Mein Jakobsweg, mon Chemin, mi camino, Teil 12

14. 05.
Navarrenx – St. Jean Pied de Port

Im Pyrenäenvorland wird die Landschaft wieder hügeliger, auf und ab, sehr steil, und ich bin froh, auf eine einigermaßen gute Straße zu kommen, mit einigermaßen breitem Bankett. Unter drei Eichen raste ich, es gibt die guten getrockneten Würste, dazu Käse, also Fett, Eiweiß, Salz. Gigantische Regenwürmer gibt es hier, gut fingerdick. Noch 29 Kilometer bis St. Jean-PIied-de-Port, Regen feuchtet das Land, tropft mir die Brille zu. Ich stecke sie in die Tasche weg damit und freie Sicht. Die Autos hupen, um mich anzufeuern, Motorradfahrer glotzen, Schafe blicken auf. Sacht geht die Straße aufwärts. Alles tut der Mensch zum letzten Mal, denke ich. Hier in St. Jean Pied de Port werde ich mein Fahrrad losschicken. Muss nie wieder umständlich meinen Rucksack auf den Gepäckträger schnüren, muss nicht mehr dasTrumm die Berge hochwuchten, nicht mehr mit steifgefrorenen Beinen über den Rahmen klettern, um anzufahren.Jetzt also mitten im Baskenland. Große Patrioten, wie die Basken sind, wird mir der baskische Kuchen und der Brebis empfohlen, milchiger Schafskäse, der super in den Magen passt. Ich lerne: Patriotismus bedeutet auch, die Vielfalt erhalten. In Tübingen, wo man nicht zwischen Patriotismus, Nationalismus und Nationalsozialismus unterscheidet, wäre das Lob des Patriotismus nicht möglich. Hier schon: denn der baskische Patriotismus hat mit dem Baskischen eine der wenigen vorindogermanischen europäischen Sprachen erhalten, während das benachbarte Aquitanisch und Vasconisch ausgestorben ist. Patriotische Schafe weiden an den Hängen der Pyrenäen. Ich erinnere mich daran, was mir Fritz The Cat erzählt hat: Er glaubte, das Französische sei eine Sprache der Poesie, das Italienische, jene Sprache, in der man am besten singen könne, und das Deutsche sei wie keine andere Sprache dazu geschaffen, Technisches auszudrücken. Das erinnerte mich an jenen Kaiser, war das Carlos Quintos, oder Maximilian, der soundsovielte, der sagte, er spreche mit den Damen französisch, vor Gericht Latein, und befehle auf Deutsch. Das heißt, der Sprache, wird jeweils jene Eigenschaft zugemessen, die gerade mit dem herrschenden Nationalvorurteil einhergeht. Dann nun Deutsch die Sprache der Technik geworden ist, scheint sich die Reputation im Ausland merklich gebessert zu haben. Baum mit Wasseranschluss:



Städte liegen in Tälern, und auf der letzten Anhöhe vor St. Jean Pied de Port, wo es nach St. Jean le Veux abgeht, sehe ich zum ersten Mal die Pyrenäen. Regenvorhänge geben die Berge frei, wie frisch enthüllte Denkmäler. Sie erheben sich vor den Regenschleiern, ernst und gelassen, und ich kann es kaum fassen, endlich vor diesem Gebirge zu stehen, das ich immer kennen lernen wollte. Grüne sanftspitzige Riesen, die sich über Regen freuen, der ihre Wiesen tränkt. Die Pilger auf dem Weg sind glücklich, dass sie nach wer weiß wie vielen Wochen die Stadt erreicht haben, so wie ich. Wir feuern uns an, und ich hole was geht, aus dem Klapprad raus und fahre fröhlich klingelnd an ihnen vorbei.

St. Jean-Pied-de-Port ist ein ganzes Heerlager aus Pilgern, die aus der ganzen Welt kommen. Mit ihren Träumen und Hoffnungen an den Weg machen sie das Regenwetter vergessen. Die Altstadt ist ganz nah an eine Zitadelle gedrückt und besteht aus einer steilen Straße, an deren Rändern die Gites und die Kneipen aufgefädelt sind. Vermutlich ist wegen Pfingsten alles belegt. Vom Pilgerbüro, in dem sechs Mann ununterbrochen schuften, steht eine Schlange von Rucksäcken mit Beinen unten dran in die Gasse. Ich bekomme ein letztes Bett in einem Gite. Mein Inneres sträubt sich dagegen, aber der Regen und die Müdigkeit unterdrücken die Innerre Stimme und wie immer wäre es besser gewesen, auf sie zu hören. Die Herbergsmutter ist total durchgeknallt: „Zen Buddhismus Gite“ heißt der vollgestellte Müllhaufen, in dem sie mit zehn Katzen und zwei Hunden schläft, schon im Salon stinkt es nach Katzenpisse. Man kann an keiner Türklinke ziehen, ohne nicht wenigstens die Hälfte des Türschlosses abzureißen. Eine Amerikanerin ist mit zwei Töchtern unterwegs und will mit mir zur Messe. Als wir zurückkommen, hat die Herbergsmutter mein Fahrrad auf den Gang gezwängt, einen meiner Wanderstock vor die Tür gelegt, und der ist natürlich jetzt geklaut. Sie weiß von nichts und erzählt mir irgendeine Geschichte. Die ganze Nacht krähen die Hähne, in ihrem Hühnerhof, es miauen die Katzen und ich schlafe bloß stundenweise. Ich denke an Joan Baez: Buddhismus ist just another way of nothing left to loose – – – – Wobei sich das nothing left bei dieser Frau eindeutig auf den Verstand bezieht.

Beim Pilgermenü in einer Kneipe setzt sich eine Italienerin neben mich, die es schafft, sich mit drei Wörtern Englisch, zwei Wörtern Spanisch und etwas Deutsch, eine Stunde lang mit mir zu unterhalten. Merke: Wenn man sich verstehen will, dann versteht man sich auch. Daraus folgt: Alle Missverständnisse sind ihn Wirklichkeit Absicht.

Mein Handtuch riecht inzwischen so schimmlig, dass ich es nur noch wegwerfen kann. Abends ein trauliches Beisammensein mit Zen Buddhismus, sechs Katzen, zwei Hunden, einem Fernseher.

Aus einem T-Shirt schneidere ich mir ein neues Handtuch und nähe einen Aufhänger dran. Weil es keine T-Shirts mehr gibt, auf denen nicht irgend ein Unsinn mit „fun“ und „adventure“, und „explore“ seht, schneide ich diese Wörter aus dem Stoff und nähe sie vorne auf die Unterhosen, damit ich im Halbdunkel der Schlafsäle nicht immer mühsam in den drei Löchern der Hose nach den richtigen suchen muss. Währenddessen sitzt die durchgeknallte Herbergsmutter auf dem Sessel vor einem Kaminfeuer und schnarcht, während Voices of France läuft. Hin und wieder erwacht sie, wenn irgendeine Katze mit irgendeinem Hund Streit anfängt.

15.05

St. Jean-Pied-de-Port – Ruhetag.

Endlich hab ich das Rätsel der zu kurzen Papiertüten für die zu langen Baguettes gelöst, ein gutmütiger dicker Elsässer hat es mir beim Abendessen erklärt: „Na die Papiertüten werden zu heiß gewaschen!“ Eine neue Gruppe von Wanderern ist in meiner neuen Herberge eingetroffen. Hier ohne Katzen und ihre Pisse will ich mich zweit Tage ausruhen. Da Pfingsten ist, muss ich auch noch den Montag in St. Jean bleiben, weil die Post erst wieder am Dienstag öffnet, um mein Fahrrad wegzuschicken.

Morgens floh ich mehr, als das ich abreiste. Um mich zu sortieren, gehe ich in die Messe. Sie kommt mir spanisch vor, war aber baskisch. Während in den meisten Gottesdiensten stets dünne Frauenstimmen dominieren, schmetterten hier die Männer die Hallelujas gegen die Kirchenmauern wie Pelote-Bälle.

Wandere etwas verloren durch die Straßen und fragte an der ersten offenen Tür nach einem Quartier. Dass ich dabei das beste in der ganzen Stadt gefunden habe, sehe ich als ausgleichende Gerechtigkeit. Ein britisches Ehepaar unterhält ganz familiär, den Laden, der aus dem Vermächtnis einer frommen Frau gestiftet wurde. Blitzsauber und sehr unkompliziert, „das sauberste in der Stadt“, sagt Paul, der Herbergsvater.

Danach klappere ich die Läden ab nach großen Kartons, finde aber nichts, nicht mal im Supermarkt, doch stoße ich auf eine Entsorgungsstation, in der ein schon ein Handwerker-Ehepaar-Bauarbeiter nach Kartons wühlt. Ich schleppe vier davon durch die ganze Stadt und lasse sie im Hof der Herberge vom Regen trocknen.

Schlendere durch die Läden, schöne dicht gewobene Stoffe haben Sie hier, ideal für Möbel. Tolle Weine, Baskenmützen locken zum Kauf, an jeder Ecke kann man Ausrüstung kaufen. Oder es lassen. Der Sinn des Pilgerns: Sich nichts mehr aufhalsen.



Zeit für die beste Kindergeschichte der Welt, die bald so rund ist wie eine Murmel. Bloß weiß ich nicht, ob ich sie nicht unter den Händen zu gewalttätig gemacht habe. Beim Schreiben vergeht der Tag, Stunden, die fliehen und doch zählen. Unterdessen verlassen Heerscharen von Pilgern die Stadt, neue kommen an. Manche mit tastenden Schritten, als könnten sie gar nicht fassen, dass sie jetzt endlich in dieser Stadt sind. Manche gehen schnurstracks in die Kirche, und das erinnert mich daran, wie ich glücklich ich gestern war, dieses Ziel zu erreichen.

Die Brücke von St. Pied de Port

Auch seltsame Leute sind da: Deutsche Bettelpunks mit zwei Hunden, ein Mann, der die Welt ganz schon fast verlassen hat, und mit seinem Haselnussstecken und Rucksack vor dem Stadttor sitzt und betet.Bald ist mein Klapprad ein abenteuerlich verschnürtes Paket. Abends ist die Bude voll mit Pilgern und Wanderern, der Chef des nationalen französischen Wanderclubs ist zufällig da, er kennt natürlich den schwäbischen Albverein und seinen Vorsitzenden Ulrich Rauchfuß aus meiner heißgeliebten Heimatstadt Plochingen. Mit einem portugiesischen Comic-Zeichner fabuliere ich über das Gilgamesch-Epos und das Nibelungenlied. Weil er von überall aus in der Welt zeichnen kann, hat er keinen festen Wohnistz mehr nur noch ein paar feste Adressen von Verwandten. Seit zwei Jahren wandert er mit seiner Frau, einer Australierien durch die Welt. Er rät mir, die alten keltischen Epen zu lesen und die Kindergeschichte ohne Zeichnungen einem Verlag anzubieten, weil die Verlage gern selbst über die Zeichner entscheiden.
16.5.
St. Jean Pied-de-Port, zweiter Ruhetag.

Ob ich krank sei?, fragt Paul. „Nein“, sage ich. „Doch du bist krank!“ Denn nur so ist es nach den Statuten des Gites erlaubt, zwei Tage zu bleiben, ich werde in ein Zimmer mit vier Stockbetten verfrachtet, das Paul scherzhaft, das Hospital nennt. Ich schlage ihn zum Dank dafür zum letzten Ritter der Hospitaliter, was ihn sehr freut. Weil ich gestern schon Englisch, Französisch und Spanisch quer über den Tisch übersetzte, gelte ich ihm als Sprachgenie: „He speaks every Language“, sagt er immerzu, wenn er mich anderen Pilgern vorstellt.
Die Armee und die Ameisen, nenne ich die Kindergeschichte, die ich bis auf eine letzte Szene irgendwo in der Mitte fertig kriege. Am Platz, bevor es in die Altstadt von St. Jean Pied de Port geht, ist ein gutes Schreibcafe, ohne Musik und nervige Leute, überhaupt ist das Kneipen-Schreiben im Ausland leichter, weil einen die Gespräche der Gäste nie betreffen sondern nur angenehmes menschliches Hintergrundrauschen bilden. In den Schreibpausen sehe ich den Pilgern hinterher und den Touristen, die an der Hauptstraße nach Spanien fahren. Nein, Pilgern ist kein Tourismus. Überhaupt nicht. Wie sagte schon der dicke Elsässer gestern: „Auf dem Weg startest Du als Wanderer und endest als Pilger.“ Als ich zur Zitatelle pilgere, von Vauban, dem französischen Festungsbauer im 18. Jahrhundert erbaut, merke ich, dass ich den Fuß fast schon wieder abrollen kann, vielleicht schaffe ich es doch noch, den Weg fortzusetzen. Sonst ist mein Plan, mich irgendwie nach Pamplona zu schleppen und dann abzubrechen. In Pamplona war ich vor 25 Jahren aufgebrochen und ein Kreis hätte sich geschlossen.
Und noch ein Junge sitzt am Tisch, Gabriel, der ganz von Gott voll ist. Er verrät nicht, wo er herkommt, muss aber irgendwo vom Norden Deutschlands losgelaufen sein, und reist ohne Geld. Weil er ein Piger sein will wie im Mittelalter lebt er von milden Gaben. Im Monat, sagt er, brauche er 60 Euro Die rotblonden Locken hat über der Sirn verknotet, um das Handgelenk einen Rosenkranz geschlungen, Er ist ganz dürr, isst kein Fleisch, trinkt nicht, hat in einem roten Schuber immer eine Bibel vor sich liegen. Er vertraut so fest auf Gott, und ist sich dabei so sicher geworden, dass ihm Gott hilft, dass er es tatsächlich über den Camino schafft. Ich hole meine Pilgerbibel aus dem Rucksack und ermuntere ihn, Fraktur zu lesen. Den Franzosen versuche ich zu erklären, was eine Senfkornbibel ist, scheitere aber.
Und Agathe sitzt neben mir. Ein 20-jähriges-Mädchen, das ganz alleine von Mont St. Michel losgelaufen ist. Überhaupt scheinen die Bretonen ein hartgesottenes Völkchen zu sein. Redet nicht viel, sitzt bei bei 12 Grad barfuß auf dem Boden und steht im T-Shirt im Regen, wie ihr schweigsamer Reisebegleiter, ebenfalls Bretone. Die jungen Leute gehen aus, während die Herbergseltern auf versprengte Pilger warten. Unter dem Vorwand, die jungen Leute aus der Kneipe zu ziehen, genehmige ich mir noch ein Bier in ihrer Kneipe und scheuche sie dann doch in die Herberge. Ich schenke Gabriel das Wechselgeld, 1,60 Euro,.

