Mein Jakobsweg, mi camino, Teil 16

9.6.

Leon

Die Kathedrale von Leon

Ich sitze in einem Hotelzimmer und schreibe zwölf Stunden. So sollten die Tage vergehen. Zufällig ist der deutsche Polizist da, der gar nicht mehr heim- oder wegwill. Ich esse öltriefende Salami, die in Rotwein gekocht ist. Schaffe gerade die Hälfte. Die Gassen sind krumm, der Platz, auf den sie führen ist unregelmäßig. Warum fühlen sich Menschen wohl in winkligen Gassen und kleinen überschaubaren Plätzen? Weil sie der conditio humana entsprechen. Die aber ist jenseits der Ratio. Denn rational wäre es ja, gerade Gassen und rechtwinklige Plätze anzulegen. Dann ist man schneller da. Und vor allen Dingen schneller wieder weg.

Bevor es Nacht wird, noch eine kleine Statistik über Würste:
Würste in Frankreich, weißer oder grüner Schimmel, Typ Salami,sehr gut.
Würste in Lyon, Paprika-Lyoner ist unbekannt: sehr gut.
Würste in Pamplona, weißer Schimmel, sehr gut.
Würste in Burgos, Blutwurst mit Graupen, absoluter Hammer
Würste in Leon, ölgetränkte Salami mit Paprika, völliger Unsinn.

Warum verstehen sich die Leute so leicht und gut auf dem Camino? Sie haben ihre alte Leben hinter sich gelassen und sind ganz sich selbst. Jeder also, mit dem man sich anfreundet, akzeptiert einen so, wie man ist.
Der Bretone hatte mir noch einen Spruch auf den Bierdeckel geschrieben, von wegen „risikoreicher Leben und die Chancen ergreifen.“ Warum zum Henker, sind es eigentlich immer die kaputtesten Typen, die mir ständig glauben mitteilen zu müssen, wie falsch mein Leben ist und wie ich es verbessern könnte?

10.6.

Leon – Villar de Mazarife

Morgens in der Kathedrale von Leon. Die Fenster sind so groß wie ein Fußballfeld. Im Journalismus muss man ja immer alle Größenagaben in Fußballfelder umrechnen, damit die Leute sich ausmalen können, welche Dimensionen die beschriebenen Dinge haben. Ich muss zugeben, dass ich nur drei Mal in meinem Leben ein Fußballspiel in einem Stadion angesehen habe und wie die allermeisten Menschen deswegen nur eine sehr vage Vorstellung von der Größe eines Fußballlfeldes besitze. Aber damit kommt man im eisenharten Geschäft des Journalismus nicht durch. Beispielsweise ist ein Lichtjahr in Fußballfeldern ausgedrückt, ungefähr 10 hoch irgendwas und ein bisschen, was bedeutet, dass das Licht, das ein Fußball aussendet, etwa ein Jahr früher in der gegenerischen Hälfte ist, als er selbst. Kann natürlich auch sein, dass die Fensterflächen um einiges kleiner sind als ein Fußballfeld, wie gesagt, ich habe wie die meisten Menschen von Fußballfeldern nur vage Vorstellungen.

Die Fenster jedoch sind groß. Ihr Licht scheint aus der Ewigkeit zu kommen, es fällt vom Himmel durch die Heiligen hindurch auf den Boden. Es nimmt damit eine andere Richtung wie die Gebete, die durch die Heiligen hindurch nach oben müssen. Eine fünfschiffige unverbaute Anlage. Der Innenraum und die Gewölbe verschwinden unter dem Eindruck der Fenster, ein vorweggenommener Glas- und Stahlpalast, der in sich stimmt, der den Raum so überspannt, als würde er eine Geschichte erzählen von Proportionen, Harmonien von Gleichungen und Geometrie, von Gott.
Der Audioguide hingegen erzählt die Restaurierung der Kirche. Als die barocken Kuppeln abgetragen wurden und sich die neugotischen Gewölbe mit einem Knirschen auf die alten Säulen setzten, konnte keiner wissen, ob die Kathedrale nicht einfiele wie eine Kartehaus.

