Mein Jakobsweg, mi Camino, Teil 14

Der Jesus von Cranjon
Der Jesus von Cranjon

Kornblumen schwimmen im lichtdurchbrochenen Grün
Nachtrag 28.05

Villafranc Montes de Oca – Atapuerca
Im Wald stehen hüfthohe Erikabüsche. Dachte immer, den Riesenwuchs gäbe es nur am Kilimanscharo. Der Weg ist ausgetreten wie eine Panzerspur, die Pilger flüchten sich unter die Kiefern, um ihre Regensachen anzuziehen, mit ihren grünen Überwürfen auf den Rucksäcken sehen sie lustig aus wie kleine gebückte Plastiksaurier.

In St. Juan de Ortega bin ich lange in der Kirche: Der neue Atem des Katholizismus: Statt hölzerner Kniebänke gibt es Kissen, statt barock verdrehter Holzfiguren, menschlich gemalte Ikonen, Kerzen nicht im Blechkasten sondern in einer hübschen Sandschale.

Ich bete in der Kirche, und Gott ist heute zu Scherzen aufgelegt. Das Handy tutet. „Just-Be-lieve hat Ihnen eine Nachricht geschickt.“, steht auf dem Display. Es ist eines der beiden deutsche Mädchen, das mir ein Bild aus Roncevalles schickte, als ich in Roncevalles die Hühner fütterte.

Lange war ich in der Kirche, noch länger in der Kneipe. Ausgelaugt von den Ereignissen in Villafranca. Die bieden Israelinnen haben mich eingeholt, „Du schaust fertig aus!“ „Ja, bin ich.“ Die Neuseeländerin bemitleidet mich, ich sähe müde aus, sagt sie, müde ja, und du hast gar nicht geschnarcht, sagt sie. Für Schnarchen habe glaub einfach zuviel Körpergewicht verloren inzwischen, außerdem keinen Alkohol getrunken. Ich kann noch nicht weiter. Nicht so, nicht ohne diese Worte geschrieben zu haben. Nicht ohne den Weg wieder gefunden zu haben.

Endlich habe ich auch das Wort, das mir die Situation klar macht, und mir einen Weg eröffnet, wie damit umgehen. Ausgelaugt, der Weg hat mich ausgelaugt, gedanklich schließe ich mit Villafranca ab.

Das also ist Pilgern: Ein Wort und ein Weg.

Ich glaube, ich gehe heute nicht nach Burgos. Zuviele Rosen.

Allerdings sind es nicht immer die Rosen, die einen aufhalten, manchmal auch die Blasen: Also werde ich den Schatz der englischen Sprache um eine Sentenz bereichern: On the way you have to smell the feet.

(Das vermaldedeite Apple Pages ist garantiert auch von einem Briten konstruiert worden. Macht aus feet immer fleet. Weiß jemand, wie man dem Mistding, die ständige automatische Wortkorrektur argwöhnen kann? )

Ich lerne das Wort der „Camino-Familie“. Sehr zutreffend. Man trifft ständig die gleichen Leute und die gleichen Leute erzählen sich von den ständig gleichen Leuten, die sie getroffen haben immer die gleichen Dinge. Ich erfahre, dass ich auch schon zu den Menschen gehöre, über die man spricht, „ach, Du bist der Stuttgarter Reisejournalist mit dem Klapprad?“ „Nein, der mit den Ringelsocken“, „Ja, hab von dir gehört.“ Das interessante ist, wenn man schneller geht oder Ruhetage macht, verlässt man seine Camino-Familie und wird dann automatisch Teil einer neuen.

Ich wandere weiter durch die Oca-Berge bis nach Ages. Ein malerischer Ort, den mein Reiseführer in den höchsten Tönen lobt. Schon allein deswegen ein Grund, weiter zu ziehen. Aber es ist auch etwas anderes. Drei Gewitterfronten haben mich auf der Passhöhe eingekreist. Ein Ausblick in blauschwarze Wolkentürme, vor denen sich die letzten Schönwetterwolken flüchten wie eine Schar Gänse. Ich muss das einfach im Freien erleben, genießen. Ein Eichtentor erscheint, zwei große Stämme recken ihre Äste in den beständigen Wind. Jetzt reicht es langsam, holen mich denn alle meine Geschichten wieder ein? K. rät am Telefon, mit der Hexe ein Bier zu trinken und rauszufinden, auf welcher Seite des Tores die Wirklichkeit liegt. Ich vermute mal auf keiner der beiden Seiten und ziehe weiter nach Atapuerta, das für irgendwelche Urmenschen berühmt ist. Ein paar von ihnen haben ein Restaurant aufgemacht, in der die Essensgäste mit Service überhäuft werden, während wir arme Pilger nicht mal ein Bier an der Bar kriegen. Die beiden Israelinnen sind da und berichten, das Dort sei ausgebucht. Sie wollen zur nächsten Herberge trampen. Nachdem die Schwalben schon so tief fliegen, dass ihre Schnäbel Furchen in den Asphalt kratzen, und der Regenvorhang deutlich unter den Wolken zu erkennen ist, rate ich ihnen, es sei besser hierzubleiben. Sie gehen in den Regen hinaus. Mutig, Auch wenn es nichts zu trinken gibt, kann ich wenigstens den gröbsten Regen im Eingang der Neandertalerhöhle abwarten.

