinen Sitzplatz gibt. Nehme noch mit einem Pressefotorafen Kontakt auf, doch der hat keine Zeit und muss schaffen.

Der wenige Sätze der Predigt kann ich mir übersetzen: Die Sünde, sagt der Bischof, ist der menschliche und der soziale Tod. Das ist es. Während der menschliche Tod in der Trandszendenz stattfindet und die Dösköppe in der Regel nicht interessiert, ist der soziale Tod aber höchst wirklich. Deswegen gibt es auch wohl dieses Sektierertum der Macht, weil die Mächtigen asozial sind. Außerhalb der Gesellschaft.

Ich erfinde ein Gleichnis zum Religionsfrieden. Ein Vater hat drei Söhne. Ein Sohn geht zu seinem Bruder und zündet sein Haus an. Was glaubt ihr, würde der Vater mit diesem Sohn machen?`
Ich schließe die Augen. Die Stimmen schweben herrlich in dem Chorraum und tragen meine Seele mit durch die Dunkelheit.Die Mädchen treten vor und überreichen dem Bischof ihre Lilien, die Würtenträger bekommen Händedrücke, ihre Gattinnen küssen die Hände, und in einem Dunst aus Ruhe und Weihrauch, verlasse ich die Kirche, selten so einen festlichen schönen Gottesdienst gesehen.

Die Mädchen überreichen Lilien

Es geht in das Bierzo.

Der Himmel bedeckt sich, und die Wolken ziehen schamhaft den einen oder anderen Regenschleier herab, vermutlich, damit man das schlechte Wetter nicht so sehr sieht. Schnurgerade schießt jetzt der Camino durch hellblühenden Ginster.

Die Landschaft ändert sich völlig. Kleine Bergrücken werfen sich zum Bierzo auf, Ginster, Lavendel und Pinien duften, flache Eichen bilden dicke Teppiche. Mit der Landschaft ändern sich die Dörfer. Romantische Steinhäuser mit unverputzten Mauern, viele halb verlassen und in Ruinen.

Ich schreibe für den Hexenmeister:
„Das Haus war eingefallen und aufgegeben, der Dachfirst in der Mitte zerbrochen. Rosmarin wuchs, eine Firstmauer stand noch wie eine Pyramide. Die Mauerkronen waren abgebrochen, an den Bruchkanten klaffen weiße Steinwunden auf, Mauerpfeffer wölbte sich über den Brüstungen und polsterte den Untergang.
Es waren große flache Steine. Hellbraun, dunkelbraun, wie ineinander verdreht. Die Mauern schräg, kragend, verschränkt, als hätten sie miteinander gekämpft bis zur Zerstörung. In der Firstwand waren die Fensterhöhlen zugemauert und bildeten Nischen. Als die Sonne sank, legte sie Schatten in die Fensterhöhlen, dass sie aussahen wie dunklen Augen des Untergangs.

Am Nachbarhaus ragten noch Dachsparren mit Resten von Stroh empor, manche Dachbalken und Latten formten Kreuze. Das Holz sah aus wie angeschwollen, war schwarz gebrannt in der Sonne, Nägel stachen hervor, giftige Stacheln, darunter abgeblättert an der Tür ein alter Anschlag, er versuchte, die Jahreszahl zu entziffern, 1841 stand da.

Er ging weiter. Entdeckte jetzt noch weitere Mauern außerhalb in den Feldern. Für die Schafe, dachte er erst, doch dann wurde ihm klar, was er für Viehpferche gehalten hatte, waren in Wirklichkeit nichts anderes als Grundmauern. Er konnte Straßenzüge erkennen, Reste eingefallener, einst kümmerlich errichteter Tore, er konnte Brennnesseln sehen und Calendula, die unter den Mauern hervor wuchs, er entdeckte im Gras zwischen den Ruinen eine leichte Wölbung die sich nach Westen zog, es müsste eine zugewachsene Straße sein.

Dazwischen kleine Bäume, ein Apfelbaum darunter, verkrüppelte Disteln, ein paar Pappeln standen da und hinter ihnen öffnete sich die Landschaft. Berge mit flachen Schneeflecken, die ihre Köpfe zierten, wie die Schlitze in den Helmen von altertümlicher Samurai. Wind wehte, ließ die gelben Kugeln der Zwiebeln nicken. Lavendel leuchtete. Der harte Westwind trieb ihn zurück.

Wie eine ausgebreitete Hand fetzten die Wolken, sein Mund wurde trocken.Kühner Zeit-, Stil- und Perspektivenwechselr, et alors:


Bevor ich Reißaus nehmen kann, erscheint eine riesige Clownsnase. Ich springe zur Seite, das Blut rauscht in meinen Ohren. Das Herz hämmert, meine Hände zittern unkontrolliert. Der Schock krampft meinen Körper, ich lehne mich an eine Mauer, die Kühle bringt meine schon halb in den Wahnsinn verlorenen Sinne zurück. Ich stehe lange so, atmend. Der Wind weht über mein Gesicht. Meine Seele überschreitet mehrere Rubikönner, knallt etliche Würfel auf den Boden, ich atme durch. Nun gut, Odin, du Gott der Schlachten und Kriege, du willst Männer sehen? Das wirst Du. Ich treffe dich in Wahlhalla und dann wirst du mir Rede und Antwort stehen! Vorsichtig nähere ich mich dem Mann. Eine rote Leuchtspur vor mir. Die Nase glüht. Lautlos schleiche ich mich noch zwei Meter heran. Da! Plötzlich! Jetzt! Der Wind dreht, ich springe gewandt ein paar Schritte zur Seite, damit er meine Witterung nicht aufnimmt. Er hat mich nicht gesehen. Ich folge ihm weiter. Schweigend, ganz Jäger, ganz Krieger, ich lechze der Entscheidung entgegen. Das ist das Leben, endlich: Der reine nackte Kampf Mann gegen Mann, wo nur Mut, Kraft, Kühnheit und Schnelligkeit zählt. Die Maske der Zivilsation ist abgefallen, da wo sie hingehört in den Orkus der Überkultur. Laut pocht das Blut in meinen Adern, ich balle die nervigten Fäuste, ergrimme die Miene, und mit einem wilden Satz springe ich hinter ihm hervor.

Es ist ein Brasilianer.

Wo er denn bloß diese rote Clownsnase herhat?

Ob ich einen Bretonen kennen würde?

Mehrere Minuten später ist mir klar, dass er Neo kennen gelernt hat, der egal in welcher Kirche er auch war, den Statuen des Heiligen Santiago eine Clownsnase aufsetzte. Anschließend hatte er sich selbst mir einer zweiten Clownsnase daneben gestellt und sich fotographiert. In einer Kirche von Soundso hat der Bretone die eine Nase wohl an der Statue vergessen. Jetzt nimmt sie der Brasilianer hin und wieder als Sonnenschutz.

Seine Begleiterin ist Französin, die in Deutschland wohnt, ja sie hat einen Sohn, ist geschieden, sie hat ihren Job gekündigt, weiter frage ich nicht, ist auch unnötig. Sie erklärt mir en passant einen Vorteil des Caminos speziell für Mädchen. So wie jeder andere Pilger auch hat sie zwei Hemden und zwei Hosen, die je nach Grad der Verschmutzung abwechselnd getragen werden. „Und daheim, stehe ich dann morgens wieder auf“, seufzt sie in gespielter Verzweilfung, „und weiß nicht, was anziehen.“

Vielleicht wäre es an dieser Stelle Zeit, mal wieder über Unterwäsche zu reden.
Ich hatte davon gehört, wenn ich mich recht erinnere, im Jahr 1986, damals als ich mit großen Augen nach China aufbrach, um ein Land zu bereisen, das so fremd war, wie heute vielleicht China. Man hatte mir erklärt, dass die Chinesen auf dies Art reisten, aber ich glaubte es nicht. Später dachte ich, das können halt die Chinesen, wir nicht, und dabei habe ich es belassen. Im Ernst, das soll funktionieren?

Dann, Jahrzehnte später, es war um das Jahr 2013, hörte ich wieder davon, ausgerechnet im Nürtinger Hof in Reutlingen, wo ich auf meinen alten Freund W. wartete. Ein Mann saß da alleine, um die vierzig, leicht übergewichtig, das offene karierte Hemd verriet den weitgereisten Mann. Sicherlich schon mal in Betzingen gewesen. Er erklärte es mir wieder, so sei er den Camino de Santiago gegangen, mit nur sieben Kilo Gepäck. Weil er, …..

Schlagartig wurden Zeit und Raum durchbrochen. Er kannte die chinesische Methode? Man duscht, wäscht während der Dusche die Unterhose und die Socken mit Seife aus, dito das Unterhemd, und legt anschließend seine zweite Garnitur an. Das Ganze lässt man über Nacht trocknen, hat am nächsten Tag frisch und wandert mit so gut wie keinem Gepäck durch die Welt.

Ausgestattet mit dieser Weisheit des Orients und einer dritten Unterhose hatte ich mich auf den
Camino begeben. Ich, so glaubte ich tumber Tor, der ich damals war, verfügte über die Weisheit des einfachen Reisen, ich, so wähnte ich, kannte die Geheimnisse von Franziskus, Antonius, Benediktus und den ganzen anderen Typen mit Heiligenschein und höchstens zwei Unterhosen und so kam ich —- bis eben Figeac.

Als ich dort aus der Dusche stieg, trocknete ein Damenspitzenhöschen und ein Hemdchen an der Heizung. Schockartig wurde mir klar, ich war nicht allein. Wer kann Ermessen, was es heißt, nach so vielen Wochen des Wanderns- und Radfahrens wieder aufgehoben zu sein, in der Gemeinschaft der Unterhosen-Duscher. Alles drehte sich um mich und ich hielt mich an der Heizung fest.

Doch da war schon klar, dass auch diese Zeit der Geborgenheit in jener Gemeinschaft nur vorübergehend war, vorübergehend sein konnte, so wie sich alles änderte, ändern musste, um im ewigen Stirb und Werde zu sterben und neu zu werden.

Denn manche Duschen waren auf der Strecke zwischen Tübingen und Santiago so versifft, dass man nicht mal seinen Arsch darin waschen mochte, geschweige denn die Unerhosen. So hatte ich mir folgende westöstliche Waschweisheit zugelegt. Vier Garnituren Unterwäsche reichen. Wenn alles dreckig ist, die asiatische Methode anwenden bis zum nächsten Waschsalon. In Spanien gibt es sogar welche, bei denen das Waschmittel im Preis mit drin ist.

13. 6
Rabanal der Camino – Molinaseca.

Es geht auf Trampelpfaden in die Berge. Jetzt sind wieder Neupilger am Start, die von Leon angefangen haben, aber eher unangenehme Leute, diese Sorte zweckorientiert und leistungsgerecht, weil sie wissen, dass sie hier den Camino mit dem wenigsten Aufwand und der schönsten Landschaft machen können. Sie haben sich in Outdoor-Klamotten geschmissen, nehmen an den schwierigen Stellen Taxis, und es fehlt nur noch, dass sie so etwas wie „Wenn die bunten Fahnen wehen“ singen.

Menschen: Der alte Amerikaner, der ein Maultier dabei hatte, auf dem Maultier saß seine richtig fette Frau, und das Maultier musste auch noch einen Karren mit dem Gepäck ziehen.

Menschen: Der Holländer kommt rein, trompetet mit den Lippen. Hut, dicke weiße Beine: „Du bist Deutscher?“ „Ja!“, „Gehst Du nach Santiago?“ „Hab ich vor“. „Ich muss leider aufgeben wegen der Blasen. Eine davon ist so groß, dass ich ihr einen Namen gegeben habe: Fred.“

Kurz vor der Passhöhe auf etwa 1400 Metern liegt das Dorf Foncebadon, wo es Franziskanerweizen gibt. Der Wirt erzählt, dass dieses Dorf vor 20 Jahren gänzlich verlassen war, durch den Camino ist es jetzt teilweise wieder besiedelt. Ich könnte mit ausgebreiteten Armen den Berg hinabsegeln vor Freude. Damit habe ich also dieses Dorf ohne Namen gefunden, das mir damals vor 25 Jahren so absolut unheimlich war, dass ich darin den Schluss des Hexenmeisters ansiedelte. Ich habe es wiedergefunden, nach all den Jahren.Ein Zauber liegt auf diesem Tag, den ich nicht beschreiben kann. „Hast du die Pyrenäen gesehen?“, fragte mich Serge, der vom Algerienkrieg gezeichnete Franzose, vor 25 Jahren, an genau dieser Stelle. „Ja“, antworte ich nun 25 Jahre später, „jetzt habe ich sie gesehen.“

Foncebadon

Wie riesig sie sind! Beim Aufstieg von Foncebadon bis zum Cruz del Ferro sieht man die Bergkette nicht etwa als schwachen blauen Schimmer, sondern als kraftvolle Wand, die den Himmel trägt. Dazwischen liegt das Land, das ich drei Wochen lang durchwandert habe. Tatsächlich kann ich die ganze Strecke sehen! Wo gibt es noch ein Land, das einen Punkt hat, wo man vom einen Ende bis zum anderen blicken kann (außer dem Vatikanstaat vielleicht).

Könnte den Berg hinabsegeln vor Freude

Hexenmeister:

„Er ging über Gras, das Gott weiß wie lange niemand mehr gemäht hatte. Er kam an einem hölzernen Kreuz vorbei, mit seltsamen Kreisen verziert, das schräg auf seinem Sockel lehnte, wie ein Todkranker an seiner Krücke. Es ging weiter hinauf. Er drehte den Kopf, und sah es über den Pyrenäen schwarz aufsteigen. Der Dämon kam.

Die Täler öffneten sich. Wolken ließen Fledermausschatten über die Berge wandern, der Rosmarin starb, Ginster wurde weiß vor Schmerz.“
Auf der Passhöhe bin ich endlich am Cruz del Ferro. Mehr als tausend Jahre wäre also der Steinhaufen alt, in dessen MItte ein fünf Meter hoher Mast prangt, in dessen Spitze ein einfaches Eisernes Kreuz gerammt ist. Die Pilger legen Steine ab, lassen hier ihre Lasten zurück, doch viele nutzen den Steinhaufen nach jüdischer Sitte zum Totengedenken, die Steine tragen Namen an von angehörigen, Fotos sind aufgesteckt, kleine Schmuckstücke oder Bändel liegen am Boden. Ich lege einen kleinen Feuerstein hin, den ich an der Ostsee gefunden habe. Eine Frau freundlich lächelnd kommt mir entgegen, wartet bis ich den Steinhaufen verlassen habe und klettert dann selbst hinauf, um in der Stille ihren Stein loszuwerden.

