Nach dem Unwetter, Häschenschule

Tapete

Kakteenhäschen

Danke für die vielen anteilnehmenden Posts. Die Primus-Truber-Straße räumt weiter auf. Heute morgen waren Handwerker da, um die gröbsten Schäden zu begutachten, es ist viel Wasser im Mauerwerk und es riecht eklig nach feuchtem Putz. Die Frauen stehen mit Gummihandschuhen und Rebscheren im Garten und schneiden Äste weg, oder gießen gelbliches Wasser in den Gulli. Weil es den ganzen Tag durch das kaputtgeschlagene Dach geregnet hat, tropft das Wasser bei mir von der Decke und hat eine Tapetenbahn abgelöst, die wie eine weiße Fahne in meinem Zimmer hängt, abgestützt wird sie von meiner alten Stativkamera. Ich stelle Eimer in der Bude auf, weil Wassertropfen an der Decke sind. Die Autoversicherung teilt mir mit, dass es Monate dauern wird, bis alle Schäden begutachtet sind. Ich soll Frontscheibe und Rücklichter reparieren lassen und dann auf einen zentralen Begutachtungstermin kommen. Das Landratsamt teilt mit, dass ich die abgeschlagene Autonummer nicht so einfach nachmachen lassen kann. Ich muss den Wagen komplett mit neuen Nummern ausstatten lassen, das heißt ich muss ihn neu anmelden. Ich beschließe, heute die Straße abzusuchen, irgendwo muss das Ding ja liegen. Wer die TÜ-DI 740 gefunden hat, bitte bei Stolte in der Primus-Truber-Straße 10 in Tübingen abgeben. Ich hätte im Gegenzug die RT-MS 8380, die bei mir am Gartenzaun hängt. Müsste von einem Mini sein.
Von meinen zermatschten Kakteen habe ich jetzt, wo es ging, kleine Ableger gemacht und hoffe sie wurzeln an. Sie stehen an meinem Fensterbrett wie die Häschenschule und machen mir Hoffnung, weil sie, wie alle Kinder das Gefühl, von Zukunft vermitteln.

Totalschäden

zerstörtescheibeTotalschäden

20.40 Uhr Tübingen, nach dem Unwetter: Also fegen wir beständig. Der Hof riecht nach Harz von den abgeschlagenen Ästen, ich kehre meinen kleinen Dachgarten in die Tonne. Mein Nachbar sitzt auf der Türschwelle und verhandelt mit einem Glaser, der versucht, ihn abzuwimmeln. Er raucht und bietet mir ein Bier an. Mein Auto hat es übel erwischt: Dach und Motorhaube zerbeult, sowie Beifahrertür und hinterer Kotflügel, Rücklicht und Windschutzscheibe zerschlagen. Dürfte ein wirtschaftlicher Totalschaden sein. Pro Auto in der Straße dürften zwischen 1000 und 1500 Euro Schaden entstanden sein. Wir, die wir Kasko-Versicherungen haben, sind gut dran Aber nicht jeder hat eine. Die 300 Selbstbeteiligung bezahlen wir natürlich trotzdem. Die übrigen Hausbewohner diskutieren im Gang, der Vermieter ist verständigt, er sagt: „Vor Montag kann man eh nichts machen.“ Wir wünschen uns einen schönen Abend. Das „trotzdem“ lassen wir taktvoll weg.

Der Regen kehrt zurück: Tübingen, nach dem Unwetter, 19.20 Uhr.

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Tübingen, nach dem Unwetter, 19.20 Uhr.