Wie immer irrt man sich über Menschen, wenn man nicht mit ihnen spricht. Die Bettelpunks erfahre ich, sind auch Pilger, nur haben sie die Asche eines Hundes dabei, der nach Santiago soll. Merkwürdige Vorstellung, weil sie mich an Luthers Ausspruch über die Pilgerei, man wisse nicht ob in Santiago ein Stück Holz oder ein toter Hund begraben liege. Als ob es beim Wallfahren darauf ankommen würde. Keiner von Luthers brillantesten Sätze. Ich google die Geschichte vom wahren Jakob: Man wisse nicht, ob in Santiago die Gebeine von Jakobus Zebedäus, dem älteren oder von Jakobus Alpäus dem Jüngeren verehrt würden. Zugegeben ich Google sie nicht, ich schreibe sie aus dem Gedächtnis ab, wie ich es einst in der Legendäre Aurea gelesen haben. Paul hat mich wohl ins Herz geschlossen und will mich noch unbedingt fotografieren, bevor ich abreise. „Heuchle, dass du glücklich bist“, sagt er zum Abschied, als ich fürs Foto lächeln muss.

Nicht aus der Gosse trinken

St.

17.05

St.

Jean Pied de Port – Roncevalles.

Mein Fahrrad lasse ich von einem privaten Packdienst abholen, weil mir nach zwei Tagen des Ruhens urplötzlich einfällt, dass ich den 15 Kilo schweren Karton nicht zur Post tragen kann, ohne die Verpackung und meinen Rücken zu ruinieren. Die ganze Pilgerei der Stadt trifft sich am Postamt, sogar Fritz The Cat ist wieder da und sendet ein paar alte Socken weg. Nochmal 600 Gramm Überflüssiges tüte ich ein, was insgesamt 14 Euro kostet und den Wert des Inhalts möglicherweise übersteigt, wie mir leider erst im Nachhinein klar wird. Zwei deutsche Mädchen waren in St. Jean Pied de Port zu sehr sich selbst überlassen – jedenfalls haben sie sich Schuhe gekauft, richtig heiße Reifen in Pink, die ebenfalls nach Deutschland müssen. Natürlich müssen sie erst mal in Facebook. Paul hat mir noch einen ausrangierten Gehstock mitgegeben, den Pilger zurück gelassen haben, und ich glaube vor allem die Stöcke sind es, die meine Gelenke schonen.

Beim Schreiben fange ich die Tage ein wie große bunte Schmetterlinge: Ich lasse sie, als alter Naturschützer, aber gleich wieder fliegen. Eine Spur führt durch diesen Tag. Eine Spur, ein langes endloses Band, das sich von 400 Metern im Tal über 1400 Höhenmeter durch die Pyrenenän zieht. Der Weg hat sich abermals gewandelt: War der Weg in Deutschland eine schwache Spur für einsame Wölfe, wurde er in Frankreich zum Altersheim für verdruckte Franzosen, jetzt aber geht es Rucksack an Rucksack über die Strecke. Es ist unmöglich, sich zu verlaufen, man muss einfach dem Vordermann hinterher. Das Publikum ist deutlich jünger geworden und deutlich lebenslustiger. Die Franzosen sind immer noch da und verdruckst, werden aber jetzt von laut schreienden lachenden Italiern, Spaniern und Deutschten an die Wand gedruckst. Die vielen Angeslsachsen, scheren sich sowieso um nichts. Der Weg hat seine Härte verloren, so scheint es, fast wie Urlaub.

Ich gebe meinen Bergstiefeln noch einmal eine Chance, der Fuß schmerzt höllisch und ich rolle ihn behutsam ab, ganz langsam, hörst du Haxe, ganz langsam, kein Grund rumzuzicken. Fritz überholt mich, sagt auch, wernn du langsam gehen kannst, ist es doch okay und so gehe ich langsam, Schritt für Schritt, Teck-Tock. Orchideen begleiten mich, komme langsam dahinter, warum es so viel davon gibt; Die Pferde fressen sie nicht, jetzt wachsen auch fleischfressende Pflanzen, Fettkraut, und dann meine Lieblingsblumen, die Schusternägel. Dämlicher Name für die blauesten Bläue, die in Deutschland blüht. Weiter geht es, höher geht es. Die Berge sind ganz mit Gras bewachsen. Sie kauern wie schlafende Drachen mit schuppige-felsigem Rücken. Hoch geht’s: Stechginster, Felsen, Serpentine um Serpentine. Es gibt keine so ausgeprägten Vegetationszonen wie in den Alpen, es gibt nur eine lange Strecke Wegs, an der sich Fußgänger, Radler und E-Bike entlangschleppen, und ich mit meinen Stöcken, Teck – Tock wie der Soldat in Borcherts „Draußen vor der Tür.“

Die Laubwälder gehen bis 1200 Meter

Fünf Berge stehen im welschen Land
Die seynd uns Pilgrim wohlbekannt
Der erste heißet Runzevale
Da werden dem Pilgrim die Backen schmale.

Rüdiger Happ hat dieses Pilgerlied gefunden für mich, danke dafür.

Ich steige mit einem Amerikaner hoch, dessen deutsche Vorfahren den Schwabenzug im 19. Jahrhundert auf die Krim mitgemacht haben, von Stalin nach Sibirien verschleppt wurden und schließlich in den USA gelandet sind. Ich erzähle ihm von meinen Forschungen zu dem Thema, so lange, bis wir auf zwei wirklich bildhübsche Mädchen stoßen, die am Wegrand rasten. Zwei Israelinnen, oder sagt man Isrealitinnen?, die fließend Spanisch und Englisch sprechen. Ich lasse den guten Amerikaner bei den Mädchen, wohl wissend, dass seine Gattin, die langsamer läuft, bald auftauchen wird. Die Wolken zergehen in einen Himmel von spanischer Bläue. Herrlich, endlich. Die Bäume sind wie eingesteckt ins Heidekraut, der Laubwald geht bis auf 1200 Meter hoch, ich wandere in den dritten Frühling. Die erste Frühlingsvegetation erlebte ich Anfang April im Schwarzwald, man ist das lange her, zum zweiten Mal war Frühling im Aubrac auf 1300 Metern Höhe und jetzt wieder orchideenübersähte Weiden, Farne, die ihre Blätter langsam entrollen, lindes Grün. Ich finde 1 Euro 40 auf der Straße und frage mich, ob die 20 Cent Unterschied zu meiner Spende an Gabriel die Zinsen des Himmelreichs sind.

Jetzt immer weiter, immer höher, die Straße dehnt und zieht sich von Bergrücken zu Bergrücken. Die Rolandsquelle kommt. Muss noch googeln, ob der Orlando Furioso der gleiche ist wie der Rasende Roland, der wiederum jener Roland sein sollte, den hier die Mauren abgemurkst haben, sagt zumindest die Rolandssage.
Wikipedia schiebt das tragische Ende der Nachhut von Karl dem Großen den Basken in die Schuhe, die hier bei Roncevalle einen Hinterhalt gelegt hatten. Ich erkläre Leuten, die es nicht wissen wollen, dass mir eine Szene im Rolandslied eindrücklich geblieben ist: als die Schilder der Recken so mit Pfeilen gespickt waren, dass sie sie nicht mehr hochheben könnten und mit den Schwertern die Pfeile abhieben. Mir als bescheidenem Philologen genügt es, mich an der labialen Metathese von Orlando und Roland zu delektieren, und natürlich an allerlei seltenen Lippenblütlern am Wegesrand. Weiter, höher, Buchenwald klebt an abenteuerlich steilen Hängen, die Bäume sind gebogen wie Kleiderhaken. Irgendwann auf der Spur der Steine ist es so wie am Ende eines Marathonlaufes. Durch die Schmerzen, die Anstrengung, das hämmernde Herz, fühlt man plötzlich, dass man den Lauf schaffen wird, dass man ankommen wird, was eine unendliche Erleichterung bedeutet und einen unendlichen Ansporn. Die gleiche Sicherheit und das tiefe Glücksgefühl erlebe ich jetzt. Ich weiß nun, dass ich mehr als 20 Kilometer am Tag gehen kann, Ich bin meinem Zeitplan eine Woche voraus, wenn nichts Gravierendes schiefläuft, ich werde ich in Santiago ankommen. Weiter, höher, weiter. Unspektakulär erreiche ich die Passhöhe, die von einer SOS-Station gekrönt ist mit einem Notfall-Telefon und einer Bank, um Verletzte zu betten.
Dann tanze ich die Felsen herab. Ungefähr 50 Höhenmeter. Eine ältere Französin ist hingefallen und komplett durch den Wind. Umringt von vier Deutschen, Vater und Tocher, sowie einem Paar aus Berlin. Sie sprechen kaum französisch, die Dame kaum Englisch. Ich dolmetsche, erfahre, dass sie nicht verletzt ist, sie will aber ein Taxi haben. Ich rufe in Roncevalles an, kann aber nicht genug Spanisch, um meiner Gesprächspartnerin begreiflich zu machen, dass sie ein Taxi zur SOS- Station schicken soll. Gibt mir aber die Nummer eines Taxi-Unternehmens. Die gestürzte Frau wieselt zur Station hoch und ich denke, wenn sie das schafft, dann kann sie auch vollends runterlaufen, bevor wir ein Taxi ins Nirwana schicken.

Auf der Passhöhe.

Die Deutschen tragen abwechselnd ihren Rucksack, und ich nehme sie wie ein kleines Kind ins Schlepp. Ich erkläre ihr, wie man auf Bergpfaden geht, auf welche Steine man besser nicht tritt und welche einem zuverlässig Halt geben. Ich versuche ihr beizubringen, wie man die Stöcke einsetzt. Sie blickt nur die Hälfte, kommt aber leidlich voran. Der Absieg geht durch prächtige hohe Buchenwälder. Etliche Gedenkkreuze, es sind wohl schon viele Gestorben auf den Pässen. Anscheinend gibt es hier einen tückischen Nebel. Es ist still, wenig Vögel, kaum Unterholz. Sumpfige Pfade, es geht im Schneckentempo runter. Ich halte die Frau mit schön geredeten Zeitangaben bei der Stange. Ist doch nur noch ein Stündchen, sage ich.

Immer rette ich die alten Schachteln aus Bergnot, die nie jungen hübschen. Da sind die jungen Männer eben schneller, mutmaßen Vater und Tochter, die gerade den Rucksack tragen. Leuchtet ein.

Schritt für Schritt ganz langsam bewegen wir uns fort, und das ist vielleicht der tiefere Sinn des Ganzen, weil auch mir das langsame Tempo gut tut und meine Haxen weiter in der Spur hält. Der Wald lichtet sich urplötzlich, ein Bächlein rinnt und dann stößt man mit der Nase auf eine gigantische Mauer. Wer es jetzt noch schafft, den Kopf zu heben, der sieht die Abtei von Roncevalles. Weil sich inzwischen jahraus jahrein eine unübersehbare Horde von Pilgern bergab wälzt, haben die guten Mönche auf dem Parkplatz ihres Konvents Wohnkontainer errichtet, in denen je sechs Stockbetten quietschen.
Ich nehme mit dem Berliner Pärchen einen Apperetiv. Es tut mal gut mit Deutschen zusammen zu sein. Wir bätschen vor dem Essen jeder zwei Halbe weg, weichen darin das Abendessen ein, und stürzen nach Tisch noch zwei Halbe jeder und dann ab in den Wohncontainer.
Lebensgeschichten mit Kindern aus erster Ehe und so Zeug. Wie viele Menschenleben sind durch diese Geschichten zerstört worden? Es muss endlich eine Ehe auf Zeit geben, die aufgehoben werden kann, ohne dass zwei menschliche und finanzielle Ruinen übrigbleiben, auf denen einkichernder Anwalt sein Geld zählt.

Morgens sind die süßen Isarelinnen am Start, die ihren Wohncontainer in den Wahnsinn getrieben haben. Sie hatten alle Klamotten angezogen, die sie hatten, waren in den Schlafsack gekrochen, haben oben zugemacht, dann die Heizung auf 90 Grad gestellt, und die ganze Nacht gebibbert, während der Rest vom Wohncontainern langsam in der Hitze gegrillt wurde. Aber süß sind sie wirklich. Die eine sieht aus wie Amy Winehouse, die andere noch besser.

18.05
Roncevalles-Zubirii

Nur noch 790 Kilometer

Klarer kühler blauer Himmel, erst spät hämmern mir ein paar Regentropfen auf den Sombrero. Weiden mit Mutterpferden und ihren Fohlen.
Nach drei Kilometern durch duftigen Laubwald kommt der erste Lebensmittel-Laden, dessen Inhaber, angesichts der Tatsache, dass ich Deutscher bin, sofort eine Arie mit Fritz Wunderlich abspielt. Stolz zeigt er auf seinen Kassencomputer, der wohl auch Musik kann. Ich frühstücke bröselnd Kekse in der Sonne, was einen nahegelegenen Hühnerhof rebellisch macht, und zwei Prachthennen glucken heran und lassen sich von mir füttern. Die beiden deutschen Frauen von der Post haben es auch über den Pass geschafft und langen am Laden an. Wir gehen ein Stück zusammen: Scheidung, Trennung, immer die gleiche Geschichte. Und jetzt haben sie auch noch Sonnenbrand.

Es ist eine leichte Etappe nach Zubiri. Im Morgenregen erreiche ich eine Kirche aus der stakkatoartiges Englisch klingt. Ein Brite hat auf dem Camino de Santiago nicht nur seine Liebe gefunden, sondern auch eine Lebensaufgabe: Er restauriert das Kirchlein, und hat sich hinter die Altarwand durchgearbeitet: Dort steht ein uraltes Gemälde aus der ersten Zeit der Kirche, das seiner Ansicht nach die Himmelstür darstellen soll. Die Tür trägt rechteckige Felder mit Fingertupfen drauf, von denen er glaubt, dass sie die Familien aufgetragen haben um zu zeigen, dass sie das Himmelreich erlangen sollten. Darüber sieht man ein Jesus- Kreuz, das mit mit einem Andreaskreuz gewissermaßen gekreuzt ist. Das interpretiert er als heidnisches Symbol. Beim Fachsimpeln vergeht die Zeit. Nun bin ich 1500 Kilometer gewandert und finde die Tür zum Paradies in einer halb verfallenen Dorfkirche. Der Himmel hat aber über den Mittag geschlossen, also muss ich weiterwandern.

