Mein Jakobsweg – Mon Chemin 6

23.4. 

Cluny versinkt im Regen, Es tropft auf die Ruinen der einst größten Kirche der Christenheit, es rinnt im Kreuzgang, es meuchelt im Archäologischen Museum, und ich verkrieche mich in eine Bushaltestelle zum Mittagessen. Dann los, benutze das Handy als Kompass, Karte und Wegweiser. Weil es ständig draufregnet, wische ich es an der Hose ab, schalte aber dadurch irgendwelche Funktionen ein, die meinen Akku nach einer Stunde aussaugen. Ich irre in den Bergen umher, mache den Fehler, einen Autofahrer nach dem Weg zu fragen, der mich auf irgendwelche Umwege schickt. Natürlich Autofahrer und Fahrradfahrer denken völlig verschieden, weil für eine Autofahrer keine Höhenmeter und keine Strecken zählen. Im Tal der schönen Grosne, weiße Kühe, dunkles Grün und eine Steigung, die nicht enden will. Restaurants preisen Kalbsköpfe an, hätte einen essen können, aber das hätte ja nichts genutzt, die wachsen immer wieder nach. 

Cluny , Hutschachtelhäuser und Ruinen

Unter Wind und Regen weiter durch das Grosne Tal. Etwa 15 Kilometer radle ich bis zur absoluten Erschöpfung immer bergauf in S-Kurven über die Straße, um die Steigung zu minimieren, Will nicht schieben wegen meiner Haxen und weil es dann auf den Sattel regnet. Dünner Regenwind pfeift durch ein Bergdorf. Er hat die Dorfjugend hinter ein Kronenbourg-Schild in eine Bar gescheucht. Dort trocknen die Kerle die Jacken an der Heizung und warten, bis die Besitzerin den Fernseher anmacht, für Fußball.
Sie hat sich den Kopf mit blonden Haaren und knallrotem LIppenstift verziert, gießt in aller Seelenrunde Schnaps aus und lacht ein lautes ehrliches Lachen ohne doppelten Boden. 
Nach dem Woher und Wohin erklärt sie mir, dass mein Quartier auf einem ganz anderen Berg liegt und lacht wieder, befreiend und groß. „Hast du ein Licht am Fahrrad?“, fragt sie mich. Es ist schon sechs Uhr, als ich frierend die 15 Kilometer regennasse Straße wieder zurück rolle. 
Manchmal lohnt es sich, für ein richtiges Lachen auf den falschen Berg zu fahren. 
Es geht wenigstens etwas ebener nach Ouroux, Tritt um Tritt. Am Ortseingang erfahre ich, dass ich noch 1,8 Kilometer hoch in den Wald muss nach Gros-Bois

Mitten im Wald . Das Schloss Gros-Bois

Im letzten Abendlicht erreiche ich ein Schloss, verwachsen in Eiben und Dunkelheit. Höre Stimmen, öffne die Pforte des Palais, wieder Stimmen, noch eine Türe, dann stehe ich in einem holzgetäfelten Raum mit Standuhr und Lüster, an einer Tafel sitzt ein Dutzend Greise und Greisinnen vor lehren Tellern. Ein grauhaariger Mann springt auf, „guten Abend“ wünscht er auf Deutsch, eilt heran, bringt mich nach draußen verschwindet mit meinem Fahrrad. Ob er Graf Dracula heiße, frage ich ihn vorsichtshalber: „Nein pas du tout – überhaupt nicht.“
Er spricht das weiche Französisch der Gegend, vor 37 Jahren hat er das Schloss mit zehn anderen gekauft und seitdem ist er hier und betreibt die Herberge. Die Greisen-Truppe ist eine Französische Pilgergruppe, die ein Stück Jakobsweg gemeinsam machen, die Bürgermeisterin haben sie mit und einen Journalisten wie sie ihn scherzhaft nennen, weil er einen Bericht für das Lokalblatt schreibt.
Ich erkläre ihnen, es sei wie ein Traum. Den ganzen Tag hätte ich mich durch Regen, Kälte und Berge gekämpft und jetzt säße ich hier in einem Aristokratenzimmer, vor einem leichten Viergänge Menü: Salat, Reis mit Fleisch, Käse und Torte.