Mit weiter Aussicht geht jetzt ein Schotterweg auf der Höhe, ich treffe den Brasilianier wieder, der wohl mit der Französin etwas näher bekannt geworden ist, Futter für das Radio Camino. Die zwei turteln, ich aber tanze die Steine herab. Halte, weil ich jetzt Bilder sehe, wie ein Deja-vu. Vor mir die Berge von Gallizien, ein neues wuchtiges Panorama, und ich weiß, dass ich damals genauso stand. Unter mir auf einem schmalen Felssporn das Dorf El Acebo, eine Insel, die in einem Panorama schwimmt, das hunderte Kilometer Sicht gewährt. Damals rastete ich dort ergriffen, trank Wein, und übernachtete in einem Steinhaus. Ich habe also nicht nur das zerstörte Dorf gefunden sondern, auch jenes, in dem ich die Hexe zum letzten Mal sah. Sie war, glaube ich komplett durchgeknallt.

Jetzt ist es ein ruhiger Touristenort, in dem Pilger gemütlich ihr Bierchen trinken, und den Spatzen dabei zusehen, wie sie ihnen den Kuchten wegfressen. Jetzt treffe ich die Israelin von den Pyrenäen wieder, ihre Freundin ist schon voraus und wieder zurück, sie musste heim. Ein Ring hat sich geschlossen

Mächtig felsig das Nachtigallental, in das ich jetzt absteige, brauche beide Stöcke und volle Konzentration, um den Weg hinunter rennen zu können. Der Wind zaust die Heidekrautbüsche, gigantische Esskastanien, unten am Fluss in Molinaseca nehme ich mir noch einmal ein Einzelzimmer, will die Pilger, Marke Generaldirektor und – die werden Augen machen im Golfclub – gerade nicht sehen. Wieder so ’ne lange Brücke vor Molinaseca mit romanischen Bögen. Die Spanierinnen stöckeln sich über die alten Bodenplatten und lachen sich halbtot dabei, wenn sie balancieren müssen.

Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 15

01.06
Burgos – Hornillos del Camino.

Schon wieder die gleichen Leute am Morgen in diesem Café in Burgos. Sollte es sich um das Barpersonal handeln? Komme spät los, schüttele die Nacht und die Müdigkeit ab, gehe noch einmal an der Kathedrale vorbei. Das war jetzt einfach Urlaub vom Camino, drei Tage und die waren gut. Es geht jetzt in die staubigen Mesetas. Doch im Frühsommer, vor der Ernte, sind dort nur große grüne Weizenfelder. Weizen und HImmel, unter dem sich manchmal eine Talsenke öffnet, Ausblicke die mir bekannt vorkommen wie die schwache Erinnerung an einen Traum.

Abschied von Burgos
Abschied von Burgos

Ich gehe sehr langsam.

Die Berge stoßen durch das Grün hoch, wie Eruptionen von steinernem Treibeis, sie tragen Felsentrümmer auf ihren Spitzen, und ihre Flanken sind in weißem Staub eingetrocknet.
Die Pappeln lassen luftige Baumwolle fliegen, weiße Seide. Liegt wohl in der Natur der Sache, dass ich auch mmer an Andenken denke, eines der schönsten Gedichte Hölderlins: An Feiertagen gehen die braunen Frauen daselbst auf seidenen Boden. Dazwischen trockenes Stapfen durch die Dörfer, kleine Steinsiedlungen.

Ein jeder ruhe im Schatten des anderen.
Ein jeder ruhe im Schatten des anderen.

In einem Pferch eine Herde glattgeschorener Schafe, ganz in der Hitze zusammengedrängt unter einem viel zu kleinen Baum. Ich denke: Ein jedes suche den Schatten des anderen. Nein, ein jeder ruhe im Schatten des Anderen. Pulks von Tauben picken. Ich halte oft an Steinhaufen, die in der morgendlichen Schärfe wie kleine Landschaften wirken, die Blüten über sich gezogen haben und sich mit Kreuzen schmücken.

Vor dem Mittag war der Morgen voller Magie, doch die Sonne steigt. Das Grün wird bleich jetzt, wächsern, die Stille erst festlich, dann trocken. Wie mit dem Griffel ausgekratzt ziehen sich Bachläufe durch hartes Grün. Der Himmel ist erst prächtig blau, dann fahl. Mittagszeit, die Schatten ziehen sich erschrocken zurück, vor der Gewalt der Sonne.

Weizenfelder stemmen sich gegen die Berge, werden dabei Gistergelb und mohnrot.

Landschaft geschottert und geschichtet. Auf den fernen Hügeln weiß man nicht mehr, wo die Äcker aufhören und die Steinwüsten beginnen. Ganz weit weg treiben Berge im Blau mit weißen Schneeflächen.

Geschichtete Landschaft
Geschichtete Landschaft

Hier hat nicht nur Don Quichote Pause, auch die Windmühlen ruhen. Weiße Spargel, die den Wind von sich abtropfen lassen, als ginge er sie nichts an.

Gehen ist wie meditieren oder wie ein Gebet.

Gelb von Ginster und Rot vom Mohn, Ich habe die großen Dinge hinter mir, die Pläne B und C geschmiedet, Bäumen und Schatten gibt es kaum mehr, aber tatsächlich einen schön angelegten Rastplatz, bestanden mit Pappeln. Die Blätter der Pappeln flattern wie Vögel und rascheln, ich schließe die Augen und das Rascheln und Flattern hört sich an wie Regen, ein Regen aus Grün und Ruhe.

Schreibe mein Gedicht weiter, aber der Schluss gefällt mir noch nicht.
Die Königin

Die Nacht aber war hell unter den Kirchenbogen
Und als wir Küsse tauschten
Wurden sie wie Worte,
Die sagten, geh nicht

Und deine Spur noch Königin stand
lange wie langsam bröckelnder Stein
Unter den Sternen,
bis sie verwehte, wo du gingst,
zu Staub.

Ich aber trieb lange
den Fluß mit dem Totholz der Jahre
bis dahin, wo die Wasserfälle sind,

Tausend Tropfen, Geliebte,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Und Perlen auf das Ufer rieseln,

Weil du wieder da bist.
Will mich für das Geschenk bedanken, auf dem Weg zu sein. Doch hier in Kastilien sind die Kirchen meist geschlossen.
Leute, eine Kirche, die zu ist, nützt keinem was!
Weder Gott, noch dem Priester, noch den Gläubigen. Versuche gedanklich herauszufinden, warum man stahlblauer Himmel sagt, schließlich ist Stahl alles andere als blau. Vielleicht war es einst ein Wort für einen eisernen Himmel, der grau war, und hat sich dann in der Bedeutung verselbstständigt. Sicherlich nicht nötig, darüber einen Aufsatz zu schreiben, denn den gibt es sicherlich schon. Wie sagte einst mein alter Freund, der Chaosforscher Otto E. Rössler, niemand kann das Rätsel der Farben erklären.

Der Hügel von Castrojeriz
Der Hügel von Castrojeriz

image

Fritz The Cat habe ich nicht mehr gesehen, und würde gerne wissen, wo er steckt. Flugs, das Camino-Radio eröffnet, und damit ein Vermögen verdient. Sagt zuverlässig durch, welche Herberge in welchem Dorf belegt ist, gibt Tipps für die lange Wanderschaft, und weiß zuverlässig, wer mit wem und wo die auffälligen Figuren gerade rumhängen.

Ich steige von den Weizenhochebenen ab nach Tardajos.
Raste in einer kleinen Eremitage, ein Kirchlein kaum größer als eine Telefonzelle, fülle am Brunnen die Flasche.

In der Bar gegenüber der Kirche tschilpt es gewaltig. Die Schwalben haben genistet, drei Londoner Girls haben sich eingenistet, sind schon gut an die 70 und erzählen vom Schüleraustausch nach Deutschland. Freunde geblieben eine Leben lang, für die Deutschen damals muss es ein Betonhammer auf den Holzkopf gewesen sein, aus dem spießigen Frankfurt in das Swinging London gekommen zu sein. Die Älteste hat noch so etwas British unbewegliches in ihrer Gestik, den Kopf ganz gerade, die Augen unverwandt auf die Dinge gerichtet.

Während ich mich erhole, schimpfen die Schwalben. Ich betrachte lange ihre braunen Kehlen, weil sie mich an die schönen alten Drucke erinnern, die den Tierbüchern des 19. Jahrhunderts beigegeben waren. Ich muss ja noch herausfinden, warum die vielen Koreaner auf dem Camino sind. Koreamino, Koreatino. Ein Österreicher behauptete, das würde ihre Berufsschancen verbessern, aber das glaube ich nicht. Ein koreanischer Junge kann kaum mehr gehen, ist an seinen Grenzen und wartet erschöpft unter einem Dachvorsprung. Ich frage ihn: Er will sich selber finden. Mit diesem Satz belehrt er mich und ich belehre ihn: Nur wenn du deine Grenzen findest, kannst Du dich selbst finden, denn du bis ja innerhalb ihrer.
Dass man sich nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss, kann er noch nicht wissen, auch nicht, dass jede Selbstkonstruktion eine Lüge ist und irgendwann scheitert. Bis man sich neu erschaffen muss. Wir müssen uns Sysiphus als glücklichen Menschen vorstellen.

Aber ich verstehe jetzt, warum das Leben eines jungen Mannes so sehr von Grenzgängen geprägt ist.

Die Berge sind wie Schnecken davongezogen und haben eine grünschillernde Spur auf der Erde hinterlassen. Es ist unmöglich keine Fotos von Mohn und Korn zumachen, unmöglich auch, keine Bilder von Himmel und Äckern zu schaffen, ein Zauber legt sich auf die Fluren, wie ich ihn noch nie erlebt habe.

In Hornillos del Camino wartet der dicke jemütliche Lutz mit einer Büchse Bier. Ganz familiäres Refugio mit Innenhof, in denen die Pilgerei den Fußpilz lüftet und nebenbei am Händy spielt. Wir essen gemeinsam. Ich muss mal wieder übersetzen, die gute Herbergshilfe sucht leise piepsend einen „onteiler“, Ich brülle „John Taylor“ über den Tisch und als sich ein würdiger älterer Herr meldet, bekommt er einen herrlichen Salat serviert, worauf ich brülle, ich sei auch John Taylor.

Mist, schon wieder sitze ich beim Scheißen im Dunkeln. Die Spanier haben in den besseren Klos Bewegunsmelder installiert, die immer dann das Licht ausschalten, wenn es am Schönsten ist. Ich wackle mit sämtlichen noch beweglichen Teilen meines Körpers, um das Licht wieder in Gang zu bringen. Versuche, die durchschnittliche Dauer eines spanischen Schisses aus der durchschnittlichen Leuchtdauer des Bewegungsmelders zu berechnen, kann aber im Dunkeln mein Handy und damit den Taschenrechner nicht finden. Beschließe, einen elektrischen Tasmanischen Teufel zu erfinden, der auf dem Klo hüpft, damit das Licht anbleibt, und will damit ein Vermögen verdienen.

Meine Achillessehne ist so dick und entzündet wie eine ungarische Paprika. Ein Schamane ist da, legt das Bein auf den Schoß und heilende Hände darüber. Ich soll mit ihm reden, und erkläre die Tiefenmetaphorik in Hölderlins Gedicht „Andenken.“
Der gesunde Fuß fängt plötzlich an, unkontrolliert zu zittern, der kranke jedoch liegt fett und schwer da wie tot. Muss es wohl doch bei den Sportmedizinen in Tübingen versuchen.

2.6

Hornillos del Camino-Castrojeriz

Weiter durch die Mesetas, ich glaube meinem Reiseführer, dass Mesetas Tischchen heißt und damit die kleinen Berge gemeint sind, die über die Weizenwellen kriechen. Der Zauber hält an bleibt, ich schicke meinen Freunden ein wogendes Weizenfeld. Das einfachste ist das schönste. Natternköpfe, Kornblumen und immer wieder Mohn. Auf den Kirchtürmen nisten Störche, wo sie hingehören. Die Pfeile auf dem Weg werden weniger, aber man kann den Klecksen von Sonnemilch entlang gehen. Später wird mir klar werden, dass die weißen Flecken Vogelscheiße sind. Hey kalter Wind wo kommst du denn jetzt her? Ich folge den verendeten Bananenschalen, die schwarz gebogen auf dem Weg liegen wie Krähenfedern
So verlaufe ich mich nicht, wie auch. Der Weg zieht sich meist kiesig, manchmal geröllig geradeaus.

Die Ruinen von San Anton
Die Ruinen von San Anton

Gegen Ende des Tages warten die Ruinen von San Anton, jetzt gottsallmächtig mit allen möglichen Schildern und Hinweisen ausgestattet auf denen ein Tau prangt, der Buchstabe vom heiligen Toni. Damals, erinnere ich mich, führte ein Feldweg durch. Damals waren zwei ältere Holländerinnen mit mir im Quartier, die mir auf den Wecker gingen und die Angst hatten vor den Hunden in der Ruine. Es gab keine Hunde. Die Damen hatten nur das Wort „Pero“, Stein, mit dem Wort „Perro“: Hund verwechselt. Jetzt aber ist keine Verwechslung mehr möglich. Die Ruinie ist eingezäunt und gesichert, und die Schilder warnen jetzt tatsächlich vor dem Perro, dem Hund, der den Campingplatz dort bewacht.

„Die machen machen zu viel Lärm, die Deutschen“, sagt ein Franzose. Ich erkläre ihm, dass ich Deutscher sei, aber französisch sprechen würde. Der Mann hatte vor dem Kirchenportal geschlafen, und geht jetzt durch die Kneipen um zu betteln. Der Weg hat diesen Mann verschlungen. Er lebt auf dem Weg und von dem Weg, bettelt sich durch kommt niemals an, hat sein Zuhause ausgegeben. Er hat keine Zähne mehr, an die Siebzig, die Haut wie die eines Panzernashorns, Wollmütze, stinkt.

Die beiden deutschen Mädchen haben sich getrennt. Die ältere ist weiter gezogen, die jüngere, die mehr Zeit hat, bleibt, um sich auszukurieren. Sie hat die Füße offen. Sie hatte sich in Burgos Sandalen gekauft und war ohne Socken in den Sandalen gewandert, kein Wunder. Wer hat eigentlich behauptet, man dürfe in Sandalen keine Socken anziehen? Kretins und Modelaffen – jetzt muss die Kleine die Rechnung zahlen. Auch hat sie sich die Blasen aufgestochen und damit offene Füße. Auf dem Camino gibt es dazu geteilte Meinungen. Ich steche sie nicht auf, weil ich mir denke, dass die absterbende alte Haut und das Wasser die junge Haut darunter schützt. Die Italiener haben die Blasen des Mädchens aufgestochen und Fäden durchgezogen, damit das Wasser rauskommt. Weiß nicht ob, das gut ist. Jedenfalls hat sie sich aus Damenbinden saugfähige Einlegesohlen gebastelt.

Unsere Unterkunft ist gleichzeitig eine alte Kelter und ein überschwänglicher Herbergswirt führt uns in den Keller, den noch die Römer gebaut haben. Auch die Reste einer Weinpresse sind zu besichtigen, und ich erprobe meine Schauspielkünste, indem ich im Schweiße meines Angesichts, die Presse bediene. Es geht ganz leicht, zumindest für mich. Ich darf das, hab ja auch den Presseausweis dabei.