Ich muss aufbrechen, weiter Richtung Westen: Herr, es ist Zeit, der Sommer war sehr groß.

So groß mindestens wie 10 hoch irgendwas Fußballfelder.

Die Berge des Bierzo haben sich ein paar Schneefelder aufgehoben, um sich den Nacken zu kühlen, morgen kann ich sie erreichen, schätze ich, ich will aus der kastilischen Braftpfanne um Leon heraus, ins Kühle. Schnell.

Störche kreisen am Himmel und verheißen eine gute Fahrt. Auf der Landstraße, der ich nach Villar de Azarife folge, hat der Sommer schon begonnen und brennt sich von den Banketten aus braun in die noch grünen Felder.

Wilder Lavendel jetzt und große Blumenknödel, mit akanthusähnlichen Blättern, durch die Stille von Heide und Büschen bimmeln Schafe.

Die Luft ist klar und heiß, ich biege in Villar de Azarife in das Refugio de Jesus ab. Es Ist über und über mit Graffiti vollgemalt. Im der Auberge befindet sich auch eine gepflegte Bar, in der eine Horde ungepflegter Spanier Schnaps und Café säuft. Ein wackliges Zimmer, in das genau ein Bett passt, ist nun mein eigen, unten lärmen die Spanier im offenen Innenhof, die ganze Nacht und auch gleich den ganzen Morgen.

11.06

Villar de Azarife – Astorga

„Hola, Hola“, kräht der Papagei In Villavante. „Coco“ heißt er, wie ich dem Reiseführer entnehme. Die Namen von Haustieren könnte deswegen angegeben sein, damit sich öfter ein Grund für eine Neuauflage ergibt. Aber Papageien haben ja ein langes Leben. Der Bar entnehme ich Tortillas und Orangensaft. Dann, weiter nach Westen, nach Hospital de Orbigo.

Wenn das die deutschen Umweltschützer sehen würden! Dabei weiß jedes Kind, dass Stromleitungen Todesfallen für große Vögel sind. JEDES! Nur diese blöden Störche nicht, die elegant um die Stromleitungen herumfliegen und auf den Strommasten landen, in denen sie ihre Nester gebaut haben. Die Brücke von Hospital de Orbigo, eine der großen Sehensenwürdigkeiten des Tages, sieht aus, als hätte man einen Ausverkauf von Brückenbögen hintereinander in den Fluss gestellt und zusammengemauert. Zwei Bögen davon sind noch von den Römern. Offensichtlich hatte sich der Fluss verlagert, und man musste im Laufe der Jahrtausende immer noch mal einen Bogen dazumauern. Ich überlege mir, ob die Brücke daran schuld war, dass der Fluss die Richtung änderte, weil ja auch in Esslingen gleich zwei Brücken hintereinander gebaut wurden. Es könnten ja die Brückenpfeiler die Strömungsverhältnisse entscheidend verändert haben.

Gegen 14 Uhr ist die Hitze so heftig, dass ich nicht mehr kann. Rette mich unter einen Pappelwald, und schlafe bis 17 Uhr.

Es wird wieder bergig und gegen abend kurz vor Astorga laufe ich sehr spät, sehr langsam zuerst über eine romanischen Brücke, zweckmäßig, klar, schön, dann über eine Eisenbahnbrücke, ein Stahlstangenmonster, das wie besoffen auf Stelzen schwankt. Ich erklimme den Hügel mit der Altstadt, Musikfanfaren begleiten meinen Einzug. Wollte mir ein Einzelzimmer gönnen, weil aber das berühmte Fest des Irgendwas ist, sind alle Hotels und alle Pensionen ausgebucht. Die städtischen Gebäude haben sich in festliche Fahnen gehüllt, als wollten sie es den Damen der Stadt gleichtun, die ebenfalls bunte Fetzen tragen und kiloweise Haarspray spazieren führen.

