Acht Plochinger kreisen im Weltall

 

 

Ulrich Stolte, 12.11.2014 20:00 Uhr

Universum/Plochingen – Dorthin, wo noch nie eines Menschen Augen geblickt haben, sehen zurzeit acht Plochinger. Die acht Keramikbauteile der Firma Ceram Tec schweben in 22,5 Kilometer Entfernung vom Kometen Tschurjumow-Gerassimenko, etwa 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, im Kühlschrank des Weltalls, bei fast minus 273 Grad Celsius. Die Sonde Rosetta untersucht mit ihrer Hilfe den Kometen. Sie hat auch eine Scheibe aus Metall an Bord, die Rosetta-Scheibe, auf der alle Sprachen der Welt gespeichert sind, außer Schwäbisch.

 

Pfälzisch ist auch nicht darauf, aber Gerhard Schwehm aus Ludwigshafen bedauert das nicht. Er ist seit 4.45 Uhr wach, um sein erstes Interview zu geben, und erklärt wieder und wieder, wie die Mission aussieht: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist es Wissenschaftlern und Technikern gelungen, eine Sonde in eine stabile Umlaufbahn um einen Kometen zu bringen, und zum ersten Mal soll es gelingen, eine Landeeinheit auf dem Kometen abzusetzen, ein 100 Kilogramm schweres dreibeiniges Teil mit dem Namen Philae.

Rosetta bleibt in der Umlaufbahn

Schwehm hat knapp 30 Jahre seines Lebens den Kometenprojekten der Esa gewidmet und ist vor einem Jahr in Rente gegangen. Für diese Mission ist er noch einmal ins Esa-Kontrollzentrum nach Darmstadt zurückgekehrt.

Ziemlich unstete Burschen sind es, die Kometen, die in großen Schwärmen unsere Sonne umkreisen. Unvergessen der Komet Hale-Bopp im Jahr 1997, dessen Schweif den ganzen Himmel erhellte. Das kosmische Feuerwerk entsteht, wenn ein Komet der Sonne zu nahe kommt und von seiner Oberfläche Materie aufsteigt und Gas, das im Sonnenwind ionisiert wird, wie die Gase einer Neonröhre. Dieses Phänomen kann der Landeeinheit Philae gefährlich werden und sie regelrecht von der Oberfläche des Kometen wegwehen.

Egal aber, was mit ihr passiert, der Orbiter Rosetta wird in der Umlaufbahn um den vier Kilometer langen Kometen bleiben. Die Technik der Rosetta hat mehr antike Namen, als in Gustav Schwabs gesammelten Sagen des klassischen Altertums stehen. Etwa der Apparat Midas, der den gleichen Namen trägt wie der phrygische König Midas, der alles, was er anfasste, zu Gold verwandeln konnte.

Philae landet auf dem Kometen

Der Midas der Mission sieht aus wie ein Diaprojektor. Vorne durch das Objektiv weht Kometenstaub hinein, der auf einer Metallscheibe festgehalten wird. Dann treten die acht Aktoren der Ceram Tec in Aktion. Wer ein Feuerzeug kennt, kann sich in etwa vorstellen, wie sie funktionieren. Drückt man auf die piezoelektrische Zündung des Feuerzeugs, entsteht ein Funken. „Dieser Effekt lässt sich umkehren“, sagt Stefan Höhl, der Pressesprecher von Ceram Tec. Wenn man einen Strom an die Keramik-Aktoren legt, dann werden sie im Nanobereich kleiner. Damit können Nadeln gesteuert werden, die nicht viel dicker sind als ein paar Atomlagen. Sie tasten die Oberfläche eines Kometenstaubkorns ab, wie die Fingerspitzen eines Blinden die Brailleschrift ertasten, und liefern Bilder, die tausendmal schärfer sind als die eines herkömmlichen Mikroskops, und können eine Fläche von vier Nanometern abtasten.