Der Manager: Mich hat es komplett zerlegt. selbst und ständig, selbstständig, die haben mich am Heiligen Abend um 17 Uhr angerufen. Ich war so kaputt. Er will jetzt mit den Händen arbeiten, vielleicht Häuser renovieren und verkaufen.

Der Mann: Ich will das ganze vergessen. Wenn mich jemand fragt, sage ich, dass ich bin hier aus Interesse aus Abenteuerlust.
Die Französin: Sie hat Leukämie und weint oft. Sie ist von Paris aus gegangen. Die ersten 40 Tage wurde sie gefragt, „und du bist ganz alleine?“ „Ganz alleine.“ „Und du hast keine Angst gehabt?“ „Angst wovor?“, hat Sie geantwortet. Am 41 Tage haben sie zwei Männer verfolgt mit dem Auto im Wald. Sie wartete ab, fotografierte das Nummernschild. Dann verzogen sich die zwei. Vom 42sten Tage an hat sie auf die Frage, „hattest Du keine Angst geantwortet?“ „Ja ich hatte Angst.“

Ich trinke auf die Zukunft, sie auf die Gegenwart. Die Sekunde, die Minute, dieser Punkt der mathematisch nicht fassbar ist, zwischen Vergangenheit und Zukunft, der unendlich klein zu sein scheint, und der doch alles beinhaltet, unser ganzes Leben, alles was geschieht. während die Vergangenheit eine Konstruktion und die Zukunft eine Illlusion ist. Ist Gott derjenige, der mit beiden Händen den Zeitstrom auseinanderstemmt, damit es einen Platz gibt für uns, für unsere Gegenwart?

Zeit existiert nicht, sagt sie brüsk.

Leise zischen meine Füße, als ich sie in den Whirlpool hänge, um die Entzündungen zu lindern. Durch den Garten flattern Fledermäuse. Immer und immer wieder kreiseln sie um die Ruinen eines zusammengestürzten Wohnhauses wie schwarze Schmettterlinge.

3.6

Castrojeriz – Fromista.

Castrojeriz ist ein Straßendorf, das lange unter einem Hügel auf bessere Zeiten gewartet hat, bis sie eben mit der Renaissance des Caminos kamen. Für das Schloss auf dem Hügel kam die Renaissance zu spät, es ist nur noch Ruine, und für die vielen Kirchen und Klöster ist noch kein Plan ersichtlich. Eine gewaltige Walze aus Landschaft liegt quer hinter Castrojeriz und die Pilger erklimmen die Stufe jeder auf seine Weise. Ich mach langsam. Knirsche den Kies hoch und freue mich an den Blumen.

Ich denke mir für das deutsche Mädchen einen Witz aus, um sie aufzuheitern. schreibe, sie könnte sich die Damenbindeneinlegesohlen patentieren lassen und unter dem Namen: Always Ultreya vermarkten.

Auf der Höhe sehe ich lange ins Land und schreibe. Ferne Hügel sind mit Windmühlen bestanden. Wo sonst sollte man Windmühlen bauen als in Spanien. In der Reflektion der Gegenwart gelingt es mir, das Gedicht zu beenden.

 

Die Königin

Die Nacht aber war hell unter den Kirchenbogen
Und als wir Küsse tauschten
Wurden sie wie Worte,
Die sagten, geh nicht

Und deine Spur noch Königin stand
lange wie langsam bröckelnder Stein
Unter den Sternen,
bis er verwehte, wo du gingst,
zu Staub.

Ich aber trieb lange
den Fluß mit dem Totholz der Jahre
bis dahin, wo die Wasserfälle sind,

Tausend Tropfen, Geliebte,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Wo Perlen auf das Ufer rieseln,
Damit ich dich finde

Und lachend unter Bäumen,
wächst unsere Sekunde
Und hält.
Ich posiere wie einst Goethe in der Campagnia und nenne es „impressionistischer Poet in einer bukolischen Landschaft“, gemalt hat es halt nicht Tischbein, sondern Tabletstick.

Stolte in der Campagnia (v. Tabletstick)
Stolte in der Campagnia (v. Tabletstick)

Lutz erklärt mir die wasserbaulichen Einzelheiten des Kanals von Fromista. Der Kanal diente nicht nur der Schifffahrt, sondern auch als Bewässungsanlage. Auf demTreidelpfad geht es entlang nach Fromista. Mittlerweile ist es richtig heiß geworden, ich kann kaum weiter.

Eine Aufgabe des Lebens ist es, die Harmonie zwischen Freude und Leid zu schaffen, so hat mich Friedrich Hölderlin gelehrt. Ich balanciere den Wanderstock mit einem Finger aus und lerne dabei: Du bist es, der den Finger auf genau den Punkt setzt, der Freude und Leid ausbalanciert. Du bist es selbst.

Die Kirche von Fromista
Die Kirche von Fromista

Die Kirche von Fromista ist ein absolut säkularer Ort. Im Eintrittskartenhäuschen dudelt dass Radio. Ich kann Gott nicht finden, also gehe ich mit dem Manager und Lutz essen. Schwalben umschwirren die Kirchtürme wie Bienen. Vor 25 Jahen war ich alleine im Ort, das weiß ich noch und eine Pilgergruppe kam mit dem Bus an. Als sie einen leibhaftigen richtigen Pilger sahen, reihten sie sich auf und sangen mir zu Gefallen einen Choral.

Der Manager hat die Herbergsbetten klar gemacht und ich merke, wie mir das gegen den Strich geht. Versuche, Strategien der Macht zu analysieren:

Erste Strategie der Macht. Jemand drängt sich auf, dir einen Gefallen zu tun. Damit fällt er für dich die Entscheidungen und Du bist ihm darüber hinaus noch verpflichtet.

Zweite Stragie der Macht: Grenzen aufstellen und sich mit bestimmten Verhaltensweisen isolieren. Jeder, der dann zu dir möchte, muss dieses Verhalten nachmachen. Beispielsweise lästert der Manager über diesen oder jenen Pilger, und wenn du mit ihm im Gespräch bleiben willst und seine Bekanntschaft erhalten, musst du mitlästern.

Dritte Strategie der Macht: Augenscheinlich vernünftige Aufaben verteilen. Denn die Dinge müssen ja gemacht werden, so die Lüge, die hinter dieser Strategie steckt. Wir Pilger hängen rum und alles ist okay, bis der Manager anrückt und sagt, wir müssten das Hotel anrufen, wir müssen reservieren, mir müssen uns die Route angucken, sofort hört alles auf ihn.

Erkenne, dass der Mann nie etwas anderes gemacht hat, als mit Menschen zu spielen. Nicht mit mir. Ich müsste ihn jetzt angreifen, sehe aber ein, dass er krank ist und rede nicht mehr mit ihm. Er klammert sich sofort an ein deutsches Eherpaar. Die Armen. Da ich ja nun trotz heftiger Konkurrenz versuche, der erfolgloseste deutsche Schriftsteller zu sein, wird mir klar, wie krank diese Erfolgsstrategien sind und schließe: Wenn man krank sein muss, um ein Star zu sein, ist es besser, man ist kein Star.

4.6.

Frommista – Carrion de Los Condos

Ein Liegeradtandem
Ein Liegeradtandem

Gegen acht Uhr frühstücke ich vor der Kirche. Eine Badenerin marschiert tapfer über den Platz. Schwalben stieben. Sie will auch mal den Jakobsweg in Frankreich machen, traut sich aber nicht, weil sie kein Französisch spricht. „Sprichst Du denn Spanisch?“ „Noi“.

Ein Liegeradtandem rollt an, und bietet die Gelegenheit, mal über etwas anderes zu sprechen als über Machtstrategien. Zwei Niederländer auf dem Weg nach Santiago. Und immer die Schalben, jetzt auch vor dem bedeckteren Himmel. Endlich kann ich aus dem Flug der Schwalben das Wetter vorsagen: Wenn die Schwalben vor dem blauen Himmel schwirren, dann ist es gutes Wetter, wenn sie vor bedecktem Himmel schwirren, dann könnte es sich ändern und wenn sie nicht fliegen, weil es regnet, dann ist schlechtes Wetter.

Der Weg nach Carrion de los Condos ist eine Ameisenstraße, geht schnurgerade einer schnurgeraden Straßen entlang, die einzige Abwechslung bieten die echten Ameisenstraße, die den Weg rechtwinklig queren und eine Koreanerin. Noch immer will ich ja das Rätsel lösen, warum so viele Koreaner auf dem Camino pilgern.

Die Koreanerin sucht sich selber. „Ist doch leicht“, scherze ich, „ich hab nicht mal zehn Sekunden gebraucht, um dich zu finden.“ Okay, okay, aber der Spruch hat auch was mit der Frage von innen und außen zu tun und der Grenzen. Sie erklärt mir, dass viele Stars den Weg machten und Bücher und Tagebücher drüber veröffentlich hätten, und dass es in Südkorea sehr viele Christen gäbe.

Wir wandern ein Stück und dann sehe ich rechts durch Büsche Hängematten und Liegestühle. Ein Holländer, der auf dem Camino sein Schicksal gefunden hat und einen Zoo von Landtieren hält, sowie Betten in Tipis und bemalten Betonröhren anbietet und Bier verkauft. Die Koreanerin ist restlos begeistert und will hier bleiben. Ein Esel trabt an, ich schaffe es, mein Bierglas vor ihm in Sicherheit zu bringen, dafür schnappt er sich meinen Strohhut und haut damit ab. Ich brülle ihm hinterher, schließlich lässt er den Hut fallen. Wir schauen den Gänsen beim Saufen zu und dem Schnattern der Enten. Mystische Musik plärrt über dem Platz und verleiht der Entenscheiße einen gewissen Glanz.

Romantische Übernachtungsmöglichkeiten
Romantische Übernachtungsmöglichkeiten

Wir reden über die Wiedervereinigung, und dass ich einst geglaubt hätte, dass die deutsch-deutsche Grenze die letzte sei, die je fallen würde. Sie soll also die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch Korea einst wieder vereinigt sein könnte. Nordkorea sei einst der reiche Landesteil gewesen, erklärt sie mir, und dass in Südkorea der harte gesellschaftliche Kampf jeder gegen jeden, die Leute auf den Camino treiben würde.

 

Der Österreicher aus Burgos fällt mir wieder ein. Ob es auch Leute gebe, die sich Karrierevorteile vom Camino versprächen? Vielleicht gibt es auch solche, meint sie höflich, ohne daran zu glauben. Ich merke, dass der Österreicher seine menschenfeindliche Sicht der Dinge den Pilgern untergeschoben hat. Die wenigsten prüfen das nach, weil sie mit den Koreanern nicht reden. Ich lerne: Der Weg ist ein Spiegel, der sich ganz schön zieht. Besonders jetzt in der Nachmittagssonne.
Ich trete aus dem Schatten von Schildern, ich trete aus dem Schatten von Zäunen, trete aus dem Schatten von Baumstämmen immer wieder auf die stumpfe,staubige Ameisenstraße.

Immer wenn die Achillessehne zwickt, trinke ich einen Schluck Wasser, so haben wir beide etwas davon. Ich hab genug Wasser, die Achillessehne die Aufmerksamkeit, die sie erheischt.

In Carrion de los Condes erkenne ich an einem heißen frühen Nachmittag einen wesentlichen Unterschied zwischen Spanien und Deutschland: In Deutschland liegen die Katzen in der Sonne, in Spanien im Schatten.

In der Kirche ist ein Gitarrenkonzert. Mit weiten Bewegungen, mit Gefühl, mit Dynamik konzertiert ein Spanier Lieder von der Renaissance bis in die Gegenwart, ein kleiner Kerl mit vorgeschobener Unterlippe, der lachende Mausaugen bekommt, wenn er aufsteht und sich für den Applaus bedankt. In der Messe sitzen neben mir Schwestern, ich lehne mich an ihre Stimmen an und singe lauthals in die Vierung.

Die Französin in Castrojeriz hat gesagt, sie wisse nicht, ob sie nächstes Jahr noch lebt. Aber letztlich weiß niemand, ob er im nächsten Jahr noch lebt. Die Zukunft ist keine Illusion lerne ich, sie ist eine Hypothese. ch treffe sie in der Messe wieder.

Wir leisten uns zufällig ein gutes Restaurant. Irgendwann reden wir, wie immer, über den Krieg. Ressentiments gegen Deutsche. Oh ja, sagt sie. Ich hatte keine bemerkt. Mit leisen Spinnenbeinen krabbelt die Flüchtlingsfrage unter dem Tisch hervor. Ich versuche Merkels absolut irrationales Verhalten historisch aus dem Zweiten Weltkrieg heraus zu erklären.

„Keiner spricht darüber, was man den Deutschen angetan hat, nach dem Krieg“, sagt die Frau.

Stimmt, denke ich, selbst in Deutschland dürfen die die Deutschen nicht gelitten haben. Stattdessen schimpfe ich:

„Die Europäer haben uns ja bei den Flüchtlingen im Regen stehen lassen“.

Sie sagt: „Nein, die Europäer fühlen sich nicht schuldig. Ihr seid die einzigen, die sich schuldig fühlen. Hört doch einfach auf, euch schuldig zu fühlen.“

5.6.

Carrion de los Condos – Terradillos de los Templarios

Staubiger, harter Camino. Der Reiseführer überschlägt sich darin, die Etappe als mörderisch zu bezeichnen, 18 Kilometer ohne Wasser, verkündet er. Was nicht ganz stimmt, denn die Spanier haben eine Bar aufgebaut, aber der Lärm in der Bar ist so entsetzlich, dass ich lieber in der Hitze weitertrotte. Der Staub setzt sich in die Socken, ein Storch gräbt das Brachland neben der Autobahn um. Montones, meditatives Gehen, wunderbar.

Große Traktoren mit Anhängern donnern an uns Pilgern vorbei und schütten uns mit weißem Staub zu, fast scheint es, als würden sie absichtlich schnell fahren, um uns einzunebeln. Muss an die Schnalle im Schwarzwald denken, wegen der ich lieber im Freien schlief, als ihre Unfreundlichkeit zu ertragen. Vielleicht ist der Hass der sesshaften Land-Bevölkerung gegen die fahrenden Leute naturgemäß, aber es ist nicht unsere Schuld, dass sie an ihrem Land kleben. Sie sind selbst schuld.

Die Sonne steigt, die Schatten werden kürzer die Schritte auch.
Spärliche Pappeln durchkämmen den Himmel nach Wolken aber da ist nichts.
Es gibt eine schöne überdachte Raststation, an der ich die Socken trocknen lasse.
Ich schreibe:
Spärliche Pappeln durchkämmen den Himmel nach Wolken
Doch da ist nichts

Raben und Schwalben am Himmel
Und Kieselsteine im Feld
Nicht lange darauf ragt ein Kirchturm aus der Weizenwüste, und ich gönne mir Bier mit Eis. Also erst das Eis, und dann die zwo Bier, die ganz angenehm im Mund verdunsten.