Das Eichentor
 Ich beschließe, innerlich noch sechs Kilometer bis ins nächste Dorf zu pilgern, ich würde es dann um 20 Uhr oder 21 Uhr erreichen. Was macht ein Pilger, wenn es regnet? Bei Regen pilgern. Und wenn er in die Nacht kommt? Bei Nacht pilgern. Ich finde dorfabwärts eine krummen Kneipe mit lustigem Steinturm. Dort setze ich mich erstmal an die Bar und lasse mich mit Hardrock volldröhnen. Ein spanisches Pärchen stapft Treppen hoch, und es gibt doch nicht etwa? „Doch“, sagt die nietenbesetzte Barmaid. Für 15 Euro bekomme ich ein schnuckliges Einzelzimmer.

Die zwei Pilgerinnen am Nebentisch gesellen sich mit an die Bar und wir trinken eins, dann kommt eine Stuttgarter PiIgerin rein und gesellt sich an die Bar und wir trinken noch eins. Was macht ein Pilger, wenn es Bier gibt? Weitertrinken.

Ein junger Kerl mit verträumten Augen geht in den Regen hinaus, um sich zwei Bäume zu suchen, für seine Hängematte, er hat wohl auch einen Regenschutz dabei. Ich sehe ihm hinterher, ziemlich sicher war ich auch mal so ein verträumter Junge, und ich werde den nächsten Tag drüber nachdenken, was einen verträumten Jungen zu einem Mann macht und wahrscheinlich sind es auch diese Nächte zwischen zwei Bäumen.

 

29.05

Atapuerta – Burgos

 

ne flotte Biene, diese Orchidee
Die seltenste Blume des Universums ist vielleicht doch nicht so selten: Sehe wieder zwei davon, Orchideen mit gelben Blütenblättern, die eine Biene imitieren. Scheint sich auf Kalkwiesen wohl zu fühlen. Blühende Weiden säumen den Weg über die Berge nach Burgos. Regen erwischt mich gerade auf der Passhöhe, eine glatte leere Fläche mit ein paar Baumgruppen, wie hingesetzt, um die Leere fühlbar zu machen. Ein hohes eisernes Kreuz markiert die Höhe, muss an ein Wort meiner Oma denken: Leg die Dinge unter das Kreuz, da hat es viel Platz.

Die Passhöhe vor Burgos
Wandere durch den Industriegürtel von Burgos. Auch hier leerstehende Trabantenhäuser, die Ruinen der Wirtschafts- und Finanzkrise. Ich bin durch Dörfer gekommen, die Trabantensiedlingen hatten, dreimal so groß wie der Ortskern und die komplett leerzustehen schienen, wo einsam ein Mann auf einem Traktor saß und den Rasen der unbenutzten Parks in Schuss hielt.

Ich folge der vierspurigen Straße stadteinwärts. Hin und wieder Nieselregen, 15 Grad, die stille, wohltuende Melancholie eines Industriegebietes am Sonntag. Ein Falke steht in der Luft, ich raste an einem gigantischen Kreisverkehr entlang der Nationalstraße, wo irgendein Spaßvogel eine graffitiverschmierte Bank geparkt hat. Man sieht noch Reste eines Gehwegs und eine alte Straße. Schlage meine Zähne in das warme weiche Fleisch einer blutjungen Salami. Noch 7 Kilometer bis zur Kathedrale. Ein Gewitter zieht vorbei, dass ich unter einer Autobahnbrücken abwarte.

Noch nie habe ich vom Burnout der Liebe gehört aber vom Camino del Amor. Ziemlich schwierig jetzt in den Vorstädten, aber pilgern heißt ja, das Schlechte mit dem Guten zu nehmen. Trotzdem habe ich einen Groll gegen die Pilger, die sich mit den Autos durch die Vorstädte kutschieren lassen, und einem dann noch den Platz in der Herberge wegnehmen.

Die Alberge in Burgos ist genau neben der Kathedrale und ungefähr seit 14 Uhr belegt. Ein ein einfach gekleideter alter Mann mit einem abgerissenen Fahrrad lehnt an der Tür, ob ich ein Zimmer bräuchte? Ich bin zu müde, um lange zu überlegen und folge ihm gemächlich, als er mich zu einer Herbege schleppt, und dort abliefert.

