Mein steiniger Jakobsweg. Mon Chemin, Teil 7

26.04 Lyon – St. Etienne  
Habe mir im jugendlichen Leichtsinn zwei Kaba-Flaschen gekauft und ausgetrunken. Der Durchfall war bis St. Etienne zu hören, wohin ich heute radle. Bier trinken ist gesünder, Rotwein reicht auch. So lerne ich aber ein Scheißhaus kennen, das mit einem Lichtschalter für die Wasserspülung ausgeschaltet ist. Vermutlich löst er den Wasserfall in die Schüssel elektrisch aus.

Frankreich, Land der Feinschmecker-Türme

Muss den ganzen Tag an Autokolonnen entlang, die sich Stoßstange an Stoßstange, 30 Kilometer bis St. Etienne schieben. Zur Verkehrsberuhigung haben die Planer die Straßen verengt, was den Nachteil hat, dass die Autos mich Radfahrer nicht mehr überholen können. Als Prellbock für die französischen Verkehr zu dienen, macht wenig Spaß. Ein Problem, mit dem ich nicht gerechnet habe: Die Abgase, die es so in Deutschland nicht mehr gibt. Sie vernebeln mir den Kopf derart, bis ich Kopfweh bekomme. Aber es sind dieselben Autos wie in Deutschland! Bei uns spielen sie die Saubermänner und in Frankreich vergiften sie die Leute. Diese Autofritzen sind einfach nur böse. 

Andererseits gibt es in Frankreich selbst entlang Nationalstraßen Radwege, vielleicht einen Lenker breit, aber das langt ja. Man braucht nicht so viel, um es den Radfahrern kommod zu machen. Dort, wo der Platz absolut nicht reichte, haben sie einfach ein Radweg-Ende Schild hingestellt, wenn es breiter wird, dann beginnt der Radweg halt wieder. Wäre nachahmenswert, aber sehe schon die deutschen Angsthasen in Parlamenten und Versammlungen, sie mit zerfurchter Stirn über Mindestabstände reden, weil sie sich nicht vorstellen können, dass man Mindestabstände mit einen Federstrich ändern kann. 
Dabei ist diese Haltung etwas inkonsistent. Wenn die Entscheider in Deutschland vor allem Angst haben, dann müssten sie doch auch vor der Angst Angst haben. Doch daraus könnte ja Gutes erwachsen. Davor haben die Brüder natürlich wieder Angst. 
Viermal gehe ich durch Regenschauer, während ich langsam die Berge erklimme. Sprühregen wieder, und zwei wunderschöne Regenbogen schenkt mir der liebe Gott, die sich über die ersten Berge des Massiv Centrals spannen, in das ich morgen vordringen will. 

He, ihr deutschen Angsthäschen! in euren Parlamenten und Gemeinderäten, lest doch mal anstelle euer Excel-Tabellen und Spiegel-Online, die Bibel! Solange, die Erde steht, soll nicht aufhören, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Der Rest steht bei Noah. Das ist der mit den Weinstöcken. Prost.

Abends in einem Englisch Pup. Echte Franzosen, sie saufen Schnaps wie die Bürstenbinder Jeder hat jeden im Arm. Der 60-jährige das 20-jährige Mädchen und umgekehrt. Die junge Französin lässt den Strickpulli über die Schulter fallen und entblößt so eine Phalanx von Bändeln und Spitzen, die eine Unterwäsche erahnen lässt, deren Komplexität mich schon vom Zuschauen überfordert. 
27.4 
St-Etienne – Yssingeaux
Viele Menschen denken an mich, und das tut mir gut. Eine Freundin schickt mir Engelkarten und Gebete. Ich bin so unsäglich erschöpft, zwei riesige Aufstiege kosten mich vier Stunden. Auf den Höhen folgen kleine Abfahrten und Anstiege, die ich tapfer entlang radle, bis ich keinen einzigen Aufstieg mehr schaffe und jede noch so kleine Steigung schieben muss, während mich diese französischen Bergziegenradler mit Karacho überholen. Dass ich dermaßen durchs Gebirge muss, hätte ich mir nicht vorgestellt. Ein Arbeiter am Straßenland lacht: „Den Pass gemacht mit dem Ding? O lalala“ . 