Es geht über die Dörfer. Weil das Pilgern ein Geschäft ist, haben diese Mistfinken von Wirten eine verwirrende Anzahl von gelben Pfeilen auf den Boden gemalt, damit man ja auch an ihrer Bar vorbeipilgert und dort eventuell einkehrt. In Terradillos de los Templarios ist die Herberge außerhalb. Eine neue Hütte mit einem großen blechernen Malteserkreuz. Es ist schön. Der Himmel wedelt mit Schäfchen-Wolken, der Kirchturm von Terradillos ist ein schwarzer Scherenschnitt. Goldpapier auf den Wiesen.

Ein Australier mit einer Gitarre hat eine Schar voll Mädchen um sich versammelt, und er spielt Gitarre und sie singen irgendetwas mit Kanguruhs. Ich gehe nach innen. Ein sehr gut aussehender Mexikaner mit Geld und Sohn ist wohl schuld daran, dass sich dieser Tross von Mädchen gebildet hat, an dem jetzt der Australier andockt.

Innen wartet der Schamane, der schon ordentlich getankt hat. Nichts lustiger als ein betrunkener Schamane, ständig bringt er seine Totemtiere durcheinander. Ich erzähle von Bussarden. „Nicht Du suchst dein Totemtier aus, sondern dein Totemtier sucht dich aus“, sagt er. Mit einem ganzen Zoo aus rotzbesoffenen Hirschen, Panthern, Raben und Adlern wanken wir in die Stockbetten.

 

6.6.
Terradillos de los Templarios – Calzadilla de los Hermanillas

Der Tross bricht auf. „Ich bin John Taylor“, scherzt John Taylor, als er mich sieht. Aber wo ist sein Salat? Vor uns eine Gewitterfront. Also da haben wir den Salat.

Ein Wirbelsturm im Atlantik schleudert diese Wolkenfetzen nach Spanien, man sieht noch den Schwung am Himmel.
Die Welt hat sich gedreht. Der Himmel ist zerfurcht und majestätisch, bildet Klüfte, Berge und wolkige Landschaften, das Land ist still und bescheiden. Die Weizenfelder sind abgemäht, braune gleichförmige Erde, manchmal ein Hügelchen, wieder Weinbau. Von den wenigen Anhöhen, die der Weg bietet, sehe ich unendlich weit ausgeworfenes Land, Berge, die es begrenzen könnten, sind nur noch erahnbar.
Meine Camino-Familie ist zerrissen. Lutz und das deutsche Mädchen sind ganz hinten, der deutsche Gottsucher und Fritz The Cat ist weit vorne, und ich in der Mitte allein.

So haben ich es gewollt. Der Himmel über mir, Erde unter mir, Friede in mir. Die Mohnblumen schwimmen nicht mehr über den Feldern, sondern sinken langsam ein, kleine Blümchen leuchten noch.

Die Wolken über mir, der Weg unter mir
Die Wolken über mir, der Weg unter mir

Nach Sahagun kann man eine alte Römerstraße gehen, und während der Tross an der Autostraße weiter Richtung Leon walzt, gehe ich mit den Römern. Ich treffe den Australier wieder, und jetzt wird er sympathisch, er spielt unablässig während des Gehens die Gitarre, wie ein Spielmann, wie ein fahrender Geselle. Er hat sich ein blaues Handtuch über den Kopf geworfen und einen Strohhut drauf, um es zu befestigen. Ich bin durch Blasen geschwächt und langsamer als er. Kies unter den Füßen, vorbei an Heide und Horizont, kleine Büsche. Manchmal der Stumpf einer Säule. Mitten im Acker eine blätternde Ruine eines Schwimmingpools, vermutlich eine umgebaute Bewässungsanlage. Herrliche Einsamkeit auf dem Camino. Weiter, immer langsamer, wie eine ablaufende Uhr erreiche ich Calzadilla de los Hermanillos.

Die Gemeindeherberge kann man gegen eine Spende beziehen. Wie in vielen Herbergen tut ein Freiwilliger seinen Dienst. Er freut sich, dass ich mit ihm spanisch spreche. Als er hört, wie lange ich schon unterwegs bin, nimmt er mich in den Arm. Ich erhalte die letzte schimmlige Matratze, verpflege mich in einem kleinen Laden, in dem ein kleiner Mann arbeitet, der sorgfältig, die Ware die man verlangt, aufbaut und arrangiert. Beim Wein fragt er noch, ob er ihn öffnen solle.

Der Australier organisiert für die Mädelsgruppe ein gemeinsames Abendessen und kauft groß ein, jetzt singen sie wieder, also gehe ich nach innen. Die Mädchengruppe besteht aus Christinnen, die 200 Gebetswünsche von Minnesota nach Santiago tragen. Ein Deutscher trägt das Schicksal seiner Frau mit sich, die an einer schweren Krankheit stirbt, er kämpft mit den Tränen. Er diskutiert mit Eirin, 23, ob es einen Gott gibt. Ich versuche ihm zu erklären, dass jeder von uns, sofern er nicht unters Auto kommt, oder eine Kugel zwischen die Rippen kriegt, einmal eine tödlichen Krankheit haben wird, die ihn umbringen. Und dass das mit der Frage nach einem Gott relativ wenig zu tun hat. Aber ich glaube, es geht dem Deutschen auch mehr darum, seine Geschichte loszuwerden, und ich bin nunmal ein Geschichtensammler.

Der Deutsche trägt eine Armbanduhr ohne Uhrwerk. Man kann direkt vom Uhrglas auf seine haarige Haut sehen. Zwei Weinflaschen weiter klauen wir dem Australier die Gitarre und spielen. Die Mädelsgruppe verzieht sich nach draußen, bis Eirin reinkommt und uns mit glockenheller Stimme einen Abendsegen singt.

7.6.

Calzadilla de los Hermanillas – Acker.

Weiter über die Römerstraße in Richtung Mansilias de las Mulas. Es ist fürchlich heiß, ich trabe dem Australier und seinem Kumpel hinterher, höre seine Lieder und tanze mit den Stöcken, Orchideen lassen mich manchmal halten und ich schlafe kurz neben einem verfallenen Schuppen, hatte wenig Schlaf gekriegt, die Nacht.

Eine Koreanerin trabt einsam über den Weg. Sie ist gegen das Bett geknallt in der Nacht und hat eine üble Platzwunde direkt an der Knochenhaut des Schienbeins. Muss höllisch wehtun. Ich schmiere sie mit Voltaren ein und erkläre ihr, sie müsse morgen rasten. Sie kämpft sich tapfer weiter. „Warum bis du auf dem Weg?“, frage ich, „du bist neugierig“, sagt sie.

Wir erreichen Calcada del Coto, ausgetrocknet wie Schwämme. Der Schamane kommt vorbei, bietet seine Hilfe an. Während er seine Hände über die Wunde hält, beginnt die Koreaniern zu heulen. Ich halte ihr die Hand. Ich begreife, im wahrsten Sinne, dass es nicht ihre Wunde ist, sondern die Einsamkeit, die Schmerzen bereiteten und das, was sie auf den Weg gebracht hat. Es hat sich einfach lange niemand mehr um sie gekümmert, und sie hat verlernt, sich um sich selber zu kümmern und ist deswegen gegen das Bett geknallt.
Sie beruhigt sich, ihr Bein wird besser, sie bedankt sich und schenkt allen Anwesenden koreanische Anhänger, ich kriege einen grünen, den ich an den Rucksack stecke.

Sie geht in ihre Herberge, ein Pilger kommt vorbei, der eine rote Clownsnase trägt, eine Baseballkappe, an der Blumen stecken, eine gelbe Schärpe, blaues T-Shirt. Wir gehen rein, weil es mir selbst draußen im Schatten zu heiß wird. Die Kneipe ist über und über mit Graffiti bedeckt, alte Fahnen, uralte Spontisprüche auf Tüchern und Zeitungsausschnitte an den Wändne. Das dritte Bier. Die Oliven, die der Wirt reicht, sind so groß wie Taubeneier. „Mas grande del mundo“, sagt er Wirt. Nochn Bier? Ich versuche mich dergestalt verständlich zu machen, dass ich diese Frage mit der Gegenfrage beantworten würde, ob der Papst katholisch sei, scheitere zwar an der Übersetzung, nicht aber am Bier.

Der lustige Pilger mit der Clownsnase rollt an.

Ein Bier später weiß ich, dass er Bretone ist und als Anthropologe in einem Museum in Frankreich arbeitet. Er geht immer mit einer Clownsnase, weil er wissen will, wie die Leute auf ihn reagieren, und er freut sich, wenn sie lächeln. Denn am liebsten wäre er en Clown geworden. Ich kann ihm noch nicht sagen, dass er zwar ein ernster Mensch sei, für einen echten Clown aber zu katastrophal.

Während der nächsten Biere reden wir über Philosophie und ich erkläre ihm, dass man als Steinzeitforscher sowieso Platoniker sein müsse wegen der Höhlen. Aus zwei Zahnstochern und zwei Brotkanten bastelt der Bretone tanzende Schuhe und lässt sie über die Bar steppen.

Ich bestelle das ungefähr fünfte Bier und versuche, etwas Erklärendes zu formulieren, ich sei Deutscher und wir Deutschen tränken halt gern viel Bier.

„Schon okay“, meint der Bretone. „Das ist eure Kultur.“ Ich lerne: Mit Anthropologen lässt es sich am einfachsten saufen.
Der Schnaps heißt Hijo de Puta, was so viel wie „männliche Nachkommen verwerflicher Frauen“ bedeutet. Schmeckt auch so. Hat 40 Prozent. Schemenhaft erkenne ich, dass der Wirt auf einem Barhocker tanzt, der Bretone heißt Neo. Bin aber noch nicht in die Matrix abgebogen, der Name kommt scheints von Neolithikum.
Wir diskutieren, warum eine Clownsnase immer rot sein muss und nicht weiß oder blau sein darf.
Der Wirt bietet uns Gras an, raucht aber lieber selber. Der Bretone spielt ein Lied von Joan Baez auf einer hölzernen Nasenflöte, die er aus der Hosentasche zieht. Ich versuche ihm, die kurzen Erfolge des Tübinger Nasenflöten-Orchesters zu vermitteln.

Nach dem sechsten Bier malt sich der Bretone mit Edding die Fingernägels an. Redet irgendetwas von der anthropologisch belegten er Sehnsucht der Menschen, sich zu markieren. Schreibt dann irgendwelche Sprüche auf die Tapete.

Zwischen den hinteren Bieren gelingt uns ein absolut kompliziertes deutsch-französisches Wortspiel: Er erzählt von einer Fernsehserie namens Sons of Anarchie. Leute über der Moral, Sous Moral, Sous ethique, und am Ende der Aufzählung hat er dann Sous-sisse und das heißt zu deutsch Wurst-Leute. Ich erkläre ihm, das würde im Deutschen genau passen, weil man in unserer Sprache sagen kann, „das ist mir Wurst“ und damit meint, es ist egal, so wie den Anarchisten eben alles Wurst ist. Etwas Bier später hat der Wirt entdeckt, dass man aus einer Zuckerzange ein prima Schlagzeug basteln kann. Er heißt Sinin, und hat nur noch deswegen ein paar Zähne im Mund, damit er die Karieslöcher irgendwo unterbringen kann. Habe einen Italiener im Arm, der aus Pforzheim stammt und schwäbisch schwätzt.

Gegen später muss ich wohl irgendeine Abzweigung verpasst habe. Ich finde ein Feld, rolle den Schlafsack aus und übernachte da. Man muss hin und wieder im Freien schlafen, um nicht zu vergessen, dass wir Kinder des Kosmos sind. Jetzt sind die Grashalme mein Zuhause genauso wie die Sterne. Wie ein Messer durchschneidet eine Sternschnuppe den Himmel und fragt nach meinen Wünschen. Ich habe keine.

 

8.6

Freies Feld – Leon

Sonne flutet den Acker
Sonne flutet den Acker

Der Schlafsack ist feucht vom Tau, ich habe noch ein paar Kekse und frühstücke mühsam. Die Sonne flutet den Acker, ich zupfe Gras aus den Socken. Es war kalt und klamm in den Morgenstunden. Ein paar Bilder, vielleicht abgedroschen, aber ich könnte durchaus ein Gedicht daraus machen. Nur wenn es Nacht ist, kann man Sterne sehen. Den Schatten, den man immer bei sich hat.
Es geht immer der Straße lang nach Leon. Ein Kiesweg, wenig los dort, manchmal muss ich auf die Nationalstraße. Dann stiere ich die Lastwagenfahrer an, damit sie kurz aufwachen und mich nicht über den Haufen fahren. Die 34 Grad sind nicht so viel, nein, aber für mich ist es genug. Der Weg über die Berge nach Leon ist staubig, ich quetsche mich den Zäunen, Mauern und Bäumen entlang, um das bisschen Schatten auszunutzen. Der Staub ist wie Schleifpapier unter den Augenliedern. Eine Spanierin kotzt einen Rastplatz voll. Entweder ist sie schwanger, krank, oder völlig erschöpft. Doch die wenig aufgeregte Art, in der sie kotzt, lässt lange Erfahrung und Schlimmes vermuten. Der Australier ist bei ihr. Wie alle echten Künstler hat er einen guten Blick für verwirrte Mädchen, die er hörig machen kann, ich beginne wieder, ihm zu misstrauen.

Ein Tag wie dieser, an dem meine Pisse so leuchtend gelb ist, dass ich die Schüssel treffe, obwohl der Bewegunsmelder im Klo erlischt. Mann, bin ich verdurstet. Die Barmaid stellt mir Bocadilos, Brötchen, hin und ich gucke Simpsons auf spanisch, die gelbe Hautfarbe der Simsons-Familie erinnert mich an etwas. Mann, war ich verdurstet.

Ein Pilger im Zentrum von Leon grüßt nicht mit der Hand, sondern mit der nackten Fußsohle. Es ist der Bretone, der in einer Bar wartet, bis seine Wäsche fertig ist. Ich setze mich zu ihm auf ein Bierchen, man muss ja nicht gleich so übertreiben wie gestern.

Als ich gegen 1 Uhr aufwache, liege ich in einem Einzelzimmer in einem Hotel. Ich denke, ich mache in Leon einen Ruhetag.
9.6.
Leon

Ich sitze in diesem Hotelzimmer und schreibe zwölf Stunden. So sollten die Tage vergehen.

10.6
Leon

Ich treffe einen Bretonen mit einer Nasenflöte, nichts wie weg hier.

Mein Jakobsweg, mi Camino, Teil 14

Der Jesus von Cranjon
Der Jesus von Cranjon

Kornblumen schwimmen im lichtdurchbrochenen Grün
Nachtrag 28.05

Villafranc Montes de Oca – Atapuerca
Im Wald stehen hüfthohe Erikabüsche. Dachte immer, den Riesenwuchs gäbe es nur am Kilimanscharo. Der Weg ist ausgetreten wie eine Panzerspur, die Pilger flüchten sich unter die Kiefern, um ihre Regensachen anzuziehen, mit ihren grünen Überwürfen auf den Rucksäcken sehen sie lustig aus wie kleine gebückte Plastiksaurier.