Die Tür zum Paradies: Heute geschlossen

„Oberbekleidung fehlt noch“! Treffe auf die zwei Berliner: Weil der Weg mit weggeworfenen oder vergessenen Klamotten gespickt ist, macht sich die Frau den Spaß, die Sachen zu fotografieren, so lange, bis sie einen kompletten Pilger beisammen hat.

Ich pflücke den Mädchen Rosmarin, die sie sich in die Haare stecken. Versuche zu erklären, dass man es eher zum Kochen als zur Dekoration nimmt. Ein Belgier, der die Zeit zwischen seinem alten Job als Autoverkäufer und seinem neuen Job als Verkaufsleiter in Turin eine Auszeit genommen hat, schließt sich unserem Tross an. Ich erkläre ihm, dass ich früher mit meiner Mutter auf dem Markt immer Suppe verkauft habe und sein Herz schlägt schneller. Ja, ein Marktplatz, dass ist das Urbild aller Geschäfte. Er hat eine nachahmenswerte Sitte: Alle fünf, sechs Jahre, wenn die Bude wieder komplett mit Kruscht und Nippes vollgestellt ist, räumt er alles aus, geht auf den Flohmarkt, hat einen ganzen Tag lang Spaß mit seinen Kumpels und am Ende 2000 Euro in der Tasche.

Unterdessen finde ich die seltenste Blumen des Universums. Eine Orchidee, mit gelben Blättern, die wie eine Biene aussieht. Ich kann sie nicht googeln, komme immer bloß beim Bienenragwurz raus, aber der ist es definitiv nicht. Wir wandern durch höhlenartige Wälder, dickes Moos, Buchsbäume umschließen uns völlig, da wo der Buchs zurücktritt, erstrecken sich Blumenwiesen aus Ginster, Rosmarin, Hornklee, und Orchideen. Schließlich werden Ausblicke frei, auf ein Meer aus baumbestandenen Hügeln. Ich bin wieder allein und wäre beinahe über Amy Winehouse gestolpert, die mitten im Weg liegt. Erst denke ich, sie ist hingefallen, dann merke ich, dass sie das Licht- und Schattenspiel der Buchenblätter so faszinierte, dass sie nicht mehr weiter wollte.
Mir wird klar, dass der größte Teil der Menschheit den Begriff Wald höchstes aus Grimms Märchen kennt. Schlafe selig auf einer Wiese, jetzt in Spanien wäre es geradezu unanständig keine Siesta zu halten. Ein Pilger sagt, mittags wandern bloß mad dogs und Engländer. Er war Ire, glaube ich.
Es wird wieder steiler, ich zeige Amy, wie man über die Felsen tanzt. Sie versteht zwar, dass dieses Gehen die Knie entlastet, aber nicht, dass die Gebirge großartige steingewordene Symphonien sind, und die Täler, ein Wortspiel zischt mir durch den Kopf, wie große Walzer von Chopin der Strauss.Das erste was ich in Zubiri sehe, sind Pilger, die auf dem Dorfplatz sitzen und von einem betrunkenen Kolumbianer mit Wermut on Ice abgefüllt werden. Schmeckt gut das Zeug. Der Kolumbianer, so der Typ laufender Meter, setzt sich in Szene. Er kann allen ein Quartier besorgen zückt wichtig sein Handy und alle wissen, wie das ausgeht. Zubiri ist völlig überlaufen, die Gites sind komplett belegt. Ich finde einen Platz, den letzten wie es aussieht, will ihn gentlemanlike den Israleinnen anbieten, die aber ablehnen, weil sie zusammen bleiben wollen, der Belgier lehnt auch ab. Wahrscheinlich denken sie, so einem alten Mann wie mir sollte man doch den Vortritt lassen. Denen zeig ich’s.

Höhlenartige Wälder

Im Gite lehnt ein lustiger Südafrikaner an der Wand. Brite von Geburt, Mütze und Vollbart, erkennt meine Rotweiß gestreiften Kniesocken wieder, die ihm in St. Pied de Port aufgefallen sind. Ich denke an meinen Ex-Zimmer-Nachbarn Oliver Maria Schmitt und frage den Briten, ob er beim Ernest Hemingway Look Alike Contest mitmacht. „Nein“, sagt er, er sei Santa Claus.
Er erzählt die Geschichte, dass mal Charly Chaplin auf einen Charly Chaplin Look Alike Contest gegangen ist und prompt verloren hatte.

 

19.05

Zubiri – Pamplona

„Ich konnte nicht schlafen wegen dir!“, klagt die Koreanierin, die das Stockbetten unter mir hatte. Umgedreht kann ich nicht behaupten, dass ich wegen ihr eine schlaflose Nacht gehabt hätte. Cultural Clash, oder wie das heißt.

Morgens ist Gabriel da und verteilt Rosinen: Wir reden über unsere Wege. Ich sage, wir dürfen nicht zulassen, dass wir das Kostbarste, was uns gegeben ist, unsere Lebenszeit ummünzen zu Geld, das wir nicht ins Grab nehmen können. Weil er so fest an Gott glaubt, ist das Leben für ihn unendlich. Deswegen sagt er, die Lebenszeit ist egal, für ihn zählt allein die Liebe: „Das ist das wichtigste“
Er empfiehlt, den Jakobus-Brief zu lesen. Mach ich dann auch, finde Worte darin, die er zu mir gesagt hat und einen interressanten Gedanken: Gott würde dich nie versuchen, schreibt Jakobus, das hieße die Sünde gehe immer vom Menschen aus. Das würde heißten Gott ist zwar allmächtig, aber stellenweise ist ihm seine Allmacht herzlich egal. Der Big Brother God, der alles sieht war mir immer schon ziemlich unsympathisch.
Es wird wieder wärmer. Die letzte Strecke nach Pamplona geht durch Niederwald, in dem ein Spanier auftaucht, der mir eine Cola-Büchse aus dem Wassereimer verkauft. Er ist seit fünf Jahren arbeitslos, sagt er, und so sieht er auch aus. Das Hemd von der Sonne gebleicht und durchbrochen. Als drei Australier vorbeikommen, bedeute ich Ihnen, sie sollen auch was kaufen, was sie dann auch folgsam tun. Mir wird die Rolle der Kirchen klarer, es ist immer leichter, andere anzuhalten gute Werke zu vollbringen, als selber welche zu tun.

Die Straßen: Geradezu meditierend pilgere ich durch die Vorstädte von Pamplona. Der Staub der Städte dringt nicht durch zu mir. Große Muscheln prangen auf der Straße wie auf einem Radweg.

Während ich das in der Hemmigway Bar in Pamplona schreibe, schneit ein Gestöber Spanier in die Stube und macht, was es am besten kann: Krach.

Pamplona, in den Wolken. Eine prächtige Altstadt aus schachteligen Häusern, mit großen Fenstern und Balkonen, feinfarbigen Fassaden, die oft nur zwei Fenster breit sind. Die Straßen sind riegelartig um die Kathedrale angeordnet und die Altstadt ist fest in der Hand von betrunkenen Autonomen, denen es vor allem ums Trinken und die Autonomie des Baskenlandes geht. Junge, junge eine quirlende, lebenslustige Stadt, Tübingen mal zehn ohne Handbremse. Ich muss mit meinen Ringelsocken irgendeiner Comic-Figur gleich sehen, jeden falls rufen die Jungs mir immer „Wally“ oder „Willy“ nach. Mit Besoffenen kann man am leichtesten Spanisch üben, weil ihre Grammatik ähnlich rudimentär ist, wie meine. Mitten im Hauptplatz prangt eine Bar, die Ernest Hemingway wohl öfters besuchte, obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass er die anderen Bars ausgelassen hätte. Ein Bronzener Hemmingway lehnt am Thresen und wir kommen ins Gespräch, fachsimpeln ein wenig,wie man eine Szene anfängt, wo die Grenze der Adjektive ist, einmal solche ersten Sätze finden wie er. Seine großen Geschichten mit seinen kaputten, impotenten, zum Sterben verurteilten Helden, deren letzte Tage er nachzeichnete, bevor sie in den endgültigen Ruin trieben. Warum man ausgerechnet seinem Werk Machismo unterstellte, ist mir auch so ein Rätsel. Ein Polizeibemter und seine Tochter leisten mir Gesellschaft. Das übliche: Die Leichen, die Intrigen. Die Bauernopfer auf der Führungsebene, wenn die Politik Mist baut, die Beharrlichkeit, das ausgesetzt sein, rennen, wenn es brennt.

Mensch Ernest: Den ersten Satz von Inseln im Strom hättest Du doch gendern müssen!

Wir schlafen in einem Schlafsaal mit 140 Betten. Jesus und Maria. So heißt das Hostel.

Der Schlafsaal im Jesus y Maria

Mein Jakobsweg, mon Chemin Teil 11

10 . 5

Auvillar-Condom

Eine längere Etappe in die Gascogne, in das Städtchen Condom. Die Zahl der Einwohnerschaft von Condom ist in den letzten 120 Jahren nahezu gleich geblieben, sagt Wikipedia. Das war jetzt mal subtile Satire, ihr Ziegenficker.

Die Landschaft wird zunehmend flacher, Bodenwellen mit kurzer Frequenz für meine bescheidenen Fahrradkräfte ideal. Ich schiebe die Bückel hoch und lasse es bergab krachen, damit schaffe ich einen guten Zehn-Kilometer-Schnitt pro Stunde.

Ich werde zum gern fotografierten Motiv
Ich werde zum gern fotografierten Motiv.

Eine Menge Gangster gibt es hier in Condom. Oder habe ich den letzten Traction Avant Discounter entdeckt

Eine Menge Gangster gibt es hier in Condom. Oder habe ich den letzten Traction Avant Discounter entdeckt

Musketier mit Muskekater
Musketier mit Muskekater
Zwei Lastwagenfahrer versuchen, mich zu romantisieren. Oder sagt man frankieren?
Zwei Lastwagenfahrer versuchen, mich zu romantisieren. Oder sagt man frankieren?
Britisch anmutende Fachwerkhäuser
Britisch anmutende Fachwerkhäuser
Baum mit Wasseranschluss
Baum mit Wasseranschluss

Die Cascogne ist die Heimat von berühmtem Weinbrand und von d’Artagnan, dem vierten Musketier. So sehr ist die Literatur hier Wirklichkeit geworden, dass sie den vier Musketieren ein Denkmal gesetzt haben, als hätten sie wirklich gelebt. Lasse mir den Buchtitel auf der Zunge zergehen: Die drei Musketiere, welche Kühnheit, die Geschichte nach den Nebenfiguren zu benennen. Sehe schon wieder die deutschen Verleger vor mir: „Drei Musketiere, geht ja gar nicht, warn doch vier, muss heißen vier Musketiere.“ War Dumas der erste, der das Artus-Motiv wieder eingeführt hat in die Literatur? Ritter vom Lande kommt in die Tafelrunde, und muss sich da bewähren, ein Motiv, das bis zu den Star Wars Filmen die Kassen fühlt. Und dann das Wettrennen gegen den Brief, genial, um Spannung zu erzeugen. Nochmal gut gemacht bei Bram Stokers Dracula und Patrik Süßkinds Parfum. Lustigerweise aber immer erst so gegen Mitte der Romane. Als hätten die Autoren gemerkt, wenn ihnen jetzt nichts einfällt, dann wird es richtig langweilig.

Das letzte Rätsel aber bleibt ungelöst, so wie immer: Warum zum Henker sind die drei Musketiere durch ihre Fechtkünste berühmt, während ihr Name sie doch als Besitzer von Musketen, von Feuerwaffen ausweist?

Habe wieder meine Gleichungen im Kopf und während des Ruhetages eine absolut Schöne und Vollendete entdeckt. Einen aus einem Kreisabschnitt geformten Ring, den ich mit Zirkel und Lineal in einen Kreis und damit auch in eine Kugel umwandeln kann. Mit dem Kugel und dem Ring wäre das Tao der Chinesen und die Welt Platons eins. Die Gleichung könnte ich über das Schlusskapitel des Felsentänzers stellen. Ich beschließe, damit meine Forschungen abzuschließen. Vielleicht auch das der Sinn des Pilgerns: Dinge zuende denken.

In St. Antoine pilgert der Pilger durch ein gotisches Stadttor vor die Antonius-Kirche und den Platz des Tau. St. Anton, der Schutzheilige der Surrealisten.

Dem Straßencafé in St. Antoine kann man einfach nicht ausweichen. Ein Elsässer mit lebhaften Augen und Mimik erinnert mich an meinen Vater. Schön sei es in Frankreich“, sage ich und er antwortet: „überall ist es schön. Man muss nur die Zeit haben.“ Wir reden über die letzten Tage der Wehrmacht im Elsaß und seinen Vater, der zur Waffen SS gepresst wurde, und nur überlebt hatte, weil in der amerikanischen Einheit, die ihn gefangen nahm, auch ein Elsässer war. Ähnliche Geschichten in meiner Familie. „Ich fühle mich zuerst als Elsässer, dann als Rheinländer, dann als Franzose“, sagt er. Die Wirtin holt eine Kiste mit Erdbeeren, gegen eine kleine Spende kann man sich ein Schälchen nehmen

Im Gite von Condom zeigt mir ein kleiner rothaariger Kerl, wie man mit einem Küchendegen Büchsen öffnet. Er rammt das Messer rein, und schneidet den Deckel auf. „Wie im Krieg“ sagt er, „ja, mit den Bajonetten“, erwidere ich. Zwei alte Krieger, die sich verstehen, obwohl sie nie gedient haben. Vielleicht deswegen.

Im Gite von Condom
Im Gite von Condom

Ich frage, ob man den Cognac vor oder nach dem Essen trinkt. Die Leute im Gite erklären mir, nach dem Essen, und ich mache mich auf in die Stadt, einen zu trinken, nicht ohne die ernstliche Ermahnung mitzunehmen, hier in der Gegend bloß keinen Cognac zu bestellen. Das hieße Armagnac.
Schwer und holzig schmeckt der Armagnac. Herrlich.

11.05.

Condom-Manciet

Pläne, die nicht funktioniert haben:

8 Stunden laufen, 2 Stunden täglich schreiben

Unter 91 Kilo Lebendgewicht kommen

Die ganze Strecke zu Fuß machen.

Pläne, die funktioniert haben:

Auf dem Weg zu bleiben.