Sehr romantisches Lognon-Tal
Das Lognon-Tal lädt zu romantischer Rast. Fast senkrecht fallen Kalk und Granitschluchten ab, bewachsen von einem Urwald mit seltenen Pflanzen, mit deren Untersuchung ich mir die Zeit beim Schieben vertreibe. Schließlich kann ich gar nicht mehr in die Pedale treten, selbst wenn es nahezu eben ist. Kurz vor Yssingeaux, schöner Name, erinnert mich an Isengrim oder Isabeau, gestehe ich mir um 18 Uhr ein, dass ich es unmöglich schaffen kann, noch 30 Kilometer durch dieses Gelände zu radeln. Für eine Nacht im Freien ist es zu kalt. 
Nach zwei Bieren in einem Restaurant kann ich fast schon wieder sprechen und die Barfrau telefoniert in ein Hotel namens Le Cygne, der Schwan, und das nehme ich als gutes Omen, ist doch der Schwan mein Lieblingssternbild. Eine große Porzellanente guckt nun vom Fenstersims in meinen Teller, auf dem es Schinken, die landestypischen grünen Linsen, scharf mit Pfeffer gewürztem Fisch sowie Reis mit Fleischbrühe gibt. Ich zeige auf die Porzellan-Ente und bemängele, das sei doch kein Schwan. „Nein, ist sie nicht“, sagt die Bedienung. Ein tolles Essen mit drei Gängen für 13.50. Fast so viel Gänge wie mein Klapprad.
Erst abends fand ich im Internet den Falk Routenplaner, der mir zeigte, dass ich mit meinem Klapprädle rund 1500 Höhenmeter gemacht habe. Will noch in die Stadt, kann aber keine zehn. Schritte mehr gehen und plumpse ins Bett. Seltsame Träume, in dem mein Bruder und ich versuchen, die Medikamente unserer Mutter zu richten, es aber partout nicht hinkriegen. Mir wird klar, dass ein Traum letztlich immer so aufgebaut ist, dass man in eine Situation kommt, die man nicht bewältigt kriegt, und es immer wieder aufs neue versucht. Sisyphus eben. Wann erwache ich?

28.04

Morgens Panik, weil ich den Fahrradschlüssel nicht finde, stelle alles auf den Kopf, aber er ist nicht da. Erst mal aufs Klo und in Ruhe nachdenken: Da ich mich kenne, weiß ich, dass ich den Schlüssel nicht einfach irgendwo verloren habe. Wenn er nicht in den Taschen ist, in denen er sein müsste, dann habe ich ihn garantiert im Schloss stecken lassen, und so war es auch. Gut, wenn man sich kennt. 
Die leicht ansteigende Dorfstraße schaffe ich nicht hochzutrebbeln, ich bin immer noch zu erschöpft von gestern, ich rette mich in den MacDonalds, in dem es normalen Kaffee gibt und Internet, verbringe dort den Vormittag und schreibe den

  
Bericht an die Königliche Akademie zu London von der Forschungsreise Dr. Stoltes ins Innere Frankreichs: 
Sehr verehrte Gentlemen, 
Nun ist unserer Expedition unter unsäglichen Mühen und Strapazen, durch Frost und Hitze, Sonne und Regen ins Innere des Frankenlandes vorgedrungen an ein Gebirge, dass hier das Zentrale Massiv genannt wird. Das Land ist komplett vollgestellt mit Landschaft – wohl der Touristen wegen. Wir sehen kurzkegelige Berge und tief eingeschnittene Schluchten, in denen schöne Flüsse sprudeln, die in der Landessprache Loire und Lognon heißen. Die Einwohner hier sind von kräftiger Natur, kurzrumpfig und rundköpfig und sprechen ein seltsam verderbtes Latein, das sie in erstaunlicher Geschwindigkeit hervorzubringen wissen. In ihren Versammlungshäusern ist ein langer hoher Tisch auffällig, an den sich zumeist die Männer lehnen, denen von einer schön angemalten Frau bunte Getränke kredenzt werden, die sie unter großem Gelächter zu verzehren pflegen. Überhaupt scheinen die Frauen hier die Häupter der Stämme zu sein, und ein jeder Mann wird mit mon soeure angeredet, dass ich mir als „meine Schwester“ übersetze. Anderer Meinungen nach wollten die Menschen unsere arg zerschundenen Gelenke heilen, in dem sie uns dazu rieten, einen Bader aufzusuchen. Jedenfalls rufen sie ständig „Masseur Stolte“. Darüber aber sind sie geduldig und freundlich. Als ich heute früh in einer Markthalle ein neues Untergewand kaufte, hatte sich ausgerechnet in der Schlange an der Kasse der Reißverschluss meiner Hose dermaßen verklemmt, dass ich meine Geldkarte nicht aus Tasche bekam, und wir mit vereinten Kräften den Reißverschluss öffneten mussten, worauf ein Herr sehr verständnisvoll erklärte, mit solchen Karten habe man oft technische Probleme. 
In bunten Buden, die sie Essenzposten nennen, füllen sich die Eingeboren Essenzen in kleine metallene Wägelchen, die einen schrecklichen Lärm machen und entsetzlich stinken, woran die Eingeborenen aber eine große Freude zu haben scheinen. Diese Wägelchen steuern sie mit vielem Schellenklang nicht nur halsbrecherisch in Kurven, sondern schanzen damit auch über kleine Betonkissen, die sie am Eingang Ihrer Dörfer angebracht haben, wohl zu ihrem Gaudium. 
Wir glauben auch, erste Spuren der verschollenen Expedition Dr. Livingstones entdeckt zu haben. Jedenfalls finden wir immer öfter am Straßenrand zerrissene Wettscheine, Bierbüchsen und erbrochene Baked Beans.
Wir sind uns jedoch noch unschlüssig, welche Worte wir wählen würden, sollten wir den verschollenen Dr. Livingstone tatsächlich hier im Herzen des Frankenlandes finden. Unsere Ideen schwanken von: „Was geht Alter?“, über „Wallah Lan!“, bis zu „na Doc, endlich auch nen Parkplatz gefunden?“
In der Hoffnung, die Boten mögen diesen Brief unversehrt bis zum nächsten Außenposten der Zivilisation bringen, 
Ihr ergebenster 
Dr. Stolte

Haus eines Eingeborenen

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