Hunderte von Journalisten schwirren den ganzen Tag durch das weiße Esa-Zentrum in Darmstadt. Sie bestaunen das Modell, die dort ausgestellten Satelliten, kaufen sich Souvenirs im Esa-Shop, wo es Mützen, Aufnäher und Parkscheiben mit Esa-Aufdruck gibt.

Eine Parkscheibe hat der Lander nicht dabei, wenn er wie geplant ein paar Monate auf dem Kometen parken wird – sofern alles gut läuft.

Von 12 Uhr an haben die Steuermänner im Kontrollzentrum eine Ellipse von 200 Metern berechnet, innerhalb derer die Philae aufschlagen wird. Maßarbeit. Die Schätzungen der Wissenschaftler werden optimistischer. Hatten viele zunächst nur an eine 50:50-Chance geglaubt, wird es im Laufe des Nachmittags eine 80:20-Chance. Eine Sonde eines Landesystems liefert falsche Werte. „Das heißt nicht, dass das Landesystem ausfällt“, sagt Gerhard Schwehm, „und selbst wenn es ausfällt, ist die Mission noch nicht gefährdet.“

Die Wissenschaftler jubeln über die geglückte Mission

Der Chef der Esa erscheint, Jean-Jacques Dordain: „Wir haben nicht nur etwas getan, was noch niemand tat, wir haben auch etwas gewagt, was noch niemand gewagt hat“, sagt er. Um 16.24 Uhr twittert William Shattner nach Darmstadt: „Fingers crossed, Daumen drücken!“, schreibt der Mann, den die Menschheit als Captain Kirk kennt. Er hat seine Missionen längst erfüllt, Philae fliegt noch wenige Minuten.

Dann senkt sich Stille über den Konferenzraum: Die Wissenschaftler kommen in den Raum und mischen sich unter die Fernsehteams. Gemurmel. Es ist kaum noch möglich, auf die Übertragungsschirme zu sehen. Jetzt gehen im Kontrollraum in Darmstadt die Hände hoch. Sie haben es geschafft. Die Leute reißt es von den Sitzen, Jean-Pierre Bibring, der Chefwissenschaftler der Landeeinheit, schießt einen Sektkorken ab. Monika Jones, die Moderatorin der Pressekonferenz, ruft befreit: „Philae ist gelandet. Wir sitzen auf der Oberfläche des Kometen!“

Die Nervosität steigt noch einmal an

Knapp 250 Jahre alt ist die Theorie zur Entstehung des Sonnensystems. Der Philosoph Immanuel Kant und Pierre Laplace haben sie entwickelt. Aus kosmischem Staub hätten sich demnach die Planeten und die Sonne zusammengeklumpt. Als Überreste dieser Staubwolken gelten die Kometen, und wer ihre Zusammensetzung kennt, der kennt auch die Frühzeit des Sonnensystems, folgert die Theorie.

Gegen 17.30 Uhr gibt es noch einmal eine Übertragung in den Konferenzraum. Die Landung sei gut verlaufen, heißt es, aber die Harpunen hätten nicht gezündet, die Sonde habe sich nicht verankert. „Oh, mein Gott!“, stöhnt ein Wissenschaftler, doch die Mission hat Glück, die Sonde bleibt auf dem Kometen stehen.

Damit können vermutlich alle Experimente durchgeführt werden, die auf dem Lander und die in dem Rosetta-Orbiter und dem Experiment Midas geplant sind. Wenn es den Kometenstaub erforscht, kann es vielleicht die Frage beantworten, wie das Sonnensystem tatsächlich entstanden ist. Vielleicht findet es Aminosäuren, die Grundbausteine des Lebens, und damit kann es die Frage beantworten, woher wir kommen. Die acht Plochinger Aktoren indes wissen, woher sie kommen: von der Firma Ceram Tec. Und sie wissen auch, wohin sie gehen, wenn die Mission beendet ist. Sie werden als neue Himmelskörper die Sonne umkreisen.