Daraus abgeleitet, könnte man die Kantische Philosophie für die Wallfahrer tauglich machen: Der gestirnte Himmel über mir und der Weg unter mir. Flugs einen Philosphischen Führer für Pilger geschrieben und damit ein Vermögen verdient.

Mir wird eine der ganz großen Stärken des Weges bewusst. Er ist der einzige Verbindung der weltweiten Outdoor-Kultur mit der Religion und der Kirche. Denn dass auch diese Outdoor-Kultur, wie jede eigentlich, verzweifelt nach Glauben sucht, sieht man ihrer Erfindung des fliegenden Spaghettimonsters und den Gebetsfahnen, die sie sich überall hinhängen. Auf dem Weg aber können sie ihren alten Glauben zelebrieren und trotzdem campen.

Werde nun schon zum zweiten mal fotografiert, haben die noch nie einen Pilger mit abgeschabter Kniebundcordhose, rotweißen Ringelsocken, Strohhut, Pfadfinderhemd und Klapprad gesehen? Ich glaube, es ist wegen des Klapprades. Das finden die Franzosen wirklich lustig.

Im Gite von Condom gibt es eine Waage und ich erlebe sozusagen mein Waageloo. Ich bin auf 91 Kilo, aber vollgetankt mit Wasser und Lebensmitteln bringe ich es insgesamt auf 108 Kilo. 17 Kilo zusätzlich!!!! Kein Wunder, dass meine Knochen streiken. Ich wiege meine Stiefel und stelle fest, dass die alleine zwei Kilo ausmachen. So schwer waren die doch früher nicht? Haben die Fritzen mir beim Besohlen Eisenplatten aufgenagelt? Wenn ich die Jacke wegwerfe, ein Kilo. Wenn ich den Kleiderbestand auf das allernötigste reduziere, vielleicht noch ein Kilo. Aber wenn ich die Schuhe zurückschicke zwei Kilo. Ich gerate nun in einen echten Gewissenskonflikt. Den Weg alleine mit Turnschuhen fortzusetzen, erscheint mir zu riskant, und ich war oftmals mehr als froh, um die guten Schuhe. Sie blieben trocken im Tau, im Regen, im Schnee, schützen vor Felsen und den unvermeidlichen Karambolagen mit den Pedalen des Fahrrades. Aber zwei Kilo weniger!

Vielleicht finde ich unterwegs ein Geschäft, das Trekkingschuhe Größe 46 führt. Auf dem Weg aber Schuhe einlaufen ist auch kein Spaß. Ich nehme mir vor rauszufinden, wieviel Treckingschuhe wiegen, vielleicht ist der Gewichtsunterschied nicht so gravierend, und es bliebe vernünftig, die Bergstiefel zu behalten.

Menschen: Die Leute hier haben Humor, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich die Witze immer richtig verstehe. Ein Mann im Garten: „Geht’s?“ „Ja, geht so,“ „Ca monte – es steigt an“, sagt er. „Ja ziemlich“. „Brauchste einen Monteur?“

Ein ganz alter Mann hat drei Hunde, die mich ankläffen wie verrückt. Ich bleibe stehen, habe keine Lust wieder verfolgt zu werden: „Wo kommst Du her?“ „Aus Deutschland,“ „Wie ganz alleine?“ Ich zeige zum Himmel: „Nicht ganz alleine.“ Der alte Mann lacht: „Ja der, und dein Telefon!“

Werde also den Rucksack so leicht wie möglich machen und die Bergschuhe über die Pyrenäen behalten, dann in Pamplona mich noch mal neu organisieren. Vermutlich muss ich dort auch entscheiden, ob ich überhaupt weiter kann. Aber das alles ist neblige Zukunft. Auch das lernt man beim Pilgern: Nicht weiter denken, als bis zur nächsten Etappe. Überhaupt habe ich völlig aufgegeben, mich an den Etappen des Reiseführers zu halten. Ich gehe bis 17, 18 Uhr und dann suche ich Quartier. Sonst bleibt man nicht in der Gegenwart, sonst zieht wieder die Zukunft, irgendwelche Pläne, die man hat. Sechs Wochen habe ich gebraucht um aus dem rasenden Getriebe zur Zeit, in eine Gegenwart zu kommen, in der hier bin und jetzt.

Dass ich nicht mehr an Körpergewicht verliere, ist nicht zu ändern. Um wirklich Fett zu verbrennen, müsste ich in den Etappen an die Erschöpfungsgrenze gehen. Dann aber würden die Knochen.
streiken. Weniger Essen geht auch nicht, hätte wohl den Effekt, dass ich früher an meine Erschöpfungsgrenze komme, und dann könne ich nur noch ganz kleine Etappen machen. Ich will ja aber auch irgendwann mal ankommen.

Jetzt erstmal in Larresingle rasten. Was ich für ein halbwrackes Betonwerk gehalten habe, ist in Wirklichkeit eine schmucke Burgruine mit allerlei Boutiquen und Cafés. Dort trinke ich einen Armangnac. Ist viel besser, als der ständige Kaffee. Kaffee entzieht ja Wasser, zumindest den Wasserleitungen. Der Armagnac ist schön schwer und füllt einen mit Ruhe und großer Zufriedenheit.

Hat aber mit dem Weinbrandzeugs, das ich in Deutschland nicht mal mit der Eiszange anrühren würde, so rein gar nichts zu tun. Zwei Allgäuerinnen erscheinen, wir verplaudern in einer höhlenähnlichen Bar die Zeit, im Nebenraum brennt ein Kaminfeuer, eine schwangere Katze miaut.

Seit tausend Jahren wandern die Pilger über dieses Brücklein.
Seit tausend Jahren wandern die Pilger über dieses Brücklein.

Gewitter ziehen auf, zerfetzte Wolkenknoten fasern aus, öffnen sich zu Regenvorhängen, während ich über feldwegbreite Landstraßen rolle an wilden mannshohen Senf- und Rapspflanzen vorbei, über eine Brücke aus dem 11. Jahrhundert rein in die Gewitterfront, ein Bushäuschen schützt mich.

Mannshoher Raps.
Mannshoher Raps.

 

Eine fette schwarze Spinne seilt sich von meinem Hutrand ab, reflexartig donnere ich sie gegen die Mauer. Wenig später kann ich weiter. Aber nur kurz. Die nächste Regenfront überrollt mich gegen 14 Uhr, völlig durchnässt schaffe ich es unter das Dach eines Genossenschaftsgebäudes, ein größerer Fuhrpark, zerfetzter Boden, eine Pumpe steht ohne Anschluss herum, nackte Mauersteine, die nichts stützen, Maschinenteile, Rohre. In dieser Nässe, in diesem Ausgesetzt sein, in der Ungewissheit wann und wie es weitergeht, kommen mir endlich die Worte, auf die ich so lange gewartet habe und ich kann die Schlüsselszene der schönsten Kindergesichter der Welt ins nasse IPad tippen. Etwas wuselt über meine Oberschenkel, reflexartig wische ich die Spinne weg, und dann sehe ich dass, es die Schnauze des Hofhundes war, der mich beschnüffelte. Wir beschließen, uns nichts zu tun, und ich fahre weiter.

Die Straße nach Nogaro ist zu befahren, zu gefährlich für mich, und auch zu gefährlich für die Autofahrer, wenn sie mich überholen. Wenigstens bremst eine Baustelle die Lastwagen. Ich finde einen Weg über eine alte Römerstraße. Der Wald leuchtet. Umgestürzte Bäume ruhen wie Saurergerippe darin. Der Adlerfarn breitet die Schwingen. Jetzt dicht und grün. Ich merke, dass ich die Etappe nicht schaffen werde, aber rolle weiter, der Fahrtwind trocknet meine Jacke und ich komme jetzt in schönem Wetter nach Manciet.

"Die Gästedusche ",sagt der baumlange Rugby-Spieler
„Die Gästedusche „,sagt der baumlange Rugby-Spieler

Ein baumlanger ehemaliger Rugby-Spieler hat hier ein wunderschönes Gite eröffnet, in dem ich der einzige Gast bin. Wunderbar. Nach den Gesichten über den Weg und den Zweiten Weltkrieg, erzähle ich von dem Weg, den ich vor 25 Jahren gemacht habe und dass ich in Condom beinahe einen Cognac bestellt hätte. Daraufhin holt er einen 25 Jahre alten Armangnac vom Dachboden und bringt mir bei, wie man trinkt. Im Glas schwenken und dann mit den Fingern wärmen. Wir reden über Sport, Beziehungen, über Rugby und es ist alles sehr einfach.

„Du brauchst keine Schlüssel“, sagt er, „weil ich nicht abschließe. Nimmst halt dein Geld mit.“

„Passt schon“, sage ich.

„Essen ist bei Monique“,

„Alles klar.“

Ich gehe zu Monique, werde zu zwei Lastwagenfahren an den Tisch gesetzt und bekomme gut gewürztes Rindfleisch mit Nudeln und Salat mit Toast. Ich lade die Lastwagenfahrer zum Armagnac ein und erzähle meine Geschichte mit dem Cognac. Die ganze Kneipe lacht.

12.05

Manciet – Arzacq-Arraziquet

Morgens brät der Riesenkerl mir auch noch Spiegeleier und gibt mir noch nen Kanten Brot mit. Er hat wirklich ein Riesenherz. Ein desolat gekleideter alter Mann kreuzt auf zum Kaffee-Trinken, zwei zerrissene Hosenbeine, löchriger brauner Pulli, Strickmütze und darunter eine Versammlung von langen weißen Haaren. Wo ich her sei. „Ach in Tübingen war ich Soldat“, sagt der alte Mann, „hat Tübingen nicht in der Provence ne Partnerstadt?“, fragt er. Ich muss überlegen. Aix-en-Provence? Und er hat ne Menge Erinnerungen an Tübingen und viele Gute. Aix-En-Provence muss wohl hier in der Nähe sein. Jedenfalls würde es erklären, warum ich überall Plakate des Ernst Bloch Chors Tübingen sehe, der die Gegend unsicher macht.

In der Kirche von Nogaro nehme mich Zeit für Gebete und dann radle ich eben weiter nach Westen. Wein, Wiesen, Weizen, einzelne Zedern und Zypressen ragen vor Gehöften auf, die untypisch für Südrankreich, als Fachwerkhäuser gebaut sind. Sind das wieder die englischen Einflüsse? Zwei Hunde verfolgen mich, blöderweise geht es bergab, und sie interpretieren meine Beschleunigung als Fluchtreflex und verbeißen sich im Rucksack hinten drauf, muss ganz schön am Lenker ziehen, damit es mich nicht umreißt, dann geben die Mistviecher auf. Unten stehen die ersten Eukalyptusbäume. Die Gegend heißt Bearn, und gibt es jetzt richtige Ebenen, ich kann sogar mal ein paar Meter eben aus rollen, aber ich merke wie müde ich der Radlerei bin. Ich will zurück auf den Weg und es sieht gut aus. Beim Schieben merke ich, dass ich den rechten Fuß zeitweise ganz normal abrollen kann. Noch zwei Tage bis St Jean Pied de Port. Ich kaufe schon mal Panzerband für die Verpackung Des Fahrrades. Ein alter Mann lädt mich zu einem Glas Wasser ein, spätabends erreiche ich Arzacq-Arraziquet. Der Weg ruft.

Eine blonde Frau spricht jeden in der Pilgerküche des Gites an, der da rumhängt. Sie ist in einer echter Lebenskrise, wie viele auf dem Chemin. Ihr alter Job als Rezeptionistin gefällt ihr nicht mehr, sie kann da nicht weiterarbeiten, weiß nicht was machen, und jetzt geht ihr langsam das Geld aus. ich muss noch meinen Rest Spaghetti kochen und erkundige mich nach ihren Interessen. Ich mache ein Profil, sage sie soll Grundschullehrerin werden, ja Kinder mag sie. Ob ich Psychologe sei. Nein, sage ich Journalist. Da hat man es vermutlich mit genauso viel Verrückten zu tun. Bin mir nicht ganz sicher, ob sie nicht auch dazu gehört. Als sie mit Sternbildern und so Zeug anfängt, klinke ich mich aus und gehe Bier trinken.

Im Gite ist ein Typ, der mich an meine Freund Martin erinnert, eigentlich ein Double ist. Wir reden über Nietzsche und Indogermanistik, er hat Deutsch gelernt als Jugendlicher, spricht aber nichts mehr, hat nur gereicht, dass er den Spitznamen Fritz the Cat bekommen hat und einen Job bei der Allianz. Sein Nachname lautet deChat. Was er dadurch erklärt, dass er von Chatten abstamme, die wohl auch bei Lille gesiedelt hätten, wo er herkomme. Ich erkläre ihm, dass Fritz the Cat ein Underground Comic von Robert Crumb ist, und das genügt, dass er sich den Rest des Abends in sein Handy vertieft.

13.05

Arzacq-Arraziquet – Navarrenx

Sehr schwere Etappe nach Navarrenx. Vier mal bis auf die Knochen nass geworden:
Die Landschaft wechselt mit sehr steilen Anstiegen und dito Abfahren, in den Kurven liegt Rollsplitt, ich muss immer höllisch aufpassen.

In einer Fabrikruine untergestellt: 20 Minuten,
in einem Car-Wash untergestellt: 30 Minuten (Irgendwelche Leute treffen sich da und tauschen Briefe, die sie sich durch das Fenster reichen).
im McDonalds untergestellt: eine Stunde (aber mit Internet!).
In einem Restaurant untergestellt: eine Stunde.
Unter einer Eisenbahnbrücke untergestellt: 30 Minuten.
Macht also: 4 Stunden trocknen und etwa 6 Stunden nass werden.

Warum tue ich mir das an? Damit es endlich vorbei ist, lautet die Antwort für heute. Im Süden sind die Straßen eng und die Autos schnell, und wenn die Straßen viel befahren sind, dann ist das Radeln kein Spaß mehr. Ich beschließe, morgen unter allen Umständen St. Jean Pied de Port zu erreichen, einfach damit es vorbei ist und dann nach ein paar Ruhetagen meine Wanderung wieder aufzunehmen.