Vermutlich sind es bis zu 100 000 Euro Schaden in der Primus-Truber-Straße in Tübingen. Muss wegen des Regens meine Aufräumarbeiten einstellen. Mein Nachbar versucht verzweifelt, seine zerschlagenen Scheiben abzudichten, „jetzt weiß ich wie es sich anfühlt obdachlos zu sein“, sagt er. Seine Frau hilft ihm, die Plane einzuhängen, sie hat sich geschnitten, auf einem Hocker liegt blutige Watte. Unter dem Fenster ist der Computer gestanden, sie hoffen, dass er noch geht, durchweichte Briefe hängen über eine Stuhllehne wie alte Socken. Jetzt erst wird sichtbar, was hier alles kaputt gegangen ist. In jedem zweiten oder dritten Haus ist ein Dachfenster zu Bruch gegangen. Die Autos sind alle zerbeult, Dächer und Motorhauben haben daumendicke Krater. Meine Windschutzscheibe durchzieht ein Netz aus Rissen, ich schätze dass bei jedem zweiten Auto ebenfalls eine Scheibe hinüber ist. Der gelbe Polo auf der anderen Straßenseite trägt statt einer Seitenscheibe nun eine Plastikfolie. Ich gebe meinem Nachbarn eine alte Plane. Ich fische mit Skistöcken meine Blumen aus der Dachrinne. Was ich nicht kriegen kann, das fliegt in den Hof. Dort unten liegen Glassplitter von den Fenstern und einem Carport, eine Dachpfanne ist zerschmettert über den Boden verstreut, Trümmer einer Außenleuchte, unter einem Treppenabgang liegen halbgeschmolzene Hagelkörner wie Froschlaich. Hektisch fahren Feuerwehrfahrzeuge vorbei, man hört aber kein Blaulicht mehr. Es donnert wieder. Schwerer Regen setzt ein.

Wolfgang Bauer aus Reutlingen teilt mit: „In der Innenstadt Reutlingens bei jedem zweiten Haus Scheiben kaputt, auch Spitalhof, viele Jalousien zerstört, tote blutende Tauben in der Fußgängerzone und Stadtautobahn abgesoffen“

Unwetter in Tübingen, 28.07.2013

 

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Gegen 17.20 Uhr zieht das Gewitter durch die Tübinger, die Hagelkörner dreschen unvermittelt auf die Südstadt ein, es klingt wie Gewehrschüsse, wenn sie auf die Dachplatten schlagen. Ein Anwohner steht an der Haustür und hat eine Daunendecke in der Hand, vermutlich will er damit sein Autodach schützen, doch bei dem Sturm ist es zu gefährlich nach draußen zu gehen. Immer weiter prasselt der Hagel. Einen meiner Blumenkasten weht es weg, die stehen bleiben werden unbarmherzig zerschlagen, Töpfe gehen kaputt, meine Scheiben überziehen sich mit einem grün-schwarzen Matsch aus Blättern und Erde. Ich öffne ein Fenster und sammle eines der Körner ein, es ist so groß wie ein Cocktail-Eiswürfel, vier Zentimeter lang. Auf der Kreuzung vor meinem Haus in der Primus-Truber-Straße steht das Wasser etwa 15 Zentimeter hoch, auf der Straße treibt ein gut ein Meter breiter Brei aus Wasser, Blättern und Hagelkörner. Gegen 17.20 Uhr kommen nur noch normale Hagelkörner, dann Regen. Gegen 17.40 ist das Unwetter vorbei Wenig später sind die Leute auf der Straße, mit Schneeschippen und Besen fegen sie den Hagel weg. Sie holen Fotoapparate und dokumentieren die Schäden vor allem an den Autos, die überall Dellen haben wie die Oberfläche eines Golfballs. Stimmen dringen herauf zu mir, anfeuernde Rufe. Kinder sind da und patschen mit Gummistiefeln im Bach, zu dem sich unsere Straße verwandelt hat. Meine Kakteen hat es jämmerlich zerschlagen, von einer Pflanze ist nur noch ein Stengel übrig. Freunde rufen an und berichten was passiert ist. In der Eugenstraße haben sie einen Radfahrer von der Straße geholt, der durch den Hagel gestürzt war und blaue Flecken und Schrammen abgekommen hat, dort hat es an den Autos auch eine Frontscheibe zerstört.
Gegen 17.40 Uhr ist alles vorbei. Ich mache Fotos und schreibe diesen Bericht. Dann nehme ich das Hagelkorn aus dem Gefrierfach meines Kühlschranks, wasche die Erde ab und mixe mir einen Drink daraus.