„Ciclistas“, seufzt der Herbergswirt der städtischen Pilgerunterkunft, als er sieht, dass die drei Radpilger, sämtliche Betten in Beschlag genommen haben. Er räumt den Krempel auf ein einziges Bett, damit ich meine Sachen drauf tun kann, und ich weiß die Ciclistas werden mich hassen, weil sie denken, ich sei es gewesen.

Weil die Übernachtung billig ist, gönne ich mir ein fünfgängiges Festmenü: Mit Muscheln im Fischsud, Muscheln gefüllt mir Ei und Zeugs, dazu Gemüse und Fleisch, Wein und Brot,

„Ciclistas“, seufze ich, als ich zu der Bande breitbeinig schnarchender Spanier ins Zimmer muss. Ich stopfe mir Ohrstöpsel rein, mit dem bekannten Effekt, dass ich an meinem eigenen Schnarchen nicht mehr aufwache, und es wohl sehr laut wird.

Ungeniert unterhält sich die Bande lauthals am frühen Morgen, um mich zu ärgern. Zur Vergeltung lasse ein paar saftige Muscheln-mit-Fischsud-Fürze.

 

12.06

Astorga – Rabanal der Camino.

Der bischöfliche Palast in Astorga von Antonio Gaudi.

Endlich schaffe ich es in den Palast von Astorga, den Antonio Gaudi entworfen hat. Gerade und harmonisch von außen, die Gotik ganz im Stile des Art Decco in die Fläche gezogen und dabei immer absolut schöne Proportionen. Frage mich, warum sich die Archtekten in Deutschland so sehr vor der Schönheit fürchten, dass sie immer so einen Mist in die Landschaft stellen. Innen ein Säulenwald, nachempfunden etwa der Alhambra mit ganz dünnen, nach oben gezogenen Arkaden. Im Museum finde ich zwei höchst interessante Bilder von Schweißtuch der Veronika und dem Schleier von Mara…. wie heißt er doch gleich, jedenfalls mit dem Gesicht von Jesus drauf.

Es knallt. Pulverdampf weht durch die Gasse vor dem Palast und der Kathedrale. Mehr als die vage Angabe, es sei ein militärischer Umzug, kann ich nicht aus den Leuten herausbringen. Vielleicht mögen ihn die Leute nicht so sehr. Auffallend jedoch, dass sich mehr Soldatinnen als Soldaten beteiligten. Trachtengruppen mit Kastagnetten, romantische Bläser und dickliche Würdenträger mit ihren aufgebretzelten Gattinnen, deren Highheels die Ausmaße von Tomatenstangen erreichen. Die Defilierer üben einen seltsamen Wiegeschritt, herrlich, als ob die ganze Belegschaft besoffen wäre. Ein geruhsames Schwanken zu dramatisch romantischer Blasmusik. Und weil es eben vor dem Palast von Gaudi ist, kann ich nicht umhin, angesichts der Soldaten mit ihren Gewehren den Witz zu posten, Mordsgaudi in Astorga.

Der ganze Umzug verzieht sich in die Kneipe oder in die Kirche, ich mache beides. Erst Kneipe, dann Kirche.

Zeit für die Messe, kleine Mädchen in weißen Hauben und geschlitzten blauen Kleidern nach Landsknechtsart halten Lilien in den Händen, ich quetsche mich mit dazu, weil es sonst keinen Sitzplatz gibt. Nehme noch mit einem Pressefotorafen Kontakt auf, doch der hat keine Zeit und muss schaffen.

Der wenige Sätze der Predigt kann ich mir übersetzen: Die Sünde, sagt der Bischof, ist der menschliche und der soziale Tod. Das ist es. Während der menschliche Tod in der Trandszendenz stattfindet und die Dösköppe in der Regel nicht interessiert, ist der soziale Tod aber höchst wirklich. Deswegen gibt es auch wohl dieses Sektierertum der Macht, weil die Mächtigen asozial sind. Außerhalb der Gesellschaft.