Im Gite sind Briten, die den Weg stücklesweise gehen, wie die meisten, ein wuseliger Amerikaner aus Houston, Texas, der schon den Appalachen-Trail gemacht hat, damit etwa 3000 Kilometer. Man braucht wohl ein halbes Jahr dafür. Ein junger Kerl zieht los, den Priester zu suchen. „Willst Du Beichten?“ „Nein“, sagt er, „ich will ihn nach Gott fragen.“

Er ist ganz im Weg drin, ich beneide ihn ein wenig, mein Weg verschwindet gerade. Morgen noch überstehen. Wir reden über die Idee des Prima Causa, ein alter Gottesbeweis. Sollte die Welt auf Kausalitäten aufgebaut sein, dann wäre Gott die erste Ursache, aus der alles folgte. Doch was war vor Gott? Hier hören die Kausalitäten auf. Wie immer man sich Gott denkt, kommt man immer außerhalb der Ratio. Ich sage dem Jungen, dass es auf viele Fragen keine Antwort gibt.

Nachts sprüht Regen durch Navarrenx. Eine alte Bastide, nicht nur mit Stadtmauern, sondern auch mit Stadtgraben, es gibt Trappisten-Bier.

Irgendwann morgens schlafwandelt der junge Gottsucher, steht auf und schreit fürchterlich laut herum. Ich schreie zurück und dann ist Ruhe. Armer Kerl.

Mein Jakobsweg, mon chemin, Teil 10

Die Häuser springen aus aus den Felsennischen vor.
Die Häuser springen aus den Felsennischen vor.

6.5

Figeec – Cahors

Yuppies hießen die Typen. Damals Ideale einer neuen Zeit, heute auf dem Müllhaufen der Geschichte. Geht schnell. Ich benutze das Lot-Tal als Ausflugsschneise vom Südwesthang des Zentralmassivs. Der Rückenwind schiebt mich nach Cahors, das örtliche Zentrum mit einer riesigen mittelalterlichen Brücke, einer Kirche, die von Kuppeln überspannt ist, und absolut schlechten Erdstrahlen. Es war aber auch eine lange und heiße Etappe. Das Wetter ist jetzt gut, die Temperaturen sind bei 25 Grad und die Landschaft rollt sich sommerlich die Straße entlang. Triviale Hahnenfüße, Wiesenkerbel, Baldrian, Zaunrüben. Aber es wachsen auch Feigen, Korkeichen und Zedern im Wald, der Lot trägt jetzt Jachten. Mich überholen lange Konvois von Motorrädern und Wohnmobilen, die Straße ist halb aus dem Fels gehauen. Tunnels, in denen Wasser auf mich herabtropft und Ruinen von mittelalterlichen Befestigungen.

Preisfrage. Wenn die Schrift eines Fahrrades, das auf der Nordhalbkugel unterwegs ist, links mehr ausgeblichen ist wie rechts. In welche Himmelsrichtung es dann hauptsächlich gefahren?
Preisfrage. Wenn die Schrift eines Fahrrades, das auf der Nordhalbkugel unterwegs ist, links mehr ausgeblichen ist wie rechts. In welche Himmelsrichtung es dann hauptsächlich gefahren?

Mein IPhone, das Weich-I hat das titanische Ringen des menschlichen Willens mit den Gewalten der Natur aufgegeben und lässt sich nicht mehr laden. Nun muss die Sonne die Uhrzeit und die Himmelsrichtung anzeigen. Das geht auch, vor allem, wenn einem die Uhrzeit bien egal ist und der Lot die Richtung vorgibt.

Das Office du Tourisme in Cahors schickt mich zu einer Jugendherberge nahe am Hauptboulevard der Stadt. Eine ziemliche Ruine. Die Tapeten hängen in Fetzen, vermutlich um es dem Plastikboden gleich zutun und sich nicht allzusehr vom Lack der Fensterrahmen zu unterscheiden. Einsamer und bisschen blöder Abend in Cahors, wie gesagt, die Stadt hat schlechte Erdstrahlen. Es gibt aber Internet und ich finde heraus, dass an meinem Handy der Connector kaputt ist.

Die große mittelalterliche Brücke in Cahors.
Die große mittelalterliche Brücke in Cahors.
Flatiron-Building in Cahors
Flatiron-Building in Cahors

7.5
Cahors – Lauzerte

Am Morgen sind sich wieder alle einig: Ttip ist scheiße, die Energiewende krankt an den Leitungen, das Wasserstoffauto ist viel besser. Wir – das sind zwei Holländer, eine Deutsche, die in Paris lebt, ein Schweizer und ein Franke. Wie gleich die Europäer denken! Denke etwas verschnupft, wenn 90 Prozent der Bürger gegen dieses Ttip sind, und die Regierung das umsetzt, dann ist das keine Demokratie. Nun ja, die Regierung Merkel ist so tot wie eine Hotelbar nach elf Uhr. Einen guten Satz hat der Holländer drauf, nachdem er mir erklärt hat, er sei Chef einer Kooperative, die in seinem Stadtviertel Solaranlagen errichtet. „Um das Ganze ein bisschen zu kompensieren, fahre ich gerne Dampflok. Neulich von Utrecht nach Dresden mit 140 Stundenkilometern.“

„Ein Vogelfänger bin ich ja, heida hi da hopsasa“; trällere ich mit einem herrlich durchgeknallten Franzosen, als ich durch die Cahors radele. Er hat im Orange-Geschäft mitgekriegt, dass ich einen Laden suche, um mein Handy reparieren zu lassen und geleitet mich ins Centre Commercial, wo ein Riesen-Supermarkt das Gebiet dominiert. Leclerc heißt er, der Supermarkt. Der Mann heißt anders, so wie eine berühmter Feldherr aus dem 100-jährigen Krieg. Meine Tochter heißt Johanna sage ich. Er kann anhand der Uhrzeit und der Richtung des Kondensstreifens sagen, welcher Flieger gerade unterwegs ist. Er trägt eine schwarze Radlerhose und eine orangene Warnweste, graue lockige Haar, schlechte Zähne und ein markantes gespaltenes Kinn. Ob ich das wisse, dass Charles de Gaulle nach dem Krieg deutsche Kriegsgefangene angefordert hat, um Minen zu räumen am Atlantikstrand, jeden Tag seien zehn verhungert, 5000 seien gestorben. „Aber die offizielle französische Geschichtsschreibung weiß davon nichts“ sagt er. Er glaubt, dass die Marseillaise von Mozart inspiriert sei. Als ich sage, dass die deutsche Nationalhymne ein Haydn Streichquartett sei, kontert er mit einem trockenen „Opus 62“, ob ich wisse, dass Haydn das Quartett erfunden habe. Er erzählt, er habe alle Quartette von Beethoven, und dann schweigen wir ein Weilchen im Gedenken an den Titanen. Dann zieht er das Mundstück einer Posaune aus der Tasche und spielt darauf die Vogelfänger-Arie, bis sich die Kinder umdrehen. Herrlich. Von ihm erfahre ich warum, es so viele Briten in der Gegend gibt: Hier in den Chausses hatten sie große Stützpunkte während des Hundertjährigen Krieges und würden sich deswegen mit der Gegend verbunden fühlen. Außerdem würde sie das kalkige Hügelland mit den in Felsvorsprünge gebaute Steinhäuser an Cornwall erinnern. Er sucht dann den Supermarkt nach einem Klapphändy unter 40 Euro ab, kehrt erfolglos zurück und lässt mich dann weiter durch alle Lande ziehn, bis hinter mir die Pflasterstein glühn.

Im Supermarkt will ich mit Bargeld zahlen, doch das ist unmöglich! Es gibt keine Bargeldkasse mehr, es gibt sogar mehrere Schalter, wo man die Ware selbst einscannen muss und dann mit Karte zahlt. Eine freundlich lächelnde Aufsicht guckt, ob keiner was klaut.
Mir wird klar, dass wir durch die Abschaffung des Bargeldes komplett in die Hände der Banken geraten würden, denn wir könnten nicht mehr die Banken damit in die Schranken weisen, dass wir unser Geld abheben und unter dem Kopfkissen verstecken. Da gibt es genau soviel Zinsen und man spart sich die Kontoführungsgebühr. Ohne Bargeld könnten die Banken mit uns machen, was sie wollten, sogar noch Geld dafür verlangen, dass wir ihnen unsere Kohle anvertrauen. Sollte jetzt wohl einen Smiley malen.

Ich kaufe mir Madeleines um nicht an die verlorene Zeit an diesem Vormittag zu denken, und proste mir Orangensaft zu. Ja der Witz musste jetzt sein, echt.

Ich fahre an felsigen Kalkhügeln vorbei, die mit niederen Eichen bestanden sind. Sie wirken wie verbrannt und sind wahrscheinlich auch die Überreste von Feuern. Flugs ein interdisziplinäres Forschungskolloqium einberufen, über die die ökologische Nische der Eichen, als der am meisten feuerresistente Baum Mitteleuropas, und dem offensichtlichen Widerspruch des Germanischen Glaubens, die Eichen bei Gewitter zu meiden. Dazu noch eine Gewitter – App in Auftrag gegeben, die punktgenau auf etwa einen Kilometer zeigt, wo es bei Gewitter am Gefährlichsten ist.

Lauzerte: So nen schönen Kaktus hatte ich auch mal. Seufz.
Lauzerte: So nen schönen Kaktus hatte ich auch mal. Seufz.

Meine Kräfte nehmen zusehends ab. Ich schaffe gegen einen schroffen Westwind gerade mal 30 Kilometer, dann kann ich nicht mehr im Sattel sitzen und schleppe mich mit allerletzter Kraft den Hügel hoch in das altes Wehrdorf (Bastide, heißen die hier) Lauzerte, aus dem Hundertjährigen Krieg. Die nette Hoteliere flößt mir einen ganzen Liter Wasser ein, dann erst lässt sie mich ins Zimmer. Tut gut, mal wieder ohne Mitstreiter schnarchen. Dann besteht die Hotelierin darauf, dass ich was Vernünftiges esse uns stellt mir drei, vier Gänge auf den Tisch. Im Salat ist mehr Fleisch als im Hauptgericht, die Suppenschüssel reicht drei Teller. Über steinerne Treppen, bestanden mit Kübelpflanzen, eine Aussicht über Zedern und die römischen Ziegeldächer, weiter hoch auf den Marktplatz. Wieder ein Traum von Kneipe, ein Lichthof zieht den Blick an gebogenen aus Blattfedern bestehenden Kunstwerken vorbei nach oben. Unten: Billardtisch, Schlagzeug auf der Bühne!

Unter den Steinen des Marktplatzes von Lauzerte wächst die Keramik.
Unter den Steinen des Marktplatzes von Lauzerte wächst die Keramik.

Darin improvisiert ein Pilger am Klavier Jazz-Melodien, sein Kumpel singt dazu, und die beiden mindestens sechzigjährigen Jungs schwingen so gekonnt die Hüften, dass es ihren karohemdigen Mitpilgerinnen die Brillengläser beschlägt.
Die Billardspieler bemühen sich, mir mit ihren Queus nicht die Augen auszustechen und draußen tanzt ein junger Artist mit dem Fahrrad über die Steinblöcke und Treppen des mittelalterlichen Marktplatzes. Ich spiele Bier-Billard und versenke gekonnt mehrere Gläser in meiner Kugel.

8.5

Lauzerte – Auvillar

Die Nacht Durchfall, wenn ich nur an das Essen im Hotel denke, dann könnte ich kotzen.
Entweder das Menü war nicht gut, oder das Wasser war verseucht, das mir die schreckliche Alte in diesem gräßlichen Hotel in jenem fürchterlichen Dorf eingeflößt hat. Entkräftet vom Wasserverlust komme ich 33 Kilometer bis Auvillar.

Ich verlasse die Chausse, heftiger Gegenwind, der mich wie mit einem Schlag überfällt und mich manchmal zwingt, auch auf der Ebene abzusteigen. Kurz vor Moissac passiere ich eine Feier zum 8. Mai nicht, sondern stelle mich dazu. Die letzten Versprengen in blauen Reservisten-Uniformen sprangen am Gefallenen-Denkmal und halten die Fahne hoch vor einer weißen Kirche. Die Marseillaise erklingt, dann Schweigen. Auf den Fahnen entziffere ich die Namen eines Gefangenen-Vereins, die Initialen der Republik Francaise. Nach der Schweigeminute Beifall, ich applaudiere mit, für einen Applaus zu Ehren eines Kriegers bin ich immer zu haben. Die Sprecherin erzählt, genau wie das jemand in Deutschland gemacht hätte, dass wir nie die Schrecken des Krieges vergessen dürfen.

Bloß: Hat das Gedenken an den Krieg je irgendeinen Krieg verhindert? Hat es Vertreibungen und Flüchtlingsströme verhindert? Hat es den Bau von Konzentrationslagern verhindert? Nein, ist die pessimistische Antwort, und ich frage mich, welchen Sinn diese Gedenkfeiern haben. „Auch wenn wir so wenige sind“, sagt die Sprecherin gerade und ich denke mir, vielleicht ist das die frohe Botschaft dieser Gedenkveranstaltung, dass der Zweite Weltkrieg nicht mehr wichtig ist in Europa. Aber dennoch, sobald ich ein bisschen tiefer mit den Franzosen ins Gespräch komme, irgendwann ist er wieder da und oft tauschen wir die Geschichten unserer Eltern aus. Wir sind alle Kinder des Krieges.

Wie also Kriege verhindern? Si vis pacem. . . Schrecklicher Satz, aber wahrscheinlich wahr.

In Moissac muss man den romanischen Kreuzgang ansehen, und vielleicht auch das italienische Café am Markt, das die Wände mit uralten Büchern auf noch älteren Holzbrettern dekoriert hat.

Im Kreuzgang von Moissac: Man konnte das A mit geknicktem Steg auch als Ligatur von A und M lesen.
Im Kreuzgang von Moissac: Man konnte das A mit geknicktem Steg auch als Ligatur von A und M lesen.

Der Kreuzgang, spätbarocke Romanik, verdrehte Säulen, expressive Tierdarstellungen. Das hätte man früher als germanische Fabelwesen interpretiert, heut weiß ich, dass der geflügelte Stier kein Greif ist, sondern das Evangelistensymbol für Lukas, der weil er heilig ist, Engelsflügel bekam. Vermutlich stammt die alte Interpretation noch von vor tausend Jahren, als man versuchte, das Germanentum überall hineinzugeheimnissen.

Nichts passt besser als Buch und Café (Moissac)
Nichts passt besser als Buch und Café (Moissac)

Honi soit …. Vielleicht war das auch nur der Versuch, völkischer Kunsthistoriker Kirchliches vor dem Atheismus der Partei zu retten. Aber das alles habe ich denen geglaubt. Jessas.

