Der ewige Jude wandert durch das Neckartal

Jude

 

 

Der Mann, der nicht sterben durfte

Ahasver, der Ewige Jude, taucht 1766 in Altbach bei Esslingen auf – ein Essay über den Beginn und das Ende eines Mythos‘.

 

Jan Potocki feilte – immer rundrum. Der polnische Abenteurer und Gelehrte hatte im Jahr 1815 eine genaue Vorstellung davon, was er mit dem Deckel seines silbernen Samowars machen  wollte. Aber vorher musste er noch einen der vertracktesten Romane fertig stellen, die je ersonnen wurden: „Die Handschrift von Saragossa“ spielt an einem spanischen Galgenberg, der von Geistern, Waldnymphen  und Untoten bevölkert wird. Eine der Hauptfiguren: Ahasver, der Ewige Jude, der nie länger als einen Tag lang am gleichen Ort bleiben darf, weil er einst Christus von der Türschwelle gewiesen hatte. Gesehen zum ersten Mal 1542 in Hamburg, wieder gesehen  1599 in Wien, erschienen 1644 in Paris und  1766 in Altbach bei Esslingen im Neckartal.  Dort hinterließ er eine Inschrift, wie ein Autor unter dem Pseudonym „Lichtfreund“  im Jahr 1825 berichtet:

„Sonderbar ist es übrigens, daß in dem Dorfe Altbach am Neckar ob Esslingen, in Württemberg, in dem großen Hause an der Landstraße, das nun ein Schmid bewohnt, unter folgendem Datum, ein mittelmäßiger Mann, mit freundlicher und sehr bescheidener Bitte um ein Nachtquartier angesucht, von dem damaligen Hausbesitzer aber nur mit der Bedingung aufgenommen worden, daß er im Schafstall vorlieb nehmen müsse, was er sehr gerne angenommen habe. Weil er aber den anderen Morgen zu lange nicht zum Vorschein kam, wollte der Hausvater endlich nach seinem Gaste sehen, fand ihn aber nicht mehr im Schafstalle. Nach langem Umschauen fiel ihm eine frisch eingegrabene Einschrift an der Seitenwand auf, die also hieß:

„Ich Ahasverus von Jerusalem bin nun schon das zweitemal gut in diesem Schafstall beherbergt worden, das Gott vergelte. Den  1. Jan. 1766.“

Diese Wandschrift habe ich selbst (der Beförderer gegenwärtiger Auflage) im Jahr 1776 mit meiner Mutter, und, ehe dieser Schafstall in den 80ger Jahren zu einer Schmidswerkstätte umgeändert worden, mit mehreren anderen Personen, besonders mit dem Schmid Johannes Barth und dem Maurermeister Conrad Wörner, gesehen, ehe sie durch die neue Einrichtung zerstört wurde.“

Über Altbach ist bis dahin nicht viel bekannt: Es trat im Jahr 783  auf einer Urkunde aus dem Dunkel der Geschichte, um dann sofort wieder darin zu verschwinden. Die Oberamtsbeschreibung von 1844 schildert  die Altbacher als  „mehr klein und ausdauernd als  groß und ansehnlich“.  Von großen und kleinen Geistern ist dort nicht Rede, aber völlig zu Unrecht, denn diese Inschrift ist das einzige von zwei greifbaren Lebenszeugnissen  Ahasvers, wenn man bei einem Gespenst von  Lebenszeugnissen sprechen mag. Natürlich kann  es in Wirklichkeit nur ein Verrückter, ein irrer Wanderer, oder einfach ein Landstreicher gewesen sein, der sich einen blöden Scherz machen wollte, doch genügte  dieser Scherz, um ein Fass von Aberglauben aufzumachen. 

In der Stuttgarter Landesbibliothek liegt das Volksbuch, in dem Ahasver zum ersten Mal beschrieben wurde. Ein paar geheftete Blätter, so sahen damals die Groschenromane aus. Gedruckt ist es 1602 in Bautzen von einem Wolfgang Suchnach und man kann ziemlich sicher sein, dass der Druckort genauso fingiert ist, wie der Herausgeber.  Unbekannt ist auch der  Verfasser der seinen  Bericht am 9. Juni 1564 vollendet haben will. Seine Begründung  für die Niederschrift könnte von einem Journalisten sein: Weil hier und jetzt nichts Neues geschehen sei, wolle er etwas Altes erzählen:

Im Winter 1542 hatte der  Bischof Paulus von Eitzen in einer Hamburger  Kirche einen Mann gesehen, der dem  Gottesdienst mit besonderer Demut beiwohnte.  Er trug einen Rock bis an die Knie, durchgewetzte Hosen,  Mantel bis auf die Füße,  große Gestalt. Nach der Predigt sprach ihn der Bischof an: Er sei Jude aus Jerusalem, sagte der Mann, heiße Ahasver, übe das Schuhmacherhandwerk aus.  Er  habe mit den anderen Juden über Jesus Christus das „Kreuziget ihn“ geschrien. Als Jesus auf dem Kreuzweg an seinem Haus ausruhen wollte, sei er „mit Eifer zu ihm gelaufen“ und habe ihn mit Scheltworten angewiesen, sich weg  zu packen. Er solle dahin  gehen, wo er hingehöre.  Da habe  ihn Christus in die Augen geschaut und gesagt:  „Ich will stehen und ruhen, du aber sollst gehen.“

Ahasver musste sein Kind niedersetzen,  sein Weib und sein Gesinde verlassen und von Stunde an durch die Welt gehen. Erst nach vielen 100 Jahren sei er zurück gekommen, doch da  habe er Jerusalem zerstört gefunden und  wandere nun weiter  bis zum Jüngsten Tag.

Das Volksbuch wurde zum Renner,  immer neue Auflagen und Übersetzungen erschienen, mit einer Geschichte, die immer mehr ausgeschmückt wurde. Plötzlich wollte den Ewigen Juden jedermann gesehen haben.  

Zunächst in den Städten der Hanse:  Hamburg, Danzig, Reval, dann  1575 in Madrid. Zeugen werden genannt:  Der  Sekretär Christoph Ehringer und der Magister Jacobus  aus  Holstein hätten mit ihm gesprochen.  Die Urheber der Geschichten blieben weiter anonym oder hatten phantasievolle Decknamen. Ein Westphale namens Chrysostomus Duduläus, der als Wohnort Reval in Livland angab, steckte hinter den meisten Auflagen.

Warum der gespenstische Jude 1766 in Altbach aufgetaucht sein soll, lässt sich vielleicht mit den Tumulten erklären, die sich wenige Jahrzehnte zuvor in Stuttgart abspielten und die das Judentum ins  öffentliche  Bewusstsein rückten. Joseph Süß Oppenheimer, der jüdische Finanzbeirat des Herzogs Karl Alexander war in Ungnade gefallen und wurde als Sündenbock hingerichtet für die verfehlte Finanzpolitik des Herzogs. In den Jahren nach der Hinrichtung war es in Württemberg zu Ausschreitungen gegen Juden gekommen, und der Antisemitismus war verbreitet. Aus den 1780er Jahren ist ein Anekdote überliefert über das Stuttgart Original Leopold Baur, einer der liederlichsten Zechkumpane des Musikers und Dichters Daniel Schubart.

Als Baur einen Juden auf dem Stuttgarter Marktplatz traf, wetterte er los, es könnten ihn alle Juden am Arsch lecken. Worauf der Jude ruhig antwortete: „Sie wissen doch, dass es uns verboten ist, Schweinefleisch zu kosten.“

Vielleicht war Schubart sogar inspiriert durch die Altbacher Inschrift, als er 1783 eine Rhapsodie über den Ewigen Juden veröffentlicht. Er hob das Volksbuch damit in den Rang der ernsten Dichtung: In seiner Interpretation besteht die Tragik Ahasvers darin, den Tod so vieler Menschen mitansehen müssen und selbst nicht sterben zu dürfen.

Jan Potocki feilte immer noch an seinem silbernen Samowar. Er feilte drei Monate lang, bis der Deckel  so klein war wie eine Murmel.  Der Mann, der die slawische Archäologie begründet hatte,  der als erster Pole in eine Montgolfiere stieg, der mit dem Orientalisten Julius Klaproth bis in die Innere Mongolei vorgestoßen war, stopfte sich die silberne Murmel in den Lauf seiner Pistole und erschoss sich damit. Doch mit seinem Roman „Die Handschrift von Saragossa“ wurde die deutsche Volkssage zu einem  Motiv der Weltliteratur.

Die meisten Schreckgestalten und Spukgesichter sind an den Ort gebunden, an dem sie umhergehen, wo sie den Lebenden die Seelenkraft entziehen. Doch manche Gespenster sind dazu verdammt, auf ewig zu wandern: Der Fliegende Holländer und der Ewige Jude. Zum Faszinosum des Wanderers kommt noch der Topos der Unsterblichkeit. Und  Ahasver ist keine Schreckgestalt: Er ist demütig, er behält nie mehr als zwei Geldstücke, den Rest gibt er den Armen, heißt es im Volksbuch.

Die Romantik, selbst voller Wandergeschichten entdeckte die Wundergeschichte vom Ewigen Juden. 