Ich erfinde ein Gleichnis zum Religionsfrieden. Ein Vater hat drei Söhne. Ein Sohn geht zu seinem Bruder und zündet sein Haus an. Was glaubt ihr, würde der Vater mit diesem Sohn machen?`
Ich schließe die Augen. Die Stimmen schweben herrlich in dem Chorraum und tragen meine Seele mit durch die Dunkelheit.Die Mädchen treten vor und überreichen dem Bischof ihre Lilien, die Würtenträger bekommen Händedrücke, ihre Gattinnen küssen die Hände, und in einem Dunst aus Ruhe und Weihrauch, verlasse ich die Kirche, selten so einen festlichen schönen Gottesdienst gesehen.

Die Mädchen überreichen Lilien

Es geht in das Bierzo.

Der Himmel bedeckt sich, und die Wolken ziehen schamhaft den einen oder anderen Regenschleier herab, vermutlich, damit man das schlechte Wetter nicht so sehr sieht. Schnurgerade schießt jetzt der Camino durch hellblühenden Ginster.

Die Landschaft ändert sich völlig. Kleine Bergrücken werfen sich zum Bierzo auf, Ginster, Lavendel und Pinien duften, flache Eichen bilden dicke Teppiche. Mit der Landschaft ändern sich die Dörfer. Romantische Steinhäuser mit unverputzten Mauern, viele halb verlassen und in Ruinen.

Ich schreibe für den Hexenmeister:
„Das Haus war eingefallen und aufgegeben, der Dachfirst in der Mitte zerbrochen. Rosmarin wuchs, eine Firstmauer stand noch wie eine Pyramide. Die Mauerkronen waren abgebrochen, an den Bruchkanten klaffen weiße Steinwunden auf, Mauerpfeffer wölbte sich über den Brüstungen und polsterte den Untergang.
Es waren große flache Steine. Hellbraun, dunkelbraun, wie ineinander verdreht. Die Mauern schräg, kragend, verschränkt, als hätten sie miteinander gekämpft bis zur Zerstörung. In der Firstwand waren die Fensterhöhlen zugemauert und bildeten Nischen. Als die Sonne sank, legte sie Schatten in die Fensterhöhlen, dass sie aussahen wie dunklen Augen des Untergangs.

Am Nachbarhaus ragten noch Dachsparren mit Resten von Stroh empor, manche Dachbalken und Latten formten Kreuze. Das Holz sah aus wie angeschwollen, war schwarz gebrannt in der Sonne, Nägel stachen hervor, giftige Stacheln, darunter abgeblättert an der Tür ein alter Anschlag, er versuchte, die Jahreszahl zu entziffern, 1841 stand da.

Er ging weiter. Entdeckte jetzt noch weitere Mauern außerhalb in den Feldern. Für die Schafe, dachte er erst, doch dann wurde ihm klar, was er für Viehpferche gehalten hatte, waren in Wirklichkeit nichts anderes als Grundmauern. Er konnte Straßenzüge erkennen, Reste eingefallener, einst kümmerlich errichteter Tore, er konnte Brennnesseln sehen und Calendula, die unter den Mauern hervor wuchs, er entdeckte im Gras zwischen den Ruinen eine leichte Wölbung die sich nach Westen zog, es müsste eine zugewachsene Straße sein.

Dazwischen kleine Bäume, ein Apfelbaum darunter, verkrüppelte Disteln, ein paar Pappeln standen da und hinter ihnen öffnete sich die Landschaft. Berge mit flachen Schneeflecken, die ihre Köpfe zierten, wie die Schlitze in den Helmen von altertümlicher Samurai. Wind wehte, ließ die gelben Kugeln der Zwiebeln nicken. Lavendel leuchtete. Der harte Westwind trieb ihn zurück.