In der Rue Fermat einem Auto die Vorfahrt genommen, und beinahe meinen letzten Satz gemacht. Es ist aber auch blöd, wenn ich mich vom Handy in die Zentren leiten lassen, denn das führt mich die kürzesten Wege meist in Gegenrichtung von irgendwelchen Einbahnstraßen.

Da hätt ich beinahe meinen letzten Satz gemacht.
Da hätt ich beinahe meinen letzten Satz gemacht.

Es geht in das Tal der Garonne auf einem asphaltierten Treidelpfad immer entlang an Platanen und dem Wasser. Nicht ganz so schön wie im Tal der Doubs, aber sehr kräftesparend.
Die schöne Garonne (Friedrich Hölderlin)
Die schöne Garonne (Friedrich Hölderlin)

Die Franzosen sprechen hier sämtliche Vokale und Endungen aus wie geschrieben. Das maintenant klingt so wie es ein Deutscher aussprechen würde, dafür aber mit doppelter Geschwindigkeit wie im Norden, so dass man trotzdem schwer versteht.

In Auvillar gibt es Platz in einem kommunalen Gite, sehr schön, sehr sauber. Ich finde im Kühlschrank eine Tomatenmarkbüchse und koche mir Makkaroni, lege mich um sechs aufs Bett und schlafe in den Kleidern ein, immer wenn ich aufwache, versuche ich einen Schluck zu trinken. Druck auf der Brust, im Kopf und im Arsch. Mir wird klar, dass ich so nicht weiter kann.

9.5

Auvillar war einst für seine Kalligrafien bekannt.
Auvillar war einst für seine Kalligrafien bekannt.

Auvillar Ruhetag

Viermal weckt mich am Morgen die kreuzdämliche Putzfrau auf. Ob ich bleiben will, ob sie zur Apotheke soll, ich müsste in ein anderes Zimmer, ob das meine Sachen seien etc.

Verdämmere den Vormittag und den frühen Nachmittag, mein Körper führt irgendwelche Reparaturen durch, ich merke es durch kurze stechende Schmerzen in den Beinen. Die ersten Pilger kommen schon um 15 Uhr, und dann ist es aus mit Schlafen. Sie sind aber sehr angenehm, drei schweigsame rücksichtsvolle Männer, die wissen wo es langgeht, das sind mir die liebsten. Sie reservieren ihr Quartier einen Tag vorher, bloß wenn man sich am Morgen festlegt, wo man am Abend sein will, dann kann sich das in eine schöne Quälerei ausarten, weil man dann unwillkürlich versucht, mit aller Gewalt das Quartier zu erreichen.

Auvillar, Markplatz mit steinerner Rotunde und hölzerner Kiefer (oder muss man hier schon Pinie sagen?)
Auvillar, Markplatz mit steinerner Rotunde und hölzerner Kiefer (oder muss man hier schon Pinie sagen?)

Das Wetter ist jetzt beständig schlecht, ein Sturm hat sich erhoben und fegt die Gassen leer. Auvillar ein steinernes Dorf, Ziegel, weiße Mauersteine. Der Marktplatz ist mit einer Rotunde zugebaut, die auf Säulen steht, die Markthalle. Um den Marktplatz gibt es Gallerien. Die Künstler in Auvillar haben einiges drauf, vor allem die Keramiker. Einer der Künstler hat die Simsen in den Fassaden mit Terrakotta Figuren vollgestellt, die unversehens auf einen herabblicken. Setze mich eine Kneipe vor kratzigen Rotwein und versuche, den Wind in Worte zu fassen für die beste Kindergeschichte der Welt.

Der Rotwein tut richtig gut und räumt den Magen auf. Sollte weniger Wasser trinken.

Welches Hölderlin-Gedicht haben wir in der Bar von Auvillar dargestellt?
Welches Hölderlin-Gedicht haben wir in der Bar von Auvillar dargestellt?

Mein Jakobsweg, mon chemin Teil 9

1.5.

Ich muss wohl cool bleiben.
Ich muss wohl cool bleiben.

Morgens Schnee, und ich lasse mir Zeit mit dem Weitertrebbeln. Es ist kalt, aber sonnig, im Schatten von Kiefern, Buchen und Birken bleibt der Schnee liegen, runde Granitfelsen rocken, die Straße ist einsam, ein karges großes schönes Hochland, Aubrac heißt es. Bäche schlängeln sich hindurch, aus denen Kühe im Winterfell trinken, Pferde sonnen sich in den Lichtstreifen, die zwischen Kiefern und Birken fallen. Die Tiere liegen auf ihrer braungrünen Weide. Dachte immer, Pferde würden im stehen schlafen. Steinerne Brücken und Häuser sind von Moos und Steinpflanzen bewachsen. Kalt es ist, sehr kalt.

Karges schönes Aubrac
Karges schönes Aubrac

Menschen: Die gütige Herbergsmutter frage ich, wie man die kleinen weißen Stiefmütterchen nennt, Pensees, sagt sie, wie die Gedanken.

„Aber was denken sie?“ frage ich, „Das ist eine sehr philosophische Frage“, antwortet sie sehr philosophisch.

Zwei junge Franken hat der Schnee ebenso in die Herberge getrieben. Ein großer Roter und ein kleiner Schwarzer, der große studiert Philosophie. Er meint: „Im Grunde ist jede Frage philosophisch.“ Er ist unsicher und stets in Rechtfertigungshaltung wie jeder mit einem solchen Studium, ich mache ihm Mut, seinen Weg weiterzugehen.

Es gibt Löwenzahnsalat mit Speck und Äpfeln, dazu Hühnchen mit Grütze. Wir entdecken einen weiteren Sinn des Pilgerns: Ideen erkunden Ideen weitertragen. Missverständnisse abbauen: Erinnerte mich daran, wie mich in Le Puy eine ältere Deutsche antippte und vorsichtig fragte, wovon der Herbergsvater ununterbrochen quasselte. Ich erklärte ihr, dass „Tampon“ im Französischen einfach nur Stempel bedeutet, und dass es um den Pilgerstempel ginge,

Die Franzosen erzählen mir, dass man im Mittelalter jemand bezahlen konnte, der für einen pilgerte und die Sünden abbat. Ich scherze, dass wir uns bei dem Wetter alle einen Platz im Paradies verdient hätten, sogar mit Balkon. Erkenne, dass das Geschäft mit der Angst das sicherste Geschäft ist. Nicht umsonst haben Versicherungen, Angst vor der Verlust, und Banken, Angst vor Dieben, die sicherst ökonomische Basis. Ich überlege, wie ich ins Angst-Geschäft einsteigen könnte. Es scheint eine Verkettung zwischen Angst und Macht zu geben, hier müsste ich ansetzen. Ab wann bedeutet Angst vor jemand Macht für jemand, und ab wann bedeutet Macht Angst. Flugs eine Dissertation drüber geschrieben. Erinnere mich an Elias Canetti, der die Philosophie der Macht geschrieben hatte und mit der ultimativsten Angst, der Angst vor dem Sterben, die Machtverhältnisse und vor allem den Faschismus erklärte.

Daraus folgt, dass die ureigentliche und allein mögliche Emanzipation des Menschen das Heraustreten aus der Angst ist.

Ambivalent ist die Rolle der Kirchen: Einerseits befreien sie von dieser grundlegendsten Angst, der Angst vor dem Sterben, andererseits operieren sie mit der Angst, der Angst vor göttlichen Strafen und der Sünde.

Merke: Emanzipation ist schlecht fürs Geschäft.

Am Morgen hatte der Franke Sinatras „I did it my way“ laufen lassen, wie jeden Morgen. Mit seinem Holzstock, der Kapuze und dem roten Gesicht sieht er aus wie eine Gestalt von Breughel, Ich war noch in der Kirche von St. Alban gewesen, um zu warten, bis der Himmel blaute.

In der Kirche von Aumon-Aubrac platze ich in den Gottesdienst und feiere die Messe mit. Der Pfarrer betet für den Ersten Mai und die Arbeiter der Welt. In der Befreiungstheologie fühle ich mich am meisten Zuhause. Wären die Linken nicht so wütend antiklerikal gewesen: Was hätten sie erreichen können? Jetzt, eine vergangene Epoche der Geschichte, vom Neoliberalismus überrollt. Ein Pilger, vielleicht 25, mit Augen, die einem Pfarrer gehörten müssten und den ich in Sauges traf, ist ebenfalls in der Kirche, auch ihn hat es mit der Achillessehne erwischt, so dass er trampen musste. Er geht beichten, ich Biertrinken. An der Hauptstraße ist Betrieb. Dort ist die Feuerwehr beschäftigt, die Trümmer eines Kamins zu beseitigen, den der Sturm auf die Hauptstraße wehte.

Wegen des Sturms ist eine vielleicht 70-Jährige Frau völlig durch den Wind. Sie will ein Taxi haben nach Le Puy, immerhin über 100 Kilometer. Weil Feiertag ist, kriegt sie kein Taxi, sie redet wirr von einem Pass, den sie gefahren ist, sie ist Deutsche, und mein schwäbisches: „jetzt hocket se sich ersch amol no“, bringt sie wieder auf den Boden, genauer auf den Hosenboden. Ich flöße ihr Tee ein. Sie erzählt, dass sie auf dem vereisten Pass mit ihrem E-Bike gestürzt ist, und jetzt völlig ausgefroren und am Ende ihrer Kräfte nur noch mit dem Taxi weiter wolle. Nachdem ich sie beruhigt habe, erkläre ich ihr, es wäre am besten, einen Tag hierzubleiben und auf besseres Wetter zu warten. Was sie auch einsieht. Sie gibt mir ein neues Wort: Der Wind hat genadelt, sagt sie zum Schnee, der ihr ins Gesicht flog.

Noch ein Gedanke: Die Angst scheint hauptsächlich eine Angst vor Verlusten zu sein. Der Verlust von Prestige, Geld, Gesundheit, Leben, von Menschen. Das Pilgern jedoch lehrt, loszulassen. Im Grunde ein Kurs, ein Dis-Kurs gegen die Angst.

Jetzt über die Aubrac, ein etwa 1000 Meter hohes Plateau, das genauso in Norwegen oder Schottland stehen könnte, der Wind rollt über uralte Steinmauern, die riesige Herden von wilden Narzissen hüten, manche zyklopenhaft groß, dahinter wenige muskulöse Kühe. Dann ein ganz ganz seltener Anblick, eine einzige wilde Tulpe zwischen dem Heidekraut.
Stiefmütterchen und Anderes lassen mich kurz rasten. Echt schwierig mit steifgefrorenen Fingern, Ich sollte Hosenläden mit Hakenverschluss erfinden. (Hose Eskimo spezial)
Die Landschaft ist so leer, dass sie voller Himmel wird.
Hinten sind die Gipfel des Massiv Central ganz im Schnee. Eine Gruppe Fußgänger spaziert auf der Straße, natürlich Erster Mai. Die Heide ist sumpfig, Rinnsale schwemmen das Grau zwischen die Halme. Die Wolken lassen die Steine grauer werden, die Dörfer sind manchmal kaum vor dem Hintergrund des Himmels, den Bäumen, zu erkennen. Immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der Körper gewöhnt auch an die Kälte, meine Hände bleiben warm, den ganzen Tag, obwohl es nicht mehr als fünf Grad hat. Ich muss den Hut festhalten, der Wind scheucht mich vom Kurs weg, im Zickzack über die Straße. Der Wind rüttelt an den Gräsern und weht einen Zaun um, die Pfosten senken sich wie Bajonette. Es geht höher, eine Zeitmaschine, die mich in den Vorfrühling zurückbringt: Anemonen nicken, Sumpfdotterblumen brechen hervor, große Malvenrosetten fläzen sich am Straßenrand. Die Birken wollen austreiben.

Ich denke mir einen Witz aus: Treffen sich zwei Rennradler in den Alpen. Fragt einer, „Wie war den Tag?“ Sagt der andere: „Hat Paß gemacht“.

Die Aubrac bewirbt sich als Langlaufparadies. An Hütten und Hinweisschildern fahre ich vorbei bis nach Nabinals: Steinhäuser um eine romanische Kirche, viele Pilgergeschäfte.

Dort gibt es ein öffentliches Gite, man schmeißt seinen Rucksack auf irgendein Bett, bis abends eine städtische Bedienstete kommt, die kassiert. Hier in dieser alten Baskengegend müsste man wohl Rucsac sagen, flugs eine neue Cognacmarke für Wanderer erfunden und verkauft, (Rucsac wärmt den Buckel).

Ein Pilger aus Paris ist gestrandet mit schrecklich zugerichteten Füßen, aus beiden Zehenballen guckt das rohe Fleisch raus. Er will einen Tag pausieren, aber erst, nachdem ihm das ganze Gite gut zugeredet hat. Er rät mir, eine Spezialität der Gegend zu versuchen. Aligot: Kartoffelpüree mit Frischkäse zu einer fadenziehenden Masse verrührt. Dazu gibt es wieder gigantische Rindfleischbrocken und Salat mit Speck.

Ein Italiener beschäftigt die Pilger, jeder hat ihn gesehen. Nur mit einer kurzen Jogginghose und Badelatschen, einer Jacke und kleinem Tagesrucksack pfeilt er den Weg mit einer enormen Geschwindigkeit nach Westen. Ich treffe ihn kurz auf der Straße Bar, er sieht nicht rechts noch links, seine Beine laufen wie Pleuelstangen in den Abend hinein.
2.5

Aumon-Aubrack Espalion

Rauf auf den Pass!
Rauf auf den Pass!

Morgens nach Kirchenbesuch und Gebeten holpern mir Gundermann-Verse durch den Kopf, die ich umdichte, damit sie mir besser gefallen: „so muss ich denn mein Liebe all versagen, und weiterhin durch alle Lande ziehn.“
Über den Col Aubrac. 1340 Meter, das ist fast so hoch, wie die der Pyrenäen-Paß, der noch vor mir liegt, mit 1470 Metern, überhaupt scheint das Massiv Central viel schwerer zu begehen als die Pyrenäen, einfach weil es viel größer ist.