Frage den Rezeptionisten, der einen schwarzen Anzug trägt, ob der alte Mann für ihn arbeiten würde:
„No“, sagt der Rezeptionist „I work for him.“
Dem Mann würden die Hälfte aller Hotels hier in der Gegend gehören. Ich lerne:
Das Privileg der Reichen ist es, keine Anzüge tragen zu müssen.
30.05.

Burgos Atempause.

Behalte das Zimmer drei Tage. Das ist jetzt Urlaub vom Camino. Privatsphäre, keine Pilger, die um sechs Uhr mit den Tüten rascheln, das Licht anmachen, oder sich lautstark unterhalten, die im Schlaf wandeln, schreien, furzen, oder schnarchen. Burgos ist sicherlich die schönste Stadt auf dem Wege, lockt mit Museen und Galerien, für die ich keine Zeit habe: Brille reparieren, dann doch die schweren Bergstiefel wegschicken. Kostet 40 Euro. Dafür kann ich den Camino mit zwei Kilo weniger angehen, zum Friseur muss ich, und mich vom Weg erholen.

Ich schreibe ein paar Szenen für den Hexenmeister, unternehme erst gar nicht den Versuch, die Kathedrale in Worte zu fassen, diese weiße Stadt Gottes, mit ihren Prozessionen von Türmen, mit Heerscharen von Figuren. Von wegen im MIttelalter hätte es keine Freiplastik gegeben, in Burgos ist alles voll davon, auf den Galerien, Türmen, Bögen stehen Reiter, Könige, Engel wie die Männlein einer Spielzeugeisenbahn! Ich sitze einfach ein zwei Stunden auf dem Platz und schaue.
Entdeckte, dass die Augen Vegetarier sind: Denn man kann die Augen weiden, bis sie sich statt gesehen haben. Die Ohren dagegen sind offensichtlich Allesfresser, weil sie beim Ohrenschmauß nicht unterscheiden. Der Geschmacksinn ist ein Hedonist, denn er sucht die Gaumenfreuden, während der Tastsinn, und damit wohl mein Liebling, der reinste Patoniker ist: Er will nur das Gute, sich Wohl-fühlen. Flugs einen kleinen Aufsatz zur Metaphorik der Sinne geschrieben.

Von meinen rotweißen Ringelsocken angelockt, kommen Österreicher an den Tisch, die mich aus Erzählungen anderer Pilger schon kennen. Sie berichten von einer Bettwanze in Atapuerta und eine arme Frau hatte das Quartier deswegen fluchtartig verlassen und war von fünf Uhr an losgezogen. Ich halte Ihnen im Gegenzug einen kunstgeschichtlichen Vortrag über die Kathedrale, den ich noch mit der Lebensgeschichte von Christoph Columbus aufpeppe sowie dem Aufstieg Spaniens zur Weltmacht, der sie dermaßen beeindruckt, das sie vergessen, einen Teil ihrer Getränke zu bezahlen. Der bleibt dann an mir hängen. Der Preis der Eitelkeit. Immerhin weiß ich jetzt, wie eine Bettwanze aussieht.

„du siehst müde aus“, sagen die beiden deutschen Mädchen, jetzt auch in Burgos sind. Die jüngere ist 20 Kilometer in Badelatschen gelatscht, wegen der Blasen. Überhaupt, echte Kämpfernaturen unter den Pilgern. In Logrono habe ich einen Gelähmten gesehen, der den Weg mit Krücken macht.

Abends rollt ein junges Paar durch das Stadttor, das von Holland losgezogen ist, mit einem Joggingkinderwagen, in dem ihr einjähriges Kind sitzt.

Die Kathedrale von Burgos

31.5

Immer noch in Burgos, nachdem ich nun schon zum zweitenmal im selben Café sitze, fällt auf, dass genau die gleichen Leute zur gleichen Zeit drinsitzen wie gestern und dabei auch noch das gleiche mache. Der junge Mann liest Zeitung, löblich, die alte Frau spielt mit dem Handy, läßlich.

Der Spanier ist also ein Gewohnheitstier, der im immer gleichen Café frühstückt.
Aus vorhandenem Witzmaterial schnell einen Witz gebastelt: Ein Journalist und ein Physiker und ein Mathematiker sehen aus dem Zugfenster in Schottland ein schwarzes Schaf. Der Journalist: „Guckt mal, in Schottland sind alle Schafe schwarz.“ Der Physiker: „Mein Freund, richtig ist, in Schottland gibt es einige Schafe, die schwarz sind.“ Der Mathematiker mit einem Seufzen: „Aber meine lieben Reisebegleiter, in Schottland gibt es genau ein Schaf A, dessen eine Seite s schwarz ist.“

Vielleicht doch in ein Museum? Erst mal nen Kaffee.

Ein Gedanke zu „Mein Jakobsweg, mi Camino, Teil 14“

  1. Lieber Uli,
    damit du dir Gedanken über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens machen kannst, hier mein Tipp: Ophrys lutea – Gelber Ragwurz.
    Liebe Grüße
    Susanne

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