In St. Juan de Ortega bin ich lange in der Kirche: Der neue Atem des Katholizismus: Statt hölzerner Kniebänke gibt es Kissen, statt barock verdrehter Holzfiguren, menschlich gemalte Ikonen, Kerzen nicht im Blechkasten sondern in einer hübschen Sandschale.

Ich bete in der Kirche, und Gott ist heute zu Scherzen aufgelegt. Das Handy tutet. „Just-Be-lieve hat Ihnen eine Nachricht geschickt.“, steht auf dem Display. Es ist eines der beiden deutsche Mädchen, das mir ein Bild aus Roncevalles schickte, als ich in Roncevalles die Hühner fütterte.

Lange war ich in der Kirche, noch länger in der Kneipe. Ausgelaugt von den Ereignissen in Villafranca. Die bieden Israelinnen haben mich eingeholt, „Du schaust fertig aus!“ „Ja, bin ich.“ Die Neuseeländerin bemitleidet mich, ich sähe müde aus, sagt sie, müde ja, und du hast gar nicht geschnarcht, sagt sie. Für Schnarchen habe glaub einfach zuviel Körpergewicht verloren inzwischen, außerdem keinen Alkohol getrunken. Ich kann noch nicht weiter. Nicht so, nicht ohne diese Worte geschrieben zu haben. Nicht ohne den Weg wieder gefunden zu haben.

Endlich habe ich auch das Wort, das mir die Situation klar macht, und mir einen Weg eröffnet, wie damit umgehen. Ausgelaugt, der Weg hat mich ausgelaugt, gedanklich schließe ich mit Villafranca ab.

Das also ist Pilgern: Ein Wort und ein Weg.

Ich glaube, ich gehe heute nicht nach Burgos. Zuviele Rosen.

Allerdings sind es nicht immer die Rosen, die einen aufhalten, manchmal auch die Blasen: Also werde ich den Schatz der englischen Sprache um eine Sentenz bereichern: On the way you have to smell the feet.

(Das vermaldedeite Apple Pages ist garantiert auch von einem Briten konstruiert worden. Macht aus feet immer fleet. Weiß jemand, wie man dem Mistding, die ständige automatische Wortkorrektur argwöhnen kann? )

Ich lerne das Wort der „Camino-Familie“. Sehr zutreffend. Man trifft ständig die gleichen Leute und die gleichen Leute erzählen sich von den ständig gleichen Leuten, die sie getroffen haben immer die gleichen Dinge. Ich erfahre, dass ich auch schon zu den Menschen gehöre, über die man spricht, „ach, Du bist der Stuttgarter Reisejournalist mit dem Klapprad?“ „Nein, der mit den Ringelsocken“, „Ja, hab von dir gehört.“ Das interessante ist, wenn man schneller geht oder Ruhetage macht, verlässt man seine Camino-Familie und wird dann automatisch Teil einer neuen.

Ich wandere weiter durch die Oca-Berge bis nach Ages. Ein malerischer Ort, den mein Reiseführer in den höchsten Tönen lobt. Schon allein deswegen ein Grund, weiter zu ziehen. Aber es ist auch etwas anderes. Drei Gewitterfronten haben mich auf der Passhöhe eingekreist. Ein Ausblick in blauschwarze Wolkentürme, vor denen sich die letzten Schönwetterwolken flüchten wie eine Schar Gänse. Ich muss das einfach im Freien erleben, genießen. Ein Eichtentor erscheint, zwei große Stämme recken ihre Äste in den beständigen Wind. Jetzt reicht es langsam, holen mich denn alle meine Geschichten wieder ein? K. rät am Telefon, mit der Hexe ein Bier zu trinken und rauszufinden, auf welcher Seite des Tores die Wirklichkeit liegt. Ich vermute mal auf keiner der beiden Seiten und ziehe weiter nach Atapuerta, das für irgendwelche Urmenschen berühmt ist. Ein paar von ihnen haben ein Restaurant aufgemacht, in der die Essensgäste mit Service überhäuft werden, während wir arme Pilger nicht mal ein Bier an der Bar kriegen. Die beiden Israelinnen sind da und berichten, das Dort sei ausgebucht. Sie wollen zur nächsten Herberge trampen. Nachdem die Schwalben schon so tief fliegen, dass ihre Schnäbel Furchen in den Asphalt kratzen, und der Regenvorhang deutlich unter den Wolken zu erkennen ist, rate ich ihnen, es sei besser hierzubleiben. Sie gehen in den Regen hinaus. Mutig, Auch wenn es nichts zu trinken gibt, kann ich wenigstens den gröbsten Regen im Eingang der Neandertalerhöhle abwarten.

Das Eichentor
 Ich beschließe, innerlich noch sechs Kilometer bis ins nächste Dorf zu pilgern, ich würde es dann um 20 Uhr oder 21 Uhr erreichen. Was macht ein Pilger, wenn es regnet? Bei Regen pilgern. Und wenn er in die Nacht kommt? Bei Nacht pilgern. Ich finde dorfabwärts eine krummen Kneipe mit lustigem Steinturm. Dort setze ich mich erstmal an die Bar und lasse mich mit Hardrock volldröhnen. Ein spanisches Pärchen stapft Treppen hoch, und es gibt doch nicht etwa? „Doch“, sagt die nietenbesetzte Barmaid. Für 15 Euro bekomme ich ein schnuckliges Einzelzimmer.

Die zwei Pilgerinnen am Nebentisch gesellen sich mit an die Bar und wir trinken eins, dann kommt eine Stuttgarter PiIgerin rein und gesellt sich an die Bar und wir trinken noch eins. Was macht ein Pilger, wenn es Bier gibt? Weitertrinken.

Ein junger Kerl mit verträumten Augen geht in den Regen hinaus, um sich zwei Bäume zu suchen, für seine Hängematte, er hat wohl auch einen Regenschutz dabei. Ich sehe ihm hinterher, ziemlich sicher war ich auch mal so ein verträumter Junge, und ich werde den nächsten Tag drüber nachdenken, was einen verträumten Jungen zu einem Mann macht und wahrscheinlich sind es auch diese Nächte zwischen zwei Bäumen.

 

29.05

Atapuerta – Burgos

 

ne flotte Biene, diese Orchidee
Die seltenste Blume des Universums ist vielleicht doch nicht so selten: Sehe wieder zwei davon, Orchideen mit gelben Blütenblättern, die eine Biene imitieren. Scheint sich auf Kalkwiesen wohl zu fühlen. Blühende Weiden säumen den Weg über die Berge nach Burgos. Regen erwischt mich gerade auf der Passhöhe, eine glatte leere Fläche mit ein paar Baumgruppen, wie hingesetzt, um die Leere fühlbar zu machen. Ein hohes eisernes Kreuz markiert die Höhe, muss an ein Wort meiner Oma denken: Leg die Dinge unter das Kreuz, da hat es viel Platz.

Die Passhöhe vor Burgos
Wandere durch den Industriegürtel von Burgos. Auch hier leerstehende Trabantenhäuser, die Ruinen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Ich bin durch Dörfer gekommen, die Trabantensiedlingen hatten, dreimal so groß wie der Ortskern und die komplett leerzustehen schienen, wo einsam ein Mann auf einem Traktor saß und den Rasen der unbenutzten Parks in Schuss hielt.

Ich folge der vierspurigen Straße stadteinwärts. Hin und wieder Nieselregen, 15 Grad, die stille, wohltuende Melancholie eines Industriegebietes am Sonntag. Ein Falke steht in der Luft, ich raste an einem gigantischen Kreisverkehr entlang der Nationalstraße, wo irgendein Spaßvogel eine graffitiverschmierte Bank geparkt hat. Man sieht noch Reste eines Gehwegs und eine alte Straße. Schlage meine Zähne in das warme weiche Fleisch einer blutjungen Salami. Noch 7 Kilometer bis zur Kathedrale. Ein Gewitter zieht vorbei, dass ich unter einer Autobahnbrücken abwarte.

Noch nie habe ich vom Burnout der Liebe gehört aber vom Camino del Amor. Ziemlich schwierig jetzt in den Vorstädten, aber pilgern heißt ja, das Schlechte mit dem Guten zu nehmen. Trotzdem habe ich einen Groll gegen die Pilger, die sich mit den Autos durch die Vorstädte kutschieren lassen, und einem dann noch den Platz in der Herberge wegnehmen.

Die Alberge in Burgos ist genau neben der Kathedrale und ungefähr seit 14 Uhr belegt. Ein ein einfach gekleideter alter Mann mit einem abgerissenen Fahrrad lehnt an der Tür, ob ich ein Zimmer bräuchte? Ich bin zu müde, um lange zu überlegen und folge ihm gemächlich, als er mich zu einer Herbege schleppt, und dort abliefert.

Frage den Rezeptionisten, der einen schwarzen Anzug trägt, ob der alte Mann für ihn arbeiten würde:
„No“, sagt der Rezeptionist „I work for him.“
Dem Mann würden die Hälfte aller Hotels hier in der Gegend gehören. Ich lerne:
Das Privileg der Reichen ist es, keine Anzüge tragen zu müssen.
30.05.

Burgos Atempause.

Behalte das Zimmer drei Tage. Das ist jetzt Urlaub vom Camino. Privatsphäre, keine Pilger, die um sechs Uhr mit den Tüten rascheln, das Licht anmachen, oder sich lautstark unterhalten, die im Schlaf wandeln, schreien, furzen, oder schnarchen. Burgos ist sicherlich die schönste Stadt auf dem Wege, lockt mit Museen und Galerien, für die ich keine Zeit habe: Brille reparieren, dann doch die schweren Bergstiefel wegschicken. Kostet 40 Euro. Dafür kann ich den Camino mit zwei Kilo weniger angehen, zum Friseur muss ich, und mich vom Weg erholen.

Ich schreibe ein paar Szenen für den Hexenmeister, unternehme erst gar nicht den Versuch, die Kathedrale in Worte zu fassen, diese weiße Stadt Gottes, mit ihren Prozessionen von Türmen, mit Heerscharen von Figuren. Von wegen im MIttelalter hätte es keine Freiplastik gegeben, in Burgos ist alles voll davon, auf den Galerien, Türmen, Bögen stehen Reiter, Könige, Engel wie die Männlein einer Spielzeugeisenbahn! Ich sitze einfach ein zwei Stunden auf dem Platz und schaue.
Entdeckte, dass die Augen Vegetarier sind: Denn man kann die Augen weiden, bis sie sich statt gesehen haben. Die Ohren dagegen sind offensichtlich Allesfresser, weil sie beim Ohrenschmauß nicht unterscheiden. Der Geschmacksinn ist ein Hedonist, denn er sucht die Gaumenfreuden, während der Tastsinn, und damit wohl mein Liebling, der reinste Patoniker ist: Er will nur das Gute, sich Wohl-fühlen. Flugs einen kleinen Aufsatz zur Metaphorik der Sinne geschrieben.

Von meinen rotweißen Ringelsocken angelockt, kommen Österreicher an den Tisch, die mich aus Erzählungen anderer Pilger schon kennen. Sie berichten von einer Bettwanze in Atapuerta und eine arme Frau hatte das Quartier deswegen fluchtartig verlassen und war von fünf Uhr an losgezogen. Ich halte Ihnen im Gegenzug einen kunstgeschichtlichen Vortrag über die Kathedrale, den ich noch mit der Lebensgeschichte von Christoph Columbus aufpeppe sowie dem Aufstieg Spaniens zur Weltmacht, der sie dermaßen beeindruckt, das sie vergessen, einen Teil ihrer Getränke zu bezahlen. Der bleibt dann an mir hängen. Der Preis der Eitelkeit. Immerhin weiß ich jetzt, wie eine Bettwanze aussieht.

„du siehst müde aus“, sagen die beiden deutschen Mädchen, jetzt auch in Burgos sind. Die jüngere ist 20 Kilometer in Badelatschen gelatscht, wegen der Blasen. Überhaupt, echte Kämpfernaturen unter den Pilgern. In Logrono habe ich einen Gelähmten gesehen, der den Weg mit Krücken macht.

Abends rollt ein junges Paar durch das Stadttor, das von Holland losgezogen ist, mit einem Joggingkinderwagen, in dem ihr einjähriges Kind sitzt.

Die Kathedrale von Burgos

31.5

Immer noch in Burgos, nachdem ich nun schon zum zweitenmal im selben Café sitze, fällt auf, dass genau die gleichen Leute zur gleichen Zeit drinsitzen wie gestern und dabei auch noch das gleiche mache. Der junge Mann liest Zeitung, löblich, die alte Frau spielt mit dem Handy, läßlich.

Der Spanier ist also ein Gewohnheitstier, der im immer gleichen Café frühstückt.
Aus vorhandenem Witzmaterial schnell einen Witz gebastelt: Ein Journalist und ein Physiker und ein Mathematiker sehen aus dem Zugfenster in Schottland ein schwarzes Schaf. Der Journalist: „Guckt mal, in Schottland sind alle Schafe schwarz.“ Der Physiker: „Mein Freund, richtig ist, in Schottland gibt es einige Schafe, die schwarz sind.“ Der Mathematiker mit einem Seufzen: „Aber meine lieben Reisebegleiter, in Schottland gibt es genau ein Schaf A, dessen eine Seite s schwarz ist.“

Vielleicht doch in ein Museum? Erst mal nen Kaffee.

Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 13

20.5 Pamplona.

Nichts ist so ungerecht verteilt, wie der Speck an den Hüften der Frauen. Was die eine zuviel hat, hat die andere zuwenig. Man merkt, die Spanierinnen tragen gerne figurbetont, wobei ihnen die Figur herzlich egal ist. Sehr sympathisch. So sympathisch wie ganz Pamplona, wohl die schönste, Stadt, die ich bisher traf, nicht von den Kirchen und Häusern, aber von den Verrückten, Anarchos, Kneipengängern, die gegen 11 einfach auf der Straße sitzen und sich betrinken, den Kindern, die das alte Topfen Spiel spielen mit Kreisel und Peitsche, den Pizzas für 2 Euro, dem Hemingway-Döner. Sympathisch wegen dem Café Iruna, wo Hemingway schrieb, was man sich kaum vorstellen kann, angesichts des Geräuschpegels, der die 150 Jahren alten Spiegel, Lüster, Säulen erzittern lässt: Tassen werden nicht auf den Tisch gestellt sondern geknallt, Scherzworte werden sich nicht zugerufen sondern gebrüllt, man unterhält sich nicht, sondern schreit sich so lange an, bis der andere zurückschreit, und ganz oben auf dieser Monsterschallwelle dümpelt mein Gemüt mit dem IPad und segelt gegen die Sätze.

Er wollte noch in die Bar für ein paar Martinis, es wäre aber nicht gut gewesen, denn sie hatten nur Döner.

Auf dem Platz indessen spielt eine Gruppe von drei Jungs Indie-Pop auf Spanisch, The Mixed, oder wie sie heißen und wird zum Dank dafür von übermütigen Gören mit Gummipfeilen beschossen, Der ganze Platz ist voll von Flanierern, ich warte, bis es Abend ist, und stecke mir die Havanna an, die ich in St. Jean nicht rauchen wollte, weil es da nicht gut gewesen wäre.