24.4
So weit bist du gekommen, für was, für wen: Adlerfarn hebt die die dünnen Ärmchen, das Pink einer Orchideenblüte leuchtet wie ein Scheinwerfer am Bankett der Straße.
Ich schaue meinem Vorderrad nach, wie es über den Asphalt rollt, Dreck hängt dran, die letzten Kilometer bis Lyon. Alle Räder auf allen Straßen sehen gleich aus. 
Vom Schloss ging es erst über sandige Waldpfade nach oben, dann zog ich einen Hügel hoch, wenn Rennradfahrer unterwegs sind wird es gefährlich merke ich, denn in Frankreich suchen sie sich immer die gemeinsten Steigungen aus, um sich warmzufahren. Ich fahre mich kalt, dicke schwarze Wolken rollen heran wirbeln auch zwei Schneeflocken mit, ein kleiner Service für mich, dass ich angeben kann, ich hätte mich durch Schnee, Regen und Sonne nach Santiago gekämpft. Sollte ich jemals das angekommen. Ich steige ab zu einem Col de Crie. Mir wird langsam klar, warum das Radfahren in den letzten Tagen so beschwerlich war, ich muss irgendein Gebirge erklommen haben. Jetzt rolle ich zitternd in das Tal des Beaujolais, bleibe auf einer Umgehungsstraße, scheiß auf den Verkehr, Hauptsache bequem. Würde gerne schreiben, dass ich nicht mehr konnte, aber ich konnte ja noch, sonst könnte ich jetzt nicht mehr schreiben, dass ich nicht mehr konnte. 
Die Weingüter haben die Landschaft zersiedelt und werben mit bunten Schildern für die krüppligen Gewächse am Straßenrand, die aussehen wie verbrannte Wurzeln. Müsste wohl Wein kaufen und den zu Wurst und Käse trinken – das Pilgern muss leichter werden! 
An den langen Lyoner Ausfallstraßen gibt es Radwege, endlos ziehen sie sich. 

Darauf ein Bierchen

Lyon am Abend, ich frage in der Bar nach Strom und einem Kaffee, gibt es nicht, draußen fragt mich ein Mann, ob ich Drogen will, will ich nicht. Folge dem Strom ins Stadtzentrum und habe die gigantische Busspuren als Fahrradspuren für mich. Sie bringen mich in ein winkliges Altstadtquariter, das sich unter einem Stück Stadtmauer duckt, und eine Horde wildgewordener Jazzclubs beherbergt. Ich will hierbleiben. Das tue ich auch. Ich hab das mir verdient.
Bringe meiner Gastgeberin bei, wie man indischen Tee kocht. Als alles fertig ist, stellen wir fest, dass wir keinen Tee haben. Das Getränk ist sehr in Ajurvedisch, meint sie, und bestimmt gesund. 
Ich habe Albträume und sehe meine erste Liebe wieder, sie trägt schwarz: Dass man das nie im Leben vergisst. 

25.04 
Lyon 
An den Kais stehen fünfstöckige Stadthäuser. Auf die blinden Fassaden haben sie Fenster gemalt, von denen herab die berühmten Persönlichkeiten der Stadt die Gäste grüßen, die Saône und die Rhone fließen hier zusammen. Selten so eine übersichtliche Stadt gesehen, obwohl sie, wie jede anständige menschliche Siedlung, völlig zugebaut ist, denn man kann sich immer an den Flüssen orientieren. Blitzend ins Licht gestellte dünne Häuserzeilen. Darüber wachsen die Kathedralen und Kirchen, am mächtigsten St. Jean. Mit sehr fragilen Türmen und wagemutigen Erkern thront eine weiße Kirche über der Stadt, da wo die römischen Theater sind, das hiesige Neuschwanstein. Die Gebrüder Lumiere sind aus Lyon, aber am Montag haben die Museen zu. Ich finde endlich heraus, dass mein Akku nur noch Schrott ist und versacke im Apple Store. Sightseeing 2015, auf den Holztischen des Applestores im Internet die Sehenswürdigkeiten angucken. Die Müdigkeit läuft aus mir heraus und sammelt sich unter dem Barhocker des Applestores zu einer Lache aus Trübsal. Muss mal wieder auf die Beine kommen.
Vier Dinge, die man in Lyon tun muss, um sofort als Ausländer erkannt zu werden:
– Auf Französisch nach dem Weg fragen und kein Wort von dem verstehen, was man geantwortet bekommt.