Wie eine ausgebreitete Hand fetzten die Wolken, sein Mund wurde trocken.Kühner Zeit-, Stil- und Perspektivenwechselr, et alors:


Bevor ich Reißaus nehmen kann, erscheint eine riesige Clownsnase. Ich springe zur Seite, das Blut rauscht in meinen Ohren. Das Herz hämmert, meine Hände zittern unkontrolliert. Der Schock krampft meinen Körper, ich lehne mich an eine Mauer, die Kühle bringt meine schon halb in den Wahnsinn verlorenen Sinne zurück. Ich stehe lange so, atmend. Der Wind weht über mein Gesicht. Meine Seele überschreitet mehrere Rubikönner, knallt etliche Würfel auf den Boden, ich atme durch. Nun gut, Odin, du Gott der Schlachten und Kriege, du willst Männer sehen? Das wirst Du. Ich treffe dich in Wahlhalla und dann wirst du mir Rede und Antwort stehen! Vorsichtig nähere ich mich dem Mann. Eine rote Leuchtspur vor mir. Die Nase glüht. Lautlos schleiche ich mich noch zwei Meter heran. Da! Plötzlich! Jetzt! Der Wind dreht, ich springe gewandt ein paar Schritte zur Seite, damit er meine Witterung nicht aufnimmt. Er hat mich nicht gesehen. Ich folge ihm weiter. Schweigend, ganz Jäger, ganz Krieger, ich lechze der Entscheidung entgegen. Das ist das Leben, endlich: Der reine nackte Kampf Mann gegen Mann, wo nur Mut, Kraft, Kühnheit und Schnelligkeit zählt. Die Maske der Zivilsation ist abgefallen, da wo sie hingehört in den Orkus der Überkultur. Laut pocht das Blut in meinen Adern, ich balle die nervigten Fäuste, ergrimme die Miene, und mit einem wilden Satz springe ich hinter ihm hervor.

Es ist ein Brasilianer.

Wo er denn bloß diese rote Clownsnase herhat?

Ob ich einen Bretonen kennen würde?

Mehrere Minuten später ist mir klar, dass er Neo kennen gelernt hat, der egal in welcher Kirche er auch war, den Statuen des Heiligen Santiago eine Clownsnase aufsetzte. Anschließend hatte er sich selbst mir einer zweiten Clownsnase daneben gestellt und sich fotographiert. In einer Kirche von Soundso hat der Bretone die eine Nase wohl an der Statue vergessen. Jetzt nimmt sie der Brasilianer hin und wieder als Sonnenschutz.

Seine Begleiterin ist Französin, die in Deutschland wohnt, ja sie hat einen Sohn, ist geschieden, sie hat ihren Job gekündigt, weiter frage ich nicht, ist auch unnötig. Sie erklärt mir en passant einen Vorteil des Caminos speziell für Mädchen. So wie jeder andere Pilger auch hat sie zwei Hemden und zwei Hosen, die je nach Grad der Verschmutzung abwechselnd getragen werden. „Und daheim, stehe ich dann morgens wieder auf“, seufzt sie in gespielter Verzweilfung, „und weiß nicht, was anziehen.“

Vielleicht wäre es an dieser Stelle Zeit, mal wieder über Unterwäsche zu reden.
Ich hatte davon gehört, wenn ich mich recht erinnere, im Jahr 1986, damals als ich mit großen Augen nach China aufbrach, um ein Land zu bereisen, das so fremd war, wie heute vielleicht China. Man hatte mir erklärt, dass die Chinesen auf dies Art reisten, aber ich glaubte es nicht. Später dachte ich, das können halt die Chinesen, wir nicht, und dabei habe ich es belassen. Im Ernst, das soll funktionieren?

Dann, Jahrzehnte später, es war um das Jahr 2013, hörte ich wieder davon, ausgerechnet im Nürtinger Hof in Reutlingen, wo ich auf meinen alten Freund W. wartete. Ein Mann saß da alleine, um die vierzig, leicht übergewichtig, das offene karierte Hemd verriet den weitgereisten Mann. Sicherlich schon mal in Betzingen gewesen. Er erklärte es mir wieder, so sei er den Camino de Santiago gegangen, mit nur sieben Kilo Gepäck. Weil er, …..

Schlagartig wurden Zeit und Raum durchbrochen. Er kannte die chinesische Methode? Man duscht, wäscht während der Dusche die Unterhose und die Socken mit Seife aus, dito das Unterhemd, und legt anschließend seine zweite Garnitur an. Das Ganze lässt man über Nacht trocknen, hat am nächsten Tag frisch und wandert mit so gut wie keinem Gepäck durch die Welt.

