Ultreya – Mon Chemin 2

9.4
 

Immer ein Hingucker. Das Schweisstuch der Veronika im Freiburger Münster
 Unter den Münsterpfeilern flackern die Opferkerzen. Ein Meer aus Ruhe und Bewegung. Ein Strudel aus Dunkelheit und Wärme. Die Madonna darüber in ruhigem Glitzern. Das Freiburger Münster ist derart schwerelos gebaut, dass man nicht weiß, ob die Bündelpfeiler wie Stalaktiten von den Gewölben heruntertropfen, oder ob sie wie Springbrunnen aufsteigen und sich oben zu Gewölben vereinen. Die Wärme und die Dunkelheit. Vor mir ein Pärchen, er kniet am Altar mit einem Knie und spricht sein Gebet. Als er zurück ist auf der Kirchenbank, küsst sie ihn dafür. 
Viele Schweizer sind da, reich jetzt durch den schwachen Euro. 

Vermutlich haben die Eidgenossen die Finanz-, Euro- und Wirtschaftskrise nur deshalb inszeniert, damit sie sich in Freiburg den Kaffee zur Schwarzwälderkirschtorte leisten können. Freiburg hat was Tübingen längst bräuchte, wenn es nicht so verschnarcht wäre. Ein Uniseum, wo man die reiche Geschichte der Fakultät bestaunen kann. Im Unterstock, dem alten Weinkeller der Universität, hängt ein Plastiktablett an der Wand. So hätten die Studenten früher und aus den Blechnäpfen gefressen. Früher? In Tübingen gibt es die heute noch. Schließlich schmeißt der Schwabe nichts weg, was noch gut ist. Kurze Mensabilder aus meiner Studienzeit flackern auf. Der Grieche, der wohl mal in einer Fabrik gearbeitet hatte, und die Salatschüsseln vom Riesentablett einfach in die Auslagen rutschen ließ, dass alles übereinander schwappte, die Dreckbollen im Salat und einmal ein kleiner Regenwurm. Die gute Frau, die immer die Mensamarken verkaufte und die wegrationalisiert wurde, das Reisebüro in der Mensa, in dem ich meine Spanienreise buchte, als ich zum ersten Mal auf den Camino ging. 

 

In Freiburg ein Museumsstück, in Tübingen bittere Realität!
 
Beton drückt der Natur ihren Stempel auf.
  
Abends bei meinem Couch-Surfing Host. Mein Host erwartet mich hinkenden Mann im Café Brazil. Wir reden lange über das Berufsleben, im Wohnzimmer spielen wir das Entr’acte von Jacques Ibert. Verbeugen uns vor imaginärem Publikum. Ich habe lange nicht mehr Querflöte gespielt. 

10.4 
Und nun ist der erste Sonntag meiner Wallfahrt, und ich war nicht in der Kirche. Ich gehe von Freiburg nach Westen Richtung Elsass. In einer Tankstelle kaufe ich mir eine Frankreich-Landkarte Ein Mann ohne Zähne, dem ein Zahnklemptner vage irgendwelche Silberdrähte über den Kiefer gezogen hat, weist mir den Weg nach St. Georgen. Aus Versehen bleibt mein Pilgerführer in irgendeiner Auslage liegen. Unterwegs bemerke ich den Verlust, nein, ich gehe nicht zurück. Nie zurückgehen.  
Ohne Führer folge ich den Radwegen und bin viel schneller unterwegs, Tiengen spritzt vorbei, Munzingen rattert weg, Hausen blitzt kurz auf. Schnörkel gibt es nur da, wo ich in Asphaltschleifen über die Autobahnbrücken muss. Blümchen blühen, Buchen schlagen aus am Wegesrand. Ich denke, die meisten Leute gehen ihren Weg mit dem Schwanz oder mit dem Kopf. Das aber ist falsch. Man muss den Weg mit dem Herzen gehen. Der Kopf findet nachträglich immer eine Erklärung für die Richtung und der Schwanz zeigt eh der Nase nach oder auf eine zu. Mir fällt ein Spruch eines junge Mannes ein, der sagte, ihm sei in seinem Leben sein Penis immer im Weg gewesen. Mir nicht. Nicht mal morgens beim rasieren. 

Doch diese tiefenphilosophischen Betrachtungen werden von einem heimtückischen Überall unterbrochen. Von rechts dräut eine bekannte blaugelbe Pilgermuschel, die mich garantiert wieder auf verschlungene Felsenpfade gelotst hätte und auf alle Fälle auf den Tuniberg mit seiner Kapelle. Ich schleiche mich vorsichtig an dem Muschel-Wegweiser vorbei und nehme den Radweg. Junge, Junge, das war knapp. Von oben blickt die Kapelle ins Tal, ich grüße sie von unten vom Radweg. Das geht doch auch! Hirtenjunge, Hirtenjunge.