Weinsteins Relativitätstheorie

21. 5
Pamplona – Puente La Reina

Da bin ich gestanden vor 25 Jahren. Dort habe ich in das Land geblickt, das mir fremd und offen erschien. Heute wie damals bin ich aus Pamplona herausgegangen und die erste große Anhöhe erklommen, die Alto del Perdon, die Höhe des Vergebens. Damals habe ich Jacques getroffen, der mit 75 damals den Weg gegangen ist. Es gibt keine richtige Erinnerung mehr an meinen ersten Camino, es gibt nur einen schwachen Eindruck und manchmal das Aufblitzen einer unsichtbaren Fotographie, das eine Gefühl erzeugt wie, damals bist du dort rechts oder links abgebogen.

Ich sehe nach Westen. Ich schaue in das schwere von Horizont getränkte Land, da hinten irgendwo ist mein Ziel, wo über dem Dunst Wolken schwimmen, über Schachbretter von Wald und Feldern. Über das Land legen sich helle fast glitzernde Straßenschnüre, daneben von Korkeichen und Niederwald wie mit Cordsamt besetzten Berge. Das Land brandet heran, Wellen eines grünschwarzen Ozeans, dessen Spitzen sich im Wind brechen wie dunkles Flaschenglas.

Hier bin ich gestanden vor 25 Jahren. Jetzt ist die Hügelkette von Windrädern besetzt,
Die Mühlen stampften wie Motoren von Schiffen. Ich raste im Schatten der Giganten. Don Quijote hat heute Pause. Im Rücken das Metall der Masten, wie Schornsteine eines Ozeandampfers, der Wind reißt und zerrt, fährt unter die Haut und das T-Shirt, ich bin plötzlich weit eintfernt. Der Sturm lässt die Gräser zittern, aber wenn man genau hinschaut, zittern sie nicht, sondern schieben und heben sie sich.

Damals waren wir zu dritt, Jacques, seine Tochter und ich. Jetzt, sind es 300 Pilger, ein Kunstwerk auf Blechfiguren krönt die Höhe, eine Frau verkauft Zeugs aus einen Anhänger.

Zeit für Sentenzen: Man steigt niemals in denselben Fluss, aber immer in die gleichen Unterhosen.

Auf dem Weg abwärts steht die Sonne, Die Wärme hat sich auf den Felsen zusammengerollt wie eine Katze. Korkeichen, Rosmarin, Blumen, ich habe immer noch das Gefühl, mein T-Shirt würde nach Katzenpisse stinken, könnte eigentlich Rosmarinzweige in die Wäsche legen.

Jetzt ist der Camino wie damals vor 25 Jahren, heiß staubig, ich atme nur noch durch die Nase, meine Lippen zwei trockene Schnüre. In Uterga ist die Punkerin ist wieder da: Ganz in schwarzgrau, zerrissene Strumpfosen, Minirock, schwarzer BH, Kappe, zwei schwarzsilberne Ringe durch die Unterlippe. Sie hat sich mit ihrem Freund zerstritten, ist in Uterga auf ein harmloses Dorffest geprallt und säuft sich durch, während ihre Oberweite in der Sonne brät.

Staub weht mich nach. Abendessen im Freien, endlich ist es warm genug, draußen zu sitzen, die Schwalben turteln vor Gewitterwolken, hoch fliegen sie, und kümmern sich nicht. Der Abend zieht die Wolkenvohänge zu, endlich schlafen.

Auf der Höhe der Vergebung

22.05

Puente la Reina – Villatuerta

Das ist der symbolische Moment, hier in Puente La Reina laufen die vier französischen PIlgerwege zusammen und vereinigen sich auf der Brücke zum Camino Frances, dem Weg der Franken. Die romanische Brücke hat, seit dem ich sie zum letzten Mal gesehen hab, einen Brückenbogen mehr bekommen, den Archäologen aus dem Ufer gegraben haben. Ein ganz luftiges leichtes Bauwerk, das den Fluss überspannt und mich weiter in den Regen führt.Auf dem Kirchturm wachsen allerlei grüne Pflanzen, ein Storch hütet die Glocken, die von mächtigen Balken herabtropfen.

Die Brücke von Puente la Reina, wo sich die vier grossen Pilgerwege vereinen.

Die Italiener haben in der Herberge nicht nur die ganze Nacht gelärmt, sondern auch gleich früh am Morgen. Wo sind die liebenswerten zurückhaltenden Franzosen geblieben, die ich so vermisse.?

„He mir gefallen deine Socken“, ruft mir die Punkerin am Kirchplatz: Sie hat ihren Freund wieder und eine Literflasche Bier leer. Anscheinend gibt es eine Figur in Wimmelbildern mit rotweißen Socken, namens Walter. Daher die rege Anteilnahme der Bevölkerung an meinem An- und Aufzug.

Diesmal gebe ich dem Bettler an der Kirche nur Kleingeld: Aber schon lohnt es sich. Ich weiß nicht mehr welchen Wochentag wir haben und merke so, dass in der Kirche eine Messe ist. Drinnen singen blau gewandete Ordensschwestern Choräle, die wie wie italienische Volkslieder klingen, zwar im Dur-System, aber seltsam verzerrt und kernig.

Eine Gewitterfront überrollt mich eine halbe Stunde vor dem nächsten Dorf. Als ich endlich einen Unterschlupf erreiche, ist das Gewitter beinahe vorbei. Aber ich bin ziemlich durchgeweicht. Meinen Regenschirm bricht es vollends die Gräten. Wie gerupfte Vögel sitzen die Pilger unter den Arkaden des Dorfplatzes von Caraqui. (Oder so). Ein Bayer ist dabei, massig, braune, schulterlange Haare, Schlösser von Beruf, macht esoterische Lebensberatung und hat alles aufgegeben, um so lange herumzureisen, bis ihm das Geld ausgeht. Ich bewundere diesen Mut. In seiner Trinkflasche scheppert es. Meteorstein tut er kund, der hat viel Energie. „Kosmische Energie vermute ich?“

„Ja“, meint er, ich deute auf meine Trinkflasche, in die ich einen LIter Rotwein gegossen habe, „da ist auch Energie drin.“ Auch die beiden Punker sind da und warten auf besseres Wetter. Sie haben ihr Zelt vergessen. Das muss man auch erst mal schaffen, aber war wohl wegen des Streites.
Erinnert mich an einen meinen Lieblinsgwitze: Sherlock Holmes und Watson zelten. Sie wachen nachts auf, unter einem gigantischen sternenübersähten Himmel.
„Wissen Sie, was ich denke, Watson?“, fragt Sherlock.
„Well“, sagt Watson, „ich nehme an, sie denken angesichts dieser Pracht, dieser Größe des Universums, dieser leuchtenden Spuren der Unendlichkeit an die Kleinheit und Begrenztheit unseres Menschenleben.“
„Nein Watson, ich denke, jemand hat uns unser Zelt geklaut.“

Ich tropfe eine Bar voll. Dem Regenwetter geschuldet, wechselt die aufgeweichte Pilgerin am Nachbartisch ihre Oberwäsche — Mist, wo ist bloß meine Brille?

Eine ältere Amerikanerin kommt rein, den Tränen nahe, sie hat ihr Handy im Regen verloren, jetzt kann sie ihre Freunde nicht mehr erreichen, die schon weitergewandert sind. Weil sie weder ihre Google Passwörter noch irgendeine Telefnnummer auswendig kennt, kann sie auch niemanden kontaktieren, als ich ihr IPad und Telefon zur Verfügung stelle. Mein Telefon streikt, als sie damit versucht, ihren Mann in Ohio anzurufen. Wer lässt eigentlich diese Horde von untüchtigen alten Schachteln auf den Weg, deren einzige Fähigkeit darin besteht, sich in Schwierigkeiten zu bringen? Flugs, PIlgerkurse angeboten und damit ein Vermögen verdient. Jaaaa, das ist das lang ersehnte Geschäft mit der Angst: Nur Dr. Stoltes PIlgerkurse schützen vor Schlangenbiss, Gewitterschäden, Knochenbrüchen, tödlichen Stürzen im Gebirge, mordlustigen Herbergsvatern und Durchfall.

Immerhin können wir die Geschäftsadresse ihrer Freundin ausfindig machen, und mal eine E-Mail schicken. Inzwischen wirbelt eine Erstkommunion in die Kneipe, in der es bald nicht mal mehr einen Stehplatz gibt, um mich herum tanzen Stimmen, Fotoapparate, puppige Mädchen in weißen Kleidchen, Jungs mit Fußbällen, alte Männer brüllen eine Spanisch, das nicht einmal mehr nicht-indogermanisch ist. Meine Wanderstöcke werden mir einfach von vielen Händen durch die Kneipe gereicht, weil kein Durchkommen mehr ist.

Auf der Straße treffe ich eine weitere Amerikanerin. Da ich annehmen kann, dass ihr Telefon auf USA gepolt ist, spanne ich die beiden alten Damen zu sammeln und lasse sie allein.

Es ist spät geworden und die nächste Gewitterfront zieht auf. Alle halbe Stunde wechsele ich die Socken und lasse sie am Rucksack trocknen, um so die Feuchtigkeit aus den Schuhen zu ziehen, geht aber nicht ganz. Nasse Füße machen einen langsam, dann schaffe ich es tatsächlich mich zu verlaufen, weil ich mit Töchterlein telefoniere und nicht auf die gelben Pfeile achte. Und dann merke ich, es ist genug. Die Unterkunft in Valletuerta wird von meinem Wanderführer zwar als viel zu teuer beschimpft, ist aber schnucklig und gemütlich. Ein etwas rätselhafter Typ, der an einer Krücke geht, schnarcht so laut, dass die Wände wackeln, ich werde wütend, stehe auf und trete ihm kräftig ans Schienbein.

Dann ist Ruhe.

23.5
Villatuerta – Los Arcos

Ein kühler frischer Morgen, die Gewitter sind nach Osten abgebogen, die Wiesen sind feucht und schwer, das Herz klar und leicht. Ich wandere nach Estella, diese Kirche erkenne wieder:

In der Kirche von Estella kopierte sie Steinmetzzeichen

Das Kirchenschiff schob sich auf den Felsen wie ein gestrandeter Tanker. Groß hoben sich zwei weiße und graue Türme, ich schleppte den Rucksack die Stufen hoch, und blickte nach unten auf ein romanischer Stadtpalais. Mit hochgezogene Bögen wie die Brauen eines erstaunten Menschen, blickte das Gebäude zu mir auf. Der Eingang zur Kirche war eine felsige Höhle aus Figuren und Zacken, ich öffnete die Tür, trat ein. Die Königin verschwand unter einem flachen steinernen Bogen, der das Hauptgewölbe trug. Jetzt schwankte das ganze Kirchenschiff, die Gurtbögen, die Bündelpfeiler rollten auf mich zu. Ich versuchte Klarheit, Standpunkt zu gewinnen, aber es ging nicht. Draußen rissen die Wolken auf, die Kirchenfenster blitzten. Blau leuchtete beruhigend, Rot versprach Wärme, Maria im Fenster, die Heiligenscheine zündeten durch. Ich konnte noch immer nicht weiter, so unruhig war das steinerne Meer um mich, ich hatte das Gefühl, die Kirchenbögen würden sich unter mir wegdrehen, kam wie ein Holzfäller vor, der auf einem Baumstamm im Wasser tanzte. Jetzt rollten die Fenster auf mich zu. Die Bogen setzten sich allesamt in eine Richtung in Bewegung wie ein steinerens Uhrwerk, das mich über die Rücken seiner Räder zog, während ich die Bogen aufwärts um mein Leben rannte, um nicht zerquetscht zu werden. Ich schloss die Augen und versuchte die Vision abzuschütteln. Die Königin war verschwunden, ihr königlicher Gang aber schien noch da zu sein, eine Spur, die sich vor meinen Augen durch das Kirchenschiff zog und langsam abbröckelte. Ich hielt mich an der Wand fest, als ich die Treppen hinabstieg nach unten und nach Westen, wo sich ein kleines Stadttor des neuen Estella öffnete und der Pfad sich nach oben zog in die Berge.

Okay, das war eine kleine Stilübung für den „Hexenmeister von Villafranca.“

Dennoch: Hier traf ich vor 25 Jahren Julia, als sie Steinmetzzeichen kopierte. Ich bin mir ganz sicher.

Am Maurenbrunnen in Villamayor raste ich wie vor 25 Jahren. Zwei Spitzbögen mit Arkaden, die Kapitelle sind mit Weintrauben verziert, das ist das maurische dran. Eine Treppe führt in einen kühlen Teich, unter dessen Spiegel ein Viereck erkennbar ist, wohl die alte Brunnenschale. Lasse lange das Gebäude auf mich wirken.

Damals war das Maurische spannend, geheimnisvoll, groß. Man suchte nach seinen Spuren und freute sich, wenn man sie fand. Es war Sehnsucht nach Exotik und die Ahnung einer großen Kultur. Und heute? Was ist bloß aus uns geworden?

Der Maurenbrunnen bei Villamayor

Das Land wird kuppiger jetzt und scharf geschnitten, Kiefern reihen sich auf den gezackten Hügelkämmen wie Indianer vor einem Überfall. Die Indianer haben Zypressen vorgeschickt, die neugierig die dürren Köpfe heben und schauen, wer da vorbeikeucht vor braun gemähten Feldern und stoppeligen Äckern. Erstes Gelb arbeitet sich durch das Grün von Büschen und Weizen, das Jahr schreitet vor.

Sumpfgräser wedeln wichtig, wilder Knoblauch wirft bunte Blumenbälle empor, eine Schafherde versickert in in einer Talsenke, wolliger Flaum, der sich in Kiefernschatten absetzt. Und immer wieder blutleuchtend – Mohn.

„Komm mit, komm-mit“ zwitschern die Vögl in Eichendorffs Taugenichts. Aber hier zwitschern die Vögel spanisch: „Mi-re, mi-re, mi-re!“ – „Schau, schau, schau!“, sagen sie. „schau, wie schön es hier ist!“

Der Wind treibt Duft von wildem Dill und Rosmarin her. Sturzseen aus Weizen fluten das Tal. Es ist heiß jetzt, ich komme kaum voran, die Pilger wandern tapfer. Ein junges Paar aus dem Osten, eine Italienierin mit blasenübersähten Füßen. Es gibt hier zwölf Kilometer kein Wasser, aber die Spanier wissen den Pilgern zu helfen und haben eine fahrbare Bar aufgebaut.