Ausgestattet mit dieser Weisheit des Orients und einer dritten Unterhose hatte ich mich auf den
Camino begeben. Ich, so glaubte ich tumber Tor, der ich damals war, verfügte über die Weisheit des einfachen Reisen, ich, so wähnte ich, kannte die Geheimnisse von Franziskus, Antonius, Benediktus und den ganzen anderen Typen mit Heiligenschein und höchstens zwei Unterhosen und so kam ich —- bis eben Figeac.

Als ich dort aus der Dusche stieg, trocknete ein Damenspitzenhöschen und ein Hemdchen an der Heizung. Schockartig wurde mir klar, ich war nicht allein. Wer kann Ermessen, was es heißt, nach so vielen Wochen des Wanderns- und Radfahrens wieder aufgehoben zu sein, in der Gemeinschaft der Unterhosen-Duscher. Alles drehte sich um mich und ich hielt mich an der Heizung fest.

Doch da war schon klar, dass auch diese Zeit der Geborgenheit in jener Gemeinschaft nur vorübergehend war, vorübergehend sein konnte, so wie sich alles änderte, ändern musste, um im ewigen Stirb und Werde zu sterben und neu zu werden.

Denn manche Duschen waren auf der Strecke zwischen Tübingen und Santiago so versifft, dass man nicht mal seinen Arsch darin waschen mochte, geschweige denn die Unerhosen. So hatte ich mir folgende westöstliche Waschweisheit zugelegt. Vier Garnituren Unterwäsche reichen. Wenn alles dreckig ist, die asiatische Methode anwenden bis zum nächsten Waschsalon. In Spanien gibt es sogar welche, bei denen das Waschmittel im Preis mit drin ist.

13. 6
Rabanal der Camino – Molinaseca.

Es geht auf Trampelpfaden in die Berge. Jetzt sind wieder Neupilger am Start, die von Leon angefangen haben, aber eher unangenehme Leute, diese Sorte zweckorientiert und leistungsgerecht, weil sie wissen, dass sie hier den Camino mit dem wenigsten Aufwand und der schönsten Landschaft machen können. Sie haben sich in Outdoor-Klamotten geschmissen, nehmen an den schwierigen Stellen Taxis, und es fehlt nur noch, dass sie so etwas wie „Wenn die bunten Fahnen wehen“ singen.

Menschen: Der alte Amerikaner, der ein Maultier dabei hatte, auf dem Maultier saß seine richtig fette Frau, und das Maultier musste auch noch einen Karren mit dem Gepäck ziehen.

Menschen: Der Holländer kommt rein, trompetet mit den Lippen. Hut, dicke weiße Beine: „Du bist Deutscher?“ „Ja!“, „Gehst Du nach Santiago?“ „Hab ich vor“. „Ich muss leider aufgeben wegen der Blasen. Eine davon ist so groß, dass ich ihr einen Namen gegeben habe: Fred.“

Kurz vor der Passhöhe auf etwa 1400 Metern liegt das Dorf Foncebadon, wo es Franziskanerweizen gibt. Der Wirt erzählt, dass dieses Dorf vor 20 Jahren gänzlich verlassen war, durch den Camino ist es jetzt teilweise wieder besiedelt. Ich könnte mit ausgebreiteten Armen den Berg hinabsegeln vor Freude. Damit habe ich also dieses Dorf ohne Namen gefunden, das mir damals vor 25 Jahren so absolut unheimlich war, dass ich darin den Schluss des Hexenmeisters ansiedelte. Ich habe es wiedergefunden, nach all den Jahren.Ein Zauber liegt auf diesem Tag, den ich nicht beschreiben kann. „Hast du die Pyrenäen gesehen?“, fragte mich Serge, der vom Algerienkrieg gezeichnete Franzose, vor 25 Jahren, an genau dieser Stelle. „Ja“, antworte ich nun 25 Jahre später, „jetzt habe ich sie gesehen.“

Foncebadon

Wie riesig sie sind! Beim Aufstieg von Foncebadon bis zum Cruz del Ferro sieht man die Bergkette nicht etwa als schwachen blauen Schimmer, sondern als kraftvolle Wand, die den Himmel trägt. Dazwischen liegt das Land, das ich drei Wochen lang durchwandert habe. Tatsächlich kann ich die ganze Strecke sehen! Wo gibt es noch ein Land, das einen Punkt hat, wo man vom einen Ende bis zum anderen blicken kann (außer dem Vatikanstaat vielleicht).