Die Frankreichkarte, die ich gekauft habe, ist komplett nutzlos, weil der Maßstab viel zu groß ist. Nun ja, immerhin bin ich den Pilgerführer los und muss ihn nicht kompliziert heimschicken.
Unterwegs spricht mich eine silberne Frau an, brauner Pulli, silbernes Fahrrad, braune Schuhe, radelt im Schritttempo neben mir her. „Ja, die Jungen mit ihren Handys, das ist doch wie eine Sucht, und die Frauen, die haben doch keine Zeit mehr, da haben sie ein Auto, einen Geschirrspüler und eine Waschmaschine und trotzdem haben sie keine Zeit, sie weiß auch nicht was das soll, früher hat man doch einfach miteinander geredet. Jetzt aber hat sie keine Zeit mehr und prescht mit dem Fahrrad vorüber. Kam mir bekannt vor, was sie sagte. Wenn aber alle immer das gleiche reden und glauben, warum ist dann die Gesellschaft so voller Hass?
In Hausen an der Möhlen versuche ich, ein Quartier in Fessenheim zu finden und schaffe es, nach endlosen Versuchen, ins Ausland zu telefonieren, weil ich immer nie weiß, wieviel Nullen oder Kreuze ich vorwählen soll und welche weglassen. Als Pilger sollte man sich eh an den Kreuzen orientieren, ich merke dann, dass Kreuz und Null auf der Tastatur ein und dieselbe Taste sind — versteckter antiklerikaler Angriff? 

Nächste Hürde: Nachdem ein Gespräch zustande gekommen ist: Ich muss aus den Qinzes und Quatrevingts und Douzes und ähnlichem Zahlenunsinn eine verständliche Ziffernfolge hinzukriegen, die ich anrufen kann: Mein Telefonpartner verfällt angesichts meines suevo – französischen ins Elsässische, und so kommt eine Verständigung zustande. Wusste gar nicht, dass das noch gesprochen wird. Ich soll an der Kirche auf ihn warten und dann anrufen. 

Hoffentlich nicht wieder Quatrevingtdisneufs und solche Sachen. 
Jetzt aber ab nach Fessenheim.   
Ohne Pilgermuschel erst einmal falsch abgebogen, schwinge ich mich mit dem Pilgerstock über ein Bächlein, ja wenn’s nur so elegant ausgesehen hätte, wie das kling. Beim nächsten Bächlein ziehe die Schuhe aus, stakse durch und laufe hernach die Füße barfuß trocken. Ein Jogger weist den Weg nach Fessenheim, wo das Atomkraftwerk steht, wie jeder hier in der Gegend weiß. „Und wenn Sie den Schalter sehen, dann schalten Sie es aus!“ Ich präsentiere demonstrativ den Stock. „Ne kaputt machen die schon genug selber.“ 
Gigantische Schleusen am Rhein. Abendsonne an der Fessenheimer Kirche, bis der Herbergsvater kommt. Ich muss morgen früh los, weil bei ihm um acht die Handwerker kommen. Könnt ihr euch nicht mal eine andere Ausrede einfallen lassen?

11.4.
Ich fühle mich wie ein an zwei Ecken abgebranntes Streichholz. Kopf und Füße schmerzen höllisch. Nur in der Leibesmitte herrscht noch Ruhe, aber der Bauch nimmt ja in erschreckendem Ausmaß ab. Das sehe ich im Spiegel eines Fünf Sterne Hotelzimmers. Was war geschehen ? Von Fessenheim wollte ich locker flockig 45 Kilometer nach Thann wandern. Ich ging es gemütlich an, denn wenn man lange Strecken macht, dann soll man nicht hetzen.

Ohne den Pilgerführer ist die Strecke eh kürzer, redete ich mir ein, und so marschierte ich tapfer die Straße entlang nach Hirtzfelden, dann folgte ich der Straße nach Ensisheim, dort wo der berühmte Meteor einschlug, und das mitten im Mittelalter, dass die mittelalterlichen Flugblätter, die vom Donnern und Röhren des Eisenkloßes berichteten, nur so ins Reich davonspritzten.  
Ich ging seitwärts durch das Gelände, die Straße war mir einfach zu befahren. Seltsamer Niederwald, ein sanftgrün wogendes Gras, so grün dass Spaniens Blüten blasse Schemen dagegen waren, aus diesem leuchtenden Grün stockte Niederwald hoch, gekrümmte tote kleine Stämme, um die der grüne Frühling floss. Froh um meinen Wanderstock, der einen Kompass im Knauf hatte, zog ich mich nach Süden, verlor alle Wege,teilte mit Beinen und Stock dieses grün schillernde Meer, trabte über Wildschwein-Spuren weiter nach Süden, die Sonne schien mit dem Gras zu spielen und langte an einem Bauernhof an. Vor einer Wasserleitung stoppte ich, merkte wie erschöpft ich war. Lehnte mich mit dem Rücken an ein Pumpengehäuse und konnte lange nicht aufstehen. 
In Ensisheim sprach mich ein Mann an, der so stank, wie meine Socken, dessen Zähne genau so schütter waren, wie seine Haare allerdings nicht ganz so fettig. Eine Kugel von Mann, dem ein Hund hinterhertrollte. Ich könnte bei ihm schlafen. Ich misstraute ihm und zog weiter, aber der Gedanke in Ensinsheim zu bleiben fraß sich in meinem Kopf fest – ich ließ ein paar Kneipen aus und landete, halb verdurstet in einer Fünf Sterne Hotelbar. Sie gaben mir zwei große Biere. Als ich den Kopf wieder heben konnte, stand fest, ich würde hier ein Zimmer nehmen, egal was es kostete, legte mich aufs Bett und war sofort wieder weg. 

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