Mit mir geht's bergab
Mit mir geht’s bergab

Von dort geht es hinab ins liebliche Tal des Lot, ein Flüsschen, das mein Reiseführer als das romantischte in Frankreich preist, dabei hat der Lot im Doubs einen starken Konkurrenten. Allerdings erfreute mich der Lot, alleine schon wegen seines Namens, lange bevor ich mich an seinen Gestaden erquickte: Lot heißt im Okzitanischen Olt und damit hat er eine astreine labiale Metathese. Noch schöner und klarer als englisch Horse und deutsch Ross.
Wandele bissle neben der Kappe durch Espalion, Kleinstadt mittelalterlich, gotische Brücke und ein Gerberviertel mit den Balkonen und Steinstufen zum Fluss. Ich muss feststellen, dass die Kneipen um 19 Uhr zumachen. Eine französische Pilgergruppe schließt mich ins Herz und lädt mich zum Essen ein, das sie im Gite gekocht hat. Neben mir eine rundäugige, rundköpfige rundbauchige Frau, die wunderbar erzählen kann. Etwa von Kanadiern in ihrem letzten Gite, einem Ehepaar, „und das war eine eine Porcherie, eine Schweinerei, sage ich euch, wie ein Schwein schnarchte der, ich sage euch, Chhiri, chrrrr, wie ein Schweinerüssel und ich hab mir zwei Ohrstöpsel reingetan und das hat nichts genützt, und dann habe ich mir einen Pullover über den Kopf gezogen, und das war sinnlos, und dann habe ich die Decke über den Kopf gezogen, völlig umsonst, und dann habe ich das Licht angemacht, und dann hab ich gesehen, dass ein Koreaner überhaupt nicht schlafen konnte wegen denen, sondern im Schneidersitz auf dem Bett meditiert hat, und dann hab ich meine Decke genommen, bin zu dem Mann, diesem Schwein hin, und hab ihm die Decke über mit voller Wucht über den Kopf gehauen, und dann wacht er auf und sagt, „Was, hä, wie?“

„Und dann?“

„Dann hab ich gemerkt, dass es seine Frau war, die geschnarcht hat wie ein Schwein.“

Die alte Brücke von Espalion
Die alte Brücke von Espalion
Das Gerberviertel
Das Gerberviertel

3.5
Espalion – Conques

Der Erfinder des Taucheranzugs kommt aus Espalion und der etwas regungslose Fußgänger, der mir am Lot-Ufer aufgefallen ist, war eine Statue, die an ihn erinnerte. Die Franzosen erklären mir, er hätte den Anzug wegen der Minen erfunden, als Rettungsgerät unter Tage.
Es gibt ein Skaphander-Museum, das allerdings zu ist, und also ich lasse es gemächlich den Lot hinab rollen.

Beim Frühstück hatte die ganze Pilgertruppe die Nase nicht in der Kaffeeschale, sondern daneben, weil auf den Papierplatzdecken eine Landkarte aufgedruckt war. Schnell ein neues Zeitungsformat erfunden und den Franzosen unter den Frühstücksschale gelegt und damit Millionen gemacht. Bol nennt man die großen Kaffee-Eimer, ich werde gefragt, wie sie auf Deutsch heißen und die Franzosen sind bass erstaunt, dass es sie in Deutschland nicht gibt.

Ich bin jetzt einen Monat unterwegs. An mein früheres Leben kann ich mich kaum mehr erinnern. Der Weg ist groß geworden in mir mir, wieder. Das ist nicht nur das meditative Treten im ersten Gang auf den Landstraßen, es ist auch das Gefühl, Teil zu sein dessen, was seit 1000 Jahren die Menschen nach Westen gelockt hat. Vielleicht dringt es aus diesen Straßen, denn das sind ja die Wege, die die Pilger wirklich benutzt haben und nicht die Wanderwege, auf denen heute die Heerscharen pilgern.
Das Tal des Lot bläht sich in Grün auf, eine grünes Lauffeuer von Frühling weht mir entgegen, südliche Bäume sehe ich, Buchs und Ulmen. Davor wachsen Klappertöpfe, fast schon triviale Hahnenfüße; Engelsüß und Wolfsmilche nicken mir zu, Ragwurze ragen empor und verraten mir endlich, warum sie auf so einen seltsamen Namen hören. Lange raste ich an einer kleinen Kapelle, die zu Ehren eines toten Jünglings errichtet wurde, der am Strand des Lots ertrank, als er zu seiner Geliebten wollte. Die jedoch hatte die Brücke einreißen lassen, damit ein böser Mann, mit dem sie hätte vermählt werden sollen, nicht zu ihr konnte.

Überlege mir noch mal das Geschäft mir der Angst. Man könnte Ehen versichern, haut die Frau ab, dann liefert die Versicherung eine Neue.

Ich hätte das Tal nicht verlassen sollen, deswegen erreiche ich Conques nach einer wilden Bergetappe, die mich geradewegs ins Auenland führt. Allerkleinste Häuser kleben an Mauern, Türmchen wachsen aus Gärten empor, bedeckt mit breiten Steinplatten, die Straßen sind kaum breiter als ein Kinderwagen, Abendsonne lässt die Mauern erröten und webt Schattennetze in den Mauerritzen. Die romanische Kirche ist die schönste, die ich je gesehen habe. Ganz hoch, ganz licht. Zum Abendgebet der Mönche hat sich eine Pilgergruppe versammelt, vor allem Frauen mit diesen Gesichtern wie sie nur Christinnen haben, kurze Haare, dicke Brillen, spitze Nasen, zerstört durch lebenslange Selbstzweifel und Gewissensbisse.

Vier Mönche sind es noch. Der Vorsänger singt der Orgel entlang, locke sie auf den Pfad der Töne, kehrt zurück, um auf sie zu warten, verschmilzt mit dem Klang und mit seinem eigenen Echo.

Ich schließe die Augen zum Gebet und sehe Blumen und Blätter, Licht das durch Grashalme fällt, dann öffne ich die Augen und die Säulen des Kirchenschiffs schwanken und neigen sich wie Bäume im Wind.

4.5.

Diese Explosion von Grün fegt mir durch den Kopf. Nach den kargen Tagen im Aubrac hat die Temperatur Menschen und Blumen herausgelockt. Heutekruat färbt die Berge in dunkle rostfarben, so dass sie aussehen wie Schlackenhalden, aus denen die Grünen Flämmchen kleiner Buchen züngeln. Später werden, die scharf in den Fels geschnittenen Täler weicher, breiter, lassen Platz für Siedlungen und Weiden. Morgens 13 Grad, mittags 18 Grad. Ich ess nichts anderes mehr außer Käse, Wurst und Brot. Kann mich noch erinnern, wie ich anfangs der Tour mir Fischbüchsen zwischen die Kiemen schob, wegen der vielen Omega 3 Fettsäuren, die die Muskeln stärken, stand zumindest auf der Büchse. Von einer Büchse mit weichem undefinierbarem Inhalt, die wie eingelegte Hirnmasse aussah, wurde mir dermaßen schlecht, dass ich die Fische mitsamt ihrem Omega bis zum Alpha Centauri wünschte.

Sitze morgens in Conques noch ein Weilchen in der Sonne, auf diesem Tauchgang ins Auenland. Friedlich gepflasterte Straßen, auf allen Mauern wachsen Steinpflanzen, das Gite war rustikal, aber bequem, neben mir machen sich die Pilger startklar.

Zeit für eine erste Qualifizierung:

Der Phantom-Pilger. Man bekommt ihn nie zu Gesicht. Wenn man abends nach seinen wohlverdienten Bieren aus der Kneipe schwankt, in der man zuvor eine nette schwäbische Pilgertruppe getroffen hat, liegt er schon im Bett und schnarcht. Morgens um sechs springt er von der Matratze Bett, raschelt seine Sachen zusammen, trippelt unentwegt die Treppenstufen des Gites auf und ab, bis das ganze Gebäude dröhnt und eilt dann kurz vor Sonnenaufgang aus dem Haus. Würde man den Phantom-Pilger je fassen können, dann würde man sagen, er ist ein bisschen verrückt

2) Der Joggingpilger: Der Jogging Pilger hat sowieso nicht mehr alle Tassen im Schrank. Mit seinem gestählten, durchtrainierten Körper und völlig intakten Achillessehnen, sowie eisernen Kniegelenken fällt er durch sein Trinksystem auf, das in er in vielerlei Ausprägung mit sich führt. Als weißen Urinschlauch, der aus dem Rucksack ragt, oder als Flaschensystem, das er in einem Beutel vor der Brust trägt. Er hat lange Jogginghosen und hat gute Laune, denn jetzt steht er wieder vor einer Etappe, die er ohne Probleme bewältigen kann. Sein Rucksack besticht durch ein ausgeklügeltes Tragesystem und wiegt vielleicht drei Kilo.

3) Der Marathon-Pilger. In Figeac traf ich einen: Er hatte durch die Drogen erst seine Zähne, dann den Verstand verloren, machte 53 Kilometer am Tag und die 1500 Kilometer lange Strecke von Le Puy nach Santiago in einem Monat. Sonst war er nett. Ob ich das auch kennen würde, dass auf dem Weg immer jemand sei, der einen beobachtete. Verfolgungswahn, kein Wunder sind die Typen so schnell.
4) Der Gruppenpilger. Der Gruppenpilger ist meist Teil einer gemütliche Rentnertruppe, die den Weg in Abschnitten macht, jedes Jahr einen, und man fragt, sich ob die alle noch lang genug leben werden für die letzte Etappe. Für den Gruppenpilgerer hat der Weg eine sportliche und eine religiöse Komponente. Er besucht die Kirchen und die Messen, ist meist gutgelaut, wenn es Bier gibt und das Essen rechtzeitig kommt. Er hat einen hölzernen Wanderstock, einen olivfarbenen Stoffhut und einen Anführer, der ihm erklärt, wo er lang muss, der Gruppenpilger ist nur leicht meschugge.

5) Der Normal-Pilger. Er ist soeben ins Rentenalter eingetreten und benutzt den Weg, um Abstand vom Berufsleben zu gewinnen. Er hat eine Hose, die sich mit mehreren Reißverschlüssen ringlesweise einkürzen lässt. Er ist nie ohne seine Frau unterwegs, die eine ähnliche Hose trägt. sie hat einen hübschen Schal als Kopfbedeckung, der Mann trägt eine Schirmmütze, meist haben sie die Rucksäcke im Partnerlook. Sie sind sehr langsam unterwegs, Denn sie haben ja Zeit und sich lange auf den Weg gefreut. Verrückt, ist es doch, er sollte doch lieber seinen Ruhestand genieren, anstatt wie eine Gemse durch die Berge zu hüpften.
6) Der Lebenskrisen-Pilger. Er hat das alles hinter sich gelassen. Sobald er zurück ist, verkauft er seinen Betrieb. Bisschen verrückt, aber auch verständlich.
7) Der Ich-Pilger. Er trägt leicht abgeschabte Kleidung, weil er schon ein Weilchen unterwegs ist. Große Menschenansammlungen sind ihm nach Wochen der Einsamkeit etwas zuwider, deswegen wartet er, bis die Gites leer sind, ehe er aufbricht. Er trägt eine indiskutable grüne Kniebundhose und ein uraltes Pfadfinderhemd, dazu rot weiße Stutzen von seiner Thekenmannschaft, in der er es bis zum Torwart gebracht hat, weil er nicht kicken kann. Der Ich-Pilger ist mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs, weil er in Santiago auch irgendwann mal ankommen will. Er ist der einzig normale in dem ganzen Haufen.

In Figeac beschließe ich, eine Frau dazu aufzufordern, mit mir über den Stein von Rosette zu tanzen, der hinter dem Champollion-Museum treppenförmig in schwarzem nubischem Granit nachgebildet ist. Da steht sie schon, die Frau, mit der ich tanzen werde. Hübsch ist sie in ihrer schwarzen Strumpfhose, dem Rock mit Rüschen, der schwarzen weiß gepunkteten Bluse, ein roter Gürtel setzt einen Farbakzent, den ihr Lippenstift im Gesicht wieder aufnimmt. Welche Eleganz. Verschämt blinzelt sie her.

Ich werde zu ihr sagen: „Verehrteste, Schönste, sicherlich wissen Sie, dass Jean-
François Champollion (1790-1832) mit seinem scharfen Verstand, der so scharfgeschnitten war, wie dieser Granit hier, aus einem Stein, den die Truppen Napoleons in einer Mauer gefunden hatten, und der hieratisch, demotisch und griechisch beschriftet ist, namentlich dieser Stein von Rosette ist, dessen Nachbildung Sie hier sehen, dass also dieser Mann zusammen mit einem koptischen Priester mittels dieses Steines die Hieroglyphenschrift entziffert hat, und damit der Philologie Werkzeuge in die Hand gegeben hat, die sie immer noch benutzt, um unbekannte Texte zu dechiffrieren und darüber hinaus der Altertumsforschung ein Tor geöffnet hat, durch das sie nun 3000 Jahre länger die Geschichte der Zivilisation betrachten kann, und damit auch die Wissenschaft der Ägyptologie und der Altorientalistik ermöglicht hat. Aber nicht nur das“, werde ich sagen, während ein Lächeln des Verstehens ihren sinnlichen Mund umspielt, „nicht nur das, sondern dass ich an einem Opus Magnum, einer Romantrilogie, arbeite, die der „Felsentänzer“ heißt, und aus diesem Grund möchte ich Sie zu einem Tanz über diese Granitplatten auffordern.“

Natürlich habe ich mich nicht getraut, sie zu fragen. Dann guckt dir den Stein halt alleine an, du blöde Kuh.

Ein Traum geht in Erfüllung. Einmal über den Stein von Rosetta tanzen
Ein Traum geht in Erfüllung. Einmal über den Stein von Rosetta tanzen

5.5.
Figeac – Ruhetag.

Endlich kann ich wieder zwei, drei Treppenstufen laufen, ohne zu humpeln. Mein Ladegerät ist ausgestiegen, für einen Pilger heutzutage ein Totalschaden und weil Feiertag ist, kann ich mir nicht einfach ein Neues kaufen. Die Frau neben mir in der Kneipe war zu überrumpelt, um nein zu sagen, als ich sie bat, meinen Stecker in ihre Steckdose am Laptop stecken zu dürfen. Jegliche anzügliche Gedanken beim Lesen dieser Zeilen verbitte ich mir.

Ein Pilger aus München kann nicht mehr weiter und wir trinken Kaffee am Morgen und reden über unser Leben, vieles gleich gelaufen, gleich schlecht, gleich gut. Die Reisen in der Jugend, die Trennungen. Der Sinn des Pilgerns: Raum schaffen für Wendepunkte.

