Bahnsinn V, bitte beachten Sie: Das Fegefeuer hat keine Sitznummerierung

Bahnsinn V, bitte beachten Sie: Das Fegefeuer hat keine Sitznummerierung

 

 

Collage von Matze Mundel
Collage von Matze Mundel

Würde die Bahn ihre ICE-Sprecherinnen an Komapatienten vermieten, könnte sie ein blühendes Geschäftsfeld eröffnen. Soeben reißt mich eine Reibeisen-Stimme aus den zehn Minuten Schlaf, die mir Morpheus von Stuttgart nach Mannheim gnädig gewährt und informiert, dass in der ersten Klasse jetzt die Getränke serviert würden. Ich glaube, solche Sätze würden die Komapatienten nicht nur aufwecken, sondern auch zuhauf in die erste Klasse treiben, wo sie weitere Durchsagen bei Bewusstsein hielten: „Der Kaffee auf Sitz fünf fällt wegen einer Betriebsstörung aus. Bitte den den Kaffeeautomaten von Taxi-Münster am Halberstadter Bahnhof benutzen.“ Vielleicht würde auch das jüngste Gericht nicht mit den drei Posaunen, sondern mit einer Bundesbahndurchsage beginnen: „Purgatorium kommt heute auf Gleis 666. Achtung, das Fegefeuer brennt ohne Sitznummerierung“.Wach würden die Lebenden und die Toten auf alle Fälle.

 

Die Bundesbahn, stets zu neuen Schandtaten aufgelegt, hat jetzt eine verpflichtende Platzreservierung für den ICE-Springer nach Berlin eingeführt. Warum man in einem ICE-Sprinter von Stuttgart nach Berlin eine Platzreservierung braucht, ist schleierhaft, den Zug könnte nicht mal der hoffnungsvollste Optimist als halbvoll bezeichnen. Die Platzreservierung aber bedeutet, dass ich in meinem Waggon mit vier Fahrgästen in einem Abteil schmachte, während sich im nächsten Waggon gerade mal drei Leute verlieren. Also weg von hier. Im Speisewagen sitzt eine der zwischenzeitlich übermäßig vielen Frauen, die sich für die Fußball-Europameisterschaft interessieren. Überall sitzen sie! Stets heben sie an, „ich finde, EM, also ich finde“, und dann stürzen sie sich in eine Todesspirale von Nebensätzen, die kurz vor dem tödlichen Einschlag durch „EM“ wieder Aufwind kriegen: „Und dann, EM, also dann sag ich, keine Ahnung,…“

 

Ich muss umsteigen und werde nie erfahren, wie die EM ausgegangen ist. Am Bahnsteig von Hannover sitzen Menschen in gelbumrandeten Quadraten und rauchen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Mir wird klar: Die einzige Firmengruppe der Welt, die uns vor den Smartphones retten kann, ist die Tabakindustrie. Raucher halten in den Pausen zwischen ihren Lebenstakten Glimmstengel in der Hand. In den Händen aller anderen brennen die Handys ihr leuchtdiodenweißes Licht in die Nacht.

 

Mein ICE-Sprinter rauscht nach Berlin davon: Die Bahnsteig-Anzeige warnt Raucher wie Nichtraucher: „In diesen Zug nicht einsteigen“ Die Bahn ist kurz davor, ihren großen Traum zu verwirklichen: Keine Fahrgäste mehr, die den Betriebsablauf stören.

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