„Bist du aus Vorderösterreich?“, werde ich in der Casa Austriaca in Los Arcos gefragt: Ein würdiger Mann, einst Schulleiter und Bürgermeister kümmert sich um die Pilger, den Damen trägt er den Rucksack nach oben. Wenn er die Pilgergruppen fotografieren muss, sagt er: „Haltung, meine Herrn“. Natürlich bin ich Württemberger, aber Vorderösterreich fing ja gleich bei Tübingen an, vielleicht waren das meine rotweiß gestreiften Ringelsocken, die ihn an Österreich denken ließen. Auf dem Kirchplatz trifft sich die Pilgerei beim Abendessen. Ein New Yorker aus New Jersey unterhält den Tisch. Er trägt ein schweres genetisches Erbe, denn er ist halb Ire halb Italiener, und säuft also genauso viel Wein wie Bier. Den Kopf hat er unter eine graue Schiebermütze verräumt, weite Flächen von geplatzte Äderchen sind an den Backen, von Beruf fährt er Diesel zu Tankstellen. Er spricht einen dunklen sizilianischen Dialekt und erzählt vom Wein auf Sizilien, der so stark sei, dass man für die Damen, die weniger vertrügen, einen besonderen Wein gemacht habe namens Aquata. Die Trauben nochmal eingemaischt und drei Tage lang gerührt, daraus einen leichten Wein erzeugt mit zehn Prozent Alkohol. „Das war eine Menge Arbeit“, seufzt er, „aber“, sagt er und bringt damit die letzten 5000 Jahre Geschlechterkampf auf einen richtigen Punkt: „If they are happy, we are happy.“

Den Abend mit einem belgischen Professor für theoretische Physik verbracht. Und einer Flasche Wein, die ich eigentlich morgen alleine trinken wollte. Zu zweit macht es mehr Spaß. Wir reden über Raumpatrouille, Raumschiff Orion, und schmachten gemeinsam Eva Pflug an, die ich auf das IPad zaubere. Er sucht eine alte Fernsehshow mit den Kessler-Zwillingen als Deko auf einer Brücke, in der ein Regenschirm zu Überblendungen benutzt wurde. Kennt die jemand?

Der Dorfplatz von Los Arcos

24.05

Los Arcos – Logrono
Menschen: Ich weiß genau, was der portugiesische Comic-Zeichner jetzt denkt: Ich sehe es an seinen geweiteten Augen, und vermutlich weiß der Portugiese, was ich gleich einen fahrigen italienischen Pilger fragen werde. Denn der hat sich gerade aus dem Rucksack eine Motorradlederjacke geholt und zieht sie über, weil es ihn friert. Doch der Portugiese kommt mir zuvor. „Wie warum zum Henker nimmst Du eine so Motorradjacke mit?“ „Na weil sie bequem ist“, sagt der Italiener.

Das war in der Gegend um Pamplona, bei Zubiri. Wir füttern wieder Hühner. Der Portugiese erklärt, dass Portugiesisch und Spanisch sehr ähnlich seien. Beispielsweise heißt „Danke“ auf Spanisch: „Gracias“ und auf Portugiesisch: „Obrigado“ „Sehr ähnlich“, scherze ich. Der Portugiese will wissen, was „bitte – danke“ auf Italienisch heißt: „Grazie – Prego“, erzählt die Motorradjacke. Im Portugiesischen bedeutet Prego „Sandwich“, und wir finden es lustig, auf „Danke“ mit dem Wort „Sandwich“ zu antworten. „Grazie – Sandwich“. Eingedeutscht klingt es noch besser: Also Danke für das Lesen dieser Zeilen – „Wurstbrot“.
Nun aber zurück auf den Weg:

Gönnte mir morgens einen Cognac zum Café und obwohl ich durch die paar Drinks in Frankreich nicht zum Kenner geworden bin, weiß ich, dass man mit diesem Hennessy-Zeug höchstens die Fenster putzen kann. In Torre del Rios, oder war das Rios del Torre, steht eine kleine achteckige Grabeskirche, die wohl mal den Templern gehört hatte. Eine Frau schnauzt herum, ich soll einen Euro Eintritt zahlen. Ich wisse das, erkläre ich ihr kühl. Und lasse sie noch ein bisschen warten. Die Kirche allerdings ist fulminant, reich mit Figuren und Inschriften geschmückt, wunderbar in einandergreifenden Gurtbögen, die ein erst verwirrendes und dann plötzlich harmonisches Muster geben.

Ziemlich zackig der Rundbau

„You are my savior“, die ältere Frau fällt mir um den Hals. Mitten in Viana vor der Kirche. Ich deute auf das Portal: There is your savior, sage ich. Es ist Lisa, die ich in Ciraqui (oder so ähnlich) aufgelesen hatte, und die ihr Handy verlor und völlig verzweifelt war. Sie bedankt sich überschwänglich, dass ich ihr Mut zugesprochen hatte, E-Mails verschickte und sie davon überzeugte, dass das alles nicht so schlimm sei. Das hat sie aufgefangen. Es kommt aber noch besser. Jemand hatte das Handy gefunden und bei der Polizei abgegeben. Jetzt hat sie es wieder und ist überglücklich. Sie zahlt mir ein Bier glücklich, dass alle ihre Befürchtungen falsch waren, und auch die ihrer Reisebegleiter, die geglaubt hatten, die ETA hätte sie gekidnappt. Die meisten Menschen sind nett, hat sie jetzt gelernt, ich bestätige sie. Nur manchmal verliert man den Blick dafür. Ich sage ihr, dort wo meine Zeitung erscheint, hätten wir vielleicht einmal im Jahr einen Mord. Und das bei einer halben Million Menschen! Ich sage ihr, wenn du jemandem etwas Gutes tust, dann darfst du nicht erwarten, dass er dir wieder einen Gefallen tut. Sondern du musst in großen Kreisen denken, denn es wird so sein, dass Dir wieder jemand ganz anderes hilft. Hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, denn das zweite Bier muss ich jetzt selber zahlen.
Wenn man sich sicher ist, dass das Leben in großen Kreisen verläuft und dass es immer wieder weitergeht und immer Hilfe da ist, dann sollte man das für sich behalten, denn dann ist es Essig damit, ins Geschäft mit der Angst einzusteigen.

1990 war ich der einzige Pilger im Ort und schlief hier im Rathaus-Keller. Heute ist kein Bett mehr frei.

In Viana finde ich das Refgio wieder, wo ich einst geschlafen habe, es war unter den Arkaden des Rathauses im Keller, einfach ein paar Matrazen auf dem Boden und ich bin noch herumgelaufen und habe die prächtige Kirche bewundert, mit einem Vordach aus barock verzierten Balken. Damals 1990 war ich der einzige Pilger im Ort. Jetzt gibt es in Viana kein einziges freies Bett mehr so überpilgert ist es. Also Imuss noch mal um 17 Uhr meinen Rucksack auf die Schulter nehmen, und noch zehn Kilometer nach Logrono. „Uuuuulli!“, brüllte es aus einem Kiefernwäldchen. Die beiden deutschen Mädchen sind wieder da. Sie haben kein Wasser und sind so erschöpft, dass sie schon kichrig werden. Unter ihren Witzen ist eine dünne Schicht von Verzweiflung spürbar. Ein Regenwolke schiebt mich in eine kirchliche Herberge. Die Mädchen ziehen weiter und kommen in der Kirche unter.

Logrono, ich erkenne die leicht gesenkte und gehobene Straße wieder, auf der ich einst marschierte. Bin glücklich darüber, weiß auch nicht genau, und sitze ein bisschen einsam in einem Café und schreibe diese Zeilen.
Um mich aufzuheitern, erfinde ich Worte: Peregrino heißt Pilger und Peregringo für die Neupilger. Und bestelle noch ein Bierchen.

 

Die Kathedrale von Logrono

25.5

Logrono – Najera

Missverständnisse: Mir wird langsam klar, warum ich mich in Roncevalles nicht verständlich machen konnte, als ich das Taxi zur SOS-Station lotsen wollte. Ich hatte „SOS“ gesagt, hätte aber auf spanisch „esse o esse“ sagen müssen. SOS würde ein Spanier als „Eso es“ verstehen, was etwa „so ist es“ bedeutet. Ich hatte das Taxi also zur „So ist es – Station“ beordern wollen. Denke an den Belgier zurück, den zukünftigen Fiat-Vertriebsmann, der meine Ansicht teilte: nie telefonieren, denn 90 Prozent der Kommunikation läuft nicht über das gesprochene Wort. Das Schwierigste ist es, in einer Fremdsprache zu telefonieren, vermutlich weil die Missverständnisse ausräumende Gestikulation fehlt. Eso es.

Am Morgen frage ich nach Frühstück und ernte wieder Unverständigs: Ich hatte hay que (kann ich?) gesagt und nicht Que hay (gibt es?). Ich übe ein bisschen Spanisch mit der Aufwärterin, die sich über meine Socken schieflacht. Manjana heißt morgen und por la manjana am Morgen. Flugs eine Dissertation über indogermanische Missverständnisse geschrieben. Soweit ich es überblicke, unterscheiden viele indogermanische Sprachen nicht zwischen „Mann“ und „Mensch“, „man – man“, „hombre – hombre“ und auch nicht zwischen „am Morgen“ und „Morgen“. Daraus kann man ableiten, dass dem Indogermanen die feinen Unterschiede zu den Frauen herzlich egal waren, und dass nie an morgen dachte.

Indogermanistan, 9 Uhr: „He Indi, Sag mal, wann kommt der Bär vorbei?“
„Morgen“.
„Wann morgen?“
„Jetzt.“
„Aaaargh….“

Ein Frühstück ohne Redundanzen. Zum Kaffee gibt es Weißbrotscheiben. Wenn ich will, kann ich ja Öl drauftun oder Salz, sagt die Aufwärterin. Muss an einen alten Kameraden vom Schachclub Plochingen denken, der erzählte, er hätte die russische Kriegsgefangenschaft nur überlebt, weil ihm die Russen gestattet hätten, Brot in ein Fass mit Pflanzenöl zu tunken. Von Logrono heraus läuft eine asphaltierte Joggingsrecke, die, obwohl ein Wochentag ist, rauf und runter gerannt wird. Ich teck-tocke die Strecke in abgemessenen Schritten und sehe den Spanierinnen beim Schwitzen zu. An einem See ist die Japanerin wieder da, die in Pamplona das Bett gegenüber hatte. Sie schreibt meinen Namen in Japanisch auf, sie haben ja drei Schriftsysteme, ähnlich wie die Äpypter, oder wenn man es genau nimmt, eigentlich genau gleich wie die Ägypter. Spricht kaum Englisch und will zwei Jahre die Welt bereisen, das heißt sie wird zwei Jahre einsam sein. Fragt mich, wo es in Deutschland schön sei. Berchtesgaden? Ein Deutscher ist von Tattoos befallen. Geht wohl nicht mehr weg. Immer das gleich Zeugs auf dem Bizeps: Kreuze, Blumen, chinesische Schriftzeichen.

Warum tätowiert man sich nicht mal den Stadtplan von Erlangen auf! Könnte doch ganz nützlich sein, wenn man mal nach Erlangen kommt.

Die Navarra läuft in langen Wellen von Weizenfeldern aus, kleine Inseln erheben sich darin, auf denen die Dörfer stehen, bergig angeordnet und logisch in einer Kirchturmspitze endend, sie kommen mir vor wie Gralsburgen, unerreichbar schweben sie in ferner Schönheit und wenn man sie erreicht, lösen sich sie in Häuser und Leben auf.
Jetzt geht es in die Rioja, Weinanbaugebiete, hügelig. Logrono ist die Hauptstadt der Provinz.

25 Jahre ist das mit Julia her.

Ich überlege mir ein Gedicht für sie.

„Wo sie ging, verwehten ihre Schritte zu Staub.“

Oder doch lieber anrufen? Nö. Ein echter Minnesänger ruft nicht an.

„Ir vil lieben Frouwen
Lat mih yr Nummern schouwen?“

Da würde der Germanist wieder heftigen Sex vermuten. Erinnert mich an eine Germanstik- Studentin, damals in Tübingen, die eine wirklich deftige Stelle der so genannten niederen Minne, mit den Worten kommentierte, „vielleicht hab ich ja zuviel Freud gelesen — aber man könnte den starken Riegel möglicherweise auch als …“

Ich arbeite mich die Traubenhügel rauf und runter. Raste in Navarete vor der Kirche. Der erste Eindruck in der Kirche dort ist Dunkelheit, dann Dunkelheit und Gold. Dann Erstaunen. Ich bleibe sitzen, eine riesige figurierte Fläche schiebt sich hervor, als würde die Wand lebendig werden, als würde lebendes Gold aus den Wänden wachsen und ich merke, der Eindruck kommt daher, dass sich die Augen mehr und mehr an die Dunkelheit gewöhnen. Heilige in goldenen Nischen auf goldenen Podesten und dann erst sehe ich die gotische Jungfrau mit Broktatmantel, das Jesuskind in kostbarsten Kleidern. Sie ruhen auf einem Altar, der allein aus Blumen zu bestehen scheint und das Gold wuchert und wächst weiter und erste jetzt, als die Augen sich vollständig adaptiert haben, sehe ich, dass die halbe Kirche geschmückt ist mit lauterem Gold!

Die Madonna von Navarete

Das Wetter ist wieder besser und ich versaue mir beim Eincremen die Hose. Ob man mit dem Auftragen von Sonnenmilch auch die Kleidung vor dem Ausbleichen bewahren kann?

Damals hatte Julia die Steinmetzzeichen kopiert:

„Wo sie ging, verwehten ihre Schritte,
Zu Staub.“

Ich sollte das ganze ist Wasser kontrastieren.
„Wo sie ging, verwehten ihre Schritte,
Zu Staub.

Bis dahin, wo die Wasserfälle sind,
Tausend Tropfen, Geliebe,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Ich aber trieb den Fluß mit dem Totholz der Jahre.“

Sollte noch Perlen einbauen, sind eine ideale metaphorische Verbindung aus Wasser und Stein.

„Wo du gingst, verwehten deine Schritte
zu Staub.

Ich aber trieb den Fluß mit dem Totholz der Jahre
Bis dahin, wo die Wasserfälle sind,

Tausend Tropfen, Geliebte,
Worin du dein Wasserzeichen webst.

Und Perlen auf das Ufer rieseln,

Weil du da bist.“

Ist noch nichts, nochmal drüber meditieren.

Der Weg, eine stumpfe Schutthalde, zieht sich entlang der Autostraße nach Burgos. Es ist heiß, die Weinberge geschunden vom maschinellen Anbau, Bodegas protzen im zerstörten Land. Ich schleppe mich Kilometer um Kilometer weiter. Gieße Bier nach, aber es nützt nichts. Trockne die Füße, aber es nützt nichts.

Gesegneter Weinbau in der Rioja.

Dann aber gesegneter Weinbau! Malerische Reben an der Höhe St. Anton, ganz weites Land jetzt. Darin Tafelberge wie dunkle Schutthalden. Vom Glättstein der Zeit verschont erheben sich dahinter sanft gehobene Massive. In den Oca-Bergen liegt Schnee. Ich sollte niederknieen vor dieser landschaftlichen Schönheit, also raste ich im Schatten einer Korkeiche, ein Weinbauer mäht Brombeeren. Noch zwei Tage bis Villafranca, aber die Hexe ist schon da: Eine Frau hat nicht viel mehr an als ein T-Shirt, dass sie sich über den Kopf gezogen hat. Sie sonnt sich auf einem weithinsichtbaren Stein, so als würde sie warten. Ich weiß plötzlich, dass es die Italienierin ist.