Die Etappe gestern nach Figeac war heftig, musste in der Hitze einen ewig langen Anstieg hochschieben, während hinter mir die Autos brausten. Allein ein 2CV Konvoi, der alle möglichen Ausführungen von Döschöwöhs auf der Straße versammelte, machte die vielbefahrene Landstraße erträglich. Etliche mit Boots- oder Zeltanhängern, auch Dyanen, Kastenwagen, Strandausführungen, in denen ältere Männer und Paare saßen, die vielleicht nicht nur ihre eigene Seele suchen sondern auch die der Gesellschaft.
Die gutmütigen Entenfahrer grüßen mich eisernen Pilger mit Strohhut und Klapprad als einen der ihren. Was ist eigentlich aus unserer Gesellschaft geworden, wo ist das Lebensgefühl hin? Einfach das Sardinenbüchsendach der Ente runter gerollt, den Schal umgebunden und Sonne hineingelassen ins Leben und mit 90 über die Landstraße, reicht auch. Bin schon wieder bei der Kapitalismus-Kritik, für den Preis eines Cabrios heute könnte man sich vier Enten kaufen. Was haben die 80er Jahre nicht alles an Träumen, Fluchten, Hoffnungen mit ihrer Ökonomisierung zerstört und verbaut: Muss lange im Gedächtnis kramen, bis mir die Schlagworte der Epoche wieder einfallen. Die Dinkys gab es, und wie hat man diese Typen genannt, die von morgens bis abends gearbeitet haben? Mir will es nicht mehr einfallen. Vollidioten? Es muss irgendwas Englisches gewesen sein. Workaholics? War es wohl auch nicht. Nachher googlen? Nein.

Streife durch Figeac wie durch einen Traum. Die verschiedenen Schriften der Menschheit leuchten auf Goldfolien vom Museum auf den Marktplatz herab. Die Stadtfräulein blicken auf den Kerl, der sich eine Zigarre schmecken lässt und an der besten Kindergeschichte der Welt schreibt. Eine lächelt.

Bin unbeschwert, wie seit meiner Jugend nicht mehr.

Die Schriften der Welt im Champollion Museum
Die Schriften der Welt im Champollion Museum

Mein Jakobsweg, Teil 8

28.04

Mein Reiseführer erzählt mir, dass die Gegend der Auvernge von den Vasconen besiedelt worden sei, Basken, deren seltsame Sprache noch in den Ortsnamen ablesbar ist, die oftmals auf -ac

enden, wie Cognac. Niemand weiß, zu welcher Sprachfamilie das Baskische gehört. Das erinnert mich daran, dass ich dieses Rätsel auch noch lösen muss, nachdem ich den Diskus von Phaistos und das Voynich-Manuskript entziffert, sowie die Herkunft des Etruskischen erklärt habe. Dann muss ich nur noch die Quadratur des Kreise schaffen. Bloß wie kriegt man die verdammten Ecken weg? Mit Photoshop vielleicht? 
Der Heilige Rochus wird in Sangues verehrt, der Schutzheilige der Pestkranken und Helfer bei offenen Wunden, ich muss an meinen alten Tübinger Stammtisch Freund denken. 
Sollte für die ganzen Schutzheiligen des Pilgerns, den großen Ibupropheten, als da wären der heilige Immodium, Voltarenus, Compeedius mehrere Carmina dichten. Hier ist das erste: 

O Heiliger Voltarenus,
Gelobt sei dein kühlendes Gel

Der Du linderst unsere Schmerzen

Du bist unser Hoffen und unser Sehnen

kühlendes Mittel! 
Gesalbt seist Du auf unsere Beine

dass sie auferstehn am Morgen 

Und uns tragen am Tage 

Bis wir am Abend in unserer Herberge

Dich wieder loben und preisen

und schmieren an jeglichem Tage

bis ans Ende unseres Wegs. 

Ich biege ins Loire-Tal ab, weniger Höhenmeter und ein Fluss, der schwarzes Wasser zwischen Felsen, Kiesbänke und Weiden sprudelt lässt. Hier Kanufahren muss ein Traum sein. In Camelieres sur Loire zieht mich eine mächtig gebaute Kirche von der Straße. Ein riesiger romanischer Kapellenumgang, alles in wuchtigem graubraunem Stein gefügt, mit weißen Mörtelfugen. Sie wirkt wie eine Grotte, an der Wand hängen noch bemalte Trümmer eines romanischen Altars. Bete. Schiebe müde und erschöpft durch die steinerne Altstadt das Fahrrad zur Straße neben einem krummen alten Mann, der seine eben so alte Motoregge als Rollator benutzt. Altern auf dem Dorf.

Die Kirche von Camelieres sur Loire zieht mich von der Strasse

In der Kirche habe ich für ein weniger anstrengendes Reisen gebetet. 500 Meter später werden meine Gebete erhört. Der Herr schickt mir einen Platten, weil er genau weiß, dass ich weder Werkzeug noch sonst was mithabe. Etwa vier Minuten später kommt ein Taxi vorbei und nimmt mich auf dem Rückweg mit nach Le Puy en Velay. 
Der Taxifahrer hat einen gesunden Mutterwitz: Ob ich keine Pumpe dabei hätte, fragt er mich, „das schon“, erwidere ich, mir würde der 15er fehlen für die Radmuttern. „Es fehlt immer etwas“, meint er trocken.

Die Marienstatue überragt die ganze Stadt

Le-Puy-en-Velay scheint mit einem Hubschrauber auf drei spitze Kegel gesenkt: Auf einem prangt eine kirchturmhohe Marienstatue, auf dem anderen reckt sich eine Kirchenburg und auf dem dritten klebt die Altstadt. 
Dort ist auch das Refugium, in dem man erst mal Minzsirup, Wasser und einen Keks bekommt. Weil das Einchecken dauert. Warum hält man eigentlich immer den, der am meisten quasselt für den Chef? Ein Mann viereckig, graubraun, wenige schlechte Zähne, redet und redet. Er ertrinkt in seinem Gerede, und redet dabei wild um sich, so als würde glauben, nur noch durch noch mehr Reden, könnte er sich retten. Eine halbe Stunde textet er mich zu und endet damit: „Und nachher erkläre ich Ihnen alles.“ Ich fliehe in den Decathlon und lasse mein Radel reparieren. 

Ärgerlich, der Busfahrer nimmt mich wegen des Fahrrads nicht mit, aber wie soll man sonst zu einer Fahrradwerkstatt kommen, wenn man kein Auto hat??? Ein dicker Taxifahrer macht die Fuhre. 

Ich kaufe ein und das Baguette erinnert mich daran, dass ich auch noch das Rätsel lösen muss, warum in Frankreich die Papiertüten immer so kurz sind, dass die Baguette oben rausgucken?

29.04
Le-Puy – Sauges

Die zweite grosse Hauptetappe ist geschafft. In Le Puy en Velay beginnt die Via Podiensis

Morgens ist Pilgermesse um sieben. Etwa 30 Pilger sind da, sogar welche aus Neuseeland und Mexiko. Sehr ergreifend und sehr rührend, ich muss aufpassen, dass ich nicht in religiöse Verzückung gerate. Eigentlich wollte ich in Le Puy bleiben, aber bin wohl in den letzten Wochen etwas menschenscheu geworden. Der Rummel geht mir auf den Wecker.

Der Priester bezeichnet das Pilgern als Gottesdienst mit den Füßen, und man könne im Wandern in der Stille und in der Natur Gott suchen, und ihn vor allem in seiner Schöpfung finden. Tatsächlich ist die Natur für mich der evidenteste Hinweis auf die Existenz Gottes. Erinnert mich an einen Witz, den mein Chemielehrer machte. Wie kann man mit Darwinismus die Schwerkraft erklären? Na am Anfang gab es Steine, die flogen nach oben, nach rechts und nach links, und manche nach unten. Die nach oben und zur Seite flogen, sind weggeflogen, und die Steine nach unten sind geblieben. 

Scho no a Stück

Zu glauben, die Natur sei allein durch Zufall entstanden, ist genauso intelligent wie zu glauben, ein Flugzeug wäre durch Zufall entstanden, auch wenn es nach oben und zur Seite fliegen kann und sogar nach unten. Die Frage wäre auch, ob die Existenz eines Ich von einem Du abhängig ist, weil nur das Andere die Grenzen von uns selbst zu ziehen vermag, insofern könnte man Gott auch als das extrapersonnelle Du anschauen, das notwendig ist für mein Ich. Bevor ich mich weiter auf philosophische Höhen versteige, geht ich erstmal die 1100 Meter im Hochland der Margeride an. 

Noch drei Beobachtungen vor dem Anstieg: 
1) Ob Gott existiert, hängt also im Grunde von der Frage ab, ob es einen Zufall gibt oder nicht. 
2) Da Kirchen meistens nach Osten ausgerichtet sind, bieten sie einen zuverlässigen Wegweiser für die Himmelsrichtungen in Städten und Dörfern.
3) Die haben hier in der Auvergne einen verteufelt guten Rosé.
Radele durch flaches Hochland und tiefe Täler, in ihrer Schönheit kaum beschreiblich, der liebe Gott hat große Granitblöcke über tiefgrüne Weiden gemurmelt, bestanden mit Kiefern und Schlehen. In meiner Phantasie setzten sich die Granitfindlinge zu Überresten von Steinzeitgräbern zusammen, zu neolithischen Sonnenuhren, zu uralten Verteidigungswällen. 
Die Schlehen treiben aus. Kaum eine Pflanze hat ein derart krüppeliges und brutales Aussehen und gleichzeitig so zarte weiße Blüten. In den Felsen kauern Steinpflanzen, die ich noch nie gesehen haben, Fleckvieh grast und Kaltblutpferde sind auf den Weiden mit Klodeckel-großen Hufen. 

Wenn Sie dieses Tier sehen, die Silberbüchse aus dem Keller holen und sofort losballern!

Sauges: Dort wo der letzte französische Werwolf wütete. Eine hölzerne Beste fletscht das Gebiss ins Tal, zum Andenken an ein Tier, das ein französischen Jäger 1764 mit einer Silberkugel erschoss und das zuvor an die 100 Frauen und Kinder umgebracht hatte. Hatte mal eine Dokumentation über die Bestie von Sauges gesehen. Danach muss es eine Tüpfelhyäne gewesen sein, die wohl aus einem Zirkus ausgebrochen war. Leider ist das Bestien-Museum geschlossen, also lieber Rosé trinken.

30.04
Sauges – St. Alban 
Einsam kam ich aus Wäldern und Städten, Schluchten hüllten mich ein und Wind. 

Und jetzt: An jeder Ecke wird wild drauflos gepilgert. Die Via Podiensis ist eine Touristenattraktion, die Dorfstraßen sind von Pilgerkneipen flankiert, Jakobusstatuen weisen den Weg, die Kneipen sind bevölkert von jenen Pilgern, die schon ein Weilchen unterwegs sind, und die man an den wetterbraunen Gesichtern und den ent- bis verrückten Augen erkennt, daneben die tatendurstigen Neupilger, die in Le Puy angefangen haben, und die mit viel zu großen Erwartungen an ihre Kräfte losstürmen, die aus meiner Sicht jetzt eitel oder kindisch wirken, bloß: so war ich ja auch. Der Weg wird auch sie belehren.  
Und Du aWeg, was machst Du? Odi et amo, schon allein für diesen schönsten Vers der Welt lohnt es sich, ein wenig Latein zu treiben. Auf dem Weg nach St. Alban hält ein Bauer, der mich müden Mann das Fahrrad schieben sieht. Fragt ob, ich Hilfe brauche, nein, ich sei nur müde, wirklich nicht, nein. Er dreht um, er ist extra hinter mir hergefahren
Südliche Steine, aber nördlicher Himmel: Tropfen perlen herab von wilden Narzissen, Ginster und Schwarzkiefern, später unbarmherziger Regen, der Himmel eisern, dann Schnee, wattige Flocken. Ich spiele wieder Kinderspiele, kneife die Augen zusammen und fühle mich wie Kapitän Kirk auf der Enterprise, die weißen Flocken sind die Sterne, die an meinem Raumschiff vorbei fliegen. Dann wird es ernst, ich bin für Radfahren bei Schnee nicht ausgerüstet, Jacke und Hose sind durchnässt, heftiger Gegenwind jetzt, in Bewegung bleiben, nicht absteigen, in Bewegung bleiben, bloß nicht frieren, nicht absteigen, meine Jacke hat sich weiß gefärbt, die Hände sind taub und so kalt, dass der Schnee drauf liegen bleibt. 

Weisse wattige Flocken schneien

Ich muss das nächste Dorf erreiche, dort will ich jemand rausklingeln und bitten, dass er mich in die Stube lässt, um mich aufzuwärmen. Kämpfe mich Meter für Meter vorwärts, sehe im Schneegestöber ein Schild: „Bar“.
Meine Rettungsinsel ist mäßig bevölkert. Um den Tresen sitzen fünf Leute aus dem Dorf. Von ihren Gummistiefeln fällt Stallmist auf den Boden, sie diskutieren über Politik, ich verstehe nur Etrangeres, eine jüngere Frau hält dagegen, redet von Marschall Petain und Bomben auf Leute und verlässt dann wutentbrannt die Kneipe. 
Es gibt für fünf Euro große Rindfleischbrocken mit Oliven und Spaghetti mit dunkler Soße und gelben Rüben, serviert auf gesprungenen und zerwaschenen Tellern. 
Im wahrsten Sinne kommen immer mehr Pilger reingeschneit, die Unterhaltung mit zwei Bretonen vergrößern meinen Wortschatz. Ob sie noch Bretonisch können? Nein, höre ich, nur noch die Großväter. Ich rede davon, dass für mich das Sterben einer Sprache mit zum Schrecklichsten gehört, weil es ein Sterben einschließt von Metaphern und Weltsicht, der ganzen Weisheit eines Volkes. Es gebe Hoffnung, sagt er, wir haben jetzt sogar eine bretonische Schule für die Jungen. Die Pilgertruppe ist mit gutem Humor ausgestattet und so essen wir und trinken, bis die Sonne scheint und wir weiterkönnen. Zwei Holländerinnen beeindrucke ich, als ich meine Jacke auswringe, die literweise Schmelzwasser spuckt. 
Lange ein Wiesel bei Tiefbauarbeiten beobachtet. Ich schiebe das Klapprad auf 1300 Meter, in einen weiteren harten Schneeschauer, kleine gemeine Graupel, die verletzten. Komme heil den Pass runter, „pfifft“, mache ich, ging doch und „pfifft“ macht mein Reifen, geht nicht mehr.  

Die gütige Herbergsmutter, hat einen 15er. Aus dem Reifen operiere ich zwei Glassplitter und ein Metallstück. Dann Abendessen in einer kleinen familiären Unterkunft. Suppe gut, alles gut.