Könnte den Berg hinabsegeln vor Freude

Hexenmeister:

„Er ging über Gras, das Gott weiß wie lange niemand mehr gemäht hatte. Er kam an einem hölzernen Kreuz vorbei, mit seltsamen Kreisen verziert, das schräg auf seinem Sockel lehnte, wie ein Todkranker an seiner Krücke. Es ging weiter hinauf. Er drehte den Kopf, und sah es über den Pyrenäen schwarz aufsteigen. Der Dämon kam.

Die Täler öffneten sich. Wolken ließen Fledermausschatten über die Berge wandern, der Rosmarin starb, Ginster wurde weiß vor Schmerz.“
Auf der Passhöhe bin ich endlich am Cruz del Ferro. Mehr als tausend Jahre wäre also der Steinhaufen alt, in dessen MItte ein fünf Meter hoher Mast prangt, in dessen Spitze ein einfaches Eisernes Kreuz gerammt ist. Die Pilger legen Steine ab, lassen hier ihre Lasten zurück, doch viele nutzen den Steinhaufen nach jüdischer Sitte zum Totengedenken, die Steine tragen Namen an von angehörigen, Fotos sind aufgesteckt, kleine Schmuckstücke oder Bändel liegen am Boden. Ich lege einen kleinen Feuerstein hin, den ich an der Ostsee gefunden habe. Eine Frau freundlich lächelnd kommt mir entgegen, wartet bis ich den Steinhaufen verlassen habe und klettert dann selbst hinauf, um in der Stille ihren Stein loszuwerden.

Mit weiter Aussicht geht jetzt ein Schotterweg auf der Höhe, ich treffe den Brasilianier wieder, der wohl mit der Französin etwas näher bekannt geworden ist, Futter für das Radio Camino. Die zwei turteln, ich aber tanze die Steine herab. Halte, weil ich jetzt Bilder sehe, wie ein Deja-vu. Vor mir die Berge von Gallizien, ein neues wuchtiges Panorama, und ich weiß, dass ich damals genauso stand. Unter mir auf einem schmalen Felssporn das Dorf El Acebo, eine Insel, die in einem Panorama schwimmt, das hunderte Kilometer Sicht gewährt. Damals rastete ich dort ergriffen, trank Wein, und übernachtete in einem Steinhaus. Ich habe also nicht nur das zerstörte Dorf gefunden sondern, auch jenes, in dem ich die Hexe zum letzten Mal sah. Sie war, glaube ich komplett durchgeknallt.

Jetzt ist es ein ruhiger Touristenort, in dem Pilger gemütlich ihr Bierchen trinken, und den Spatzen dabei zusehen, wie sie ihnen den Kuchten wegfressen. Jetzt treffe ich die Israelin von den Pyrenäen wieder, ihre Freundin ist schon voraus und wieder zurück, sie musste heim. Ein Ring hat sich geschlossen

Mächtig felsig das Nachtigallental, in das ich jetzt absteige, brauche beide Stöcke und volle Konzentration, um den Weg hinunter rennen zu können. Der Wind zaust die Heidekrautbüsche, gigantische Esskastanien, unten am Fluss in Molinaseca nehme ich mir noch einmal ein Einzelzimmer, will die Pilger, Marke Generaldirektor und – die werden Augen machen im Golfclub – gerade nicht sehen. Wieder so ’ne lange Brücke vor Molinaseca mit romanischen Bögen. Die Spanierinnen stöckeln sich über die alten Bodenplatten und lachen sich halbtot dabei, wenn sie balancieren müssen.

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