Mit dem Fahrrad an einer roten Ampel anhalten.
Mit dem Fahrrad an einer grünen Ampel weiterfahren, obwohl zwei schicke Mädchen über die Straße wollen und die Autofahrer Vollbremsungen hinlegen.  
– Mittags in einem Restaurant aufkreuzen, wenn der Besitzer gerade die Trümmer der zahllosen Mittagessen in den Müll schmeißt, drei Bier hintereinander trinken, und ihn dann auch noch aus dem Nebenraum zerren, in den er sich erschöpft gerettet hat, um die Rechnung zu verlangen. 
Sein Fahrrad mit in ein Einkaufszentrum nehmen, damit es nicht geklaut wird, es dort an der Rolltreppe abstellen, auf dem Rückweg merken, dass es verschwunden ist, das Sicherheitspersonal aktivieren, das irgendwelche Sicherheitspersonalbosse auf den Plan ruft, die einem erklären, dass sie das Fahrrad in den hintersten Winkel der Tiefgarage gestellt hätten, weil man keine Fahrräder an der Rolltreppe anbindet, und einem dann in der Tiefgarage zuschauen, wie man das Ringschloss aus den Speichen windet, in das es sich geschoben hat, als der Sicherheitsboss das Rad in die Tiefgarage bugsierte, und zu guter Letzt noch den Rat bekommen, weil man aus der Tiefgarage nur völlig verbotener Weise über die Lieferantenausfahrt entgegen der Fahrrichtung auf eine sechsspurige Stadtautobahn radeln kann, man solle auf den Verkehr achte, denn es habe viele Autos. 
„Il est etranger“, erklärte der Wachmann dem Sicherheitsboss mit dem Unterton des Kenners. Gut geschultes Fachpersonal lässt auch den stressigsten Einkauf zu einem reibungslosen Unterfangen werden. 
Sollte vielleicht noch hinzufügen, das der Apple Store in New York eine gemütliche Rentnerplantage ist, gegen den Apple Store in Lyon. Der ist dafür biblischer. Überall hat es Schlangen. Man muss auch nur dreimal hin: Einmal, um zu sagen, dass der Akku von IPhone am am Arsch ist, das zweite Mal, wenn man zu dem Termin geht, an dem der Techniker checkt, dass der Akku am Arsch ist, und das dritte Mal, wenn das Handy fertig ist. Die Wachmänner grüßen mich stets freundlich und geben mir gute Worte auf den Weg. Sie vermeiden das Wort „bicyclette“.
Verproviantiere mich in einem Supermarkt. Überall das Gleiche, es ist kaum möglich, Produkte aus der Region zu kaufen. Abgedrängt in einer Ecke des Weinregals finde ich schließlich eine Flasche Beaujoulais. Nicht mal Paprika-Lyoner gibt es hier. 
Breit und Gotisch drängelt sich die Kirche St. Jean aus den Fassaden des alten Lyon und guckt auf die Saône. St. Jean ist aus weißem feinem Marmor gehauen, ganz glatte, ganz ebene Formen. Ich zünde eine Kerze an für einen guten Freund, den es erwischt hat, vermutlich Krebs, so wie sich die Trauerkarte angehört hat, die mir sein Bruder schickte. Die Einschläge kommen näher. Was ist Zeit? 
Meine Gastgeberin heißt Anais, ist halb Italienerin und sie ist ziemlich rumgekommen, hat mit Obdachlosen in der dritten Welt gearbeitet. Wohnt jetzt in einer winzigen Wohnung, die im elften Jahrhundert erbaut wurde. Die Farbe blättert von den Wänden. Sie ist jemand, der freiwillig in Armut und Einsamkeit geht um Leuten zu helfen, denen nicht zu helfen ist und die daran kaputt geht. Ich sage, versuche eine Distanz zwischen dir und den Obdachlosen zu schaffen. Sie duldet nicht, dass im Restaurant was übrig bleibt, weil sie es nicht sehen kann, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Als sich der Kellner weigert, für den Rest Reis ein Schälchen zu bringen, isst sie ihn auf. Das machte ihre Zeit in der Dritten Welt, kenne das. Sie hat sich auch mal eine Amöbenruhr geholt. Sie denkt wie ich denke, ich merke, dass nicht mehr die Staats- sondern die Altersgrenzen die Mentalitäten trennen. Für sie sind die Deutschen die Helden, vor allem wegen der Energiewende —- „Nein wir haben keine Angst mehr vor den Deutschen“, sagt sie. Frankreich sei erst in den letzte vier Jahren so ökologisch geworden. Sie hatte lange in Kolumbien gelebt, als sie zurück kam, war ihr die Veränderung dermaßen aufgefallen.
Möglicherweise sind die Städtepartnerschaften dran schuld, dass sich Deutschland und Frankreich angleichen – – – – ich musste gestern lachen, als ein Schild am Ortseingang von Anse verkündete, Partnerstadt von Loßburg: Da war ich vor drei Wochen durchgelaufen, jetzt bin ich bis zu seiner Partnerstadt geradelt, etwa 800 Kilometer zurückgelegt. Wenn das der Bürgermeister von Loßburg wüsste, vielleicht dürfte ich dann an einer Bushaltestelle ein Bier trinken, ohne Schadensersatz leisten zu müssen.  
Wir schreiben. Sie muss eine Übersetzung machen für einen NGO Newsletter, ich beginne endlich die beste Kinder-Geschichte der Welt. Komme in den Schreibfluss, weiß nicht, wer das kennt. Das Geschehen läuft dann in meinem Kopf ab wie ein Kinofilm, ich sehe tatsächlich die Figuren in Ihrer Umgebung sprechen und handeln auf einer großen Leinwand in allen Farben, und ich muss nur zuschauen und abschreiben, was sich sehe. 
Abends kocht Anais einen vegetarisch, veganen, ayurweda Salat mit Nüssen. Ich stopfe meine Schakras in den Schlafsack, mache ihn oben gut zu und lasse meine Seele zusammen mit den Gebetsfahnen am Fenster ins Nirwana flattern. Wieder Albträume, doch kann ich sie nicht fassen, sind mehr wie fernes dunkles Wetterleuchten. 

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