So hatte auch damals B. auch auf mich gewartet. Ob der Hexenmeister noch lebt? Ich hab ihn schon einmal besiegt. Sollte auch diesen Roman endlich glatt ziehen. A. aus M. kommt mir in den Sinn. Die letzte der denkenden Frauen, die ich traf. Hab dir viel zu verdanken, weiße und schwarze Magie der Momente.

Kleiner Einschub: die ganzen New-Age-Goldhamster glauben ja, dass Hexe mit dem Wort Hecke verwandt ist. In Dr. Stoltes kleiner Wortapotheke wird das Wort Hexe aus gotisch „hugjan“ gemixt, wie auch der Rabe Odins „Hugin“ heißt, der Denkende, wie auch der Vorname „Hugo“, der Denkende bedeutet. Im Deutschen steckt das Gotische hugjan nur noch in „aushecken“, etwas (böses) planen. Denkende Frauen also.

(Solche Frauen gibt es und die Russin nebenan, die ins Handy bellt. Frage mich, warum die abgetakelte Stalinorgel das Telefongespräch abbricht, sobald sie keinen Empfang mehr hat. Sie lässt ihre Gesprächspartnerin eh nicht zu Wort kommen.)

Gegen 20 Uhr falle ich in die erste offene Herberge von Najera. Will noch in die Altstadt, komme aber vor Erschöpfung nur in den ersten Supermarkt, dort schenke ich mir ein Spider-Man-Überraschungsei. Trinke Wein und lasse mir von den Koreanern beibringen, wie Guten Tag auf Koreanisch heißt: Anjong Haseu oder so ähnlich. Weil ich eine ganze Packung Nudeln gekocht habe, mache ich mit dem Schweizer Messer den Deckel meines Monster- Energie-Drinks weg und stopfe die übrigen Nudeln rein, als Wegzehrung morgen.

Praktische Transportbox für Makkaroni

26.5

Najera – St. Domingo de La Calzada
Raus aus der Rioja, rein in die Provinz von Burgos. Ich tausche Wein gegen Korn.
Najera liegt an geriffelten Felsen, erst am Morgen komme ich in die winklige Altstadt, bevor es einen langen Anstieg hochgeht, der eine Aussicht auf Aussicht verspricht.

Ruhiges Gehen im Roggenduft, Zackenberge begrenzen nicht mehr den Horziont, sondern öffnen ihn, porzellanener Himmel und Wolken mit großen Gesten, Pilger an Pilger unten auf einer hartgetretenden Autobahn aus weißem Schotter nach Westen, immer entlang der Autostraße. So kenne ich dich: langer, staubiger, müder Camino, Hitze und Schweiß. Eine Wallfahrt ist kein Tourismus. Mohn, Natternköpfe und Kornblumen schwimmen in lichtdurchbrochenenm Grün.
Santo Domingo de la Calzada zerläuft in der Ebene wie Pfannkuchenteig. Nur festgenagelt dem Turm der Kathedrale, der aus dem Ort heraussticht wie ein Dorn. Bekannt ist der Ort durch das Hühnerwunder. Ein Hühnerfußballclub hat sich das Huhn auf das Wappen geschrieben, der Weg geht geruhsam durch die Vorstadt, eine Autowaschanlage besitzt eine eigene Station, um Fahrräder zu waschen. Ich bin zu müde, um lange herumzusuchen und gehe zu den Zisterzienserinnen in ein vernachlässigtes uraltes Konvent mit engen Stockbetten. Eine Schwester verteilt die Zimmer, wie alle anderen Einheimischen spricht sie einen spanischen Dialekt, der kaum verständlich ist, eigentlich sinnvoll in der Stadt des Hühnerwunders so zu sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Das Hühnerwunder ist die alte Geschichte des ungerecht Verurteilten: Des Wirtes verschmähtes Töchterlein steckt dem gutaussehenden Sohn einer Pilgerfamilie einen kostbaren Becher in die Tasche, vorauf dieser aufgeknüpft wird. Als der Betrug offenbar wird, ist es augenscheinlich zu spät: Der Richter sagt den Eltern, der Sohn sei so tot, wie das Huhn hier auf seinem Tisch. Worauf das Tier wieder lebendig vom Teller hüpft. Denn Santo Domingo hatte den Verurteilten am Leben erhalten.

Eine Geschichte wie der Postmichel aus Esslingen oder der Geräderte in der Tübinger Stiftskirche. Vielleicht ein ganz frühes Beispiel einer Wandersage, flugs eine Dissertation über frühmittelalterliche Wandersagen geschrieben und ihre Auswirkungen auf die Architetur. Der Postmichelbrunnen in Esslingen, der Geräderte im Tübinger Kirchenfenster und natürlich der Hühnerstall in der Kathedrale von Santo Domingo de La Calzada. Den muss man aber erstmal finden. Das Huhn ist in zwei Metern Höhe über einer Tür eingelassen und guckt durch Gitterstäbe und eine Glasscheibe. Ein Wunder, dass man es überhaupt findet. Vielleicht ist das das Hühnerwunder? Ich, als letzter in Tübingen lebender Gründer des Stammtisches unser Huhn, lasse mich unter dem Kirchengockel, den keiner sieht, ablichten.

Unter Hühnern

Früh bin ich in Santo Domingo angekommen und früh sitze ich an der Kathedrale im Schatten mit anderen Pilgern:

Die Dänin: War Anwältin im öffentlichen Dienst. Wurde irgendwie übel in den Vorruhestand geschickt und versucht jetzt die Jahre bis zum Rentendasein zu überbrücken. Auf dem Camino will sie zu sich finden.

Der Österreicher:
Angestellter Innenarchitekt. Als der Sohn die Firma übernahm, war sie nach kurzer Zeit pleite. Rappelte sich auf, ließ sich woanders einstellen, wieder übernimmt der Sohn die Firma, wieder steht er auf der Straße. Ist 56, weiß nicht, wie es weiter geht, Geht mal den Weg. Kriegt kein Arbeitslosengeld, weil er im Ausland ist, weiß aber, dass er etwas machen muss, sonst kommt er nicht klar.

Der Schwabe: „Dann haben sie neue Leute eingekauft, die keine Ahnung von dem Job haben, anstatt uns zu fragen, wie es funktioniert. Das Betriebsklima sei so schlecht, hat unser Chef geklagt. Er hat gesagt: Dabei sei Betriebsklima sei das einzige Klima das man beeinflussen könne.“

Immer die gleichen Sprüche, die man entweder in einem Idioten-Ratgeber für 3.50 Euro lesen kann oder auf einer Schulung für 35 000 hört. Hat wohl noch nie was vom Klimawandel gehört, sein Chef. Ich sage:

„Hat er es beeinflusst?“

„Er hat 100 Leute entlassen.“

Ausgebrannte. Nur wer brennt, kann auch ausbrennen.

Der ganze Camino de Santiago ist ein großes Hospital der Verbrannten. Ein Kontinent, der eine Straße geschaffen hat als Ausweg für seine inhumane Arbeitsverhältnisse. Es ist eine Straße der Verlierer für eine Gesellschaft, die nur in Gewinner und Verlierer einteilt. Die das Ende eines Berufslebens mit Prozessen, Abfindungen, Demütigungen und Erniedrigungen überzieht. Die die Verlierer als Verlorene entlässt.

Hinter Santiago wartet die Revolution.

Der einzige Trost ist, dass es die Manager genauso erwischt und meist noch früher. Am Ende rotten die Tyrannen doch sich selber aus.

27.5.

Santo Domingo de la Calzada – Villafranca Montes de Oca

„You have to smell at the Flowes“. Ein 70 Jähriger Brite, der aussieht wie ein alternder Filmstar, sagt das vor der Kirche in Cranjon, wo sich die Schwalben herabstürzen und ein wunderschöner Jesus in den Schatten leuchtet. Wenn du deinen Weg gehst, kannst du ihn schnell gehen oder langsam, an den Blumen riechen oder nicht. Das Ende am Spiel des Lebens ist immer das selbe: Der Tod. Wer gewinnt das Spiel? Nicht der, am ersten ankommt.

Eine Koreanerin läuft mir in Belorado zu wie ein streunendes Kätzchen. Hat ihre Freunde verloren und kauert verlassen im kümmerlichen Schatten eines Hauses. Ich ziehe sie in der Hitze des späten Nachmittags den Weg entlang, sie läuft hinter mir im Takt meiner Schritte. Als sie gar nicht mehr kann, nehme ich sie an der Hand bis Tosantos, und übergebe sie ihren Landsleuten, die dort untergekommen sind. Bedankt sich überschwänglich.

Ich aber muss nach Villafranca.

Lasse mich nun selbst ziehen von den Ereignissen, die ich damals erlebt habe und von der Geschichte, die ich über den Hexenmeister geschrieben habe, werde Schritt für Schritt immer mehr gefangen von der eigenen Imagination. Gewitter ziehen auf, Abendlicht flutet den Berg des Hexenmeisters, einen Berg, den ich erfunden habe, und der jetzt doch vor mir liegt. Erinnerungen, Roman und Realität durchdringt sich. Der Berg zieht, Roggenfelder in hellerem Grün, dunkle Heide tropft von ihm herab in grün fallenden Schleifen, gebuchtet und verschlungen, ein Baum krönt die Spitze. Die Gewitter kommen näher und die Füße sind so müde, dass ich nur noch stolpere, aber ich weiß, dort ist der Dämon des Westens vergraben, die letzten Meter arbeite ich mich einen Trampelpfad entlang an einer Kirchenruine. Hier ist nichts mehr, so wie ich es beschrieben haben, und ich frage mich, ob ich je in Villafranca war, ob ich nicht alles erfunden habe, das Refugio damals, das ein Gewächshaus mit Jalousien war, heute steht ein städtischer Steinbau, als ich aber die Treppe hochtrotte liegt die Italienerin im Schlafsack alleine im Zimmer, das Gesicht unter einem schwarzen Tuch verborgen, sie hat also wieder auf mich gewartet. Es ist noch nicht zuende.


Eine neue Geschichte beginnt, wie sie eben nur in Villafranca spielen kann.

Eine echte Kneipe für Männer. Man kann Schnaps kaufen, große Schinken mit Knochen drin und LED-Lampen mit Magnet dran fürs Auto. Und eine Frau, schwarzhaarig, breites Gesicht. Sie war in Zubiri schon betrunken auf dem Dorfplatz gelegen, als der Kolumbianer mit Wermut um sich warf, danach hatte ich sie in Pamplona wieder gesehen, beim Bier vor dem Jesus y Maria Refugio mit dem hübschen Bretonen, jetzt steht sie an der Bar, hat schon wieder ordentlich getankt. Den Camino im Vollrausch. „Mas bonito, el camino“, sagt sie, Sie nimmt mich in den Arm, wir bleiben Arm in Arm stehen, während sie Schnaps säuft. Sie wechselt zum Mann zu ihrer Linken, ein kleiner Spanier, der ihr zuzwinkert, während seine Frau an der Theke arbeitet.

Die Herberge macht um 22 Uhr zu. Sie geht fünf vor 22 Uhr auf die Gasse. Ihr Typ für diesen Abend, schwarze Leggins, klein, graumeliertes Haar, Schnauzer, wartet ungehalten wie ein Wachhund, mindestens die Ohren aufgestellt. Dann geht er aus der Tür und sucht sie. Ich bin noch unten, weil ich auf meine Wäsche warten muss. Ich sitze im Dunkel, weil ich keinen Bock habe ständig die Bewegungsmelder zu aktivieren. Schließlich trudeln die beiden ein. Sie geht ihn die Küche vor einen langen fahrbaren metallenen Tisch, legt sich rücklings darauf, so wie sich die Frauen hinlegen. An ihren Kopf eine Bierdose, in der Hand die qualmende Zigarette. Der Typ steht neben ihr. Ich verziehe mich auf die Terrasse, der Wäschetrockner donnert die Wäsche in die Trommel, wumm, wumm, wumm, wumm. Sie kommt raus, schweigt, geht die Treppen hoch. Schmeißt wütend ihre Sandalen die Treppe runter. Verschwindet nach oben. Von dem Typen sehe ich nichts mehr. Ich packe meine Wäsche und gehe ins Bett.

28.05
Villafranc Montes de Oca – Atapuerca
Heute gehen sie mir alle auf den Wecker. Der bretthart gestampfte Camino, breit wie eine Autobahn durch den Eichen-Niederwald, die Massen von Pilgern, die laufenden Motoren der Gepäcktransporter, die den Oldies die Rucksäcke hinterherkutschieren, die durchgeknallten Moutainbiker, die ohne Rücksicht durch die Pilgerpulks preschen. Die völlig überforderten Oldie-Pilger, die ewig schnatternden Gruppenpilger, die Sonnenbrillen-Pilger, die cool sind, in ihren Tarnanzügen, die Familienpilger mit ihren missgelaunten Kindern, die Rennpilger in ihren Turbolatschen und High-Tec-Rucksäcken, die Amerikaner, die Koreaner, die Deutschen, die Neuseeländer, die Italiener, die Spanier einfach alle. Regen zieht auf, mein Regenschirm zieht nicht auf, ist zusammengerostet. Ich haue ihn mit der Faust auseinander und schneide mir den Daumen blutig. Flugs den kugelgelagerten High-Tec-Regenschirm aus Titan und Extrem-Textil erfunden und damit ein Vermögen verdient. Eine Brasilianerin kommt vorbei, die mir schon etliche Tage vorher aufgefallen ist, weil sie den ganzen Tag glücklich in den blauen HImmel hineinsang. Wir singen in the rain. Ich tanze um meine Wanderstöcke.In St. Juan de Ortega bin ich lange in der Kirche. Der neue Atem des Katholizismus: Statt hölzerner Kniebänke gibt es Kissen, statt barock verdrehter Holzfiguren, menschlich gemalte Ikonen, Kerzen nicht im Blechkasten sondern in einer hübschen Sandschale.

St. Juan de Ortega

Ich bete in der Kirche, und Gott ist heute zu Scherzen aufgelegt. Das Handy tutet. „Just-Be-lieve hat Ihnen eine Nachricht geschickt“, steht auf dem Display. Es ist eines der beiden deutsche Mädchen, das mich fotografierte, als ich in Roncevalles die Hühner fütterte.

Lange war ich in der Kirche, noch länger in der Kneipe. Ausgelaugt von den Ereignissen in Villafranca. Die bieden Israelinnen haben mich eingeholt, „Du schaust fertig aus!“ „Ja, bin ich.“ Eine Neuseeländerin bemitleidet mich, ich sähe müde aus, sagt sie, müde ja, und du hast gar nicht geschnarcht, sagt sie. Für schnarchen habe glaub einfach zuviel Körpergewicht verloren inzwischen, außerdem keinen Alkohol getrunken. Ich kann noch nicht weiter. Nicht so, nicht ohne diese Worte geschrieben zu haben. Nicht ohne den Weg wieder gefunden zu haben.