Legion sind die Veröffentlichungen:   Ludwig Achim von Arnim schreibt 1811 ein Drama über Ahasver. Überliefert ist auch, dass Goethe ein großes Werk über den Ewigen Juden plante, es blieb aber Fragment. Wagner komponiert den Wanderer verklausuliert in die Meistersinger ein, der Dichter Nikolaus Lenau schreibt vier Jahre lang an seinem Gedicht „Ahasver“,  Wilhelm Müller, der die Verse für die berühmte Winterreise Schuberts schmiedete,  bedichtete   ebenfalls den Wanderer  Ahasver. Johann Nestroy 1846 machte eine Burleske  aus dem Thema, Ernst Toller veröffentlichte ein Drama 1918.  

Immer mystischer, immer  seltsamer wurden die Geschichten von den Unsterblichen. Die Schriftsteller sinnierten über Tod und Unendlichkeit, wetteiferten darin, neue Schauplätze und Motive zu erfinden:  Der schottische Schriftsteller Henry Rider Haggard schrieb im Roman  „Sie“ über eine geheimnisvolle weiße Frau, die im Herzen Afrikas Jahrtausende lebt, eine Geschichte, die der Pole Joseph Conrad wiederum in einer Novelle: „Das Herz der Finsternis“ benutzte. Der Argentinier Jorge Luis  Borges schreibt über Unsterbliche in seltsamen Städten des Orients, die ihre Namen und ihre Lebensgeschichten vergessen haben.

Die Maler zeigen Ahasver mal mit, mal ohne Schuhe, mal demütig bescheiden wie der Schweizer Ferdinand Hodler, mal forsch ausschreitend, wie der Franzose Gustave Doré. Der Film entdeckt den Ruhelosen.  „Der Golem, wie er in die Welt kam“ heißt der Stummfilm von  Paul Wegener aus dem Jahr 1920, in dem Ahasver eine weitere jüdischen Sagengestalt, den Golem, begleitet. In  der Düsternis der Kinematographensäle  findet der Ewige Jude als Motiv der Weltkunst  sein Ende.

Ein Jahr nach dem Überfall auf Polen bereiten die Nazis den schlimmsten Genozid der Weltgeschichte mit dem Film: „Der ewige Jude“ vor. 1940 erscheint der Streifen, der  das jüdische Volk als „Parasiten und Schädlinge“  diffamiert. Als Wandernder passte Ahasver zu den Vorurteilen der Nazis, als jemand der das Geld verachtet, allerdings nicht, doch das war den Nazis das herzlich egal. Mit dieser Interpretation zerstörten sie den Mythos mit einem Schlag und kein Künstler mochte mehr den Ruhelosen in sein Repertoire aufnehmen.

Es gebührt Walter Jens,  dem großen Tübinger Humanisten, diese Umwertung rückgedeutet zu haben. In seinem Hörspiel Ahasver beschreibt er einen deutschen Arzt, der vor den Nazis nach Frankreich und die Schweiz flieht, aber in jedem Gastland  verfolgt wird,  bis er wieder  nach Deutschland  kommt, wo er einsam stirbt.

So ist Ahasver dann doch noch zum Symbol des Judentums geworden, einem positiven Symbol und  ganz anders  als die Gestalt der Volksbücher. Der Mann namens Ahasver, so stand  dort zu lesen, soll so dicke Fußsohlen gehabt haben, „das man‘s gemessen, zwei  Finger dick gewesen, gleich wie ein Horn so hart.“ Immerhin merkwürdig, dass er keine Schuhe hatte, wo er doch Schumacher war. Aber es sollte noch merkwürdiger kommen. Denn obwohl er als Schuhmacher keine Schuhe hatte, überlieferte seine Schuhe das Stadtmuseum Ulm. Sie waren das zweite greifbare Zeugnis von Ahasver.  Im Inventar von 1856  heißt es „Schuhe des ewigen Juden, aus Lederflecken, Riemen und Nägeln. Der eine wiegt acht Pfund, der andere Schuh zehn Pfund.“ Sie seien vor vielen Jahrzehnten von einem Wanderer oder Büßenden, der in der Oberen Blaiche in Ulm ein Nachtquartier gefunden habe, zurückgelassen worden. Bis ungefähr 1904 werden seine  Schuhe im Inventar des Museums aufgeführt, danach sind sie ihm wohl irgendwie weggelaufen.

Der jüngste Tag ist nicht angebrochen, aber der Wanderer hat seine Ruhe gefunden, denn seit 1868  verliert sich seine Spur in Salt Lake City. Dort soll er dem Mormonen O’Grady den Talmud überreicht haben, um seine Seele zu retten: Ob  es das richtige Mittel war, ist  aus der Sicht der Heiligen der letzten Tage schwer zu entscheiden.  

Einzig die Barthsche Schmiede in Altbach ist noch übrig,  sie trotzte der Zeit und ist 2011  zum  schmucken kleines Heimatmuseum umgebaut worden, das zumeist am Altbacher Dorffest geöffnet ist. Nichts erinnert mehr an Ahasver, den Ewigen Juden. In die neue Zeit passte kein Mythos mehr.

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